Gottes Macht und Willen - Gibt es Gottesurteile?

Erloschene Kerze

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Religion für Einsteiger - Es war selbstlos und mutig, das Attentat von Claus Schenck Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze, dem Führerhauptquartier in Ostpreußen. Aber der Plan misslang. Die in einer Aktentasche versteckte Sprengladung tötete Hitler nicht. Ein Mitverschwörer im Widerstand, der Politiker Carl Friedrich Goerdeler, erklärter Gegner des Attentats, sagte später in der Haft: Dass dieser Plan gescheitert ist, sei ein Gottesurteil gewesen.

Von Eduard Kopp

Stauffenberg und Goerdeler wurden später hin­gerichtet, wie insgesamt mehr als 200 an der Erhebung Beteiligte. Ein Gottesurteil? Diese ernste Bemerkung zeigt, wie sicher Menschen früher darauf vertrauten, dass Gott ganz konkret in die Weltenläufte eingreift. Auch zu Goerdelers Zeiten war ein Gottesurteil aber nur noch eine Gedankenfigur und hatte nicht mehr mit der Urteilsfindung im Strafprozess zu tun.

Ursprünglich galten Gottesurteile als wichtige Beweismittel in Gerichtsver­fahren. Aus dem germanischen Recht ­hatten sie Eingang in das abendländisch-kirchliche Recht gefunden. "Mit Gottes Hilfe" suchten die Richter Licht ins Dunkel der Straftaten zu bringen. Schuldig oder nicht schuldig? Wo Indizien nicht aus­reichten oder Delinquenten die Tat bestritten, griffen die Richter zu einem probaten Beweismittel: Sie ließen Gott entscheiden. Als unschuldig galten Beklagte, die eine Probe bestanden. Gelang ihnen das nicht, galten sie als überführt.

Mit bloßen Füßen über glühende Pflugscharen

Dazu hatten sie etliche Methoden entwickelt. Zum Beispiel waren Feuerproben weit verbreitet: Die Beschuldigten mussten mit nackten Füßen über glühende Pflugscharen gehen (und die Brandwunden sich in Grenzen halten beziehungsweise schnell abheilen) oder mit einem wachsgetränkten Hemd durch einen brennenden Holzstoß steigen (ohne dass sich das Hemd ent­zündete). Sie mussten mit der nackten Hand einen Gegenstand aus einem Kessel kochenden Wassers oder siedenden Öls holen - blieb der Wundbrand aus, war der Delinquent gerettet.

Der Fantasie der Richter waren kaum Grenzen gesetzt: Begann der Leichnam des Opfers in Anwesenheit des Täters wieder zu bluten? Zeigte der Proband nach Aufnahme der geweihten Hostie abnorme Verhaltensweisen? Welche von zwei Kerzen erlosch zuerst - es war stets die des Schuldigen, nie die des Unschuldigen. Bis ins 16. Jahrhundert hielten sich diese Gottes­urteile, zum Beispiel als Wasserprobe in ­Hexenprozessen: Ging die gefesselte Beklagte unter, galt sie als unschuldig (und wurde im letzten Moment aus dem Wasser gezogen), schwamm sie obenauf, war das Todesurteil nicht fern.

Zufällige und zynische Zusammenhänge

Die Rede vom Gottesurteil oder einer Feuerprobe hat heute fast nur noch als Sprachformel überlebt. Journalisten und Politiker bemühen diese Vokabeln, um ­ihren Aussagen Gewicht zu geben. Dass einer der Diebe, die vor Jahren 119 Picasso-Gemälde in Avignon stahlen, beim Verhör danach starb, erschien einem Journalisten als Gottesurteil (mit Fragezeichen). Manchmal setzten sich in den Köpfen der Zeitungsleser auch zwei nicht zusammengehörende Fakten zueinander in Beziehung: Nachdem der erzkonservative Bischof Williamson von den Piusbrüdern den Holocaust geleugnet hatte, wurden Seminaristen dieses Ordens beim Wandern von einer Gesteinslawine verschüttet, einer starb.

Ausgesprochen zynisch hingegen war eine Bemerkung der früheren Fernseh­moderatorin Eva Herman: Das tödliche Unglück bei der Loveparade in Duisburg könne auch einen höheren Sinn haben. Herman wörtlich: "Eventuell haben hier auch andere Mächte eingegriffen, um dem schamlosen Treiben ein Ende zu setzen." Gegen diese Äußerung bezog umgehend der katholische Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, Stellung. Diese Katastrophe als Gottesurteil zu interpretieren, sei "furchtbar anmaßend und vergrößert den Schmerz der Betroffenen". Jetzt gelte es, gemeinsam die Trauer auszuhalten und mit den Opfern solidarisch zu sein.

Im Zweifel für den Angeklagten

Es umhüllt etwas Mythisches den ­Gedanken des Gottesurteils. So bedauerlich es ist, wenn sich manche Straftat nicht aufklären lässt, und so sehr der Wunsch drängt, die Schuld der Beteiligten zu ergründen, so eindeutig gilt auch der Grundsatz des modernen Rechts: im Zweifel für den Angeklagten. Wo rationale Analysen nicht ausreichen, um einen Täter zu überführen, hilft auch kein blindes Gottver­trauen.


Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.

Kommentare

Verfasst von William Salzmann am 11. November 2010 - 23:51.

Gottesurteile für Einsteiger

Als ich zuerst den Titel dieses Aufsatzes las, hatte ich erwartet, dass die...

Als ich zuerst den Titel dieses Aufsatzes las, hatte ich erwartet, dass die Stellung der EKD zu dem in den Evangelien bzw. im NT (z.B., Mk 6: 10-12, u. a.), oder im Glaubensbekenntnis angedrohten Gottesurteil ("er wird kommen, zu richten die Lebenden und die Toten"), erläutert würden. Stattdessen wurden historischer Aberglaube und non causa pro causa Fehlschlüsse angefochten, die heutigen Einsteigern kaum Themen sein können.

Verfasst von ernstwalter am 11. November 2010 - 20:24.

Gottesurteil?

Gottesurteil Goethe sagte schon, legt ihr nicht aus so legt ihr unter....

Gottesurteil
Goethe sagte schon, legt ihr nicht aus so legt ihr unter. Gottesurteile gibt es ebenso wenig wie Gespräche mit Engel. Wir machen uns je nach Lage unser Gottesbild. Wir sollten uns weder ein Bild oder Gleichnis von Gott machen aber wir dichten uns zusammen wie es gerade erforderlich ist.
Ich möchte keine Diskussion über Staufenberg anfangen. Doch ich erinnere mich sehr gut daran.
Leider kann man hier kein Bild einstellen. Wir lagen zu dem Zeitpunkt im Raum Arnheim.
VI Fallschirmjäger DIV. zbV Kompanie. Wir diskutierten über das Attentat und da dort der Name von Hase fiel –er war 1935 Stadtkommandant in meiner Heimatstadt Landsberg/Warthe, beteiligte ich mich stolz, denn wir waren unter uns sehr offen. Einige meinten er hätte Hitler erschießen müssen. Weitere Details trage ich hier nicht aus. Gottesurteile gibt es nicht. Wir haben etwas falsch angefasst. Wir haben nicht Mut darüber frei zu reden. Haben wir etwas gut gemacht, dann waren wir es natürlich. Unsere Gottesbilder ähneln unseren Wünschen. Wenn wir so gut hören, zuhören, wie wir reden, die Welt sähe anders aus.
Walter Wasilewski
 

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