Es regnet. Die Fahrgäste, die in die Straßenbahn einsteigen, schleppen die Nässe mit ins Abteil. Neben mir nimmt eine junge Frau Platz: schwarzer langer Rock, schwarzer Hijab, heller Mantel. Sie hat zwei Kinder dabei. Das kleinere mit runden Augen und gekräuseltem Haar rutscht auf die Sitzbank gegenüber. Dem größeren bedeutet sie, sich auf der anderen Seite des Ganges hinzusetzen.
Gehorsam schiebt sich das Mädchen dort auf den Fensterplatz. Es ist, wie ich später erfahre, fünf Jahre alt, dabei klein und schmal. Seine Kleidung ist ziemlich zusammengewürfelt: Rosa Sportschuhe, regendurchweicht, Ringelstrumpfhose in Pink mit einer eingewebten Maus am rechten Schienbein, ein braungeblümtes Kleid, darüber eine graue Strickjacke. Und um Kopf und Schultern geschlungen trägt es ein Kopftuch in Altrosa, das das Haar vollständig bedeckt - eine kleine Muslima.
Nasser Turnschuh, strahlend weiße Jeans
Die andere Bank ist in Beschlag genommen von einer voluminösen blonden Frau ganz in Weiß – weißes Stirnband, weiße Sportjacke, weiße Hose, weiße Ohrstöpsel, über die sie Musik hört. Die Beine hat sie ausgestreckt. Als das Kind sich ihr gegenüber setzt, streift sein feuchter rosa Turnschuh aus Versehen die strahlend weiße Jeans. Einen Schmutzfleck verursacht das nicht, doch die Frau – sie mag Ende zwanzig sein – zuckt zusammen, richtet sich dann auf. Ihr Gesicht ist verzerrt von Zorn. Sie brüllt die Fünfjährige an, die Worte versteht man nicht, man hört nur den aggressiven Tonfall. Ihr rechter Arm schwingt nach hinten, sie holt zum Schlag aus, ihr Arm saust nieder – und stoppt nur Zentimeter vor dem Gesicht des kleinen Mädchens. Erst da kann sie ihre Wut bremsen.
Das Kind erstarrt. Sein Gesichtchen unter der Spitzenbordüre des Kopftuchs ist jetzt ausdruckslos, wächsern, alt, der Blick leer. Die Arme hält es schützend vor die Brust, die Knie presst es zusammen, die Beine zieht es so weit als möglich nach hinten. Bloß nicht die Frau in Weiß noch einmal berühren! Auch die Mutter des Kindes ist zur Salzsäule geworden. „Die Kleine hat sich sehr erschrocken, sie fürchtet sich“, sage ich. Die Beinahe-Schlägerin scheint das nicht zu hören, sie wippt im Takt einer Musik, die nur sie vernimmt. Sie ist ihr eigener Planet. Meine Sitznachbarin jedoch nickt.
Das Kind wischt Tränen ab, obwohl gar keine geflossen sind
Ich spreche mit dem Mädchen, lade es ein, in unsere Sitzgruppe zu wechseln, da ist ja noch ein Platz frei. Das Kind schaut mich stumm an, regt sich nicht. Doch langsam löst sich die Erstarrung, es rutscht rüber zur Mutter, schmiegt sich an sie, erhält eine tröstende Umarmung und ein Papiertaschentuch. Dann setzt es sich wieder, diesmal auf den Platz am Gang, so dass es die Beine der Frau nicht streifen kann. Mit dem Taschentuch wischt es sich Wangen und Nase ab, obwohl überhaupt keine Tränen geflossen sind.
Seine jüngere Schwester, die die Szene reglos beobachtet hatte, fängt jetzt an, auf der Sitzbank herumzuturnen. Richtig sprechen kann die Zweijährige noch nicht. Die Frau im schwarzen Hijab versucht ihr beizubringen, dass das, was draußen gerade vorbeifährt, ein Bus ist. „Bus“ – sie wiederholt das deutsche Wort mehrfach, schaut dabei ihre Kinder liebevoll an und hat auch für mich ein Lächeln. Blicke gehen hin und her, ein paar Worte der Unterhaltung werden gewechselt. Auch das Mädchen, das fast geschlagen wurde, scheint sich zu entspannen.
Miniaturausgabe eines verinnerlichten Feindbilds?
Beim nächsten Stopp steigt ein gehbehinderter alter Mann ein und lässt sich neben die Frau mit den Ohrstöpseln plumpsen. Der wird das zu eng, sie will aufstehen, aber die Beine des Rentners wie auch die des Mädchens versperren den Durchgang. Ich fürchte schon, dass sie sich gewaltsam den Weg bahnen wird, aber sie wendet sich ganz höflich an das Kind und bittet es, die Füße zur Seite zu nehmen, damit sie passieren kann. Diesem Wunsch wird wortlos Folge geleistet. Als sie im Gang steht, blickt sie das Mädchen nochmals an und sagt gut vernehmbar „Dankeschön!!“ Dann entfernt sie sich.
„Sie will es wieder gutmachen“, meine ich zu der Mutter der Kinder. Die lächelt aus den Augenwinkeln. Als die Straßenbahn hält, steigt sie mit ihren Mädchen aus. Die Frau in Weiß steht weiter vorne im Wagen und wirkt nun wieder, als gebe es nichts außer ihr und ihrem Walkman.
Ob sie sich das nächste Mal anders verhalten wird? Und warum hat sie überhaupt so aggressiv reagiert? Hasst sie Kinder? Oder hat sie vielleicht nur das Kopftuch gesehen, und damit statt einer Fünfjährigen die Miniaturausgabe eines verinnerlichten Feindbilds? War das für einen Moment stärker als die Hemmung und das Verbot, Kinder zu schlagen?
Foto: Wrote / Mathias Klang
Kommentare
Ja, man kann nur spekulieren,
Ja, man kann nur spekulieren, was mit der Frau los war. Wer weiß, was der tiefere Grund ihres Ärgers war. Nur finde ich, dass - wenn Erwachsene den eigenen Ärger und Zorn so an einem Kind auslassen - die Grenze dessen, was anschließend wieder eingerenkt werden kann, eigentlich schon überschritten ist. Denn auch wenn die Frau letztlich nicht zugeschlagen hat, war das für das Mädchen eine sehr bedrohliche, beängstigende und verletzende Situation. Und auch die jüngere Schwester hat die Szene ja mitbekommen. Sowas setzt sich doch im kindlichen Bewusstsein fest.
Ich glaube auch, dass die Hemmschwelle, Aggressionen auszuleben, sinkt, je machtloser und gesellschaftlich verachteter die Person ist, auf die man trifft. Und dass ein muslimisches Kind mit einem Kopftuch schon eine gewisse Provokation darstellt... und einiges an Diskriminierung zu ertragen hat, in subtilen oder offenen Formen...
Anja