Erntedank - Die Finanz- und Wirtschaftskrise scheint vorläufig überstanden, die Auswirkungen sind aber noch immer spürbar. Verschärft hat sich die soziale Ungleichheit, die ohnehin in Deutschland seit Jahren zunimmt. Viele Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Was bedeutet es in dieser Zeit, das Erntedankfest zu feiern?
Die Angst geht um in Deutschlands Mittelschicht: die Angst vor dem sozialen Abstieg. Und sie ist nicht unberechtigt: Eine gute Ausbildung ist zwar immer noch die Voraussetzung für beruflichen Aufstieg und ein gutes Einkommen, sicher ist das aber nicht mehr. Und wer über 40 ist – also genau in dem Alter, in dem man gewöhnlich privat und beruflich sesshaft geworden ist –, tut sich schwer, eine neue Arbeitsstelle zu bekommen!
Die Angst vor dem Abstieg ist also konkret, und sie hat einen Namen: Hartz IV. Wer dort angekommen ist, gehört nicht mehr dazu – zur Gesellschaft der Erfolgreichen und der Konsumenten, zur Mehrheitsgesellschaft. Alles, was sich der Mittelschichtler erarbeitet hat, ist mit Hartz IV weg: Geld, Prestige, soziale Anerkennung. Schlimmer noch: Der Leistungsträger wird zum Bittsteller, zum Almosenempfänger, angewiesen auf die Gnade eines Apparats, der viel fordert und wenig fördert. Für die Mittelschicht ist Hartz IV ein Schreckgespenst. Auf einen Schlag gehört man zu den Menschen, die man früher bestenfalls gemieden, vielleicht sogar verachtet hat.
Das alles macht Angst – und lässt dennoch die meisten seltsam gleichgültig. Nach dem Motto: »Es wird uns schon nicht erwischen« nehmen wir es hin, dass die Schere zwischen Armen und Reichen in unserem Land immer weiter auseinandergeht. Dass immer mehr Kinder in die Schule kommen, ohne gefrühstückt zu haben. Dass arme Menschen ein höheres Krankheitsrisiko haben. Dass der Sozialstaat zurückgefahren wird unter dem Diktat eines gigantischen Schuldenbergs, den unsere Regierungen angehäuft haben, um ein Finanzsystem zu retten, das uns mit in die Krise geritten hat. Wir spüren, dass die Politik zunehmend handlungsunfähig wird, weil kein Geld mehr da ist. Mit dem jüngsten Sparpaket der Bundesregierung hat sich das noch verschärft: Hartz-IV-Empfängern sollen die Rentenbeiträge gestrichen werden – eine wachsende Altersarmut ist programmiert.
Alles, bloß kein Hartz IV!
Das alles lässt die Mittelschicht schaudern. Allerdings nur im Verborgenen, in schlaflosen Nächten etwa. Tagsüber lässt man sich nichts anmerken. Im Job arbeitet man bis zur Erschöpfung – vor der Tür stehen massenhaft Leute, die mindestens genauso qualifiziert sind. Auch im Bekannten- und Freundeskreis gibt man sich lieber keine Blöße. Schließlich ist jeder seines Glückes Schmied und wer seinen Arbeitsplatz verliert, ist doch selbst schuld – oder? Mitten hinein in diesen Alltag kommt das Erntedankfest. Doch wie soll man danken, wenn man in ständiger Angst lebt? Und wofür? Krisen sind Lernzeiten – das ist zwar ein viel zitierter, deshalb aber nicht unwahrer Satz. Die Krise lenkt den Blick auf das, was unser Leben ausmacht. Wir merken, was uns trägt. Spätestens in der Krise wird deutlich, dass wir aus der Gnade leben. Man kann sich vieles erarbeiten. Doch die Mittel dazu – Gesundheit, Begabungen, Förderung und Möglichkeiten, sich zu entfalten – bekommen wir nicht aus uns selbst. Wer das erkennt, wird dankbar. Und aus dem Danken kommt das Geben. Dazu gehört, sich dafür einzusetzen, dass auch andere Menschen die Möglichkeit haben, sich zu entfalten. Gegen soziale Ungerechtigkeit müssen also auch die protestieren, die (noch) nicht darunter leiden – die Besserverdiener, die Vermögenden, die, die etwas zu sagen haben in unserem Land. Das kann man Solidarität nennen. Oder einfach Nächstenliebe. Und die kann durchaus ein wenig eigennützig sein. Denn wer immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und andere aus dem Weg drängt, kommt früher oder später selbst unter die Räder.
Erntedank ist deshalb auch der Appell, die eigenen Kräfte und Möglichkeiten zu nützen – für sich, vor allem aber für andere.


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