Woran merke ich, dass ich glaube?

Religion für Einsteiger - Manche Entdeckungen schlagen in die eigene Biografie ein wie ein Blitz. Reinhold Schneider, ein großer Literat der dreißiger bis fünfziger Jahre, notierte in einem seiner Tagebücher: "Ich schlug an einem Weihnachtsabend in Potsdam die Heilige Schrift auf und floh nach wenigen Kapiteln auf die kalte dunkle Straße. Denn es war klar: Unter diesem Anspruch der Wahrheit kehrt sich das Leben um."

Von Eduard Kopp

"Dieses Buch...ist kein Buch, sondern eine Lebensmacht. Und es ist unmöglich, auch nur eine Zeile zu begreifen, ohne den Entschluss, sie zu vollziehen. Darauf beruht ja die härteste Unmöglichkeit menschlicher Verständigung, dass den Glauben nur versteht, wer glaubt..."

Tief im Bewusstsein vieler moderner Menschen sitzt ein religiöser Zweifel. Ihre Fragen gehen schnell ins Grundsätzliche: Ist überhaupt etwas dran am viel behaupteten Walten Gottes in der Welt? Wer weiß überhaupt zu sagen, wo Gott steckt und was er tut? Was kann er wissen, was vermag er? Und ist das, was uns im Innersten bewegt, überhaupt "Glauben" oder "Religion"?

Viele unserer innersten Empfindungen und unserer Verhaltensmuster sind heute wissenschaftlich erklärbar. Psychologisch gesehen spielen zum Beispiel Angst und Selbstvertrauen eine lebensprägende Rolle. Medizinisch betrachtet entfalten Hormone ihre Wirkung und beeinflussen unser Verhalten.

Hormone und Hirnströme

Beurteilen wir unser Leben mit den Augen von Volkskundlern und Anthropologen, so erkennen wir, welch umfangreiches, undurchdringliches Traditionsgut wir mit uns herumschleppen. Biologen ihrerseits sehen uns als Träger von Erbgut, Historiker wiederum erkennen mit geübtem Blick, wie wir an immer neuen Modellen kultureller und politischer Ordnung schmieden.

Auch unser Glauben ist teilweise "erklärbar" geworden. An Hirnströmen lassen sich religiöse Glücksgefühle ablesen. Fromme Menschen leben gesünder, heißt es in regelmäßig variierten Umfrageergebnissen. Unsere innersten Empfindungen finden ihren nachweislichen Niederschlag in glühenden Gedichten, auf leuchtenden Leinwänden, in emotionalen Konzerten. Doch ist das alles schon Glauben? Woran merken wir Kinder der Moderne überhaupt, dass wir glauben?

Das Eigenartige am Glauben ist: Man kann nur über ihn sprechen, wenn man sich auf ihn eingelassen hat. "Glaube braucht Erfahrung", so betitelte der frühere Tübinger Theologieprofessor Gerhard Lohfink eines seiner Bücher. Unter Erfahrung in diesem religiösen Sinne versteht er etwas anderes als das experimentelle Denken in Naturwissenschaft und Technik. Dort ist nur das "wirklich", nur das „real", was sich in Experimenten nachstellen und erfassen lässt. Experimente in diesem naturwissenschaftlichen Sinn sind ganz unbrauchbar, geht es um den Nachweis von Glauben. Doch Experimente im weiteren Sinn, wörtlich verstanden "Erfahrungen", gibt es auch im Glauben.

Abenteuer mit offenem Ausgang

Woran merke ich, dass ich glaube? Auf diese Frage kann man nur paradox antworten: Wenn du glaubst, wirst du es wissen! Es gibt viele andere Situationen im Leben, wo nichts über die eigene Erfahrung geht. Ein simples Beispiel: Woran merke ich, ob ein Essen gut schmeckt? Ich werde es wohl probieren müssen. Ein anspruchsvolleres Beispiel: Woran merke ich, ob ein Mensch, dem ich begegne, zu einer verlässlichen Liebesbeziehung in der Lage ist? Ich werde mir natürlich seine Beteuerungen, Versprechungen und Liebesschwüre anhören, aber dann beginnt ein Abenteuer, über dessen Ausgang keine sicheren Prognosen möglich sind.

Das Lebensprojekt Glauben ist so tief greifend wie das von Liebe, Treue, Partnerschaft - wenn nicht noch umfangreicher. Glauben stützt sich auf Lebensberichte von anderen, die durch die eigenen Erfahrungen mit Leben gefüllt werden: "die Erfahrung des inneren Friedens, des Trostes, der Hoffnung und der Freude", wie Gerhard Lohfink schreibt; hinzu kommt die Erfahrung, durch soziales Engagement zur Lebensbewältigung anderer und zum sozialen Wandel beigetragen zu haben; oder die, vorbehaltlos akzeptiert zu werden ohne Rücksicht auf die eigenen (Fehl-)Leistungen; schließlich die Erfahrung, Hilfe zu erhalten oder anderen zu gewähren, anders gesagt: dass jemand die Hand über mich hält, wenn es im Leben drunter und drüber geht.

Da ist nicht Kopfarbeit, sondern Herz gefragt. Das wussten schon die ersten Christen. Originalton Paulus: "Freut euch allezeit im Herrn!...Lasst alle Menschen eure Güte erfahren, denn der Herr ist nahe. Um nichts macht euch Sorge, sondern bringt eure Bitten jederzeit betend und flehend mit Dank vor Gott. Und der Frieden Gottes, der alles Begreifen übersteigt (!), wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren" (Philipper 4, 4-7).


Religion für Einsteiger ist eine Serie im evangelischen  Monats-Magazin chrismon, in der Theologen einfache Fragen zur Religion einfach beantworten. Die gesamte Serie gibt es natürlich im gedruckten Magazin, aber auch auf der Internetseite von chrismon.

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