Über alle Meere: Die Kraft der Taufe

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.iStockphoto. Colorful fresco in the european church

Taufe - Taufe auf den Phillipinen, im Ruhrgebiet, in Ruanda und den USA: Der Pastor und Journalist Udo Kilimann war auf vier Kontinenten dabei, als Menschen Christen wurden. Die Länder und Kulturen unterscheiden sich, auch die Taufrituale sind unterschiedlich. Aber überall auf der Welt gilt: Die Taufe verbindet Menschen zu einer Gemeinschaft.

Von Udo Kilimann

Ein Dutzend Jungen, alle etwa im Alter von elf, zwölf Jahren, stehen rechts und links aufgereiht neben den rohen Holzbänken. Sie haben große Fächer aus Bananenblättern in den Händen und wedeln damit gleichmäßig über den Köpfen der Gottesdienstbesucher. Denn schon jetzt früh um zehn am Sonntagmorgen ist die tropische Hitze im winzigen Dorf auf der philippinischen Insel Leyte kaum zu ertragen.

Die Pastorin der Vereinigten Kirche Christi auf den Philippinen ist mit mir an diesem Morgen schon fünf Stunden über abenteuerliche Pisten aus der Provinzhauptstadt Tacloban hierher gefahren. Die Philippinen sind das katholischste Land Asiens, da muss sich die winzige protestantische Minderheit auf dem Land schon mal das Kirchengebäude von den Katholiken ausleihen.

Die Pastorin hat gerade ihre Predigt auf Taglish, einem Gemisch aus Tagalog und Englisch, der hiesigen Umgangssprache gehalten, jetzt steht sie im weißen Talar mit roter Schärpe mitten in der Gemeinde, Taufeltern kommen mit drei Babies dazu. Plötzlich hat die Pastorin ein kleines Plastikfläschchen in der Hand, aus dem spritzt sie dreimal Wasser auf den Kopf des ersten Kindes. Weil ich als ausländischer Gast dabei bin, spricht sie die Taufformel in diesem entlegenen philippinischen Dorf ausnahmsweise auch auf Englisch. Das geht weiter genauso bei den anderen Kindern. Plastikfläschchen, drei Spritzer, dazu die Taufformel.

Später auf der Rückfahrt nach Tacloban erklärt mir die Pastorin lachend, dass sie immer dieses Fläschchen mit Taufwasser dabei habe. Denn in diesem Dorf zum Beispiel gäbe es gar keinen Wasseranschluss. Die Menschen würden das Wasser von einer Quelle mühsam fast vier Kilometer weit heranschleppen. Da wolle sie es nicht für die Taufe verbrauchen und der liebe Gott würde die Taufe mit den drei Spritzern bestimmt akzeptieren.

Dieses Erlebnis in einem abgelegenen Dorf auf den Philippinen ist für mich ein Beispiel, wie unterschiedlich protestantische Christen die Taufe vollziehen. Seit mehr als zwanzig Jahren reise ich als Journalist für religiöse Themen viel um den Globus. Immer wieder habe ich auch Taufen erlebt, mal bunt und lebhaft, mal bedächtig, mal überraschend wie das Beispiel von den Philippinen.

Das Wasser als Symbol und die symbolische Formel geben der Taufe eine feierliche Kraft, die Menschen in aller Welt beseelt, leitet und erfrischt. Ich möchte dieser Kraft der Taufe ein wenig auf die Spur kommen und Sie zu einer kleinen Reise über alle Meere einladen. Besuchen Sie mit mir Taufgottesdienste, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber alle evangelisch sind. 

Von den Phillipinen ins Ruhrgebiet

Die Reise beginnt in Deutschland, in einem Stadtteil von Duisburg. Da hat die evangelische Gemeinde in einem Neubaugebiet ein praktisches modernes Gemeindezentrum. Der große Saal wird am Sonntag für den Gottesdienst genutzt und wenn der Ortspfarrer wie heute eine Taufe hat, steht auf dem mobilen Altar eine flache Silberschale, darin das Wasser für die Taufe des kleinen Marcel Müller.

Eine praktische Lösung genauso wie das Spritzfläschchen der Pastorin von den Philippinen. Pfarrer Friedrich Brand erklärt den biblischen Hintergrund:

„Im Fluss, so erzählt ja die Überlieferung, im Jordanfluss fanden die ersten Taufen statt. Das Wasser, das wir aus einer Schale schöpfen und über das Kind fließen lassen, symbolisiert im Grunde das Untertauchen im Jordan und auch wieder das Herausgehobenwerden aus dem Fluss. Beides zusammen macht die Taufe aus. Das Wort heißt ja eigentlich auch eintauchen.“

Durch das Untertauchen bei der Taufe wird – mit einem traditionellen Wort beschrieben – die Sünde abgewaschen. Die reinigende Kraft frischen Wassers, die jeder kennt, macht bei der Taufe aus dem Menschen einen durch und durch neuen Menschen. In der biblischen Geschichte von der Taufe Jesu wird nach dem Untertauchen im Jordan erzählt, dass eine Stimme aus dem Himmel sagt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Matthäus 3,17) Dieses Bekenntnis Gottes zu dem Menschen Jesus kann auf jede Taufe überall auf der Erde übertragen werden. Der Duisburger Pfarrer Friedrich Brand erklärt, wie er es versteht, dass die Getauften Kinder Gottes sind: „Die Taufe ist natürlich auch ein Symbol dafür, dass Gott dieses Leben ja geschenkt hat, seinen Segen dazu gegeben hat, dass dieses Leben herangewachsen ist und lebendig zur Welt gekommen ist. Die Taufe ist außerdem ein Symbol dafür, dass Gott dieses Menschenkind begleitet, von Geburt an. Das ist ein Grund, weshalb ich sage: Kindertaufe ist richtig auch von unserem Glauben her, dass diesen Kindern gezeigt wird: Du hast einen Gefährten, der dich von Geburt an begleitet.“

Die Taufe ist also eine Kraft für die Zukunft, sie eröffnet Welten. Der kleine Marcel Müller wird in seinem Leben so einige Möglichkeiten haben. Er kann etwas lernen, Deutschland ist ein wohlhabendes Land, ein Sozialstaat. Selbst wenn er einmal in Not gerät, sagt die Gesellschaft: Wir helfen dir. Das ist keine Garantie für ein gelingendes Leben, doch die Chancen stehen gut für Marcel. 

Ruanda: Die Taufe verbindet Bürgerkriegsgegner

Neun Flugstunden weiter südlich ist das nicht selbstverständlich. Wir besuchen Ruanda im östlichen Afrika, das kleine Land mit knapp sieben Millionen Einwohnern, in dem 1994 in einem Völkermord fast eine Million Menschen umgebracht wurden. Die bedrängende Frage beim Nachdenken über die Kraft der Taufe: Fast alle Menschen in Ruanda waren Christen, waren getauft, kannten das Wort Nächstenliebe, die Opfer und die Mörder. Wie war da ein blindes Massenmorden möglich?

Die Trommeln rufen zum Gottesdienst mit Taufe. Hunderte Gläubige, schwer zu schätzen, vielleicht sind es vier, vielleicht fünfhundert sammeln sich am Ortsrand eines Dorfes in der Nähe von Kigeyo. Doch sie strömen nicht in eine Kirche, ein paar Bäume sind ihr Dach. Der Gottesdienst findet unter freiem Himmel statt. Hier hat die Presbyterianische Kirche von Ruanda ein so genanntes Missionsfeld. Die Zahl der Protestanten wächst, es gibt viele Taufen. Irgendwann soll das eine eigenständige Gemeinde werden und dann soll auch eine Kirche gebaut werden. Pasteur Albert ist aus der Hauptstadt Kigali gekommen. Während seiner Predigt hat er einen wunderbaren Blick aus der Höhe über das saftig grüne Land, Ruander nennen ihre Heimat das „Land der tausend Hügel“.

Vielleicht erinnern Sie sich an eins der wenigen und besonders grausigen Fernsehbilder aus diesem Paradies vor 15 Jahren. Auf den Bildschirmen der Weltöffentlichkeit waren Morde auf offener Straße zu sehen. Darüber spricht Pasteur Albert heute Morgen in seinem Taufgottesdienst unter den Bäumen. Er erinnert an das Grauen und erklärt, dass die Taufe kein Garantieschein für ein gottgefälliges Leben sei. Sie sei ein Geschenk, ein Angebot. Jesus habe im Taufauftrag der Bibel gesagt, seine Freunde sollten in alle Welt hinausgehen, die Menschen taufen und sie lehren, alles zu halten, was er ihnen befohlen habe. Auch nach der Taufe, so sagt Pasteur Albert, liege es in der Hand des Menschen, wie er sein Leben führe, ob er den Nächsten liebe oder hasse, ob er dem Nachbarn helfe oder ihn bestehle, ob er Witwen und Waisen beherberge oder erschlage. Der Pfarrer weiß, vor ihm in der Gemeinde sitzen Hutu und Tutsi nebeneinander auf dem Boden. Die beiden Kinder, die er heute tauft, stammen jeweils aus einer Hutu- und einer Tutsifamilie. Vor 15 Jahren hatten die einen ihre Nachbarn erschlagen, auch diejenigen, mit denen sie noch kurz vorher sonntags im Gottesdienst gesungen und gebetet hatten.

„Ich gieße heute das Wasser über diese beiden Kinder“, sagt Pasteur Albert, „aber wir alle gemeinsam taufen sie. Gott wird uns einmal fragen, was wir getan haben, damit diese Beiden zu Brüdern werden. Wir alle sind ihre Paten.“ Da ist sie wieder, diese Verbindung zu den Taufen, die ich anderswo erlebt hatte. Bei der Taufe von Kindern werden Eltern und Paten in die Verantwortung genommen, damit das Kind einen Lebensweg in Jesu Spuren entdeckt. Hier in Ruanda nimmt der Pfarrer gleich die ganze Gemeinde, ja das ganze Dorf in die Verantwortung für die Täuflinge. Denn es geht buchstäblich um Fragen von Leben und Tod, in diesem Land, das die Grimasse des Völkermordes noch vor Augen hat. 

USA: Taufe befreit vom Versteckspiel

Die letzte Station machen wir in den USA, genauer in Nashville, Tennessee. Die Heimat der Countrymusic ist gleichzeitig eine Hochburg der äußerst traditionalistischen evangelikalen Christen, die Southern Baptist Convention hat hier ihre Zentrale. In Nashville treffen wir auf eine Gemeinde, die ich so nicht erwartet hätte. Auf ihrer Homepage im Internet stellt sich die Holy Trinity Gemeinde ausdrücklich als „gay- and lesbian friendly“ vor, als schwulen- und lesbenfreundlich. Pastorin Cindy Andrews-Looper hat die Gemeinde vor rund 10 Jahren gegründet und lebt selbst in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Zur Gemeinde gehören rund 350 Mitglieder, viele von ihnen schwul oder lesbisch und die Gemeinde wächst.

Im rappelvollen Gottesdienst entfachen die Gläubigen dann einen wahren Wirbel typisch amerikanischer Frömmigkeit, es wird gesungen, gejubelt, geklatscht und getanzt. Die Pastorin setzt in der Predigt noch einen drauf. Fast eine halbe Stunde lang wirbelt sie durch die ganze Kirche, als sie über die verschämten Lügengebäude spricht, die sich Erwachsene oft aufbauen und über die unbeschwerte Wahrhaftigkeit von Kindern. Sie zitiert dabei das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, wo es nur ein Kind fertig bringt, der Majestät zuzurufen: „Aber ihr seid doch nackt.“ Darum unter anderem, so schließt Pastorin Cindy, würden sie in der baptistischen Tradition nicht schon Kinder taufen, die seien doch noch von heiliger Unschuld. Ein Erwachsener habe die großartige Chance, Sünden zu bekennen, die Wahrheit zu entdecken und sich dann in vollem Bewusstsein taufen zu lassen. Die Taufe sei der Augenblick, in dem die Seele fliegen lerne. Gerade viele Lesben und Schwule würden nur unter harten inneren Kämpfen lernen, zu ihrer Lebensweise zu stehen, kein Versteckspiel mehr mitzumachen, ihre Gottesgaben zu nutzen. Da sei die Taufe ein wunderbares Symbol der Befreiung.

Nach dieser Predigt steigt Pastorin Cindy in den Pool schräg rechts etwas erhöht hinter dem Altar und tauft nacheinander Robert und Marcus, ein schwules Paar, das seit einem halben Jahr in dieser Gemeinde mitmacht. Die Taufen sind ganz traditionell baptistisch mit dreimaligem vollständigen Untertauchen, die Pastorin und die Täuflinge stehen im hüfthohen Wasser auch noch beim anschließenden Segen, Robert und Marcus tragen vollständig weiße Kleidung als Zeichen der neuen Unschuld. Mitten in der fundamentalistisch-evangelikalen Welt des amerikanischen Bibelgürtels erleben wir eine Taufe schwuler Männer nach regelgerechtem Baptistenritus. Pastorin Cindy legt Wert darauf, dass sie sich theologisch als Mainstream-Baptistin versteht, bibeltreu allerdings mit historisch-kritischem Textverständnis. Sie sage gerne, sie sei konservativ. In ihrer Gemeinde erleben Lesben und Schwule, dass die Taufe eine Tür öffnet in die Gemeinschaft der Heiligen, wie es im Glaubensbekenntnis heißt.

Beim Nachtflug zurück nach Deutschland lässt sich entspannt Bilanz unserer Reise über alle Meere ziehen. Ganz unterschiedliche Bilder haben sich eingeprägt, von den Spritzern aus dem Plastikfläschchen auf den Philippinen, über die Taufschale in Duisburg und die Taufe unter Bäumen in Ruanda bis zum Untertauchen der Erwachsenen bei den US-Baptisten. Da werden Menschen aller Art getauft – Voraussetzung ist, dass in ihrem Leben in Zukunft das christliche Glaubensbekenntnis die Richtung angeben soll. Darum wird vor jeder Taufe das Bekenntnis zu Gott Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist gebetet. Dessen Formulierungen sind wiederum unterschiedlich, je nach Tradition und dem regionalen Kontext einer Kirche. Die Kraft der Taufe liegt im Angebot, dass die Getauften in der Partnerschaft mit Gott angenommen und in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen sind. Das Wasser als Zeichen erzählt von Reinigung, Erneuerung, von Leben. 

Die Taufe ist Aufnahme in Gemeinschaft

Mit der Taufe wird ein Mensch in die christliche Gemeinde aufgenommen. Während es unterschiedliche Auffassungen gibt, ob Kinder und Erwachsene oder ausschließlich Erwachsene (Baptisten) getauft werden können, gehören drei Elemente unabdingbar zum Taufritual: Das dreimalige Begießen des Kopfes mit Wasser bzw. in einigen Glaubenstraditionen das Untertauchen, die dazu gesprochene trinitarische Taufformel (Im oder: Auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes) und das durch den Täufling bzw. Eltern und Paten ausgesprochene Glaubensbekenntnis. Dieser Grundgehalt der Taufe verbindet als Sakrament alle christlichen Kirchen. Neben der Taufe gilt in evangelischem Verständnis nur noch das Abendmahl als Sakrament. 


Udo Kilimann  ist evangelischer Theologe und ist ordinierter Pastor der Evangelischen Kirche im Rheinland. Seit 1982 arbeitet er als freier Journalist. Sein 1988 gegründetes Unternehmen Kilimann-TV-Produktion produziert Beiträge zu Themen aus Religion, Sozial- und Entwicklungspolitik, ausschließlich für öffentlich-rechtliche Fernsehsender.

Sein Text ist erschienen in "Beffchen, Bibel, Butterkuchen. Expedition ins evangelische Leben", hg. von Petra Schulze in der edition chrismon, Frankfurt a.M. 2009. Das Buch zur Sendereihe im Deutschlandfunk erklärt in 30 Beiträgen Vokabeln, Feste und Requisiten aus dem evangelischen Leben - für Kirchenerfahrene wie für Einsteiger. Ein prominentes und kundiges Autoren-Team nimmt die Leserinnen und Leser mit auf Forschungsreisen in die Welt der Protestanten, um altes Wissen neu zu entdecken.

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