Warum gehen Teenager zur Konfirmation?

Schwarze Pumps im Karton

Foto: iStockphoto

Religion für Einsteiger - Der blaue Anzug sitzt ziemlich perfekt. Er ist nur ganz wenig auf Zuwachs gekauft. Ein weißes Hemd, eine gepunktete Fliege und auf Hochglanz polierte schwarze Schuhe: Fertig ist der Mann. Aus Jungs, die sonst in legeren Klamotten über den Schulhof laufen, werden Männer, die halb stolz, halb steif zum Mittelpunkt eines Festes werden. Die Sportschuhe bleiben diesmal zu Hause. Ausnahmsweise.

Von Eduard Kopp

Aus Mädchen werden Frauen. Statt Jeans tragen sie diesmal ein Kostüm mit Bluse, Strumpfhose und (halb)hohen Schuhen, dazu etwas Schmuck. Ein paar Mutige halten einen Strauß Maiglöckchen in den Händen. Die meisten Mädchen waren zuvor beim Friseur, haben sich etwas geschminkt und sehen irgendwie erwachsener aus als die Jungs, mit denen sie gemeinsam zum Konfirmationsgottesdienst in die Kirche ziehen - oder genauer gesagt: wohin sie ihr Pfarrer geleitet.

Denn darum geht es im schönsten, wichtigsten kirchlichen Fest für junge Menschen: Der Pfarrer, die Pfarrerin übergeben sie gleichsam der Gemeinde. Die Jugendlichen sollen zu tragenden Stützen der Gemeinschaft werden. Und umgekehrt: Die Gemeinde soll beitragen zum Erwachsenwerden der jungen Menschen.

In der Konfirmation wird den jungen Menschen die Hand aufgelegt: Sie bekommen Gottes Segen. Die Konfirmation, wörtlich übersetzt "Bestärkung", hat nicht nur diesen praktischen Sinn, den jungen Frauen und Männern einen Weg in die Gemeinde zu bahnen, sondern auch einen theologischen: Die Jugendlichen sollen sich ihre eigene Taufe "aneignen".

Zur Gemeinde gehören

Ihre Taufe als Kind war gewissermaßen noch unvollständig, weil ihr persönliches Taufbekenntnis fehlte. Ab sofort gilt nicht mehr allein das Wort der Eltern oder Taufpaten, die vor mehr als einem Dutzend Jahren an ihrer Stelle den Glauben bekannten. Nun machen sie sich als Konfirmanden mehr oder weniger entschlossen dieses lange zurückliegende Versprechen zu Eigen: Sie wollen, so sagen sie, zu dieser Gemeinde gehören und als Christen leben. Äußerlich erkennbar wird ihre neue Rolle in der Kirchengemeinde an der Teilnahme am Abendmahl.

Gäbe es die Konfirmation noch nicht, sie müsste "erfunden" werden. Das Gleiche gilt für die katholische Firmung. Das Bedürfnis nach einem Ritus fürs Erwachsenwerden ist geradezu mit Händen zu greifen. Auch die sozialistischen Gesellschaften setzten darauf. Als (teilweise erzwungene) Loyalitätserklärung gegenüber der politischen Macht hatte die Jugendweihe in der DDR einen hohen Stellenwert. Sie erfreut sich immer noch einer gewissen Beliebtheit, ist jetzt allerdings ihres unmittelbaren politischen Nutzens beraubt. Geblieben ist, vor allem in Ostdeutschland, der erklärte Wunsch nach einer atheistischen Alternative zur Konfirmation.

An die Konfirmationskurse richten sich heute viele Erwartungen. In der dünnen religiösen Luft der Gegenwart gibt es manches, was die Konfirmanden überhaupt erst entdecken müssen. Elternhaus und Schule treten immer weniger als Vermittler religiösen Wissens und des Glaubens in Erscheinung.

Den Kinderkleidern entwachsen

Früher mehr als heute gehörte ins Vorfeld der Konfirmation oder in die Feier selbst eine Prüfung des religiösen Wissens. Die Konfirmanden mussten zeigen, was sie gelernt hatten: über Taufe und Abendmahl, das Glaubensbekenntnis und die Zehn Gebote, die Psalmen und das Gesangbuch, die Jesusgeschichten.

Auch wenn es eine ernüchternde Wahrheit ist, dass nach dem Kurs viele Jugendliche nicht wieder in ihrer Gemeinde auftauchen, haben sie durch die gemeinsame Zeit dennoch vieles gewonnen. Hoffentlich auch diese Erkenntnisse: Pfarrerinnen, Pfarrer und all die anderen Betreuer haben selbst eine wechselhafte Glaubensbiografie. Kirche ist veränderbar, entwicklungsfähig, sie ist subjektiver und vielfältiger, als es oft von den Kanzeln klingt. Sie ist geprägt von unterschiedlichsten Interessen und Ideen, Erfahrungen und Traditionen. Es ist möglich und es lohnt sich, selbst Einfluss zu nehmen und eigene Wünsche zu äußern.

Zur Konfirmation gehören Geschenke ganz selbstverständlich dazu. Das Schielen nach Geschenken wird zwar oft als Beleg für fehlenden religiösen Ernst gesehen. Doch die Freude auf Schecks und Scheine weist eher darauf hin, dass die Jugendlichen wachsende Ansprüche ans Leben, an ihr persönliches Glück, an ihre Autonomie stellen. Autonomie kostet Geld. Autonomie ist die beste Frucht der Pubertät.

Am Ende der Konfi-Kurse steht also im besten Fall ein Wechsel der Blickrichtung: Nicht mehr Objekt der Gemeindearbeit zu sein, sondern selbst die Gemeinde zu formen und den eigenen Glauben. Es gibt Glauben eben nur im persönlichen Zuschnitt, nur im persönlichen Kleid. Die Konfirmierten sind damit endgültig aus den Kinderkleidern herausgewachsen.


Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.

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