"Das Subjekt ist nicht im Gehirn."

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Foto: Flickr/Dierk Schaefer

Ökumenischer Kirchen - Eine "Expedition ins Innere unseres Gehirns" wurde auf dem Messegelände am Donnerstag ab 14 Uhr angeboten. Moderiert von Dr. Adelheit Müller-Lissner (Berlin) diskutierten der Hirnforscher Prof. Dr. Wolf Singer (Frankfurt a. M.) und Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Psychiater und Philosoph aus Heidelberg, über verschiedene v.a. philosophische Fragen zum menschlichen Gehirn.

Von Malte Surmeier

Bevor es an die abstrakte und den Zuhörern ein gesundes Maß Hirnschmalz abfordernde Materie ging, gab Prof. Dr. Gerhard Marcel Martin, praktischer Theologe aus Marburg, einen entspannenden Einstieg in den Nachmittag. Am "Tiefpunkt des Blutzuckerspiegels" schlug er vor, aufzustehen, durch Atemübungen den eigenen Körper wahrzunehmen und das gesamte auf den Füßen lastende Gewicht an den Boden abzugeben. Wir hätten zwar nicht alle eine Geige, seien aber "alle eine Stradivari" gestand er dem Plenum aufmunternd zu und gab nach der körperlichen Vorbereitung auf das da Kommende die Bühne für die Referenten frei, die auch ohne Vorankündigung eindeutig als Professoren einzuordnen gewesen wären.

Wolf Singer begann mit einem Vortrag mit der zentralen Aussage, dass es im Gehirn keine konkreten Orte für bestimmte Erfahrungen, Vorstellungen oder Erkenntnisse und schon gar kein zentrales "Ich" gebe. Kein Beobachter, kein Beweger, nur komplexe Wechselwirkungen im gesamten Gehirn. Letzteres sei nicht auf die Erkenntnis von unbedingter Wahrheit ausgelegt, sondern diene zum Filtern und Nutzen von Signalen.

Thomas Fuchs reagierte mit seinem Referat auf den Vorgänger, sollte laut Moderation "erwidern". Doch ein wirkliches Erwidern fand so nicht statt, in vielen Punkten waren sich die beiden Wissenschaftler einig. Nur stellte Fuchs deutlicher heraus, dass es nicht so etwas, wie einen Geist, eine Seele oder ein Bewusstsein im Gehirn gebe. Diese ohnehin mangelhaft definierten Termini führten zu Missverständnissen. Es gebe uns nicht ein zweites Mal in uns selbst, der ganze Körper samt Hirn und aller anderen Bestandteile bilde in der Wechselbeziehung mit der Umwelt das Subjekt. Bewusstes Erleben sei an den gesamten Organismus gebunden. Hier bezog er sich auch auf Ludwig Feuerbach, der schon 1835 geäußert hatte, dass ein "Zentralismus des Gehirns" die Wechselwirkungen zwischen Gehirn, Körper und Umwelt vernachlässige.

Die nachfolgende Diskussion der beiden Referenten gab nicht allzu viel her, da wie gesagt keine echten Streitpunkte vorhanden waren. Größter Unterschied war lediglich, dass Singer dem Gehirn immer noch eine "Königsrolle" zuspricht, während Fuchs es lieber als "Vermittlungsorgan" bezeichnet.

Viel interessanter waren die Fragen aus dem Publikum. Während der Veranstaltung bestand die Möglichkeit, Fragen auf Zetteln zu notieren und bei Mitarbeitern abzugeben. Am Ende der Diskussion wurden die beiden Wissenschaftler mit einer Auswahl dieser Fragen konfrontiert. Neben Fragen nach neuronalen Prozessen beim Verliebtsein (die Singer mit denen bei einem starken Kokainrausch verglich) gab es sehr ernste Anliegen, wie zum Beispiel die Frage nach dem Hirntod. Bei dieser brisanten Frage waren sich beide Referenten überraschend einig, dass der Hirntod dem Tod des Menschen gleichkomme, da die für Lebensprozesse notwendige Wechselwirkung mit dem Gehirn ausfalle und der Organismus unkoordiniert ohne Hilfe schnell sterben würde.

Auch Fragen die Religion betreffend wurden selbstverständlich gestellt, konnten aber erwartungsgemäß nicht ganz befriedigend beantwortet werden. So wurde nicht allzu deutlich, ob es evolutionäre Vorteile von Religion gibt oder ob Beten das Gehirn langfristig verändern kann.

Abschließend und letztlich einen positiven Nachgeschmack hinterlassend, gaben die beiden Referenten an, dass auch sie den Menschen nicht für eine "biologische Egomaschine ohne überlebende Seele" halten. Wobei, Herr Fuchs, gibt es denn jetzt eine Seele...?


Malte Surmeier ist Abiturient aus Bielefeld und berichtet für youngspiriX von seinen Erlebnissen beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München.

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