Religion für Einsteiger - Die Behandlungen verlaufen unterschiedlich, aber nicht selten auf diese Weise: Zunächst legt der Therapeut die Hände zehn Minuten auf die Stirn des Hilfesuchenden. Dann steuert er die Körperregionen an, die mit der Krankheit näher in Verbindung zu stehen scheinen: Bei Grippe oder Schwerhörigkeit legt er die Hände auf die Ohren, bei Nasenbluten, Kopfschmerzen oder Schlaganfall auf den Hinterkopf, bei Gallensteinen links unter die Brust, bei Tumoren, Leukämie oder Aids rechts unter die Brust.
Wort- und lautlos, eine Stunde oder länger dauert diese Behandlung. Die Patienten verspüren in vielen Fällen ein intensives Wärmegefühl, für sie Ausweis der Tatsache, dass die zuvor blockierten Energien wieder fließen und damit die Heilung fortschreitet. Handauflegungen gelten, anders als es das Wort vermuten lässt, als eine Form der Geistheilung.
Im Westen am weitesten verbreitet sind sie in der Form des Reiki. Angeblich vermögen ihre Meister (von ihnen soll es weltweit etwa 350 geben), Energien, die das Universum durchströmen, durch Handauflegung an die Patienten weiterzugeben. Manfred Stöhr, Medizinprofessor in Augsburg und Autor des kritischen Fachbuchs "Ärzte - Heiler - Scharlatane", gibt sich in dieser Frage erstaunlich pragmatisch: "Geistheilungen . . . sind als begleitende Heilmaßnahmen akzeptabel, sofern der Patient ergänzende spirituelle Heilmethoden wünscht und die persönliche Integrität des Geistheilers gegeben ist."
Jesus heilte mit seinen Händen
Dass heute das Handauflegen in der Esoterik einen so großen Stellenwert einnimmt, macht es für viele Menschen verdächtig. Immerhin gelten die Grundlagen des Verfahrens als weitgehend spekulativ. Ob die Förderung des "Energieflusses" wirkliche Heilung bringt, ist unsicher. Wissenschaftler bemängeln, dass es an seriösen Dokumentationen der Heilwirkungen fehle. Vermutlich ist Reiki, jene berühmteste Berührungstherapie, heute im christlichen Westeuropa deshalb so populär, weil es von einem japanischen Mönch des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde: Mikao Usui, einem Lehrer der christlichen Klosterschule in Kyoto. Er war einLeben lang auf der Suche nach den Kräften, mit denen Jesus heilte.
Biblische Geschichten wie diese hatten ihn zutiefst berührt: Menschen brachten einen Blinden zu Jesus mit der Bitte, "dass er ihn anrühre". Jesus, zu dieser Zeit schon als Heiler berühmt, "nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, tat Speichel auf seine Augen, legte seine Hände auf ihn und fragte ihn: ,Siehst du etwas?‘" Der Blinde blickte auf, musste aber zugeben, dass er die Menschen nur wie wandelnde Bäume erkannte. Daraufhin legte Jesus abermals die Hände auf seine Augen. Da endlich konnte der Blinde alles scharf erkennen (Markus 8, 22-25).
Zigfach, hundertfach heilte Jesus in Gottes Namen Menschen, indem er ihnen die Hände auflegte. Schon in der Anfangszeit seines öffentlichen Auftretens, in jener Zeit, als er in der Synagoge von Kafarnaum in Galiläa predigte, fiel er mit dieser Fähigkeit auf. Und das ging weiter so bis zu seiner Verhaftung, als er das im Handgemenge abgeschlagene Ohr eines Tempelpolizisten im Nu wieder anheilte.
Mehr als Placeboeffekte?
Heilung durch Handauflegung: für Christen eine akzeptable Vorstellung? Jedenfalls bewegen sie sich theologisch und medizinisch nicht automatisch in Fantasiewelten, wenn sie an diese Möglichkeiten glauben. Medizinern ist bekannt, dass bei jeder Heilung der Placeboeffekt beteiligt ist, unabhängig von der Art der Therapie. Was der Therapeut sagt, wie er es sagt, welches Vertrauen er im Patienten zu wecken vermag, dies alles sind vielfach unterschätzte Mitursachen der Genesung.
Neben diesem medizinischen Aspekt gibt es auch einen sprachlichen, einen literarische Hintergrund der biblischen Heilungsgeschichten. Sie haben ein erklärtes Ziel: Menschen zum Glauben zu führen, "dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes". Einem pauschalen Heilungsglauben haben Christen deshalb nie angehangen. Schon die Bibel geht mit Heilungswundern äußerst skeptisch um, sei es, dass die Jünger über Jesu Wundertaten den Kopf schütteln, sei es, dass sie bei eigenen Heilungsversuchen kläglich versagen (Markus 9, 14-29).
Heilung durch Handauflegung? Sie ist für Christen akzeptabel, wenn sie sich weder als magisches Geschehen versteht noch als Ersatz für notwendige medizinische Betreuung, sondern als Unterstützung der Selbstheilungskräfte durch Zuwendung und Gebet. Ein gesundes Maß an christlicher Skepsis gehört aber allemal dazu, so wie sie Paulus zeigte: Er versagte sich selbst jedes Wunderwirken und kritisierte ironisch all die Jesusanhänger, die mit Empfehlungsschreiben über ihre eigenen Heilungstaten prahlten. Sein Kurzkommentar, ganz auf der Linie Jesu: Ihr seid stark, ich bin schwach. (1.Korintherbrief 4, 10)
Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.






Kommentare
Handauflegung
Hallo,
ich bin theologisch interessierter Laie. Ich bin über Bonhoeffer zu Luther gekommen und denke das ich damit einen guten Einstieg in die Theologie gefunden habe. Zunächst ist zu sagen, daß ein einzelner Christ niemals die Vollmacht haben kann, die Jesus hatte, denn Jesus war Gottes Sohn. Wenn Jesus mit hörbarer Stimme Menschen in die Nachfolge rief, dann war das ein sakraler Akt, denn es war nicht nur des Zimmermanns Sohn Jesus, der da rief, sondern der Christus. Bonhoeffer hat das in seinem Buch "Nachfolge" ausführlich herausgearbeitet, daß eine Handlung des irdischen, sichtbaren Jesus einem Sakrament der heutigen Kirche, in der Jesus gegenwärtig ist, entspricht. Der Ruf in die Nachfolge durch den sichtbaren Jesus hat seine Entsprechung in dem Sakrament der Taufe, das durch die Kirche verwaltet wird. Natürlich wird ein Mensch von einem Einzelnen getauft, aber der handelt ja im Auftrag der Kirche und somit im Auftrag Gottes.
Auch bei der Salbung der Kranken, die im Jakobus-Brief erwähnt wird, handelten die Einzelnen (Älteste) im Auftrag der Kirche.
Man muß einfach verstehen, daß Werke, die Jesus tat, nicht auf einen einzelnen Christen übertragbar sind, sondern nur auf die Kirche, den die Kirche ist der Leib Christi. Das bei Freikirchlern übliche "Gott segne Dich" kann man auf keinen Fall mit der Segnung der Kinder durch Jesus vergleichen. Die Segnung der Kinder durch Jesus entspricht der Kindertaufe.
Jedes Gebet um Heilung sollte auch von einer persönlichen Beichte begleitet sein, denn sonst ist das Gebet um Heilung eine Farce (siehe das Buch Predigten, Auslegungen, Meditationen von Otto Dudzus, Predigt: "Ich bin der Herr, dein Arzt").
Gruß, Brändlein
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