Vorsehung, Schicksal, höherer Plan - Gibt es Zufälle?

Religion für Einsteiger - Ein Autofahrer muss auf der Autobahn rechts ranfahren. Der Tank ist leer. Wütend steigt er aus und versucht, andere Autos anzuhalten, um nach ihrem Reservekanister zu fragen. Doch die rasen an ihm vorbei. Mehreren Fahrern, die da an ihm vorbeizischen, wird ihre Eile zum Verhängnis. Sie geraten nicht einmal fünfhundert Meter weiter in eine Massenkarambolage. Einige rasen in den Tod, andere überleben schwer verletzt.

Von Eduard Kopp

Gibt es Zufälle? Das hängt wohl vom Betrachter ab. Dass ein Notarzt nicht zu den Hubschrauberpiloten in den Rettungshelikopter steigt, der später abstürzt, ist je nach Blickwinkel Zufall oder Schicksal. Zufall ist es auch, dass man zum richtigen Moment am richtigen Ort war, um den Partner fürs Leben zu treffen oder den idealen Arbeitgeber oder den gut informierten Börsenmann.

Zufall kann es sein, dass in einer Prüfung genau die Fragen gestellt werden, auf die man sich vorbereitet hatte. Oder dass man noch einmal zurück ins Haus musste, um etwas Vergessenes zu holen, und einen Kabelbrand entdeckte. Man kennt es aus der Esoterik-Szene: Welche seltsame Erfahrung ein Mensch auch macht, sie gilt als vorherbestimmt, als von einer höheren Instanz oder Macht gewollt. Es gibt überhaupt keine Zufälle, sagen die Wanderer durch die spirituellen Welten.

Alles, was ist und sich ereignet, hat tiefere Zusammenhänge und einen höheren Sinn. Es mag mit den Sternen oder Magnetfeldern zu tun haben, auf den Einflüssen eines Geistes oder dem Willen der Götter beruhen. Dass alles schicksalhaft vorherbestimmt sei, ist ein schlichte Behauptung. Sie rechnet die Freiheit des Menschen und die Möglichkeit ungeplanter Ereignisse einfach aus der Realität heraus.

Offenheit von Situationen

Auch wenn es nicht nach jedermanns Geschmack ist, dass wir selbst, dass unser Lebensweg, unsere Partnerwahl, unsere Karriere, unser Alltag teilweise Folge von Zufällen sind, führt kein Weg an der Einsicht vorbei: Es gibt Zufälle im Leben - und nicht eben wenige. Auch wenn es anstrengend ist: Man muss mit der Offenheit von Situationen umgehen lernen.

Das Christentum, von dem man doch eigentlich die Devise erwarten könnte: "Alles folgt einem höheren Plan", hat mit Zufällen weniger Probleme. Natürlich gibt es Auffassungen wie: "Ehen werden im Himmel geschlossen" (sie sind also nicht Produkt von Zufällen), und es gibt biblische Sätze wie: "Nicht ein Haar von eurem Haupte soll verloren gehen...", doch hat dies nicht mit einem allzeit und allerorts gültigen Plan Gottes zu tun, sondern mit der religiösen Auskunft: Kein Mensch ist Gott gleichgültig.

Zufälle, offene Situationen, die Pluralität des Lebens, die Chance und die Last der Freiheit: Sie gehören zum christlichen Glauben und Weltbild dazu. Warum? Ein allbestimmendes Schicksal oder eine allzuständige religiöse Instanz will Gott gar nicht sein. Er setzt auf die Freiheit der Menschen. Und: Religion ist zwar fürs Ganze, aber nicht für alles im Leben zuständig. Außerdem: Selbst wenn im Buch der Bücher der Begriff Zufall nicht vorkommt, heißt das noch nicht, dass es Zufälle nicht gibt. Die Bibel ist literarisch anders konzipiert als ein Überraschungsroman: In ihr kommt die Geschichte als Heilsgeschichte zur Sprache, als eine fortwährende Geschichte mit einem großen Ende.

Gottes Vorsehung bleibt ein Geheimnis

Was sich ereignet in der Bibel, wird rückblickend als Erfüllung alter Verheißungen und als Anzeichen bevorstehender großer Dinge dargestellt. Die Beschreibung von Zufällen hätte ihre eigene literarische Absicht, ihre Dramaturgie durchkreuzt. Warum hätten sie solche schildern sollen?

Religionssoziologen sagen heute: Gläubige Menschen können ungute Begebenheiten und Erfahrungen besser bewältigen, wenn sie sie als sinnvoll verstehen. Im Mittelalter ging die Argumentation genau andersherum: Je brutaler die Zeiten, je größer Armut und je verbreiteter die Gewalt, desto größer war das Bedürfnis der Menschen, die Zustände auf der Welt als zufällig, als sinnlos zu verstehen. Für mittelalterliche Theologen galt die ganze Schöpfung als "zufällig". Nach ihrer Vorstellung könnte die Welt auch ganz anders sein, sie könnte sogar überhaupt nicht sein. Denn entscheidend ist nicht, was man sieht, sondern was diese Welt möglich macht und was sie stützt: Gott.

Im christlichen Raum spricht man auch von der Vorsehung, nicht im Sinne einer Vorausschau, sondern göttlicher Fürsorge für die Menschen. Wie sie sich konkret äußert, bleibt ein großes Geheimnis. Selbst Gottes Zuwendung zu den Menschen hat etwas "Zufälliges", insofern Ursache und Maß der Gnade für die Menschen nicht berechenbar sind. Es gibt die klare Erwartung vieler Menschen, dass das Maß der Zuwendung alle Träume übertrifft. Nach welchen Regeln ihnen die Liebe zuteil wird: ein göttliches Geheimnis.


Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd><p><embed><param><object>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Du kannst andere Kommentare mit [quote]-Tags zitieren.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen