Das Beste der Bibel - Viele biblische Geschichten können es mit jedem Thriller, mit jedem Krimi und jeder Generationen-Saga mühelos aufnehmen, behauptet der Theologe Uwe Birnstein. Allein die Lektüre sei mühsamer, als die zeitgenössischer Bestseller. In seiner Serie "Das Beste der Bibel" verhilft er den versteckten Stars und Sensationen der Heiligen Schrift zu mehr Geltung - eine Bibelkunde der besonderen Art. Auf evangelisch.de erscheinen ausgewählte Folgen der Serie.
Multikulti gab es auch in biblischen Zeiten: Einheimische, Ausländer und Fremdlinge bevölkerten das Land Israel. Die Bibel unterscheidet zwischen Ausländern und Fremden. Wer nur für eine gewisse Zeit, etwa als Händler, in Israel weilt oder aber dorthin siedelt, ohne seine angestammte Volks- und Religionszugehörigkeit aufzugeben, gilt als "Ausländer". "Fremdlinge" sind jene Menschen, die in Israel Zuflucht gefunden haben und als Schutzbürger gewisse Rechte genießen. Zahlreiche biblische Texte erzählen vom Miteinander der Völker und Kulturen.
Stammvater mit Migrationshintergrund
1. Mose 13, 15; 20, 1; 26, 5
Abraham ist der für die gesamte Bibel wichtigste Fremdling. Denn der Stammvater des Volkes Israel hat Migrationshintergrund. Aus dem Lande Ur zog er, auf Gott vertrauend, ins Gebiet des heutigen Israel. Gott verheißt dem Einwanderer dort: "All das Land, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen geben für alle Zeit." Diese Verheißung setzt er um, die Stammväter Isaak und Jakob werden die Ahnherren des Volkes Israel. ( 1. Mose 13, 15)
Zitat: "Bleibe als Fremdling in diesem Lande, und ich will mit dir sein und dich segnen."
Wie man sich Ausländern gegenüber verhalten soll
3. Mose 19, 33; 5. Mose 23, 15; 24, 20f.; 26, 12
Nicht das deutsche Grundgesetz - die Gesetzbücher Mose fordern, dass man mit Fremdlingen gut umgehen soll. "Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken", heißt es da zum Beispiel, und dass man alle drei Jahre ein Zehntel des Einkommens an Fremde, Witwen und Waisen geben soll. Die israelitischen Landwirte werden aufgefordert, Ölbäume nur einmal zu schütteln - was danach noch an den Bäumen hängt, solle den Fremden zufallen; ebenso solle bei der Weinlese verfahren werden. In Bankgeschäften allerdings haben Ausländer Nachteile. ( 3. Mose 19, 33, 5. Mose 23, 15)
Zitat: "Von dem Ausländer darfst du Zinsen nehmen."
Tipps für Menschen in der Fremde
Jesus Sirach 29, 28-35
Jenen, die in die Fremde gehen, empfiehlt der als weise geltende Jesus Sirach Vorsicht: "Wo du fremd bist, darfst du deinen Mund nicht auftun. Ein Fremdling wirst du bleiben und Schmähworte herunterschlucken müssen." Fremde sollen nicht aus Unterordnungsgelüsten stille sein, sondern aus taktischen Gründen. Klar ist: "Das ist schwer für einen vernünftigen Menschen, dass er um der Bleibe willen gescholten und als Gläubiger gekränkt wird." ( Jesus Sirach 29, 28-35)
Zitat: "Besser ein armes Leben in der eignen Hütte als ein köstlich gedeckter Tisch in fremden Häusern."
Der treue Ausländer
2. Samuel 15, 18-22
Ittai, ein Heerführer der Philister, ist der einzige Ausländer, den die Bibel beim Namen nennt. Mit seiner 600-köpfigen Truppe stand er König David zur Seite, als dieser einen Aufstand seines Bruders niederschlagen wollte. David muss fliehen - und Ittai steht ihm bei. Warum, fragt David ihn verwundert, "du bist ein Ausländer. Kehre um!" Doch Ittai lässt sich nicht beirren und bleibt David treu: "Wo immer mein Herr, der König, ist, es gerate zum Tod oder zum Leben, da wird dein Knecht auch sein." ( 2. Samuel 15, 18-22)
Zitat: "Und der König sprach zu Ittai, dem Gatiter: Warum gehst auch du mit uns? Kehre um und bleibe bei dem neuen König, denn du bist ein Ausländer und von deiner Heimat hierher gezogen."
Ausländerinnen als Sündenböcke
1. Könige 11, 1-10
Dass auf den Laufstegen der Modewelt Frauen aller Herren Länder defilieren, ist ein modernes Phänomen jenes Hangs zur Abwechslung, dem König Salomo schon verfallen war. Auf viele Männer üben ausländische Frauen besondere erotische Faszination aus. So ist es nachvollziehbar, dass Salomo "moabitische, ammonitische, edomitische, sidonische und hetitische" Frauen "liebte", sogar die Tochter des ägyptischen Pharao. Die Moral der biblischen Redakteure schätzten Salomos Faible ebenso wenig wie die Propheten. Der Grund: Die Ausländerinnen hätten den einst gottesfürchtigen Salomo dazu gebracht, fremde Götter anzubeten. "Hat nicht Salomo, der König von Israel, damit gesündigt?", fragt Nehemia. "Er war seinem Gott lieb und Gott setzte ihn zum König über ganz Israel. Dennoch verleiteten ihn die ausländischen Frauen zur Sünde." Eine Erklärung, die auf die patriarchale Welt der Bibel hinweist: Schuld sind Frauen - noch mehr Schuld sind ausländische Frauen, Männer sind die Verführten. ( 1. Könige 11, 1-10)
Zitat: "Aber der König Salomo liebte viele ausländische Frauen."
Überfremdung als Fluch
5. Mose 28, 43; Jesaja 61, 5
Diesen Bibelvers sollten wir Thilo Sarrazin nicht zeigen, sonst belegt er damit womöglich die biblische Fundierung seiner kruden Thesen. Der Prophet Jesaja droht seinen Landsleuten damit, dass Gott quasi als Strafe für missliebiges Tun Ausländer an die Macht kommen lässt: "Fremde werden hintreten und eure Herden weiden, und Ausländer werden eure Ackerleute und Weingärtner sein." Ähnlich populistisch setzte das mosaische Gesetz die Angst vor Überfremdung ein. ( 5. Mose 28, 43, Jesaja 61, 5)
Zitat: "Der Fremdling, der bei dir ist, wird immer höher über dich emporsteigen; du aber wirst immer tiefer heruntersinken."
Jesu Weltgericht
Matthäus 25, 43
Am Ende, im Jüngsten Gericht, beurteilt Gott die Menschen nicht nach dem Glauben, sondern nach ihrem Tun. Der "Menschensohn" wird dann als Richter im Himmelsthron sitzen und die Menschen danach fragen, ob sie barmherzig mit anderen umgegangen sind. Denn alles, was man Notleidenden und Bedürftigen angetan hat - egal ob gut oder böse -, habe man letztlich Gott getan. Deswegen sagt Jesus zu den Unbarmherzigen: ( Matthäus 25, 43)
Zitat: "Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen."
Zum Weiterlesen:
Weitere Folgen der Bibelserie finden Sie hier.
Frank Crüsemann u.a. (Hg.): Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009
Uwe Birnstein ist Theologe, lebt in Berlin und arbeitet als Journalist für Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen. Die Serie "Das beste der Bibel" ist auch als Buch erschienen: Uwe Birnstein, Das Beste aus der Bibel, Würzburg 2010.






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