Jesus Christus - Wahrer Mensch und wahrer Gott

Sandalen

Foto: Michael Ondruch

Religion für Einsteiger - Als Marie Madeleine Cinquin wuchs sie auf. Ihr Vater, ein wohlhabender französischer Kaufmann, starb, als sie sechs war. Ausgelassen erlebte sie die zwanziger Jahre. Doch mit 23 ging sie ins Kloster, unterrichtete in Tunesien, im Libanon und Ägypten höhere Töchter und Diplomatenkinder.

Von Burkhard Weitz

Mit 63 Jahren zog sie in eine Hütte nahe einer Kairoer Mülldeponie und gründete eine Schule. Sie war 85, als sie nach Frankreich zurückkehrte. Mitte Oktober 2008 starb sie fast hundertjährig, inzwischen von vielen Franzosen als eine Art Heilige hoch verehrt.Ein Leben in der Nachfolge Jesu, so nennen Theologen den Weg, für den sich Schwester Emmanuelle entschieden hatte. Wie die Jünger, die vor 2000 Jahren Jesus nachfolgten, lebte auch sie: "arm wie der Ärmste, gering geachtet wie der geringe Mann aus dem Volke", schrieb der dänische Existenzphilosoph Søren Kierkegaard (1813-1855). Als Christ müsse man "mit Jesus gleichzeitig werden", hatte Kierkegaard gefordert. Denn wer diesem Jesus aus Galiläa, diesem Jesus von damals begegne, könne unmöglich sein selbstzufriedenes bürgerliches Leben fortführen.

Unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert

Jesus sei wahrer Mensch und wahrer Gott, formulierten die Bischöfe auf dem Konzil zu Chalkedon (451 n. Chr.) und erklärten dazu: Jesu "göttliche und menschliche Natur" seien unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert. Natürlich kann so ein Konzilsbeschluss falsch sein. Trotzdem lohnt es sich, ihn in heutige Sprache zu übertragen. Vielleicht kann man ja etwas daraus lernen.

Wie man sich Jesus vorstellt, so lässt sich die Lehre von Chalkedon übersetzen, kann verschieden sein. Man kann in ihm das menschliche Vorbild sehen oder den göttlichen Helfer und Erlöser. Das Konzil von Chalkedon hieß beide Jesusbilder gut, und damit auch verschiedene Konsequenzen, die man daraus als Christ zieht.

Schwester Emmanuelle hat, wie die Jünger, dem Menschen Jesus von Nazareth nachgeeifert. Das Neue Testament erzählt aber auch von Kranken, Bettlern und Sündern, die Jesus anflehten: "Sohn Gottes, erbarme dich." Ihnen wandte sich Jesus zu und sagte: „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid."

"Wahr' Mensch und wahrer Gott, / hilft uns aus allem Leide / rettet von Sünd' und Tod", heißt es in dem Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen". Man kann Jesus wie ein Bettler begegnen, der nichts in der Hand hat. Oder wie ein Sünder, der sein Versagen zugibt und um Vergebung bittet. Wer seinen Glauben so versteht, mag mit sich und anderen nachsichtiger umgehen - auch ohne dass er seine ethischen Grundsätze relativiert oder abschwächt.

Kein Mischwesen aus Gott und Mensch

Das Konzil von Chalkedon unterschied beide Jesusbilder scharf: Jesus sei kein Mischwesen aus Gott und Mensch, heißt es. Gott und Mensch müsse man deutlich voneinander unterscheiden. Trotzdem besteht die Konzilslehre darauf, dass sich beide Seiten Jesu nicht auseinanderdividieren lassen. Auch beide Weisen, Jesus zu begegnen, gehören ja untrennbar zusammen. Schwester Emmanuelle sah sich selbst nie als Heilige. Umgekehrt kann der schlimmste Verbrecher sich edel verhalten und ein eindrucksvolles Vorbild in Sachen Christusnachfolge abgeben.

Heute empfinden viele Menschen die Forderungen, seinen Nächsten und seine Feinde zu lieben, als Ding der Unmöglichkeit. Viele Theologen deuten daher die Lehre von Chalkedon anders als Christen in der Antike. Sie sagen, in Jesu Ethik zeige sich nicht nur das menschliche Vorbild, aus ihr spreche Gott selbst. Sie meinen: Nicht ein Mensch hat sich diese Liebesforderung ausgedacht, sondern sie ist universell, sie gilt immer und überall - auch wenn sie kaum einzulösen ist.

Viele Menschen können heute wenig damit anfangen, dass ein allmächtiger, ferner Gott ihr Leid lindern könne. Theologen betonen daher: Gerade als Mensch ist Jesus uns nahegekommen. Gerade weil ihm kein Leid fremd war und weil er sich mit unserem Leid solidarisierte, ist er uns zum Helfer und Erlöser geworden. Man kann die Lehre von Chalkedon gerne umdeuten, ihre Formel "Wahrer Gott und wahrer Mensch" ist nach wie vor hilfreich. Für Christen bleibt Jesus auch heute noch beides: Vorbild und Erlöser.


Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.

Kommentare

Verfasst von Gast am 21. Dezember 2009 - 20:56.

RE: Wahrer Mensch und wahrer Gott

Es ist schon wichtig, dass Jesus auch Gott ist. Wenn nicht, müsste das...

Es ist schon wichtig, dass Jesus auch Gott ist. Wenn nicht, müsste das Christentum grundlegend umgedeutet werden.
Interessant dazu ist auch die Sicht von Jürgen Moltmann: Gott ist gleich Gott, oder etwa nicht ?
Hier: http://theolounge.wordpress.com/2007/05/06/gott-ist-gleich-gott-oder-etw...

Verfasst von Gast am 5. März 2010 - 2:59.

Jürgen Moltmann

Mir gefällt, wie Jesus und Gott der Vater zueinander stehen. Ich habe eine...

Mir gefällt, wie Jesus und Gott der Vater zueinander stehen. Ich habe eine Verbesserung geschrieben, wie Gott sich uns zeigt.

Verfasst von Gast am 11. Dezember 2009 - 22:52.

RE: Wahrer Mensch und wahrer Gott

Ich habe nur eine Verständnisfrage: Soll das hier tatsächlich das sein, was...

Ich habe nur eine Verständnisfrage: Soll das hier tatsächlich das sein, was jemand, der neugierig auf den christlichen Glauben ist, auf dem offiziellen Internetportal der evangelischen Kirche über die Gott-Menschlichkeit Jesu Christi erfähr? Der obige Beitrag gibt doch hoffentlich nicht die Lehre der evangelischen KIrche zu dieser Frage wieder, oder?

Verfasst von Gast am 19. November 2009 - 14:27.

RE: Wahrer Mensch und wahrer Gott

Auch ich muss dem Kommentator "Gast" von der Tendenz her Recht geben: Das, was...

Auch ich muss dem Kommentator "Gast" von der Tendenz her Recht geben: Das, was Sie da angeblich zur Verdolmentschung des alten Dogmas ausführen, ist eher eine Verschleierung, die offen lässt, worauf Sie eigentlich hinaus wollen.

Sicherlich lohnt es sich, die alten Dogmen in heutige Sprache zu übertragen. Dann sollte man aber etwas sorgfältiger mit der Sprache umgehen, denn das ODER im folgenden Zitat übersetzt die Intention des Chalcedonense ganz sicher nicht richtig:

"Wie man sich Jesus vorstellt, so lässt sich die Lehre von Chalkedon übersetzen, kann verschieden sein. Man kann in ihm das menschliche Vorbild sehen oder den göttlichen Helfer und Erlöser. Das Konzil von Chalkedon hieß beide Jesusbilder gut, und damit auch verschiedene Konsequenzen, die man daraus als Christ zieht."

Gemeint ist dagegen: „Wahr' Mensch und wahrer Gott". Das betonen Sie auch gegen Ende des Artikels noch einmal, dann können Sie vorher aber nicht mit ODER argumentieren.

Sascha Lohmann

Verfasst von Gast am 19. November 2009 - 17:14.

RE: RE: Wahrer Mensch und wahrer Gott

Geschenkt. Natürlich hätte man an der Stelle auch ein "und...

Geschenkt. Natürlich hätte man an der Stelle auch ein "und" statt des "oder" einsetzen können. Dennoch: Der letzte Satz des Beitrags lässt keinen Zweifel, dass das "oder" nicht als ausschließende Alternative, sondern ein beide Möglichkeiten einschließendes "oder" gemeint ist. Dort steht nämlich unmissverständlich: "Für Christen bleibt Jesus auch heute noch beides: Vorbild und Erlöser."

Burkhard Weitz

Verfasst von Gast am 19. November 2009 - 13:03.

RE: Wahrer Mensch und wahrer Gott

Schade, dass sie kaum ein Wort darüber verlieren, was Christen seit 2000 Jahren...

Schade, dass sie kaum ein Wort darüber verlieren, was Christen seit 2000 Jahren von Jesus glauben und bekennen, weil es die Bibel so bezeugt: Nämlich, dass Jesus tatsächlich wahrer Gott und Mensch IST! Das sind keine Denkmodelle oder beliebige Bilder, die man sich aneignen kann oder es lassen kann - jedenfalls nicht, wenn man Christ sein will.
Es enttäuscht mich sehr, dass Sie hier eine Solche postmorderne Soße präsentieren! Können oder wollen sie die Menschen nicht mehr auf dass Fundament führen, dass uns allein retten kann? - Gott wurde in Jesus Christus Mensch und trug unsere Sünden an das Kreuz, so dass wir vor Gott gerecht dastehen, wenn wir unser Vertrauen auf DIESEN Jesus setzen.
Es wird Zeit für einen neue Reformation in der Evangelischen Kirche: Zurück zum WOrt!

Verfasst von Gast am 19. November 2009 - 17:11.

RE: RE: Wahrer Mensch und wahrer Gott

Den Kommentar verstehe ich nicht. Wo bestreitet der Autor dieses Artikels, dass...

Den Kommentar verstehe ich nicht. Wo bestreitet der Autor dieses Artikels, dass Jesus wahrer Gott und Mensch sei? Er erklärt doch nur, wie man diese Aussage verstehen kann.

Burkhard Weitz

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