Müssen Christen bessere Menschen sein?

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Foto: Michael Ondruch

Religion für Einsteiger - Es ist eine moralische Regel, über die man nur staunen kann: Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin. Diese Regel aus der Bergpredigt Jesu scheint alle herkömmliche Moral zu überbieten.

Von Reinhard Mawick

Sätze wie dieser nähren die Auffassung, dass Christen eine Art Sonderethik haben, sich also auf ethisch höherem Niveau als Nichtchristen bewegen. Die weiße Weste: bei ihnen der Normalfall?

Immer wieder hat es in der Geschichte des Christentums Gruppen gegeben, die besonders viel Wert auf ein ethisch makelloses Verhalten legten. In der Alten Kirche zögerten deshalb viele Menschen die Taufe möglichst lange heraus, weil sie sich vorstellten, man dürfe als Getaufter nicht mehr sündigen, sonst komme man direkt in die Hölle. Im Mittelalter wuchs die Angst der Menschen vor schrecklichen Höllenstrafen, und der Ablasshandel, den die Kirche seit Beginn des 16. Jahrhunderts betrieb, machte daraus ein Geschäft: Gegen die Zahlung von Geld, so die Verheißung, könne zwar nicht die Schuld an sich getilgt, wohl aber die Dauer der Qualen in der Hölle verkürzt werden.

Gnädiger Gott statt verkürzter Höllenqualen

Martin Luther stellte die christliche Ethik auf eine neue Grundlage. In seiner Lehre von der Rechtfertigung des Gottlosen hob der Reformator den biblischen Gedanken hervor, dass Gott allein und zwar aus Gnade die Sünden der Menschen vergeben könne und dass deren Werke dafür bedeutungslos seien. An die Stelle der starren Regeln einer Gerechtigkeit nach den Werken trat die Hoffnung der Gläubigen auf einen gnädigen Gott.

Es gab sogar Lutheraner, die behaupteten, gute Werke seien schädlich. Gegen die­se Radikalen entwickelte Luther eine Ethik, die stark auf das Gewissen des Einzelnen setzte. Denn die biblischen Gebote blieben natürlich auch für die Reformatoren zent­ral. Aber sie entkoppelten ihre Erfüllung von der Frage nach dem Seelenheil. Martin Luther war überzeugt, dass der Glaube ein so „geschäftig, tätig, mächtig Ding" sei, dass er automatisch gute Werke hervorbringe. Er wollte sie aber aufgrund seiner Überzeugung von der Rechtfertigung sola gratia (allein aus Gnade) nicht mit der Frage nach dem Seelenheil verknüpfen.

Deutlich anders sah das die andere große Konfession der Reformation, der wesentlich auf Johannes Calvin zurückgehende reformierte Protestantismus. Calvin lehnte die starke lutherische Trennung zwischen Glauben und Alltagsethik ab. Die reformierten Gemeinden achteten sehr genau auf den Lebenswandel ihrer Mitglieder. Wichen sie vom rechten Weg ab, wurden sie der Kirchenzucht unterworfen, bei schweren Vergehen sogar bestraft. Die reformierte Kirchenzucht, also die Befolgung christlicher Grundsätze im Alltag, diente keinesfalls nur der Kontrolle des persönlichen Lebenswandels, sondern auch des öffentlichen Lebens. Während das Luthertum die politische Sphäre praktisch in ihrer Eigengesetzlichkeit beließ, galten im reformierten Protestantismus die ethischen Maßstäbe des Evangeliums auch für die Herrschenden. Der Calvinismus entwickelte sogar eine Lehre vom Recht auf Widerstand, die wesentlich zur Ausbildung des modernen, demokratischen Rechtsstaats beitrug.

Biblische Maximalforderungen

Heute gehören beide ethischen Konzepte eng zusammen. Nach evangelischem Verständnis kommt dem ethischen Verhalten des einzelnen Christen sehr wohl eine hohe Bedeutung zu, auch wenn Gott aufgrund des Verhaltens kein Urteil über den Menschen an sich fällt. Gottes Wille aber darf nicht aus dem täglichen Leben herausgehalten werden, sondern soll die Richtschnur für Christen sein. Zwar mag es schwer sein, biblische Maximalforderungen, zum Beispiel aus der Bergpredigt, im täglichen Leben konsequent zu praktizieren, doch die Auseinandersetzung mit ihnen schärft das eigene Gewissen.

„Seid vollkommen, wie auch Euer Vater vollkommen ist" - mit dieser Forderung Jesu schließt die Bergpredigt im Matthäus­evangelium. Dieser Forderung wird ein Mensch niemals völlig entsprechen können. Doch neben ihr steht der biblische Grundsatz, dass Gott den Menschen nicht aufgrund seiner Werke beurteilt, sondern als eigenständige Person jenseits seiner Taten und Untaten.


Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.

Kommentare

Verfasst von Gast am 17. September 2011 - 21:52.

Wer die Gnade (Liebe) Gottes

Wer die Gnade (Liebe) Gottes einmal erlebt hat, der wird zu einem anderen...

Wer die Gnade (Liebe) Gottes einmal erlebt hat, der wird zu einem anderen Menschen.(Römerbrief)

Verfasst von Gast am 4. November 2010 - 16:54.

Kirchenzucht

Gibt es heutzutage noch Kirchenzucht? Nur bei Skandalen. Ansonsten ist der...

Gibt es heutzutage noch Kirchenzucht? Nur bei Skandalen. Ansonsten ist der Kunde König. Und der König will nicht der Kirchenzucht unterstehen. Ganz abgesehen davon, dass Kirchenzucht sowieso eine prekäre Sache ist, selbst da wo sie angebracht wäre. Selbst die römische-katholische Kirche kann nur in der Theorie Kirchenzucht üben oder in eklatanten Einzelfällen, aber der Normalfall besteht darin, dass Kirchenrecht und Praxis auseinanderklaffen. Im Gemeindealltag bringt man fast alle Pfarrer unter Appell an ihr seelsorgerliches Gewissen dazu, gute Miene zu jedem Spiel zu machen.

Verfasst von Gast am 19. September 2010 - 19:46.

Sind Christen bessere Menschen als andere?

Wenn Christen dies meinen, dann sind sie es aber nur in ihren eigenen Augen....

Wenn Christen dies meinen, dann sind sie es aber nur in ihren eigenen Augen. Müssen nicht gerade die, die sich für etwas Besseres halten, ihr Christsein ernsthaft in Frage stellen? Denn sie sind Menschen, die nicht länger aus eigener Kraft leben, aus eigener Anklage oder Rechtfertigung. Sie leben aus Gottes Urteil und Vergebung.Kein Christ ist ein solcher, nur weil er sich dafür hält – ebenso wie niemand besser ist, nur weil er sich für besser hält!
Nicht unser Urteil oder unsere Einschätzung sind wichtig,denn dies kommt allein Gott zu. Sein Urteil und Seine Vergebung sind die Basis des Christseins.
Sind Christen bessere Menschen? Absolut nein!Wenn sie allerdings Gottes Urteil über sich annehmen und Sein Angebot der Vergebung, sind sie zwar nicht besser,aber vielleicht besser dran!

gez.Antje

Verfasst von Gast am 17. November 2009 - 1:34.

RE: Müssen Christen bessere Menschen sein?

Da muss ich meinem Vorredner aber widerprechen: Angesichts des modernen...

Da muss ich meinem Vorredner aber widerprechen: Angesichts des modernen Perfektionswahns gibt es nichts, was so aktuell sein könnte, wie die Rechtfertigungslehre. Sie ist das beste, was wir haben. Und die Frage, ob Christen bessere Menschen sein müssen oder nicht, beantwortet sich von ihr her. So wie das Evangelium nur recht verständlich wird, wenn man es von Paulus her liest.

Verfasst von Gast am 16. November 2009 - 21:31.

RE: Müssen Christen bessere Menschen sein?

Ist ja ein ganz netter Artikel zur Rechtfertigungslehre, aber ob die Christen...

Ist ja ein ganz netter Artikel zur Rechtfertigungslehre, aber ob die Christen nun bessere Menschen sind oder sein müssen wird nicht ausführlich behandelt, kaum gestreift.

Und so wird ein Mythos im Raum stehen bleiben, nämlich der, daß sich Christen für bessere Menschen halten, die alleine in der Lage sind, Werte z haben während alle "Gottlosen" schlechte Menschen sein müssen.

Solchen unchristlichen Vorstellungen zu begegnen wäre hier angebracht gewesen, statt dessen wird die Rechtfertigungslehre wieder afgewärmt, die heute nicht mehr so das Problem ist wie damals...

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