Religion für Einsteiger - Ein Totenkopf, in Glyzerin eingelegte Schlangen, ein Modell der Arche Noah mit Maßangaben: 137 Meter lang, 23 Meter breit, 13 Meter hoch. Diese Ausstellungsstücke im Museum für Schöpfung und Weltgeschichte, San Diego/USA, sollen beweisen, dass alles so geschehen sei, wie es die Bibel beschreibt.
Von den sechs Tagen Schöpfung bis zur Sintflut. Neben der Arche hängen Bilder von Giraffen, Straußenvögeln und zwei Stegosauriern. "Wir informieren die Welt, wie das Leben wirklich entstand", behauptet Museumsgründer Henry Morris.
Leute wie Morris leiden unter der Evolutionstheorie. Sie mögen sich nicht vorstellen, dass ihre Vorfahren einst auf Bäumen hockten, behaart und mit grauer Visage. Gewiss, die Geschichte der neuzeitlichen Naturwissenschaft liest sich wie eine Folge von Kränkungen der menschlichen Eitelkeit. Dass die Erde nicht Mittelpunkt des Alls sei, sondern irgendwo im Nichts schwebe, schockierte die Menschheit im 17. Jahrhundert. Kaum war die Lektion verdaut, hieß es, der Mensch stamme vom Affen ab. Ausgerechnet vom Affen!
Atheistisch und gottfeindlich sei die Evolutionstheorie, behaupten Kreationisten, die fundamentalistischen Anhänger der Schöpfungslehre. Sie übersehen dabei, dass sich Schöpfungslehre und Evolutionstheorie keineswegs widersprechen, sondern ergänzen. Naturwissenschaftler haben unsere mythische Sicht der Dinge entzaubert. Sie haben entdeckt, dass sich im Laufe von Jahrmilliarden aus Einzellern die Vielfalt der Arten entwickelt hat, durch Anpassung an unterschiedliche Lebensräume.
Schöpfung im Wissenshorizont der Zeit
Trotzdem geht für uns weiterhin jeden Morgen die Sonne auf - auch wenn sie sich nicht um die Erde dreht. Trotzdem treiben uns die großen Themen der Religionen um: Geburt und Sterben, Liebe und Hass, Schuld und Vergebung. Allen Erkenntnissen über Dinosaurier und Neandertaler zum Trotz. Selbst wenn die Evolutionstheorie fehlerhaft sein sollte, wie Kreationisten behaupten, gibt es keinen Grund, zur biblischen Erklärung zurückzukehren. Die Bibel vertritt nämlich keine einheitliche Lehre zur Weltentstehung.
Im ersten Buch Mose stehen sogar gegensätzliche Schöpfungsberichte nebeneinander. Im ersten Bericht (1. Mose 1 bis 2, 4) schafft Gott erst Pflanzen und Tiere und zuletzt die Menschheit (hebräisch: adam). Im zweiten (1. Mose 2, 5-25) schafft Gott erst einen Mann mit Namen Adam, dann Tiere und zuletzt eine Frau, Eva. Beide Schöpfungsberichte referieren den Wissenshorizont ihrer Zeit. Das zeigt ein genauer Blick auf den ersten Bericht. Ganz wie im babylonischen Schöpfungsepos Enuma Elisch wird hier zuerst das Licht erschaffen, dann Himmelswölbung, Meer, Land, Pflanzen, Gestirne, Wasser- und Flugtiere, Landtiere, zuletzt die Menschheit.
Die Autoren folgten den Theorien der Babylonier. Zu ihrer Zeit war Babylon eben die führende Wissenschaftsmacht. Wenn Theologen heute über die Schöpfung schreiben, folgen auch sie den Lehren unserer Zeit, also der Evolutionstheorie. So lehrte bereits der Jesuit und Paläontologe Teilhard de Chardin (1881 bis 1955), dass sich in der Evolution das schöpferische Wirken Gottes zeige.
Religionen suchen nach Sinn und Zweck des Lebens
Die biblischen Autoren übernahmen die Theorien der babylonischen Gelehrten. Doch sobald es um religiöse Fragen ging, hatten sie ihren eigenen Kopf. Laut Enuma Elisch entstand mit der Welt auch der babylonische Festkalender. Die Bibel kontert, Gott schuf die Gestirne zur Bestimmung aller Feste (1. Mose 1, 14), auch der jüdischen. Auch in der Moderne gibt es weltanschaulich zweifelhafte Schlussfolgerungen aus wissenschaftlichen Erkenntnissen. Vertreter der Rassenlehre im 19. Jahrhundert behaupteten, dem Stärkeren stehe im Überlebenskampf zu, Schwächere an den Rand zu drängen. Dem widersprach unter anderen der Jesuit Teilhard de Chardin: Zur Evolution gehöre auch die Entwicklung der Humanität.
Naturwissenschaftler analysieren Wirkweisen, Religionen suchen nach Sinn und Zweck des Lebens. Bereits der antike Philosoph Aristoteles unterschied zwischen Wirk- und Zweckursache. Wenn ein kinderloses Paar fragt: "Warum können wir keine Kinder bekommen?", forscht ein Mediziner nach der Wirkursache. Er stellt eine Diagnose, um den Eltern zu helfen. Bleibt das Paar trotzdem kinderlos, bekommt die Warum-Frage eine neue Richtung. "Welchen Sinn hat es, dass wir keine Kinder bekommen?" Fragen nach Zweckursachen sind oft Lebensfragen, religiöse Fragen.
Die jüdisch-christliche Tradition befasst sich mit Lebensfragen. Sie überliefert Antworten früherer Generationen. Deren Schöpfungsgeschichten sagen, die Welt sei aus der Liebe Gottes hervorgegangen. Alles, was geschieht, habe eine hintergründige Bedeutung, also einen Sinn. Die Fragen von Glaube und Naturwissenschaft sind so unterschiedlich, dass sich ihre Antworten nicht wirklich widersprechen können.
Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.






Kommentare
Schöpfung und Evolution
Mit Interesse habe ich Ihren Bericht gelesen. Wenn ich also auf den ersten Seiten der Bibel, der Schöpfungsgeschichte, bereits annehmen muss, dass sie falsch sind, kann ich ja den Rest der Bibel auch getrost und weise lächelnd weglegen… Wie soll ich denn glauben, dass der gekreuzigte Jesus nach drei Tagen auferstanden ist? Ist denn die Evolutionstheorie bewiesen? Wie kann die Entstehung von Leben mit der ganzen DNA von Milliarden von Erbinformationen per Zufall, aus einem rieseigen Knall, entstanden sein?
Da fällt es mir eneorm leichter, der Bibel mit seiner einfachen Erklärung …Gott schuf Himmel und Erde… ernst zu nehmen.
Willi Nänni
Och nö, nicht schon
Och nö, nicht schon wieder.
Weder widersprechen sich biblischer Schöpfungsbericht und moderne Evolutionstheorie, noch "ergänzen" sie sich, wie es wohlmeinenden, modernen Theologen immer wieder herausrutscht. Sie sind nämlich ein und dasselbe. Der Grundgedanke der Abstammung reicht bis ins Altertum zurück, bei den Äyptern war er gängig und in den meisten alten Kulturen stammt der Mensch von Tierwesen ab. Evolution ist nicht so modern wie man immer denkt. Der Genesisautor nennt das Schöpfungsgeschehen rückblickend einen Stammbaum (=Toledot). Es gibt auch keinen zweiten Schöpfungsbericht, auch wenn sich diverse hysterisch-kritisch angehauchte Ausleger redlich bemühen, uns das weis zu machen. In Wirklichkeit ist die Geschichte von Adam und Eva nichts anderes als die Fortsetzung der Schöpfungsgeschichte. Es ist die Erzählung vom Neolithischen Wandel, der erwiesenermaßen im in der Genesis beschriebenen Gebiet im Fruchtbaren Halbmond stattfand. Es wäre auch ganz interessant, wenn ich endlich mal erfahren dürfte, woher die verbreitete Ansicht rührt, die biblische Schöpfungsgeschichte sei mehr oder weniger vom Enuma Elisch kopiert worden. Es sind 2 Texte, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein unvoreingenommener Blick auf beide zeigt die vielen Unterschiede. Wer da "eindeutige Parallelen" sieht, der sieht überall welche. Solche an den Haaren herbeigezogene "Übereinstimmungen" lassen sich mit etwas Fantasie bei allen Texten der Welt finden. Das sagt doch ÜBERHAUPT NICHTS aus! Ein Zusammenhang lässt sich nur herstellen, wenn man sich die paar (dürftigen) Rosinen rauspickt und den Rest ignoriert. Und das sollten wir lassen, denn sowas ist 19. Jahrhundert und völlig überholt. Wir brauchen keine Dummheiten mehr.
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