Plädoyer - Oft zeigt sich in der Kircheein gleichwertiges Miteinander von eine "hartnäckige patriarchale Kultur". Daher gilt es, neu entdecken, was die Bibel zur Taufe sagt. Sie kann als "politisches Sakrament" gegen abwertende Denkmuster verstanden werden. Ein Plädoyer.
Mit der Taufe bekommen Täuflinge einen Taufschein ausgehändigt. Das sollte zukünftig eine Karte im Format eines Ausweises sein, die man immer bei sich tragen kann: wie einen Führerschein, einen Schülerinnenausweis oder eine EC-Karte. Was draufstehen muss? Neben Foto, Taufdatum und Taufspruch auf jeden Fall auch dieser Text:
"Ihr alle nämlich seid Gottes Kinder im Messias Jesus durch das Vertrauen. Denn alle, die ihr in den Messias hineingetauft seid, habt den Messias angezogen wie ein Kleid. Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus" (Brief an die Galater 3,26–28 nach der "Bibel in gerechter Sprache").
Diese Präambel besagt: In eurer christlichen Gemeinschaft dürft ihr nicht dulden, dass neben Christus irgendetwas anderes Macht über euch hat, auch nicht ihr untereinander. Für eine Kirche, in der man Frauen – nicht Männer – bei Bewerbungsgesprächen fragt, wie sie den Beruf mit der Familie vereinbaren wollen, und für eine Kirche, in deren Parlamenten (Synoden) weit weniger Frauen als Männer vertreten sind, bleibt diese Vision ein hohes Ideal! Am Anspruch aus dem Galaterbrief ist die Kirche immer wieder gescheitert – und wird das auch künftig tun.
Mutige und vorausdenkende Theologinnen
Schon bei den Jesus-Leuten, die sich in den ersten Gemeinden zusammengefunden haben, gab es Jüngerinnen: Maria von Magdala, Johanna, Susanna und viele andere (Lukasevangelium 8,2f.). Es gab Apostelinnen wie Junia, die Paulus am Ende seines Briefes an die Römer (16,7) grüßen lässt.
Und schon den Leuten in den ersten Gemeinden fiel das geforderte gleichwertige Miteinander von Männern und Frauen schwer, egal ob griechische Philosophie oder jüdischer Glaube ihr Leben und Denken bisher geprägt hatte. Selbst dem Apostel Paulus werden ganz andere Aussagen zugeschrieben als dieses Manifest der Gleichheit im Galaterbrief. "Das Weib schweige in der Gemeinde!", heißt es im 1. Brief an die Korinther (14,33f.).
Dieser kleingläubige Aufruf hat viel mehr Wirkung entfaltet als die gelebte Gleichberechtigung in den Gemeinden. Die Amtsfrauen sind auf dem Weg durch die Kirchengeschichte verschwunden – oder in Vergessenheit geraten. Gegeben hat es sie immer wieder: mutige und vorausdenkende Theologinnen wie Katharina Zell, eine Pfarrfrau am Straßburger Münster zur Zeit der Reformation, die für Hunderte von Schutzsuchenden eine Herberge schuf, eine Stiftung für mittellose Schüler einrichtete, Trostbriefe an verfolgte Anhänger der Reformation schrieb und in Debatten über das Abendmahl für ihre Gelehrsamkeit geachtet wurde.
Oder Katharina Staritz, eine der ersten ordinierten Pfarrerinnen des 20. Jahrhunderts, die während der NS-Zeit Christinnen und Christen mit jüdischen Vorfahren in ihre Gemeinde aufnahm, weswegen sie verhaftet und ins Frauen-KZ Ravensbrück überstellt wurde. Bekannt sind aber viel zu wenige. Es scheint fast, als hätten sie tatsächlich geschwiegen.
Hartnäckige patriarchalie Kultur in den Kirchen
Noch heute zögern in der weltweiten Christenheit viele, den Vers aus dem Galaterbrief zu bezeugen. In der katholischen Kirche wird die Frauenordination gar nicht weiter diskutiert. In manchen protestantischen Kirchen wird sie sogar wieder zurückgenommen. Geradezu skandalös verhält sich die lettische lutherische Kirche, in der Pfarrerinnen ordiniert werden, wenn sie im Ausland arbeiten, nicht aber die Theologinnen daheim.
Vielleicht bleibt es auch auf lange Sicht unmöglich, den Anspruch aus dem Galaterbrief 3,26, dass alle "einzig-einig im Messias Jesus sind", vollkommen einzulösen. Aber der Vers ist ein Stachel im eigenen Fleisch, den man nicht einfach nur auf sich beruhen lassen sollte. Sonst würde sich die Kirche ihren Entwicklungsmöglichkeiten gar nicht erst stellen. Und das wäre fahrlässig.
Es gibt eine hartnäckige patriarchale Kultur auch in der evangelischen Kirche in Deutschland. Welche Rolle Frauen einnehmen sollen, wurde und wird von körperlichen und sozialen Merkmalen abgeleitet: davon, dass sie Kinder gebären und für sie sorgen. Zur Sprache kommt dies regelmäßig, wenn es um die Ordination von Pfarrerinnen geht und wenn sich Frauen für Leitungspositionen bewerben. Als seien Frauen nur fürs Gebären zuständig, und nur Männer für Vollzeitjobs.
Die "Geburt" anders in den Blick nehmen
Gleichzeitig ist die vorherrschende Vorstellung dessen, was bei der Geburt wirklich geschieht, eher romantisch verklärt als realistisch. Eine einfühlende künstlerische Darstellung der weihnachtlichen Geburt mit einem gerade geborenen Kind ohne reinliche Windeln und mit einer Mutter, der man die überstandene Geburtsarbeit ansieht, dürfte in der abendländischen Geschichte rar sein – wenn es sie überhaupt gibt. In der Gotik etwa wurden Kreuzesdarstellungen immer realistischer, das schmerzverzerrte Gesicht Jesu immer bedrängender – auf die Geburtsdarstellungen hat sich diese realistische Sicht nicht übertragen.
Eine geschlechterbewusste Theologie nimmt die Geburt anders in den Blick – und nebenbei entlarvt sie, wie sehr das bisherige Denken patriarchal geprägt ist. Die Geburt ist ein Anfang, den alle Menschen gemeinsam haben, und der alle in gewisser Weise miteinander verbindet – auch mit dem in Armut geborenen Jesus Christus. Die jüdische Philosophin Hannah Arendt sieht in jedem Menschen, der geboren wird, die Möglichkeit des Neuanfangs für die Welt. Immer dort, wo Menschen quasi wie in einer zweiten Geburt Verantwortung für ihr Leben übernehmen und aktiv ihr Leben gestalten, kann das Verderben, das in der Welt mächtig ist, unterbrochen und aufgehalten werden. Hannah Arendt bezieht dies auch auf Jesus: Sein Lebensweg ist der Schlüssel, dass Menschen hier und jetzt Verantwortung für ihr Leben übernehmen.
Dass alle "einzig-einig im Messias Jesus sind", bedeutet nicht, dass die Unterschiede zwischen Menschen eingeebnet werden sollen. Unterschiede zwischen Menschen zu benennen, ist zwar nicht sehr beliebt. Aber dass sehr verschiedene Menschen unter einem Dach zusammenkommen, ist gerade ein Wesensmerkmal der Kirche. Und die Volkskirche in Deutschland löst dies zu einem gewissen Grad auch ein: Ihr gehören arme und reiche Menschen an, traditionelle und progressive, heitere und ernste.
Die Taufe ist ein politisches Sakrament
Wenn verschiedene Menschen einander gegenüberstehen, wird die Wahrnehmung geschärft, welche Wertungen und Rollenerwartungen sie mit sich herumtragen. Wo sie andere aufgrund der Unterschiede bewerten, läuft etwas falsch. Wo sie einander auf Rollen festlegen, geht schöpferische Kreativität verloren. Kommen Menschen aus extrem unterschiedlichen sozialen Gruppen zusammen, kann sogar eine explosive Stimmung entstehen. In manchen Kirchengemeinden dominieren die Gutsituierten, die sich in ihrem bildungsbürgerlichen Milieu eingenistet haben. Mancherorts wird die Zuständigkeit für Hartz-IV-Empfängerinnen an die Diakonie verwiesen – statt sie in die tägliche Gemeindearbeit zu integrieren. Und gerade die vereinsamten und sich selbst aufgebenden Männer kommen viel zu wenig in den Kirchengemeinden vor.
Entscheiden sich Erwachsene dafür, sich taufen zu lassen, steht dahinter oft ein Umbruch in ihrem Leben. Ihr Weg mündet mit dieser Entscheidung in den universalen Willen Gottes für seine Schöpfung: Segen und nicht Fluch liegt über allem Leben auf der Erde. Das ruft oftmals Unverständnis hervor. Dass es eine Allgegenwart von Todbringendem und Lebensfeindlichem geben könnte, die nicht übermächtig werden darf, ist für viele Menschen, die dem Christentum fernstehen, eine unbequeme Erkenntnis. Zumal wenn sie sich in ihrer Todesangst eingerichtet haben – als böte sie eine Überlebenshoffnung, die sich der christlichen Auferstehungshoffnung gegenüberstellen ließe.
Die Taufe ist eben nicht nur ein persönliches Zeichen, das die Zugehörigkeit zu Gott, zu Jesus Christus besiegelt. Sie ist ein politisches Sakrament, ein Signal in die Gesellschaft. Zwar wird die Taufe vielfach als privates Ereignis gefeiert: als Familienfest, manchmal in sehr kleinem Kreis und in besonderen Gottesdiensten. In solchen Fällen kann man vom politischen Charakter der Taufe kaum noch etwas spüren. Doch selbst dann bleibt sie ein Zeugnis des Überlebens. Ein Zeugnis gegen Ungerechtigkeit, Gewalt und jede Form von menschlichem Leid.
Christen sollen mutig neue Wege beschreiten
Die Gemeinschaft der Getauften lebt inmitten der Dörfer und Städte und gestaltet diese vielfach mit. Viele Haupt- und Ehrenamtliche engagieren sich hier. Sie lehnen sich gegen Rechtsextremisten auf, organisieren Lebensmittel-Tafeln und übernehmen Lernpatenschaften an Schulen. Wo immer sich Christenmenschen einmischen, tragen sie dazu bei, das Zeichen der Hoffnung, des Überlebens weiterzugeben.
Auch die kirchliche Gleichstellungsarbeit ist eine Form, sich einzumischen. Sie erinnert daran, welche Bedeutung Festlegungen auf das, was "männlich" und "weiblich" ist, heute in der Kirche und darüber hinaus haben. Es geht Gleichstellungsbeauftragten gerade nicht um Gleichmacherei, ganz im Gegenteil. Wenn sie genau analysieren, wenn sie festgefahrenen Denk- und Handlungsmustern auf die Spur kommen und sie überwinden helfen, ermöglichen sie anderen auch, gelassener mit Unterschieden zu leben. Und sie tragen dazu bei, der Vision aus dem Galaterbrief näher zu kommen.
In Kirchengemeinden kommen auch heute unterschiedlichste Menschen zusammen. Bunt gemischt sind die, die sich um das Zentrum, die befreiende Botschaft der Bibel, scharen, die mit der Taufe ein weit geöffnetes Tor des Vertrauens und des Zutrauens durchschreiten oder über die Schwelle getragen werden. Abwertende Denkmuster, nach denen sich aus Unterschieden Ansprüche oder Hierarchien ableiten lassen, haben in der Gemeinde Jesu Christi nichts verloren.
So unterschiedlich Christen sind, mit der Taufe tragen sie alle dasselbe Dokument mit sich. Es weist sie aus als Gemeinschaft derer, die mutig neue Wege beschreiten – in der Taufe und darüber hinaus.





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