Dass der kleine Supermarkt hier im Viertel immer mal wieder überfallen wird, wusste ich ja schon. Aber es ist doch ein Schock, wenn du vorne an der Kasse stehst, die samstäglichen Einkäufe einpackst und plötzlich zwei Männer reinstürmen, die wie Ninja-Krieger aussehen: eng anliegende schwarze Kleidung, schwarze Masken über dem Kopf, die nur die Augen freilassen, und ein Messer sowie eine Pistole in den Händen. Die halten sie der Kassiererin, die rechts von mir sitzt, vors Gesicht und schreien: „Sofort die Kasse raus! Geld her!!!“ Und, als die junge Frau nicht gleich reagiert, denselben Spruch nochmal, sehr laut und sehr aggressiv. Trotzdem wirkt die Szene unwirklich, wie aus einem Film.
Ich stehe nur da und schaue, mir geht durch den Kopf: „Ob die wohl die Geldbörsen der Kunden auch wollen?“ Dann löst sich aus der Schlange, die an der Kasse neben mir wartet, ein blonder Mann mittleren Alters in gelben Shorts und gelbem Hemd und geht mit irgendetwas – einem Einkaufsbeutel, einer Jacke? – auf die beiden Räuber los. Sein Gesicht ist zornesrot. Ich denke: „Jetzt schießen sie, und vielleicht trifft eine Kugel auch mich.“ Das ganze spielt sich ja nur einen guten Meter entfernt von mir ab. Tatsächlich aber weichen sie vor dem Mann, der sie wie ein Stier mit gesenktem Nacken attackiert und auf sie einschlägt, zurück. Er treibt sie aus dem Laden raus, draußen ist der Himmel dunkel von einem heraufziehenden Gewitter. In dem Moment kommt auch der Security aus dem hinteren Teil des Supermarktes angespurtet. Die Schwarzgekleideten suchen endgültig das Weite, rennen davon, er hinterher.
Bei der Polizei geht niemand ran
An den beiden Kassen im Laden stehen rund 30 Leute, in Schockstarre. Die löst sich jetzt langsam. „Ich zittere“, meint eine Afrikanerin. „Ich auch!“ sagt die blonde Verkäuferin, die gerade meine Waren abkassiert hatte. Tatsächlich zittern ihre Hände, als sie ein Handy hervorholt und die „110“ eintippt. Sie wählt die Nummer einmal, zweimal, ein drittes Mal… nichts tut sich. „Ich krieg’ die Krise“, stöhnt sie. „Da geht niemand ran! Die Polizei meldet sich nicht!“ Alles schüttelt fassungslos den Kopf. Sie bittet einen anderen Mitarbeiter, es vom Telefon des Ladens aus nochmal zu versuchen.
An der Kasse neben mir beschwert sich jemand, dass der Betrieb nicht weitergeht. „Nun lassen Sie die Kassiererin doch mal in Ruhe!“, wird er zur Ordnung gerufen. „Die hat doch gerade noch eine Pistole direkt vorm Gesicht gehabt!“ Der Mann in den gelben Shorts, der die glücklosen Räuber vertrieben hat, lehnt derweil in einer Ecke direkt neben dem Eingang und sieht etwas blass um die Nase aus. „War das eine echte Pistole?“, fragte ich ihn. „Wahrscheinlich“, erwidert er, „aber bestimmt war sie nicht geladen! Keine Munition!“ Das ist wohl eher eine Wunschvorstellung von ihm. Und ein Kunde wirft ein: „Das Messer war auf jeden Fall echt!“
Der Kunde, der die Bewaffneten in die Flucht geschlagen hat, könnte tot sein
„Da haben Sie aber Glück gehabt, dass Ihnen nichts passiert ist“, sage ich zu dem Retter des Supermarktes. „Sowas kann leicht schief gehen, Sie könnten jetzt tot sein!“ Er nickt stumm. Dasselbe sagt ihm etwas später draußen vor der Tür, wo das Vorgefallene mittlerweile heftig diskutiert wird, eine ältere Muslima mit geblümten Kopftuch: „Ihr Verhalten war nicht gut, das kann gefährlich werden.“ Wieder nickte er stumm. Als Held fühlte er sich offensichtlich nicht. Jemand meint: „Vielleicht waren das Junkies! Die sind zu allem fähig!“ Die Umstehenden nicken. Die Frau fährt in aufgebrachtem Ton fort: „Und wo bleibt die Polizei? Wir werden überfallen, und die ist nicht zu erreichen… Kommen die erst, wenn jemand tot ist??“ Dann erzählt sie von einem kleinen Jungen, der vor drei Tagen in dem Supermarkt den Diebstahl einer Digitalkamera mit angesehen hat - ein Gitter wurde dabei aufgebrochen. Er bekam Angst um sich und seine Familie, weil er einen der Täter erkannt hat – und der vermutlich ihn…
Als die Polizei schließlich kommt, verdrückt sich eine multikulturell zusammengesetzte Gruppe von Jugendlichen, die gerade noch die Chancen des Wachmanns im Wettlauf mit den gescheiterten Kassenräubern erörtert hat, in die Büsche. „Wir waren ja bei dem Überfall noch gar nicht da!“, meint einer. Mit der Polizei wollen sie nichts zu tun bekommen, wenn es denn zu vermeiden ist. Es sind zwei Beamte, die dem Polizeiwagen entsteigen und forsch auf den Supermarkt zumarschieren. Jetzt, wo seit einer Viertelstunde alles vorbei ist…
Kommentare
"Stern der Woche" für couragiertes Eingreifen?
Hier noch meine Antwort auf einen Kommentar im geschlossenen Teil der Community. Ich poste ihn hier deswegen, weil ich meine, dass man im täglichen Leben immer wieder mit gewalttätigen Situationen konfrontiert ist, wo man sich überlegen muss, ob oder wie man eingreift, und das oft in Sekundenschnelle. Das Richtige zu tun, ist gar nicht so einfach.
Ja, solche Erlebnisse beim Einkaufen braucht kein Mensch. Allerdings "Stern der Woche" für beherztes Eingreifen, na ich weiß nicht so recht... Wäre es bei dem Eingreifen des Mannes in Shorts zu einem Handgemenge gekommen, bei dem Schüsse fallen, hätte mich (oder andere Kunden) ja leicht auch eine Kugel treffen können, ich stand ja direkt daneben. Oder ich hätte selbst die maskierten Räuber durch das Werfen von Konservendosen mit Erbsen oder Käsepackungen versuchen können zu vertreiben... ;-) Fand ich aber nicht so ratsam.
Meine Gefühle sind da zwiespältig: Einerseits denke ich, das Geld in einer Supermarkt-Kasse sollte man nicht mit seinem Leben verteidigen, zumal wenn dadurch auch andere in Gefahr geraten können. Auf der anderen Seiten wollen die Bewohner dieses Viertels - mich eingeschlossen - natürlich auch, dass hier nicht die Gewalt oder Kriminalität regieren, darin waren sich wohl alle Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Ethnien, Religionen in dem Supermarkt einig. Das Handeln des Mannes drückte auch aus, dass der Gewalt eine Grenze gesetzt wird, und war insofern schon couragiert, wenn auch ganz spontan und unbedacht. Hinterher hat er wohl selbst Angst bekommen, da er tatsächlich hätte schwer verletzt werden können durch Schüsse oder Messerstiche.
Über den jungen Nigerianer, der, als er zwei Frauen gegen Belästigungen zu verteidigen versuchte, sein Leben durch Messerstiche verlor, habe ich ja auch kürzlich in meinem Blog geschrieben. Er hat wohl auch direkt eingegriffen, es kam zu einem Handgemenge und in dessen Verlauf erhielt er den Stich ins Herz. Also sich so direkt, tätlich, einzumischen, kann tödlich enden - auch wenn andererseits Zivilcourage ein hohes Gut ist...
Anja