Religion für Einsteiger - Im Anfang war ein Übersetzungsfehler. Von einer Jungfrau steht beim Propheten Jesaja nichts: "Siehe, ein Mädchen ist schwanger und wird einen Sohn gebären", hatte der über den kommenden Messias geweissagt (7, 14). Erst die griechische Übersetzung der Bibelstelle machte aus dem Mädchen fälschlicherweise eine Jungfrau. So kam der Mythos von der Jungfrau in die Weihnachtsgeschichten des Neuen Testaments. Mit weitreichenden Folgen.
"Ich glaube an Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria", bekennen bis heute Christen in aller Welt, auch evangelische. Und das zu Recht. Selbst wenn der christliche Jungfrauenmythos seine Existenz einem Übersetzungsfehler verdankt, ist er ein bleibendes Symbol. Wie in anderen Religionen deutet die Jungfrauengeburt auch im Christentum auf einen göttlichen Schöpfungsakt: Gott setzt mit Jesu Geburt den Anfang für eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte. Maria kommt die zentrale Rolle zu. Eine Frau bringt das Heil zur Welt.
Maria sei "ein geringes, armes Mädchen", schreibt der Reformator Martin Luther, "welche selbst Hannas' und Kaiphas' Töchter nicht hätten für würdig erachtet, ihre geringste Magd zu sein". Hannas und Kaiphas gehörten der hohepriesterlichen Familie an, also der Jerusalemer Oberschicht. Gott stellt nicht sie, sondern Maria an die Wiege der neuen Menschheitsepoche. Luther deutet dies als Angriff auf den menschlichen Hochmut: "So gehen Gottes Werk und Blick einher in der Tiefe. Der Menschen Blick und Werk aber gehen nur in der Höhe."
Himmlische Fürsprecherin?
Von der armen, einfachen Frau Maria ist in der katholischen und orthodoxen Marienverehrung nur wenig zu spüren. Stattdessen rufen Katholiken und Orthodoxe Maria als himmlische Fürsprecherin an. "Bete für uns in der Stunde unseres Todes", heißt es im populären Bittgebet "Ave Maria". Maria gilt als Heilsmittlerin. Man ruft sie um Beistand an als Gottesgebärerin, Himmelskönigin, unbefleckte, seligste Jungfrau.
Bis in unsere Zeit geben Erscheinungen und Visionen der katholischen Marienverehrung Auftrieb. So soll Maria im französischen Lourdes, im portugiesischen Fatima und im saarländischen Marpingen erschienen sein. Die Orte sind nun beliebte Wallfahrtsorte. Die katholische Lehre unterstreicht Marias Popularität. Etwa das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens (1854) oder das von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (1950). In der Bibel ist von alledem nirgends die Rede.
Einige katholische Theologen werten die Marienfrömmigkeit als die weibliche Seite ihrer sonst patriarchalen Kirche. Demgegenüber kritisieren Feministinnen das realitätsferne Frauenbild des Marienkults. Die unbefleckte Jungfrau gelte als Widerpart zur Urmutter Eva, hier die Heilige, dort die Verführerin. Mit solchen Gegensätzen, so sagen sie, begründe die katholische Kirche eine frauenfeindliche Weiblichkeitsnorm.
Protestanten beten nicht zu Maria. Nach evangelischem Glauben darf sich niemand zwischen Gott und den Gläubigen stellen. Dennoch kommt zu Weihnachten auch unter evangelischen Christen eine Art Marienfrömmigkeit auf. In ihrem Mittelpunkt steht der Lobgesang der Maria.
"Niedrigkeit seiner Magd"
Aus Freude über ihr Kind singt Maria (Lukas 1, 46): „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen." Maria dankt Gott, dass er sie, die gedemütigte Frau, aus ihrer Erniedrigung befreit. Während ihre Mitmenschen sie verachten, verleiht Gott der Maria Würde.
Auch Weihnachtslieder betonen Marias Bedeutung. "Josef, lieber Josef mein", singt Maria in einem Lied, "hilf mir wiegen mein Kindelein." Durch die evangelische Jugendbewegung nach den Weltkriegen fand sogar ein Marienlied Eingang in den evangelischen Liederschatz: "Maria durch ein' Dornwald ging, der hatte in sieben Jahrn kein Laub getragen." Mit schwermütigen Versen suchten evangelische Jugendliche in den zwanziger und fünfziger Jahren einen Ausgleich zu düsteren Kriegserinnerungen.
Weihnachten ist ein Familienfest. Weihnachtskrippen inszenieren eine Idealfamilie: Vater und Mutter knien anbetend vor dem Kind. In den Krippenspielen ist Maria (neben dem Verkündigungsengel) für Kinder die begehrteste Rolle. Möglicherweise verkörpern Maria und Jesus zu Weihnachten das Urbild der Mutter-Kind-Beziehung. Sie erinnern daran, dass jeder Mensch als hilfloses Geschöpf zur Welt kommt und dass sich in den ersten Lebensjahren aus der Mutter-Kind-Bindung ein Urvertrauen entwickelt, das jeden Menschen ein Leben lang halten und tragen kann.
Im Rückblick auf die eigene Kindheit empfinden viele Menschen solches Urvertrauen als ein Gottesgeschenk. Verstehen wir den Dank dafür als Gebet an die weibliche Seite Gottes, dann wäre gegen ein solches Gebet wohl nichts einzuwenden.
Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.






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