Monatsandacht - Andacht zum Monatsspruch September 2010: „Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ (Kohelet 3,13 [L]) - von Bernhard Schmeing, Landesjugendpastor der Evangelisch-reformierten Kirche -
In Rheine in Westfalen gibt es ein besonderes Hotel.
Dort wird ein außergewöhnlich leckeres Essen zubereitet, die Getränke sind ausgewählt und nach dem ausgiebigen Abendessen kann der Gast in einem der vier individuell eingerichteten Zimmer übernachten. Man hat die Wahl zwischen dem Rosenzimmer, dem 1001-Nacht-, O-wie-schön-ist-Panama- oder Froschkönig-Zimmer. Jedes Zimmer ist dem Namen entsprechend liebevoll gestaltet.
Solche Hotels, wie dieses in Rheine, gibt es sicher auch anderswo in Deutschland. Aber nicht jedes hat so einen treffenden und guten Namen.
Dieses besondere Hotel in Rheine heißt nämlich „Gottesgabe“.
Wer sich diesen Namen ausgedacht hat weiß ich nicht. Aber man könnte fast meinen, der Schreiber eines biblischen Buches stünde Pate bei der Namensgebung des Hotels. Denn der Prediger Salomo bzw. Kohelet, wie er auch genannt wird, der behauptet:
„Ein Mensch, der da isst und trinkt und Gutes genießt bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ (Kohelet 3,13).
Ob der Hotelbesitzer in Rheine diese Stelle aus dem Buch Kohelet kennt?
Vielleicht hat er einfach instinktiv gespürt: Gottesgabe, das ist ein guter Name für ein Hotel, in dem man sich verwöhnen lassen und Gutes genießen kann.
Aber, halt! Gutes genießen? Ist das denn gerade dran? Den anderen Akzent aus dem Bibelvers kennen wir in diesen Tagen besser.
Wie sagt Kohelet: bei all seinem Mühen!
Diese Melodie wird in den letzten Monaten in allen moll-Tonarten gespielt. Überall das eine Thema: Krise - Krise der Wirtschaft, Krise der Moral, Krise der Banken. In einer Tageszeitung gibt es schon eine eigene Serie mit dem Thema: Leben in der Krise. Ja, mit seinen Mühen spricht uns Kohelet aus der Seele.
Aber, das Andere? Gutes genießen, gut essen und trinken? Das scheint so gar nicht in unsere Zeit zu passen.
Das ist - nebenbei bemerkt - schon immer das Schicksal dieses biblischen Buches gewesen. Kohelet hat noch nie so richtig gut in die Zeit gepasst. Im Frankreich des 18. Jahrhunderts zum Beispiel haben Kirche und Staat das Buch Kohelet öffentlich verbrennen lassen. Die Worte von Kohelet waren störend, man wollte sie nicht hören.
Was können wir heute damit anfangen?
Bei einem Treffen des CVJM Weener hatte eine Jugendmitarbeiterin eine wie ich finde sehr gute Idee. Sie sagte: „Ich würde versuchsweise das Wort Mensch in dem Bibelvers durch das Wort Jesus ersetzen.“
Also nicht: Ein Mensch, der da isst und trinkt ..., sondern:
Jesus, der da isst und trinkt und Gutes genießt bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.
Mühe hatte Jesus nun wirklich genug in seinem kurzen öffentlichen Auftreten in Galiläa und Jerusalem. Eine Krise folgte der nächsten. Spirituelle Krisen wie die in der Wüste oder im Garten Gethsemane. Politische Krisen mit den Herrschenden seiner Zeit. Oder menschliche Krisen mit Jüngern und Familie. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb:
Jesus isst und trinkt und genießt Gutes.
Nicht allein für sich, sondern mit anderen. Er lässt sich gerne einladen zum Essen. Er erzählt Geschichten von groß angelegten Feiern. Er genießt die liebevolle Salbung.
Darf ich deshalb sagen: Vergesst das Genießen nicht?!
Auch in Krisenzeiten. Oder vielleicht gerade dann?
Wer genießt, erinnert sich - ohne lange darüber nachzudenken - dass er ein von Gott Beschenkter ist. Ein Begnadeter!
Ja, ich glaube, es stimmt, was Kohelet schreibt: Ein Mensch, sei es Jesus oder Du oder ich oder am besten wir zusammen: Wenn wir essen und trinken und Gutes genießen bei all unserem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.





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