Monatsandacht - Andacht zum Monatsspruch Dezember 2010: "Kehr um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Matthäus 3,2 [E]) - von Ekkehard Kirchner, Landesjugendpfarrer für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz -
In einem unserer Sommerurlaube waren wir mit dem Auto in Dänemark unterwegs. Stolz auf das neue „Navi“ machte ich mir wenig Gedanken über die Strecke. Wir kamen gut ans Ziel. Auf einem unserer Ausflüge jedoch kamen wir in unwegsames Gelände. Unbeirrt hielt ich am vorgegebenen Weg fest. Plötzlich stand vor uns ein selbstgemaltes Verkehrsschild „Durchfahrt verboten“ mit der Aufschrift: „NO GPS WAY“. Die Technik hatte uns einen Streich gespielt. Umkehren war angesagt. Offenbar war es schon mehreren Menschen so gegangen, sonst hätten sich Anlieger nicht die Mühe gemacht, das Schild aufzustellen.
Für mich ist diese Begebenheit zu einem Bild für „Umkehr“ im biblischen Sinne geworden. Es geht nicht darum, ungeschehen zu machen, was passiert ist und jetzt genau das Gegenteil zu tun. Nein, Umkehr im biblischen Sinne richtet sich nicht an der Vergangenheit aus, die uns vielleicht schon in die Irre geführt hat, sondern nimmt fest das Ziel in den Blick. Sich auf die Wegweisung Gottes auszurichten, einmal und dann immer wieder.
Um im Bilde zu bleiben: Es reicht nicht, das „beste Ziel“ einzugeben und sich dann einfach in die vermeintlich richtige Richtung treiben zu lassen. Es bedarf ständiger Aufmerksamkeit. Wir müssen das Ziel und auch den richtigen Weg dahin im Blick behalten.
Darauf liegt der Akzent, den uns der Monatsspruch Dezember aus dem Matthäusevangelium geben will. Beide Teile unserer Bibel, das Alte wie das Neue Testament, kennen die Notwendigkeit von „Umkehr“. Dabei wird aber gerade nicht Schadenfreude über das verfehlte Ziel zum Ausdruck gebracht, sondern vielmehr dazu eingeladen, sich neu zu orientieren und auszurichten. Im Neuen Testament wird von Zachäus erzählt, dem kleinen Zöllner, der sich aufgemacht hat und schließlich Gastgeber für Jesus sein durfte. Nicht um sich Standpauken über die bisherigen Sackgassen in seinem Leben anzuhören, sondern um sich in Zukunft ganz an Jesus zu orientieren. Damit tut Zachäus das, was Jesus mit den Worten ausdrückt, die schon Johannes der Täufer gepredigt hat: Kehrt um, richtet euer Leben neu aus!
Auch ich kann aus tiefem Vertrauen zu Gott die Kraft und das Vertrauen finden, in meinem Leben umzukehren und mich auf ihn hin auszurichten. Manche Jugendliche nehmen sich nach der Schulzeit eine „Auszeit“, indem sie ein soziales oder ökologisches Jahr vor ihrer Ausbildung oder dem Studium einschieben. Ich verstehe das auch als Zeit der Besinnung und Orientierung für das eigene weitere Leben.
„Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe!“ Hören wir diesen Ruf, dann heißt das: Ich kann mein Leben an Jesus ausrichten. Es geht nicht um die Auflistung meiner (bisherigen) Irrwege, sondern um meine Positionierung hier und heute mit Blick nach vorn! Wo finde ich Orientierung? Wie finde ich selbst, wie finden Menschen heute in Jesus Orientierung für ihr Leben? Die Wege sind gewiss sehr unterschiedlich: In einem Rockgottesdienst mitten in der Nacht oder doch im klassischen Sonntagsvormittagsgottesdienst mit Orgel? In der Begegnung mit Menschen fernab meiner Heimat oder in der Jugendgruppe meiner Gemeinde? So vielfältig Evangelische Jugend ist, so vielfältig sind unsere Wege und Formen. Es geht nicht um besser oder schlechter, schon gar nicht um richtig und falsch, sondern die Frage ist: Wie laden wir Menschen zu dieser Art „Umkehr“ ein, auch die, die Jesus noch nicht als „GPS“ für sich entdeckt haben, und auch die, die meinen, alles schon ganz genau zu wissen.
In einer Parabel vom Adler ist die Berührung mit dem Himmlischen Anlass und Motivation, sich aufzumachen, neu anzufangen und dabei ungeahnte Kräfte freizusetzen.
„Leute hatten einen jungen Adler aus seinem Nest gestohlen, um ihn in ihrem Garten an eine Stange zu ketten. Anfangs wehrte sich der Vogel gegen seine Fesseln, doch mit der Zeit ergab er sich in sein Schicksal. Eines Tages entdeckte er hoch oben einen seiner Artgenossen. Dieser näherte sich ihm mit jedem Tag. Schließlich streifte er ihn mit seinen Flügeln. Durch diese Berührung wurde in dem jungen Adler eine Kraft lebendig, aufgrund derer er sich von der Stange losriss und in den Himmel davonflog.“ Fesselndes, Einengendes und Lähmendes hat der festgesetzte Adler plötzlich überwinden können.
Jesus hat uns das Reich Gottes, den Himmel, geöffnet. Er hat uns vorgelebt, sinnvoll und sinnstiftend für andere zu leben. Diesen Himmel möchte ich erleben, mit anderen gemeinsam entdecken und neue Wege gehen: Ja, ich will umkehren, mich auf ihn hin ausrichten. Und mich Lähmendes und Einengendes überwinden.
Gewiss: Oft genug ist der Himmel verhangen oder auch dunkel, gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit.
Durch das Wort in der Bibel, aber auch durch die Begegnung mit Menschen und durch eigene Lebenserfahrungen können wir dieses Licht erkennen, das uns in der Finsternis des Alltags den Weg weist. Jesus ist das Licht in der Welt. Es braucht dieses wärmende und annehmende Licht, um das eigene Leben eben „im richtigen Licht“ zu sehen. In der Advents- und Weihnachtszeit zünden wir deshalb Lichter an, die uns die eigenen Augen öffnen und gemeinsam mit anderen Orientierung suchen und finden lassen.
Ist es zu spüren, dass Gott nahe bei uns ist? Wenn wir aus dieser Erfahrung leben, dann lassen sich andere einladen und beginnen selbst, umzukehren, sich in ihrem Leben (neu) auszurichten. Ich wünsche es Euch und mir selbst.
Amen.





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