Bibelserie: Küsse, die Liebe oder Tod bringen

Jakob, Stammvater der Israeliten, begegnet seiner spaeteren Frau Rahel

Jakob und Rahel, Palma Vecchio, 1480-1528. Jakob, Stammvater der Israeliten, begegnet seiner späteren Frau Rahel, 1. Buch Mose). Foto: akg-images/ Palma Vecchio

Das Beste der Bibel - Für Entwicklungsbiologen ist der Kuss nichts weiter als ein Überbleibsel des Fütterungstriebes. Der Akt des Küssens bedeutet demgemäß, an etwas teil zu haben - das kann auch die Macht eines religiösen Gegenstandes sein.

Von Uwe Birnstein

Gleichzeitig ist der Kuss Ausdruck großer Zuneigung und Nähe - und bei Liebespaaren ein Quell der Lust. Küssen kann, muss aber nicht immer etwas mit Liebe zu tun haben. Auch darin erweist sich die Bibel als lebensnahes Lehrbuch. 

Küsse für die Götzenbilder

Hiob 31, 27, Hosea 13, 2

Leidenschaftlich wettert der Prophet Hosea gegen Götzenanbeter. Aus seinen Schilderungen ist bekannt, dass die Gläubigen durch Küsse Anteil an der Macht der Fremdgötter zu erlangen versuchten. Auch geschmiedete Götterbilder wie zum Beispiel Kälber beten diese Menschen an, was Hosea zu der polemischen Aussage treibt: "Wer die Kälber küssen will, der soll Menschen opfern." Ein Vers im Buch des Hiob weist darauf hin, dass auch die vermeintlichen Himmelsgottheiten mit Küssen bedacht wurden. Um seinen rechten Glauben darzustellen, fragt Hiob: ( Hiob 31, 27, Hosea 13, 2)
Zitat: "Habe ich das Licht angesehen, wenn es hell leuchtete, und den Mond, wenn er herrlich dahinzog, dass mich mein Herz heimlich betört hätte, ihnen Küsse zuzuwerfen mit meiner Hand?"

Jakobs Lügen-Kuss

1. Mose 27, 26

Kinder küssen ihre Eltern, um ihnen Ehre zu erbieten. Jakobs Kuss allerdings war eine dreiste Lüge. Um den Segen vom blinden Vater Isaak zu erheischen, hatte er sich ihm als sein erstgeborener Bruder Esau ausgegeben. Als Jakob seinem Vater näherkommt, riecht dieser die Kleider Esaus, die sich Jakob angezogen hatte. Also spricht er Jakob den Segen zu, der eigentlich Esau galt. Grund genug für einen jahrelangen Bruderzwist. ( 1. Mose 27, 26)
Zitat: "Komm her und küsse mich, mein Sohn!"

Erotische Küsse

Hohelied

Küssen allein um des Küssens willen: Das Hohelied liest sich stellenweise wie ein Lehrbuch des erotischen Küssens. Von "lieblichen Mündern" schwärmen die Verliebten und davon, dass Honigseim von den Lippen der Braut träufelt; die Lippen des Bräutigams seien wie "Lilien, die von fließender Myrrhe triefen". "Sein Mund ist süß", schmachtet verliebt Sulamith, und ihr Geliebter wünscht sich: "Lass deinen Mund sein wie guten Wein". ( Hohelied)
Zitat: "Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes."

Der Kuss des Mörders

2. Samuel 20, 9

Ein Kuss kann der beste Weg sein, jemanden hinters Licht zu führen. Darauf weist schon das Sprüchebuch hin: "Die Schläge des Freundes meinen es gut; aber die Küsse des Hassers sind trügerisch." Joab, ein Neffe des Königs David, ist beängstigendes Beispiel dafür. Seinen Kontrahenten Amasa schaltet er aus, indem er ihm einen Kuss gibt - und ihm gleichzeitig einen Dolch in den Bauch rammt, "sodass seine Eingeweide auf die Erde fielen". ( 2. Samuel 20, 9)
Zitat: "Und Joab sprach zu Amasa: Friede mit dir, mein Bruder! Und Joab fasste mit seiner rechten Hand Amasa bei dem Bart, um ihn zu küssen."

Der Judaskuss

Matthäus 26, 49

Dieser Kuss hat Weltgeschichte geschrieben und ist zum geflügelten Wort geworden. Judas, einer der Jünger Jesu, hatte Jesus gegen Geld verraten. Mit einer großen Schar bewaffneter Männer - römische Soldaten, Mitarbeiter des Hohepriesters, Jerusalemer Bürger - kam er in den Garten Gethsemane. "Welchen ich küssen werde, der ist's; den ergreift!" hatte er mit ihnen ausgemacht. Und dann geschah tatsächlich das Unfassbare: ( Matthäus 26, 49)
Zitat: "Und alsbald trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi! und küsste ihn."

Der Fußkuss der Sünderin

Lukas 7, 36-50

Diese Frau, stadtbekannt als Sünderin, hatte Courage: Als Jesus mit Pharisäern am Tisch sitzt, betritt sie selbstbewusst den Raum und setzt sich zu Jesu Füßen. Sie beginnt zu weinen; mit ihrem Haar wischt sie die Tränen von Jesu Füßen, küsst sie und beginnt, sie mit kostbarem Öl zu salben. Als sich der Gastgeber darüber aufregt, sagt Jesus ihm: ( Lukas 7, 36-50)
Zitat: "Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen."

Der christliche Liebeskuss

1. Petrus 5, 14

In den ersten christlichen Gemeinden war es Sitte, dass sich die Gläubigen mit einem Kuss grüßten. In den Gottesdiensten gehörte ein Friedens-Kuss fest zur Liturgie. Heute setzt die orthodoxe Kirche diese Tradition fort, indem die Gläubigen sich vor dem Abendmahl am Ostersonntag einen "Osterkuss" geben. ( 1. Petrus 5, 14)
Zitat: "Grüßt euch untereinander mit dem Kuss der Liebe!"


Zum Weiterlesen:

Weitere Folgen der Bibelserie finden Sie hier.
Wunibald Müller, Küssen ist beten. Sexualität als Quelle der Spiritualität, Mainz 2003.
Uwe Birnstein, Das Beste aus der Bibel, Würzburg 2010.


Uwe Birnstein ist Theologe, lebt in Berlin und arbeitet als Journalist für Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen.

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