War Jesus ein gesetzestreuer Jude?

Religion für Einsteiger - Religionsunterricht in Norddeutschland. Es geht um das Leben Jesu. Die Lehrerin erzählt in einer siebten Realschulklasse, dass Jesus die religiösen Feste intensiv mitfeierte, so, wie es eben Brauch und Vorschrift im Judentum ist.

Von Eduard Kopp

Ein Zwölfjähriger sagt erst lange Zeit gar nichts. Dann springt er, von einer plötzlichen Einsicht gepackt, auf und ruft enttäuscht quer durch die Klasse: „Aber dann war Jesus ja Jude!" Die Lehrerin lächelt wissend. „Aber er war doch der erste Christ, oder nicht?", hakt der Schüler nach, „dann kann er doch gar kein echter Jude sein!" Dumm, dass ausgerechnet in diesem Moment die Pausenglocke läutet. Aber damit steht das Thema für die nächste Stunde bereits fest: War Jesus Jude? Oder war er doch eher Gründer einer Kirche und deshalb auf Distanz zum Judentum?

Er lernte bei Juden und lebte unter ihnen

Ruth Lapide, jüdische Theologin und Historikerin in Frankfurt, die über Jahrzehnte die Geschichte Jesu erforschte, äußerte einmal in einem Interview für Bibel-TV: „Jesus von Nazareth gehörte zeitlebens dem Judentum an. Die Jesusgeschichte ist eine jüdische Geschichte." Und sie untermauert ihre Analyse mit einer frappierenden Beobachtung: Fast nur Juden akzeptierten Jesus zu seinen Lebzeiten. In der Bibel sind nur ganz wenige Nichtjuden genannt, die diesem Mann Gehör schenkten - zum Beispiel der römische Hauptmann, der unter Jesu Kreuz stand und viel zu spät merkte, wen er da zu Tode quälte, oder eine Syrophönizierin, die um Hilfe für ihre kranke Tochter bat.

Wenn man die vermutlich drei Jahre des öffentlichen Wirkens durchsieht, findet man tatsächlich etliche Hinweise, die den Mann aus Nazareth als einen traditionsbewussten Juden kennzeichnen: Er ist beschnitten, lebt fast ohne Unterbrechung unter Juden. Er lernt bei jüdischen Schriftgelehrten (Rabbinern), geht zum Gottesdienst in den Tempel von Jerusalem und in die Synagogen des Landes. Seine öffentlichen Reden und Predigten richten sich ausschließlich an Juden.

Er wollte das Gesetz erfüllen, nicht aufheben

Er ist bestens vertraut mit den vielen religiösen Geboten des Judentums. Eines seiner markantesten Worte zum jüdischen Recht lautet: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht" (Matthäus 5,18). Aber es sind auch Bemerkungen und Verhaltensweisen von Jesus überliefert, die eine kritische Distanz zum jüdischen Gesetz erkennen lassen. Das zeigen vor allem die Sabbatkonflikte. Zum Beispiel heilt Jesus am Sabbat Kranke. Auch das jüdische Gesetz kennt einige Ausnahmen von der Pflicht zur Sabbatruhe, zum Beispiel im Fall von Lebensgefahr. Aber die kritischen Bemerkungen Jesu zum Sabbatgesetz gehen über diese erlaubten Ausnahmen hinaus.

Er toleriert außerdem, dass seine Anhänger gegen die Reinheitsvorschriften verstoßen (Markusevangelium 7,15). Auch beim Thema Ehescheidung nimmt er eine eigene Position ein, diesmal eine radikalere als im überlieferten Gesetz: Er kritisiert die zu leichten Ehescheidungen als gottwidrig. All dies ist für die Schriftgelehrten seiner Zeit ein Unding.

Gestorben am Kreuz unter der Aufschrift "König der Juden"

Er sprach und lehrte mit hoher Autorität. Er weckte in den Menschen die Hoffnung, dass in naher Zukunft ganz andere Verhältnisse herrschen würden, gerechte, freie, auch frei von der Unterdrückung durch die römische Besatzungsmacht, und dass er der Messias (Christus) sei, der sie auch politisch in diese neue Zeit führen werde. Jesus selbst hat nie den Anspruch formuliert, dieser Messias zu sein, doch seine Person und sein Wirken legten es nahe. Er „reinigte" den Tempel, das „Haus seines Vaters", von Geldwechslern, er starb am Kreuz mit der Aufschrift: „König der Juden".

Es sollte nach Jesu Tod allerdings noch Jahre dauern, bis eine namhafte Zahl von Gemeinden entstand, die sich nicht mehr aus Juden, sondern aus „Heiden" rekrutierten. In die biblischen Texte, die ebenfalls in dieser Zeit entstanden, gerieten zunehmend antijüdische Töne hinein. Auch dies ist ein Grund dafür, dass manchmal der Eindruck entsteht, Jesus hätte radikal mit seinem jüdischen Glauben gebrochen. Doch er war ein Jude, der vor allem von Juden geliebt wurde, auch wenn er nicht jedes Tüpfelchen der religiösen Gesetze respektierte.


Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.

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