Tod - was ist das? Kinderbücher über Sterben und Trauer

Ein Kind betrachtet ein Buch

Sich einem schwierigen Thema in Bildern und Texten nähern: Kinderbücher zum Thema Tod und Abschied. Foto: iStockphoto

Buchtipps - "Alles stirbt einmal" lautet der Titel eines Kinderbuches. Diese scheinbar banale Erkenntnis kann in einem Kinderweltbild einschlagen wie ein Meteorit.

Ob ein geliebtes Haustier stirbt, Oma oder Opa, ein Geschwisterkind, eine Freundin oder ein Freund: Wann Kinder dem Tod das erste Mal aus der Nähe begegnen, können sich Eltern nicht aussuchen. Sie haben aber die Wahl zwischen eine Vielzahl an Kinderbüchern, die Worte und Bilder anbieten, um über das eigene Erleben ins Gespräch zu kommen. Sie leisten auch für die mitunter sprachlosen Erwachsenen eine wertvolle Hilfestellung, um Kinderfragen nach dem Tod und dem Sterben aufzugreifen, zu beantworten und gemeinsam Trost zu finden.

Gesprächsangebote und Erklärungshilfen

Dass es dafür einen großen Bedarf gibt, merkt nicht zuletzt der Verein Evangelisches Literaturportal seit Jahren am rasanten Absatz seiner Themenhefte zum Thema Sterben und Tod. Bereits zum dritten Mal hat er ein Heft mit Buchempfehlungen herausgebracht, das aus der Fülle der Publikationen zum Thema besonders gelungene Werke zusammenstellt.

"Es scheint, als gäbe es eine anhaltende Nachfrage nach Büchern, die mit Bildern und Geschichten Gesprächsangebote machen und Erklärungshilfen geben und damit Erwachsenen bei ihrem Bemühen, Kinderfragen nach dem Tod zu beantworten zur Seite stehen", schreibt die Geschäftsführerin Gabriele Kassenbrock im Vorwort des Heftes "Tod - was ist das?". Unter dem Motto "Bilderbücher und mehr!" haben die Autorinnen dieses Mal auch Geschichten mit ganz unterschiedlichen Illustrationsstilen, wie beispielsweise sogenannte Graphic Novels oder Bücher mit Fotografien, ausgewählt. Die Empfehlungen haben denn auch nicht nur die klassische Zielgruppe der Drei- bis Sechsjährigen im Blick, sondern sind auch für Grundschüler, Jugendliche und Erwachsene gedacht. Praktische Anregungen für den Einsatz der Bücher in Gruppen, Schulklassen oder in der Familie runden die ausführlichen Besprechungen ab. Aus den unterschiedlichen Kategorien des Themenheftes übernehmen wir hier je eine Empfehlung.

Buchtipps



1. Tiergeschichten vom Abschied nehmen

Adieu, Herr Muffin

Ulf Nilsson (Text), Anna-Clara Todholm (Bild). Aus d. Schwed. von Ole Könnecke. – Frankfurt am Main; Moritz 2010. – ISBN 978-3-89565-148-9. geb. 12,80 Euro

  • Altwerden und Sterben eines Haustieres.
  • Trauer(-arbeit) der Menschen, die mit ihm gelebt haben.
  • Für trauernde und nicht trauerne Menschen ab fünf Jahren

Herr Muffin ist ein alter, grauer Meerschweinchen-Mann. Er hat viel erlebt, ein Menge Gurken und Mandeln gegessen, hatte eine Frau („Viktoria, schwarz wie die Nacht, schön wie der Tag“) und sechs kuschelige, kleine, süße Kinder. Nun ist er alt, er bekommt Schmerzen im Bauch und in den Beinen, die Tierärztin kommt und schüttelt den Kopf. Herr Muffin wird sterben. Das alles weiß wohl ein der Leserin sonst unbekannt bleibendes Kind. Es schreibt seinem Haustier in Briefen seine Gedanken zum Tod und es stellt die Fragen, die wir Menschen uns in Situationen von Abschied und Sterben immer stellen: Gibt es einen Himmel? Muss man Angst haben vor dem Sterben? Schließlich stirbt Herr Muffin, Todesanzeigen erscheinen, alle trauern, es gibt eine schöne Trauerfeier. Alle weinen, denn Herr Muffin ist tot. Er wird vermisst und so viele Fragen bleiben.

Die Darstellung der Geschichte bleibt zauberhaft in der Schwebe zwischen tierischem und menschlichem Erleben, zwischen kindlicher Vorstellungswelt und Realität, zwischen den Briefen und der Erzählung über Herrn Muffin, zwischen einer inneren und einer äußeren Bühne. Dazu tragen die detaillierten, zart aquarellierten Bilder bei, die Herrn Muffin liebevoll als Meerschweinchen-Opa zeichnen, ihn in seinen Erinnerungen aber auch leicht und jung darstellen. In dem, was das Meerschweinchenleben ausmacht, findet sich das Menschenleben wieder, alle Fragen des Lebens und Sterbens, nach Sinn und Hintergrund stellen sich auch hier. Dieser fließende Übergang zwischen den Welten ist mit zartem Humor gestaltet, was das Thema nicht verharmlost oder abflacht, sondern emotional vertieft. Die Bilder tragen durch ihre zarte und freundliche Art der Darstellung zu dieser emotionalen Stimmung bei. Man kann lachen und weinen gleichzeitig.

Die Realität von Verfall, Abschied, Tod und Sterben wird deutlich. Im Tod sind Herrn Muffins Pfoten steif und unbeweglich geworden. Er ist wirklich tot. Alle trauern. Voller Liebe wird er mit einem Taschentuch und Löwenzahnblüten ins Grab gelegt. Hilflos bleibt niemand zurück, denn „...jeder kommt am End nach Haus.“ Mit diesem Satz ist das Buch offen für die Formulierung eigener Glaubenshoffnungen und insofern eine Herausforderung und eine Chance für die religiöse Sprachfähigkeit von Erwachsenen, die sich mit Kindern das Buch anschauen!

Urd Rust

2. Abschied von alten Menschen

Rote Wangen

Heinz Janisch (Text), Aljoscha Blau (Bild). – Berlin; Aufbau 2005. – ISBN 978-3-351-04062-8. geb. 15 Euro

  • Die außergewöhnlichen Erinnerungen eines außergewöhnlichen Mannes
  • Positives Großvaterbild nach dessen Tod
  • Für Kinder ab vier Jahren in Begleitung eines Erwachsenen

Wenn Großvater erzählt, dann entführt er seinen Enkel in eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat. Halb Märchen, halb Lüge faszinieren die Geschichten durch ihre Kürze, Schlichtheit und den Charme ihres Erzählers.   

Nur ein Schelm, ein  Münchhausen kann auf ein solches Leben zurückblicken. Da spritzen Feuerfunken aus dem Bauchnabel und ein paar Schwanenflügel im Gras laden zum Rundflug ein. Dem Krieg entzieht sich der Großvater durch einen kühnen Fallschirmsprung, der ihn direkt in seinen Schaukelstuhl katapultiert. So gehört er zu den heimlichen Helden, die kein Geschichtsbuch erwähnt. Am Ende ist Großvaters Schaukelstuhl leer, nur sein Enkel sieht ihn weiterhin als Schatten am Boden und hört dazu die geliebte Stimme. Großvaters Geschichten, gerade in ihrem subversiven Charakter, bleiben lebendig und werden Teil des Familienmythos. Wenn sich der Enkel an den Großvater erinnert, gleicht dies einer Identitätssuche,  einem Prozess der Verwurzelung in der Abfolge der Generationen.

Aljoscha Blaus Illustrationen wirken nur auf den ersten Blick naiv, da sie durch klare Farben und  monochrome Flächen charakterisiert sind. Die Interieurs beschwören eine bäuerliche, schlichte  und intakte Lebenstradition, die moderne technische Einrichtungen noch nicht kennt. Altmodische Gefäße, ein schmucker Kanonenofen anstelle der Zentralheizung führen dem Kind vergangene Lebenswelten konkret vor Augen. Aljoscha Blau greift damit das Märchenhafte des Textes auf. Er bringt die subversiv-unschuldigen Schelmengeschichten  in prägnant-surrealen Szenen auf den Punkt. Illusionen, die wie Wirklichkeiten aussehen. Da leuchtet beispielsweise die randvoll mit Wasser gefüllte Kommodenschublade wie ein perfekter Spiegel. Aber, so überzeugt uns der Enkel: „Und wenn mein Großvater das erzählt, dann stimmt es auch.“

Barbara von Korff Schmising

3. Kinder fragen nach Leben und Tod

Gewitternacht

Michele Lemieux (Text und Bild). - Weinheim; Beltz 2007. ISBN 978-3-407-79360-7. geb. 5 Euro

  • Ängste, Gedanken, philosophische Fragen eines Kindes
  • Für alle Altersgruppen ab sechs Jahren. Die Erfahrung zeigt, dass wegen der comicartigen Bilder auch Jugendliche zu dem Buch greifen.

Tut sterben weh?“ Dies ist eine von vielen Fragen, die sich ein kleines Mädchen in einer Gewitternacht
stellt. Das Buch beginnt mit dem Zähneputzen und der abendlichen Verabschiedung von den Eltern. Begleitet von ihrem Hund Fido legt sich die Protagonistin ins Bett. Fragen über Gott und die Welt schwirren ihr durch den Kopf. Sie denkt nach über die Unendlichkeit, über die Schöpfung, das Leben auf einem anderen Planeten, über den Tod. Das Mädchen steht wie in einem Zwiegespräch mit ihrem Hund, der immer bei ihr ist. Mal schaut er mit ihr in den Sternenhimmel, mal ahmt er ihre Kunststücke nach, mal versteckt er sich mit ihr unter der Bettdecke. Ein heftiges Gewitter kommt auf. Alle möglichen Ängste kommen dem Mädchen bei den Blitzen in den Sinn. Mit trostreichen Gedanken, den Arm auf Fido liegend, schläft sie schließlich im Morgengrauen eines neuen Tages friedlich ein.

Zunächst erscheinen die vielfältigen Gedanken und Fragen wie zufällig zusammengestellt, doch ergibt sich bei längerem Betrachten eine zusammenhängende Erzählung: Wiederholte doppelseitige Bilder vom aufkommenden Gewittersturm sowie der nachfolgenden Wetterberuhigung werden mit den Gefühlen und verschiedenen Tätigkeiten des kleinen Mädchens verknüpft, sodass der Spannungsbogen der Wetteränderungen den jeweiligen Gedankenäußerungen entspricht. Wiederholt gibt es bebilderte Doppelseiten ohne Text, die Zäsuren in dem Gedankenschwall aufzeigen. Angesprochen werden eine Vielzahl von verschiedenen Themen, die alle Menschen überall und immer wieder beschäftigen, wie die Macht der Gefühle und auch das Thema Sterben und Tod.

Zu den verschiedenen kurz gefassten Fragen und Gedanken auf den jeweils linken Buchseiten sind auf den gegenüberliegenden Seiten mit zarten schwarzen Strichen comicartige Bilder gemalt. Die karge Strichführung vermittelt Gefühle und Stimmungen, ohne auf Farben angewiesen zu sein. Bei der Vorstellung, dass der Tod unser Gedächtnis einfach auswischt, zeigt das Bild einen aufgeklappten, auf der Innenseite beschriebenen Kopf. Ein Mann mit einem Staubsauger saugt die Buchstaben weg.

Text und Bilder ergänzen sich und geben Anregungen zu weiteren Gedanken. In 18 der rund 90 überwiegend philosophischen Fragen geht es um Sterben, den Tod und das Danach. Die teils witzigen Darstellungen können es erleichtern, einen ersten Zugang zu dem Thema zu finden. 

Barbara Cramer

4. Bücher mit dem personifizierten Tod

Ente, Tod und Tulpe

Wolf Erlbruch (Text und Bild). - München; Antje Kunstmann 2007 (11. Aufl.); ISBN 978-3-88897-461-8. geb. 14,90 Euro

  • Personifizierter Tod als lebenslanger Begleiter
  • Leben und Tod begegnen sich versöhnlich
  • Für Kinder ab acht bis neun Jahren und Erwachsene

Eines Tages bemerkt Ente, dass jemand in ihrer Nähe ist. „Schön, dass du mich endlich bemerkst. Ich bin der Tod. Ich bin schon in deiner Nähe solange du lebst – nur für den Fall.“ So lernt die aufrecht gehende schmale Ente den Tod kennen. „Kommst du mich jetzt holen?“ ist ihre erste Befürchtung. Es folgen eine Reihe von elementaren Gesprächen, die die beiden Protagonisten durchaus einander näher bringen. Wenn sie mal davon absieht, wer er ist, findet die Ente den Tod sogar sehr nett. Freundschaftlich nimmt sie ihn mit zum Teich und wärmt ihn sogar, als er – vom Gründeln schnell verkühlt – frierend auf dem Boden liegt. Auch der Tod ist erstaunt über so viel Vertrauen und Freundlichkeit. Als die Ente am nächsten Morgen früh erwacht, stellt sie zufrieden fest: „Ich bin nicht gestorben.“ Was aber nach dem Tod auf sie wartet, das möchte sie doch zu gerne erfahren.

„Manche Enten sagen …“, so beginnen ihre Vermutungen und Versuche, dem Tod ein paar handfeste Informationen zu entlocken. Die beiden verbringen immer mehr Zeit miteinander und als der Winter beginnt, ist die Ente gestorben. Behutsam legt der Tod sie auf den großen Fluss, gibt ihr einen kleinen Schubs und schaut ihr lange nach.

Erneut erweist sich der Illustrator Erlbruch als Meister der bildnerischen Erzählung mit knappsten Mitteln, die gleichwohl eine große Wirkung entfalten. Wenige Striche genügen, um die schmale Ente mal fragend in den Himmel schauen oder erwartungsvoll einem neuen Tag entgegen sehen zu lassen. Im graukarierten Kittel und mit charakteristischem Schädel ist der Tod die dominierende Figur. Die beiden Akteure sind überwiegend ohne Hintergrund ganz auf sich bezogen, mal schmiegt sich die Ente wärmend an den Tod, mal halten sie sich an den Händen wie zum Tanz.

Die Bilder zeichnen ein freundliches Bild vom Tod, er wird zum Weggefährten der Ente und gibt ihr am Schluss das letzte Geleit. Das Buch zeigt die allmähliche Annäherung eines Lebewesens an den Tod, Leben und Tod erscheinen hier untrennbar miteinander verbunden, dabei kann der Tod sogar der Freund des Lebewesens sein.

Gabriele Kassenbrock

5. Bücher für Erwachsene

Mein trauriges Buch

Michael Rosen (Text), Quentin Blake (Bild). Aus d. Engl. von Richard Rosenstein. – Stuttgart; Freies Geistesleben 2006. – ISBN 978-3-7725-2060-0. geb. 15,50 Euro

  • Tod des 18-jährigen Sohnes
  • Trauerformen
  • Umgang mit Trauer
  • Obwohl als Bilderbuch vermarktet, eignet es sich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene 

Michael Rosens autobiographisches Bilderbuch vermittelt die vielen Facetten von Trauer auf eindrucksvolle Weise. Seit dem Tod seines 18-jährigen Sohnes Eddie beschäftigt sich der bekannte englische Kinderbuchautor intensiv mit Trauer. In diesem Zusammenhang ist das von Quentin Blake hervorragend illustrierte "traurige Buch" entstanden, in dem viele Aspekte von Trauer sachlich und poetisch auf den Punkt gebracht werden.

Schon die erste Seite verdeutlicht, dass Trauer nicht gleich Trauer ist. Quentin Blakes flüchtig wirkende Federzeichnung zeigt einen strahlend lächelnden Michael Rosen, doch der Text verrät, was in ihm vor sich geht: „Das bin ich: sehr traurig. Vielleicht meinst du, ich sehe hier glücklich aus. Aber ich bin wirklich traurig." An einigen Tagen möchte er über die Trauer reden; anderntags zieht er es vor, allein über sein Leben nachdenken. Von Zeit zu Zeit ist er auch zornig und aggressiv und fragt: „Was fällt ihm ein, einfach so zu sterben? Was fällt ihm ein, mich so traurig zu machen?".

Diese Beschreibungen der unterschiedlichen Gefühlszustände gehören genauso zur Trauer wie die glücklichen Erinnerungen an seinen Sohn und an seine ebenfalls verstorbene Mutter. Die korrespondierenden heiteren Illustrationen kontrastieren mit den grauen Zeichnungen, die den Erzähler in düsteren Stimmungen zeigen und verdeutlichen, dass es im Leben auf und ab geht. Rosen sucht nach Möglichkeiten, sein Leben weiter zu leben und so werden auch Wege aus der Trauer gezeigt. Das Buch spendet darum auch Hoffnung und Trost, obwohl es in der Tat ein „trauriges Buch" ist. 

Julia Hoffmann

Das Themenheft "Tod - was ist das? Bilderbücher über Abschied, Trauer und Tod" mit 20 weiteren Besprechungen kann zum Preis von 2 Euro (plus Versand) bestellt werden beim Evangelischen Lietraturportal e.V. Auf der Webseite des Vereins finden sich zudem Buchbesprechungen der vorangegangenen Themenhefte zu Trauer und Tod. 

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