Was kann man für die Toten tun?

Religion für Einsteiger - Sie stehen am Grab und sind sprachlos. Über Jahre haben sie dem, den sie hier zur letzten Ruhe betten, ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Sie haben mit ihm geredet, gelacht, gestritten. Haben Glück und Ärger von seinem Gesicht abgelesen. Sie wussten, wie man ihm eine Freude macht. Plötzlich ist alles anders. Ihre Liebe scheint ins Leere zu gehen. Den Angehörigen bleiben nur Erinnerungen.

Von Eduard Kopp

Können denn die Lebenden gar nichts für den Toten tun? Doch, der Liebesdienst der Lebenden an den Toten beginnt bereits mit der Bestattung: Sie ist Aufgabe nicht nur der Angehörigen, sondern der Kirchengemeinde. Und in den christlichen Kirchen gibt es zum Beispiel Gebete für die Toten. Da fragt sich allerdings der moderne Zeitgenosse: Kommen diese Gebete den Toten wirklich zugute? Bewahren sie sie vielleicht vor größerem Ungemach, gar vor Fegefeuer und Hölle, wie es die Kirche im Mittelalter verkündigte? Sind die Toten überhaupt auf diese Fürbitten angewiesen? Oder ist für sie ausreichend gesorgt?

Apokalypse, Höllenstrafen und Gericht

Im Mittelalter hätte niemand diese Fragen aufgeworfen. Seit dem zehnten Jahrhundert hatten sich über die durch und durch erfreulichen Vorstellungen von Auferstehung und ewigem Leben immer mehr die düsteren apokalyptischen Vorstellungen von Höllenstrafen und Gericht geschoben. Die Ostererfahrungen und Auferstehungshoffnungen verblassten, es galt alles nur Denkbare zu tun, um durch Buße, Selbstkasteiung, gute Werke für sich selbst und die Toten das Schlimmste abzuwenden: die ewige Höllenqual.

Mit dieser verschärften Bußpraxis hatten auch die Fürbitten für die Toten an Bedeutung gewonnen, besonders intensiv erfahrbar im Gebet der Trauerliturgie "Dies irae" ("Tag des Zorns"), das in der Kirche vom 13. Jahrhundert an zum festen Bestand der Totenliturgie gehörte. Der Gerichts- und Strafgedanke trat in der katholischen Kirche erst mit den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) in den Hintergrund: Endlich ging es wieder darum, den "österlichen Sinn des christlichen Todes" in den Vordergrund zu rücken. Freude statt Höllenangst, Gnade statt Gerichtsszenarien: Das ist der alte, nun wiederentdeckte Kern der christlichen Todesvorstellung.

In der evangelischen Kirche wurde vor allem durch Martin Luther, der gern und häufig vor Teufeln und schlimmster Höllenpein warnte, bald der Glaube bestimmend: Wichtiger als jede Straftheologie ist die Zusage, dass alle Menschen von Gott gerechtfertigte sind, ihnen also seine Gnade in reichem Maß zugutekommt.

Totengedenken und Vertrauen in Gottes grenzenlose Gnade

Die Kirchen sprechen heute viel häufiger vom "Totengedenken" statt von einem Gebet für die Toten. Gleichwohl halten die christlichen Kirchen an der Fürbitte für die Toten fest, sei es, dass dieses „Gebet für Tote und Hinterbliebene die Glaubenden trös­ten und ihre Hoffnung auf Vollendung bei Gott wie auch die Gemeinschaft mit den Verstorbenen in Christus stärken" soll (katholisch, so im Lexikon für Theologie und Kirche), sei es, dass der Gedanke des Paulus nach wie vor mächtig ist, dass "der Tod der Sünde Sold" ist, also Folge der Sünde (evan­gelisch).

Steht die Glaubensvorstellung im Vordergrund, dass der Tod die gerechte Strafe für die Sünden ist, dann darf, dann kann kein Mensch nachlassen, die schrecklichen Sanktionen für diese Sünde abzuwenden. Aber "die Rede vom Tod als der ‚Sünde Sold‘ verunstaltet den Tod zum Strafverhängnis und verleitet uns zu einem aussichtslosen Kampf", kritisiert der evangelische Theologieprofessor Klaus-Peter Jörns. Werden und Vergehen, Geburt und Tod seien doch eigentlich Kennzeichen der ganzen Schöpfung, und die ist, wie der Schöpfergott selbst erklärt hat, gut. "Nicht Gehorsam, sondern Vertrauen ist die Mitte des Glaubens", sagt Jörns.

Auch vor diesem Hintergrund behält das Gebet für die Toten seine besondere Bedeutung. Ein Gebet ist ja mehr als ein Handel mit Gott, als ein Ringen um einzelne, konkrete Vorteile: Wenn Menschen beten, vertrauen sie sich Gottes grenzenloser Gnade an, sie vertrauen darauf, dass er alles gut fügt. In diesem umfassenden Vertrauen auf seine Gnade geben sie auch den Toten einen Platz.


Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.

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