Monatsandacht - Andacht zum Monatsspruch Februar 2011: „Auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ Römer 8,21 (L) - von Simone Enthöfer, Landesjugendpfarrerin der Evangelischen Kirche im Rheinland -
Lieber Paulus,
herzlichen Dank für Deinen langen Brief und insbesondere für die lieben Zeilen aus dem 8. Kapitel, Verse 18-21. Ich habe sie immer und immer wieder gelesen. Erst war ich gar nicht sicher, ob es wirklich liebe, ermutigende Zeilen sein sollen oder ob du uns damit ermahnst.
Spannend, dass du so viel von der Vergänglichkeit und der Knechtschaft der Schöpfung schreibst. Ich meine natürlich, dass alles vergänglich ist, war euch damals gewiss auch schon klar, aber du sprichst vom ängstlichen Harren der Kreatur und dem Leiden der Schöpfung. War es denn damals 56 n. Chr. auch schon so schlimm wie heute? Ich dachte immer, früher sei alles besser gewesen.
In der Gegenwart ist es wirklich heftig: Du musst nur mal Nachrichten hören oder lesen. Ich fürchte nur, in manchen Fällen sind wir Menschen es selber schuld. Du weißt, es ist das alte Lied vom „dominium terrae“ – von der Beherrschung der Erde. So steht es doch in 1. Mose 1,28. Der Mensch soll sich die Erde untertan machen und sie beherrschen. Das ist gehörig schief gegangen: Wir beuten sie regelrecht aus und wundern uns dann, wenn die Natur hier und da verrücktspielt oder uns unsere eigene Raffgier einholt. Da ist zum Beispiel im letzten Jahr im Golf von Mexico eine Ölbohrinsel untergegangen und hat eine riesige Katastrophe ausgelöst.
Tausende von Menschen laufen mit Schutzanzügen an den Stränden herum und versuchen mühsam das angespülte Öl aus dem Sand zu sieben – eine Sisyphusarbeit! Und was machen die Manager des Konzerns, der vermutlich, um Geld zu sparen, fahrlässig gehandelt hatte? Sie drehen einen Werbespot mit Menschen in Schutzkleidung, die bestgelaunt zur Musik tanzend das Öl am Strand einsammeln, um den Menschen zu suggerieren: Das Leben ist trotzdem lustig!
Da kann man doch nur mit Shakespeares König Lear resümieren: „Wir kamen weinend auf die Welt, weil wir auf diese Narrenbühne mussten.“ Diese Narrenbühne gibt das Leiden der Kreatur, von der du schreibst, ständig zum Besten. Es ist ja irgendwie tröstlich, wenn du sagst, das Leiden dieser Zeit wird überhaupt nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
Lieber Paulus,
du hast gut reden von da, wo du jetzt bist. Obwohl, als du diese Zeilen geschrieben hast, standest du ja auch noch mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Einerseits geben deine Worte wirklich Hoffnung, andererseits muss man aufpassen, dass man das Leiden, was manche Menschen hier ertragen, wirklich ernst nimmt. Du hast damit gewiss nicht gemeint, dass man einen Menschen, dem es richtig schlecht geht, weil er in Armut lebt oder bedroht wird oder krank ist oder einen geliebten Menschen verloren hat, damit vertröstet, dass, vielleicht da, wo du jetzt bist, alles besser sein wird. Das wirst du damit nicht gemeint haben, jedenfalls sagte das auch der Theologe Karl Barth. (Gewiss seid ihr euch in letzter Zeit schon begegnet.) Karl Barth sagte, man dürfe deine Worte niemals deuten, als wollest du das Leid, das Menschen hier erleben, ignorieren, abschwächen oder billig vertrösten mit dem Verweis auf eine jenseitige Harmonie. Das würde auch schon an jedem „notorischen Zahnweh“ scheitern, schrieb er. – Erinnerst du dich noch an Zahnweh? – Aber in Sachen Leiden warst du ja zu Lebzeiten auch ein Experte. Du wurdest verfolgt und hast häufig unschuldig im Gefängnis gesessen, bloß, weil du Menschen zum Glauben an Jesus eingeladen hast. Und gesundheitlich, sagt man, ging es dir auch häufig ganz und gar nicht gut.
Paulus, du schreibst, dass die Kreatur in allem Leiden auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes wartet und dass die Schöpfung eines Tages an der Freiheit der Kinder Gottes teilhaben wird.
Die Kinder Gottes, sagst du etwas vorher in deinem Brief, sind die, die der Geist Gottes treibt. Das sind gewiss mehr als die, die uns augenscheinlich einfallen würden. Aber auch wenn wir bewegt sind vom Geist Gottes, wie sollen wir vor der Kreatur offenbar werden? Wir können doch nicht die Schöpfung retten!
„Es gibt kein richtiges sich-Ausstrecken in der falschen Badewanne!“ schreibt Martin Mittelmeier frei nach dem Philosophen Adorno „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (Paulus, ist dir Adorno auch schon begegnet? Würde mich brennend interessieren!) Können wir überhaupt irgendetwas tun oder retten? Wir können doch nicht die Schöpfung retten. Es gibt vom Geist Gottes bewegte Menschen, die sprechen von der „Bewahrung der Schöpfung“, aber ich glaube, es ist ein Wortirrtum. Die Natur können wir versuchen zu bewahren, nicht die Schöpfung, dazu gehören wir selber, Tiere und Pflanzen, Himmel und Erde, einfach alles, was Gott erschaffen hat, und nur er selber wird eines Tages auch seine Schöpfung befreien können. Wenn das Vorzeichen, unter dem wir leben, eine zerbrochene Schöpfung ist, müssen wir da nicht eher resignieren und auch sagen: Es gibt doch sowieso kein richtiges Leben unter diesen falschen Vorzeichen, kein Überleben, wenn alles zur Vergänglichkeit bestimmt ist?
Aber Jesus hat uns das ewige Leben versprochen, und du sprichst von Hoffnung, nicht wahr? Ich glaube, der Geist unseres Schöpfergottes legt die Hoffnung wie ein Gegengift zur Resignation in unsere Herzen. Und Hoffnung wirkt ansteckend auf Menschen und auf alles Erschaffene um uns herum, das sich nach Leben sehnt. Hoffnung bewirkt wohl auch, dass Menschen nicht aufgeben und in ihrem kleinen Umfeld sich Gedanken machen, wie sie verantwortlich mit ihrem eigenen Leben, mit dem ihrer Mitmenschen und der Natur und Kreatur umgehen.
Hm, vielleicht baut Gott ja so Stück für Stück eines Tages seine neue Welt, von der er uns versprochen hat, dass es dort keine Tränen, keinen Tod, kein Leid, keinen Schmerz und kein Geschrei mehr geben wird (Offenbarung 21,1f).
Sag mal Paulus, wird sich unsere Welt eigentlich langsam in Gottes neue Welt verwandeln, wie es im Jesaja-Buch beschrieben ist oder wird Gott etwas ganz Neues schaffen, wie die Offenbarung des Johannes es beschreibt?
Wisst ihr, da, wo ihr jetzt seid, schon mehr, oder tappt ihr auch noch im Dunkeln? Danke nochmal für deinen Brief. In der Hoffnung, dass wir uns alle eines Tages geborgen in Gottes Liebe begegnen werden, mit allen, die uns schon voran gegangen sind und allen, die uns noch folgen werden!
Herzliche Grüße
Deine Schwester in Christo





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