Leben als Geschenk - Geht es nicht auch ohne Gnade?

Religion für Einsteiger - Ein junges Paar will heiraten und besucht den Pfarrer. Der fragt nach der Begrüßung: "Haben Sie sich schon einen Trauspruch ausgesucht?" - "Ja, eigentlich schon...", sagt die Frau "aber..." Der Mann unterbricht sie: "Eigentlich geht der nicht!" - "Doch", widerspricht die Frau, "der muss gehen!"

Von Reinhard Mawick

Sie hatten sich einen Vers aus dem 54. Kapitel des Buches Jesaja ausgesucht: "Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, spricht der Herr, dein Erbarmer." "Wo liegt das Problem?", fragt der Pastor. Der Mann sagt, das mit der "Gnade" müsse ja nicht sein. "Da muss ich immer an einen König denken, vor dessen Thron ein Strauchdieb gezerrt wird, und der König lässt 'Gnade vor Recht' ergehen und schlägt dem Dieb nur eine Hand ab statt beider."

Das Wort Gnade hat keine Konjunktur in dieser Zeit. Es klingt schwächlich. Heute wollen die Menschen souverän sein, allenfalls selbst einmal Gnade gewähren, aber nicht auf die Gnade anderer angewiesen sein. Aber: "Gnade" ist ein, wenn nicht sogar das Hauptwort der christlichen Tradition. Ein Unwort für moderne Menschen?

Besonders in der Theologie des Apostels Paulus spielt "Gnade" (griechisch: charis) die überragende Rolle: Einhundert Mal kommt es in den Briefen dieses Apostels vor, nur halb so oft im ganzen übrigen Neuen Testament. Immer wieder schärft Paulus ein: Dass wir leben können und dürfen, ist ein reines Geschenk der Gnade Gottes. In polemischer Abgrenzung gegen das zeitgenössische Judentum mit seinem Opferkult behauptete der rastlose Apostel: Gnade ist ein Geschenk.

Wir können Gott nicht gnädig stimmen

Wir können nichts, rein gar nichts selbst dazu beitragen. Wir können Gott nicht gnädig stimmen, zum Beispiel durch Opfer, sondern wir empfangen alles aus der Güte Gottes. Sehr prägnant hat Paulus das im Ersten Korintherbrief (4, 7) formuliert: "Was hast du (Mensch), das du nicht empfangen hättest? Und hast du es empfangen, was rühmst du dich wie einer, der nicht empfangen hat?"

Immer wieder gab es in der Kirchengeschichte seither Auseinandersetzungen darüber, was es mit dem Empfang der göttlichen Gnade auf sich habe. Ob man nicht doch etwas tun müsse, damit die Gnade wirken könne? Ob man nicht den übergroßen, allmächtigen Gott doch durch gute Werke gnädig stimmen müsse, quasi als Zünglein an der Waage, um Gnade für sein Leben zu erlangen? Den jungen Mönch Martin Luther quälte die Frage sehr: "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" Die Kirche seiner Zeit bot Ablassbriefe an und "verkaufte" so ewiges Seelenheil.

Daran konnte und wollte Luther nicht glauben. Nach langen inneren Kämpfen kam der junge Mönch zu der erlösenden Erkenntnis: Er muss sich den gnädigen Gott nicht verdienen, im Gegenteil: Gott ist gerade dem Sünder gnädig, dem Menschen, der unvollkommen ist.

Leben aus Gnade

In der Moderne verliert Luthers Antwort an Strahlkraft, denn die Frage nach dem "gnädigen Gott" wich zwei anderen Fragen. Erstens: Gibt es Gott? Wer diese Frage, aus welchen Gründen auch immer, für sich verneint, steht sogleich vor der zweiten Frage: "Was ist der Sinn meines Lebens?" Die meisten modernen Menschen haben den Ehrgeiz, den Sinn ihres Lebens selbst zu "machen" und zu bestimmen. Selbstbestimmung gilt durchweg als positiver Begriff. Ein Leben aus Gnade scheint diesem Lebensgefühl entgegenzustehen. Das ist der Grund, weshalb der Bräutigam auch das Bibelwort der Gnade als Trauspruch ablehnte. Hat er Recht?

Viele religiöse Begriffe scheinen heute überholt zu sein. Aber in Wirklichkeit kommt es darauf an, ihren tiefen, eigentlichen Gehalt neu zu erschließen. Gelingt dies, dann hat religiöse Sprache auch den Menschen etwas zu sagen, die von sich meinen, Religion sei für sie ohne Bedeutung.

Das Wort Gnade steht so für eine Grunderfahrung menschlichen Lebens: Das, wovon wir eigentlich leben, können wir weder kaufen, herstellen noch verdienen - nicht die Liebe noch die Freundschaft, nicht die Anerkennung noch Vergebung anderer Menschen. Die elementare Erfahrung, dass uns das Wesentliche im Leben geschenkt wird, ist der Kern der christlichen Rede von der Gnade.

Erfahrungen der Abhängigkeit und Fremdbestimmung macht jeder Mensch, egal aus welcher Tradition er kommt. Natürlich kann er sie auch als reinen Zufall oder als Schicksal beschreiben. Christen glauben, dass sie aus Gnade leben. Mögen da Berge weichen oder Hügel fallen. 


Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.

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