Religion für Einsteiger - Der junge Martin Luther litt eine große seelische Qual. Angesichts seiner menschlichen Schwächen fürchtete der Mönch, nie vor Gott bestehen zu können und geradewegs für das Höllenfeuer bestimmt zu sein. Seine selbstquälerische Lebensfrage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Einen Gott, der mich trotz meiner Schwächen und Fehler nicht verstößt?
Luthers Lebensfrage wird heute oft im Zusammenhang mit dem vieldeutigen Stichwort Rechtfertigung zitiert. Doch was ist damit gemeint? Ist heute in der Öffentlichkeit von Rechtfertigung die Rede, geht es meist um die Verteidigung des eigenen Verhaltens: Wem zum Beispiel im Strafverfahren ein Vorwurf gemacht wird, der wird sich dadurch zu verteidigen suchen, dass er triftige Gründe für sein auffälliges Verhalten benennt. Bleibt ein Schüler vom Unterricht fern, tut er gut daran, seine Abwesenheit zu begründen. Lag er zum Beispiel krank im Bett, kann er sein Fehlen rechtfertigen, volkstümlich: entschuldigen.
Ganz anders verhält es sich mit dem theologischen Sinn des Schlüsselwortes Rechtfertigung. Allerdings war dieser Begriff immer vieldeutig. Selbst zu Luthers Zeiten konnte das Wort, wenn man es juristisch verstand, je nach Zusammenhang mal ein Gerichtsverfahren oder auch eine Verteidigungsstrategie, mal das Urteil selbst, ja sogar eine Hinrichtung bezeichnen.
Heilsame Zuwendung Gottes zum Menschen
Im theologischen Sinn geht es bei der Rechtfertigung aber nicht darum, dass ein Mensch sein eigenes Verhalten verteidigt, indem er mit wortreichen Erklärungen seinen Kopf aus der Schlinge ziehen will. Es ist überhaupt nichts, was der Mensch selbst ausrichten könnte. Es beschreibt vielmehr die heilsame Zuwendung Gottes zum Menschen. Im Brief des Paulus an die Römer (Kapitel 5) ist zu lesen, Gottes Gnade sei den Menschen "überreich zuteilgeworden" und die Gnade helfe "aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit". Rechtfertigung in diesem Sinn bedeutet: Die Menschen wurden wieder zu Gerechten "gemacht", und zwar durch Leben und Tod Jesu.
Solche Rechtfertigung ist ein außerordentliches Geschenk, unverdient, überreich. Es kommt den Menschen zugute ohne Ansehen ihrer Leistungen. Bekanntlich hat der Reformator Martin Luther scharf auf den zeitgenössischen religiösen Handel mit Reliquien und Ablassbriefen reagiert. Es war für ihn eine Erlösung, in der Bibel zu entdecken: Die Menschen verdienen sich nicht Heil und Gnade, sondern diese werden ihnen großzügig zuteil, vielleicht gerade deshalb, weil sie ihrer besonders bedürfen. Vor Gott sind die Menschen mehr als die Summe ihrer Taten und Untaten.
Zu "guten Werken" befreit
In spöttischen Debatten mit Protestanten äußern Katholiken gelegentlich eine Befürchtung: Wenn die Gnade Gottes den Menschen ohne Blick auf ihre moralischen Verdienste, ihre "Werke", zugutekomme, dann gebe es für sie doch gar keinen Grund mehr, sich nach Kräften ethisch und religiös zu bemühen. In dieser Argumentation sind Ursache und Wirkung vertauscht: Die Gnade ist eben nicht eine Belohnung für konsequentes Wohlverhalten des Menschen. Die "guten Werke", also das soziale, ethische und religiöse Engagement, sind vielmehr Folgen der Zuwendung Gottes: seiner unerschöpflichen, treuen Liebe, die die Menschen angstfrei leben lässt. Weil ihr Verhältnis zu Gott wieder geheilt ist, kreisen sie nicht mehr sorgenvoll um sich selbst. Allerdings können sie, populär gesprochen, diese Zuwendung Gottes auch verspielen, zum Beispiel dadurch, dass sie die gegebenen Chancen nicht nutzen.
Als am 31. Oktober 1999 in Augsburg die römisch-katholische und die lutherischen Kirchen feierlich die Vereinbarung über die Rechtfertigungslehre unterzeichneten, begruben sie damit auch die alten Feindbilder aus der Zeit der Glaubensspaltung im 16. Jahrhundert. Die gegenseitigen Vorwürfe, die Rechtfertigungslehre verfälscht zu haben, gelten seither als erledigt. Kein Protestant sollte Katholiken weiter verdächtigen, Gottes Gnade "verdienen" zu wollen. Und kein Katholik sollte argwöhnen, Lutheraner warteten still und ergeben auf Gottes Gnade beziehungsweise Reformierte sähen in ihren beruflichen Erfolgen einen Beweis ihrer religiösen Erwählung. Es ist anders: Wer erst anfängt, seine Chancen zu kalkulieren, könnte schon auf dem Holzweg sein.
Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.






Kommentare
Rechtfertigung durch Mord.
Muß man denn wirklich glauben,
dass Gott seinen besten Mann auf Erden hat abschlachten lassen,
damit wir dadurch vor ihm "gerechtfertigt" werden?
Auch wenn der selbsternannte "Apostel" Paulus das immer wieder behauptet,
halte ich es mit Hosea, schon 500 Jahre früher: Liebe will ich, nicht Opfer.
Wir sind durch die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen "gerechtfertigt",
nicht durch einen politischen Mord vor 2000 Jahren.
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