Interview - Warum gibt es evangelische Akademien? Was ist ihr Auftrag? Welchen Beitrag leisten sie für die Gesellschaft? Ein Interview mit dem sächsischen Landesbischof Jochen Bohl zur Arbeit der Evangelischen Akademie Meißen.
Weshalb benötigt unsere Gesellschaft Orte wie die Evangelische Akademie Meißen?
Jochen Bohl: Die Evangelischen Akademien haben die Aufgabe, den Zeitgeist kritisch zu begleiten und die Ergebnisse von Wissenschaft und Forschung im Licht der „evangelischen Freiheit“ öffentlich zu diskutieren und interessierten Gemeindegliedern und Bürgern zugänglich zu machen. Im Kern geht es also darum, dass ein weltbezogener Diskurs stattfindet, der von der Kirche gestiftet wird.
Was ist das besondere an der Evangelischen Akademie Meißen?
Jochen Bohl: Wer nach Meißen kommt, der betritt einen über die Jahrhunderte geistlich geprägten Raum, der die Tagungsteilnehmer inspiriert – »begeistert«. Damit findet die Arbeit der Akademie in einem Umfeld statt, das ihrem Auftrag entspricht: „das Gerücht Gottes wachhalten“ (P. M. Zulehner). Das sind gute Voraussetzungen, um die politische und gesellschaftliche Kultur unseres Landes durch evangelische Weltweisheit und Weltverantwortung mitzugestalten. Der Auftrag der Evangelischen Akademie Meißen reicht weit in die säkulare Welt hinein. In diesem Sinn ist sie Ort eines weltlichen Gottesdienstes.
Vor welchen Herausforderungen sehen Sie insbesondere die Evangelische Akademie Meißen in den kommenden Jahren?
Jochen Bohl: Das Spezifikum Evangelischer Akademien ist die Übersetzung des »Evangelischen« in die Sprache des Säkularen. Sie lassen sich mit ihren Tagungen auf die Logik der weltlichen Wissenschaft ein, ohne sich darin zu erschöpfen, denn zugleich bleiben sie an ihren theologisch bestimmten Auftrag gebunden. Durch diese doppelte Ausrichtung können sie Wissenschaft wie Religion kritisch reflektieren. Sie denken Glauben und Wissen zusammen. Eine Herausforderung ergibt sich aus der Kurzlebigkeit aktueller Debatten. Es bleibt immer weniger Raum zur ruhigen Reflexion, obwohl der Bedarf an Orientierung insgesamt zunimmt. Es ist zu wünschen, dass die Akademie sich dem Druck zum Event, der auch den Tagungsmarkt erreicht hat, widersetzen kann.
Die zweite – weitaus größere – Herausforderung wird es sein, diejenigen anzusprechen, die ihr Leben vollkommen weltimmanent denken. Es muss immer wieder neu deutlich gemacht werden, dass Nicht- und Andersgläubige Teil des Akademieprogramms sind. Ihnen wollen wir bekennende Gesprächspartner sein, und insofern wird die Akademie auch in der Zukunft zeigen, dass und wie der Gottesgedanke für das moderne Menschenleben unentbehrlich ist.

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