Neues von der Pflegefront - Leben zw. mobiler Pflegebetreuung und eigenen Bedürfnissen (2. Teil)
In zwei Blogs habe ich bisher von meinen Erlebnissen an der Pflegefront berichtet.
Inzwischen habe ich vieles geregelt und bin zum Manager diverser Hilfsorganisationen, Firmen, Ämtern, Krankenkassen und individuellen Pflegeanbietern geworden.
Eigene Bedürfnisse kamen dabei völlig zu kurz.
Ich höre die Predigten über das Kreuz das wir zu tragen bereit sein müssen und von der HOffnung der Auferstehung.
Aber die Wege gehe ich letztlich allein. Niemand aus der Kirche hat wirklich Zeit und Geduld gehabt, mit mir in den letzten Jahren ausführlich oder auch nur zeitnah zu reden. Dabei bin ich selber an meinem Arbeitsplatz zwangsläufig auch Seelsorger, obwohl das nur einige evangelische Aktive so sähen.
Supervision? Hab ich nicht. Mein Ehrenamt ist nicht einmal anerkannt, weil nicht eingebunden in eine Initative oder Gemeinde. Wie auch. Ist ja keiner da, und ich selber habe keine Zeit, sowas auch noch aufzubauen.
Hier geht es weiter mit den aktuellen Erlebnissen.
Weitere Links:
Demenzpflege und MS-Pflege in der Familie - der private Blog über Erfahrungen mit dem Pflegeheim u.a.:
http://www.evangelisch.de/community/blog/baksb/dem...
Mein Leben zwischen mobiler Betreuung, Altenpflege, eigenen Kindern, Enkeln und eigenen Bedürfnissen:
Kommentare
Perspektiven und zugleich auch nicht
Schon wieder sind die Tage verronnen wie Sand in einer Sanduhr. Im Raum der Konflikt zwischen denen, die immer die Priorität bei der Effizienz setzen und denen, die als letzte Mohikaner noch daran glauben, dass der Mensch und seine Würde oberste Priorität in diesem Lande haben soll, wie es Art. 1 Grundgesetz vorschreibt, "in der Verantwortung vor Gott und den Menschen, so heißt es in der Präambel.
Es gibt in unserem Lande zu viele Menschen, die die Statistik, den Umsatz, die Unterordnung unter Gegebenheiten höher setzen als den Blick auf das Herz.
Was ist heute noch protestantisch? Was ist heute noch katholisch? Was ist heute noch humanistisch eindeutig? Was ist sozial und demokratisch? Was ist Freiheit, wenn man sie nicht bezahlen kann?
Habe heute einige Alternativen für einen dementen Menschen besichtigt. Auch der notarielle Betreuer war dabei. Es gibt so unterschiedliche Formen, aber sie sind oft sehr weit weg von dem Ort, an dem die Angehörigen leben. Und wenn die sich so unterschiedlich einbringen und die Wertvorstellungen aufeinander prallen, dann ist das nicht leicht zu organisieren.
Offenbar wird dieser Thread sehr intensiv gelesen. Es wäre schön, wenn Fragen hier gestellt würden.
Im übrigen: Mein Blog soll anderen Betroffenen zeigen, wie schwierig es sein kann - und zugleich wie man Lösungen finden kann, wie jeder Einzelne in seinem Verhalten auch politisch ist. Das schließt Konflikte ein. Manchmal aber ist es schwer zu vermitteln, warum man die Öffentlichkeit von etwas unterrichtet, was man auch herunter schlucken könnte im Alltag - wie so viele, die sich mehr ablenken als hinzuschauen.
Es wird nicht mehr lange dauern. Und diese Menschen werden selber in derselben Lage sein wie diejenigen, für die sie wenig Zeit aufbringen. Wer wird dann da sein? Richtig - die, welche schon ihr Leben lang lieber an sozialen Verbesserungen gearbeitet haben und es selber tun. Da-sein!
Die Zeit zerrinnt - das Blatt fliegt im Sturm dahin
Wie muss sich ein Mensch fühlen, der dreimal in einem Jahr umzieht, mehrmals im Krankenhaus landet weil nur ein Gesprächspartner fehlt; der gefesselt wird ohne richterliche Anordnung, weil er aufs Klo will und sich überschätzt hat bzw. wegen Sedierungs-Medikamenten körperlich geschwächt ist; der aus dem Krankenhaus nicht mal eine Stunde "nach Hause" kann sondern in einem professionellen und doch unpersönlichen städtischen Pflegeheim ein Bett, einen Stuhl und einen Fernseher hat; der inmitten schwer kranker anderer Patienten auf Besuch wartet; der nur eines möchte: "zu Hause sein können", "die eigene Tür schließen können" und "das Album in "ein eigenes Regal stellen" dürfen. - Schon wieder vergingen Tage. Ich konnte ihn nicht besuchen, weil ich Gespräche führte mit diversen Leuten, die helfen könnten, eine langfristige Wohnmöglichkeit mit beschützendem Umfeld zu finden, nach dem ich schon Jahre suchte?
Die einen sagen: Für eine geschlossene Unterbringung benötigen wir einen richterlichen BEschluss. Der richterliche Beschluss aber ist nicht zu rechtfertigen, weil ja nicht das Weglaufen sondern das Suchen eines Zuhauses, einer eigenen Wohnung, der vertrauten Möbel das Wichtige ist. - Also geht die Suche weiter. Morgen zwei Termine am anderen Ende der Stadt. Die eine Wohnung - hyperneu, aber mitten an dem belebtesten Platz der Millionenstadt. Kein Grün. Kein Balkon. Dafür aber WG. Heute dazu ein kluger ARtikel aus der Zeitung, dass es am - wiederum - anderen Ende der Stadt ein "erfolgreiches Experiment" mit der DEmenz-WG gebe. Aber: Sie ist voll. Toll.
Noch wenige Tage, dann fährt der notarielle Betreuer wieder in Urlaub - und ich selber werde dann möglicherweise den Übergang in die nächste vorübergehende Lösung organisieren müssen. In dem professionellen Haus mit den vier Jahreszeiten der Unterbringung für Demenz-Patienten wird er erstmal ein paar Tage in einem Zimmer unterkommen können. Aber es gibt mehrere Aufzüge, etliche Ausgänge - und keiner ist bewacht. Weder von außen nach innen, noch von innen nach außen. "Das ist auch gut so", heißt es. Denn die Menschen müssen ja Freiheit haben. Tja, muss man wirklich einen richterlichen Beschluss holen, der dann aber wiederum die Unterbringung im Pflegeheim unmöglich macht? Heißt es dann zwangsläufig: Geriatrische Klinik? Psycho-Knast? - Und das für meinen Vater, mit dem man sich normal unterhalten kann, der nicht doof ist. Er vergisst eben nur einige sehr belastende Zeiten, die hat sein Gehirn weggesprengt, da versagt es. Und er will doch nur "nach Hause". Ist das nicht sein Recht?!
Henning Scherf hat frühzeitig eine bessere Lösung gefunden. Ich sprach mit ihm in Bremen am Rande des Kirchentages. Er kam auf uns zu, meine Frau und mich, als wir mitten in einer riesigen Gruppe von Menschen standen. - Und er sagte das, was ich hier auch las:
Auf der unten verlinkten Seite fand ich ein Interview, dasauf der Website der Caritas eingeblendet ist, der Seite für "Experten fürs Leben". Aber wo ist die Realität in der Unterbringung für Alzheimer und Demenz-Patienten? Ist ihre Kompetenz nicht mehr gefragt?
Experten für das Leben
Zwischen bunten Fernsehbildern und realer Pflegefront
Nun sind schon wieder drei Tage vergangen. Drei Tage, in denen mein Vater inzwischen mehr in dem Übergangs-Pflegeheim im Gemeinschaftssaal sitzt, traurige Augen hat. Er weint, als ich komme. Er möchte so gerne in sein Zuhause. Und er fragt: Is de Mutter wirklich tot? Ja, sage ich. Auch wenn manche Schöngeister meinen, ich sollte irgend was anderes erzählen. Also nicht darauf antworten. Ich tröste den Traurigen. Halte seinen Arm. Er sitzt da so, würde gerne von seinem Balkon ins Bergische Land blicken. Einziger Besuch in der Woche bin ich. Der Bruder wird sicher am Wochenende kommen. Sucht gerade nach einer Wohngruppe - hat meine Vorschläge als sinnvoll angesehen. Immerhin.
Das Gespräch gestern beim Alzheimer-Forum, zugleich Verwaltung der großen Pflegeeinrichtung, war nicht weiterführend. Ich weiß was Alzheimer bedeutet, weiß was Demenz bedeuten kann, weiß dass dies und das... Aber wenn ich denn eine stabile Wohnmöglichkeit mit eignen Möbeln, gewohnten Möglikchkeiten, vertrauensbildenden personellen Stabilitäten suche - Kopfschütteln. Irgendwo gibts jetzt so diese Art von Einrichtung.... oh je, ich soll da GbR-Mitglied werden... und kein Garten, kein Balkon. Ist nichts für einen Menschen vom Lande. - Dann das christliche Wohngruppenprojekt mit dem tollen Prospekt, Internetauftritt, dicken Pressemappe... Man sendet es mir, aber kein Platz frei. Ich schick diesen Scheiß denen zurück. Fühle mich inzwischen gerade von christlichen Pflegeheimen verarscht.... Anders kann ich es auch hier nicht mehr ausdrücken. - Morgen Gespräch mit dem Pfarrer, der seit Jahren hier lebt und mir schreibt, er habe mich noch nicht wahrgenommen.... Klar. Wenn man nur im Pfarrhaus brütet und nicht beim Lidl oder Rewe einkauft, nicht auf dem Markt zu sehen ist, nicht mal ab und zu vor der Kirche mit dem Rad anzutreffen ist wie die Pfarrer, die ich früher so oft sah..
Aber es gibt keine Hilfe. Das muss ich einsehen. Selbst das Lesen in den Losungen und im TeDeum bringt mir derzeit nichts an Hilfe. Allenfalls Vertröstung statt Trost.
Ich werde, alter Vater, Dich nicht mehr aus dem Unheil eines geschlossenen Pflegeheimes retten können. Du wirst mehr und mehr vergessen, bald auch mich, meinen Namen. Denn wenn ich dich seltener sehen kann, weil eine der wenigen freien Plätze Irgendwo und nicht in der Nähe zu finden ist, werde ich nur alle 14 Tage das Wochenende für die Anreise nutzen. Schade. Und Du wirst ja auch nicht mehr die tröstenden Worte der biblischen Texte als hilfreich empfinden, wenn niemand da ist, den Du wirklich lange kennst. Schwestern, Pflegekräfte - sie können freundlich sein und Dir Essen und Getränke bringen. Aber Du wirst innerlich allein sein.
Und die Welt hetzt mich weiter an meinem Arbeitsplatz durch Unwichtiges, Bürokratisches, Technisches. Eines Tages werde ich fragen: Wozu eigentlich, Gott, gabst Du mir das Leben. Warum hast Du mir das zugemutet. Gut, meine Kinder und der Enkel werden es anders sehen. Aber auch sie sehen doch oft genug, wie egoistisch diese Gesellschaft vielerorts ist. Raffgier ist das, was zählt. Alles haben wollen, alles sein wollen - nicht aber etwas tun wollen.
Der alltägliche Faschismus??
Ich erfuhr es kurz und knapp: die Wohnung meines Vaters wurde vom Betreuer gekündigt. Das Abholen und Wegwerfen der Sachen wird eine Frage der nächsten Tage sein. Ich forderte Beachtung seiner Würde - ich hörte stattdessen, dass ich romantische Vorstellungen von Pflege hätte. "Der kapiert das doch sowieso nicht mehr".
Ich rief die Hotline an bei den städtischen Heimen. Werde Mittwoch eine Beraterin treffen. Juristisch kann sie nichts machen. Und was soll ich denn juristisch tun? Ich bin nicht der notarielle Betreuer. Die Bestimmerin, meine Mutter, hat meinem Vater also ein Erbe hinterlassen, dass der wirklich nicht überschauen kann. Meine Vollmachten sind fast wertlos. Selbst das Amtsgericht sieht es so, dass der notarielle Betreuervertrag vorrangig ist.
Ich fuhr zum Pflegeheim, in welchem mein Vater seit Donnerstag ist - und aus dem er nun schon zweimal fliehen wollte. Nach Hause. Er hat ja überhaupt nichts dort, was zu ihm gehört. Außer der Schlafanzug.
In der Sonne saß der alte Mann. Freundlich, ruhig, jovial zu den alten Damen dort. Er genoss die Sonne auf dem Balkon. Bald wird dort Regen und Kälte sein. Er dankt für meinen Besuch. Er merkt, dass ich nicht fröhlich bin. Ich beherrsche mich, weine nicht. Will ihn nicht beunruhigen. Bald gehe ich. Fahre zum Dienst, stürze mich in die Arbeit, die viel zu viel geworden ist - die Gründe stehen heute in Düsseldorfer Zeitungen, hörte ich. Mir egal. Ich kann nur nach und nach.
Traurig und hilflos fahr ich zur Tagespflege, wo bald mein Vater nicht mehr sein wird. Man will mir die Anschrift einer Wohngruppe geben. Außerdem gäbe es doch die Seniorenberaterin der Stadt, die muss doch wissen, wo m an Betreutes Wohnen bekommt. - Ich weiß, wie sie heißt. Aber ihre Telefonnummer ist bei der Stadt nicht registriert. Von vor 4 Jahren weiß ich, dass sie halb zur Caritas, halb zur Stadt gehört. Aber erreichbar ist sie nicht. Ich rufe die Beigeordnete an, welche im Auftrag des Oberbürgermeisters den Bedarf meines Vaters klären will. Aber niemand ist wirklich erreichbar, eine Nachricht werde man hinterlassen. Das ist nun 6 Stunden her. Keine Antwort.
Bald habe ich einen Termin beim Pfarrer. Will einfach mal fragen, ob es noch Kirche für mich gibt. "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass du lange lebest auf Erden". - Ich ehre. Oder bin ich einfach bekloppt, mich so für Eltern einzusetzen, die einen Betreuer ausgewählt haben, von dem immer bekannt war, dass er den Weg geringster sozialer Arbeit gehen wird? - Aber lange kann ich so nicht gesund bleiben. Denn dieser Stress macht krank. Muss ich einer dieser Leute werden, denen ältere Menschen zuviel sind, und die Abschiebung in ein Heim und Kündigung der Wohnung des alten Menschen für das Wichtigste halten? Ich benötige Verbündete für den alten Vater. Und ich suche in meiner Nähe eine Wohngruppe. Habe dem Betreuer die möglichen Adressen genannt, die ich bereits besichtigt hatte, als der noch nicht mal über Pflege nachdachte. 2006 schon. Aber da wurde ich getreten, überhaupt sowas zu denken. Dann ging es Schlag auf Schlag. Und es erschlägt nun mich ebenso wie den, er eigentlich eine gute Zeit bis zu seinem Tode benötigte und verdiente. Denn mein Vater hat immer nur gearbeitet - für unsere Bildung, unsere Wertschätzung für Gott und den Menschen. Bis sie sich veränderten, weil die Krankheit sich veränderte.
Wenn die Würde des Menschen lästig ist
Ich fuhr in die Wohnung des Vaters. Der übervolle Briefkasten. Darin ein kleiner Zettel der herzlich guten Putzfrau, die weit mehr ist als sie als Aufgabe hatte. Milla gab den Schlüssel zurück. Ende. Keine Einladung des Bruders für die Herzliche, kein gemeinsames Treffen - "Sie will den Vater im Heim besuchen", sagt der Bruder. Toll. -
Ich war kurz vorher in der Wohnung, holte den Mantel, den Hut, den Schal - wollte das Album holen. Der notarielle Betreuer kommt auch dazu. Es muss schnell gehen, hektisch wird es. Hunderte Fragen und viele "das kann der doch nicht mehr gebrauchen"... und "das kann man doch wegwerfen"... bis "Telefon abmelden."... Dass da die Freunde des Vaters die Rufnummer kennen, ihn oft anrufen, und er diese Rufnummer ins Pflegeheim mitnehmen kann, wenn man denn weiß, in welches er geht... Ihm scheint es nicht so wichtig. Ich interveniere und merke, dass ich mich wieder unnötig aufrege.
Ich schlage vor, dass wir den Vater vor dem Umzug in das endgültige Pflegeheim noch einmal durch seine Wohnung gehen lassen, ihn fragen was er mitnehmen möchte, ihm Gelegenheit zum Verschenken zu geben, seine Würde ernst zu nehmen. Verwunderte Blicke treffen mich. "Wieso das denn? Das kapiert er doch sowieso nicht mehr. Das regt ihn doch zu sehr auf". - Ich sehe das anders. Ich sehe die Trauer und das Abschiednehmen von Gewohntem als Menschenrecht. Als Teil der menschlichen Würde.
Begriffe, die ich aber vor Wände werfe.
Eigentlich wollte ich meinen Vater heute besuchen, ihm den Mantel und die anderen Dinge - vor allem ein Lächeln und eine Umarmung bringen. Aber hier sorge ich für mich: Ich fahre dann, wenn niemand fährt. Und der Abschied von meinem VAter hat für mich längst stattgefunden. Ich hoffe, dass Gott es gut mit ihm meint. Das was jetzt kommt, ist nicht mehr das, was ihm gut tut. Es ist das, was für diejenigen nütlich ist, die entweder Geld verdienen oder wegen des Geld verdienens nicht helfen wollen. - Und ich? Was bewegt mich? Ich spüre, dass ich eines Tages ähnlich abgeschoben und weggesperrt werde. Nicht weil meine Kinder böse wären. Nein, weil dieser Kapitalismus längst die Herzen zerstört, und weil diese scheinbar freiheitliche Gesellschaft eine völlig egoistische geworden ist. Und da kann man als Einzelner nur warten, bis diese Verelendung der Herzen in ähnliches Ende nimmt wie die herzlose DDR, wie andere herzlose Diktaturen, Ideologien, Machtsyndikate. - Gott ist nur im Schwachen noch mächtig. Aber nur, um zu überleben oder eines Tages in Frieden gehen zu können.
Zum Schluss bekam ich noch einen Schlag versetzt: Das Lazarus-Haus hätte man nehmen können, aber die wollen unseren Vater nicht, sagt der notarielle Betreuer-Bruder. Warum? Weil ich im Internet über dieses Pflegeheim so schlecht geschrieben habe. - Tja, der Bote wurde immer schon geköpft. - Da nutzt es auch nicht, dass ich ganz umgekehrt denke: Dieses Heim hätte ich nie genommen, weil man nicht einmal fähig ist, vernünftig mit Angehörigen umzugehen, die ganz alleine versuchen, für einen Menschen eine gute Pflege zu bekommen. Der Schlaumeier von notariellem Betreuer aber hat das ja alles nie mitbekommen. Und ich soll gut über meinen Bruder sprechen. "Er weiß nicht, was er tut. Verzeih ihm". Wird gemacht! (Geh-Macht)
Sonntag - alles von vorne
Es ist Sonntag. Gestern rief Frau L. an, die ich nach Jahren der Suche gefunden hatte und die nur ein einziges Mal mit dem Vater zur Heiligen Messe gehen und ihm die Kommunion ermöglichen konnte. Da merke ich immer, wie wenig das Bedeutung in meiner evangelischen Kirche hat. Wenn man nicht hin kann, bringt sie auch keiner - das Abendmahl ist nur für die, welche gehen können. Evangelisch ist offenbar vor allem für die, welche noch denken, erinnern, zitieren, protestantisch kämpfen oder meditieren können. Jetzt ist mein Vater, der katholisch ist, in einem städtischen Pflegeheim - Kurzzeitpflege - neue Umgebung - Fremdheit. Kein Pfarrer weiß von ihm dort in der Nähe. Schon wieder gehe ich auf die Suche nach jemand, der als Teil der Gemeinde erkennbar ist. Gut, ich selber bin es. Aber ich bin eben nicht ordiniert, eigentlich bin ich nichts. Denn nicht einmal Besuch bekomme ich als Angehöriger, geschweige denn mein Vater, von einem Gemeindemitglied. Warum auch. Ich kann ja selber gehen und kämpfen und organisieren. Was braucht es da Unterstützung? Zuviel verlangt. Sehe ich auch.
Und dann noch für einen katholischen Vater Gemeindeanschluss finden, der schon spätestens ab dem 3. NOvember oder 25. Oktober - wer weiß - schon wieder in einem anderen Heim ist, wo die Suche wieder von vorne los geht. Der Mensch ist wie ein loses Blatt im Herbst. Es hat Leben, hat Farbe, ist aber losgelöst vom Baum der Erkenntnis und doch nicht im Paradies.
"Ich will nach Hause" - Ein alter Mann will zurück
Ich ahnte es. Ich wollte es anders. Die Umstände machten es unmöglich. Alzheimer-Demente darf man nicht ständig neue Wohnungen und Umgebungen zumuten. Aber da damals mein KOnzept mit der Caritas nicht weiterführte, da das Lazarus-Haus und -"Hilfswerk" die ambulante Pflege für Betreutes Wohnen vom Nachbar-Kreis und nicht vom Nachbar-Haus bewerkstelligt und das -"Heim" sich nicht zuständig für das neben ihm befindliche Betreute Wohnen ohne Betreuung zeigt - mussten wir die umständlichen ambulanten Dienste vernetzt einsetzen. - Es war nur ein einziger Freitagabend - und schon landete mein Vater im Krankenhaus - dann vorgestern in der städtischen Einrichtung. Von außen abgeschottet fand ich sie, innen durchaus kompetent und freundlich geführt - aber eben sehr groß und unüberschaubar, wenn man da so mal als Gast ist.
Heute meldet der notarielle Betreuer: Vater seit über einer Stunde nicht im Heim. Jetzt erst informiert. Kannst Du die Polizei informieren? Klar, Fahndung, Lichtbild, Personenbeschreibung - alles liegt bereit (sollte jeder haben, der Pflegebedürftige hat, die allein sind). Kaum war die Fahndung raus, musste ich sie wieder zurück ziehen. Jemand hatte ihn auf einer 4-spurigen Straße bzw. auf dem Gehweg daneben gefunden, war gestürzt - trotz Rollator. Ausgerüstet mit Waschzeug, Rasierzeug, Schlafanzug - alles im Rollator incl. Stock - war er los marschiert. Er wollte nach Hause. Es ist das Zuhause meiner Kindheit, eine Nachbarstadt. Weit kam er nicht. - Und im Krankenhaus - als ich ihn abholte - beschwerte er sich, dass man ihn nicht rausgelassen hatte nach dem Pflaster, und dass niemand ihm glaubte, dass er da und da wohnt..... - Mein Bruder brachte ihn dann ins Heim zurück.
Warum man nicht aufpasste - warum es eine Stunde dauerte - warum überhaupt niemand mit ihm zusammen lebt oder warum er nicht neben dem Pflegeheim im Kölner Norden betreut wohnen bleiben kann - es sind Rätsel.
Das Pflegeheim, das ihn ab 25. Oktober aufnehmen könnte, ist noch nicht bereit. Die Zeit muss überbrückt werden. Das Lazarus-Haus wäre ideal, würde es christlich helfen. Tut es nicht. Christenheime sind offenbar doch eher Unternehmen. Man sollte ihnen den christlichen Namen nehme und sie einfach so nennen, wie man inzwischen auch Kinderheime nennt: Senioren-Hort. Christlich hingegen die Dame, die meinen Vater gerne wieder Sonntag zur Kirche abgeholt hätte. Eine gebürtige Deutsch-Russin. Sie versteht nicht, wie man alte Menschen nicht so unterbringen kann, dass sie nicht weglaufen können und doch nicht eingesperrt sind. "Passt denn da niemand auf? Ach es tut mir so leid für ihren lieben Vater. Ich schließe ihn ins Abendgebet ein." - Das hat die Dame im Pflegeheim nicht mal gedacht, geschweige gesagt. Ich meine das, welches meinem Vater und uns helfen könnte - würde man nur das ursprüngliche Betreute Wohnen auch weiter betreuen. Aber es lohnt ja nicht.
Im übrigen passt dazu auch dieser Artikel zum Thema "miserable Pflege in Heimen" (bezüglich meiner Erfahrungen bei meiner Mutter natürlich - und in einem anderen Heim als in dem dargestellten -
wiso.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,8108950,00.html
oder hier zum Thema Vereinbarkeit von Pflege und Arbeitsplatz:
www.bundestag.de/presse/hib/2010_04/2010_134/10.html
oder zum Demenz-Alzheimer-Thema:
www.alzheimer-oekumene.de/alzheimer_presse_maerz10.html
An die Bundespolitik: Ihr müsst auch die mobile Pflege mal prüfen. Dokumentation wäre dann nicht nötig, wenn man ein Ziel benennen würde: Gesundheit des Patienten. Nicht wer häufig stürzt, ins Krankenhaus muss oder ständig zu wenig getrunken hat, ist maßgeblich. Sondern Patienten, die möglichst lange zu Hause haben leben können - trotz Demenz, Alzheimer, Zuckerkrankheit oder Gehbeschwerden.
Kölner Stadtanzeiger zitiert NRW-Ministerin: Mehr Menschlichkeit
Als hätte man meinen Vater in den letzten Tagen beobachtet. Die NRW-Ministerin für ...Pflege hat das Thema aufgegriffen. Hoffen wir, dass die nächste Generation davon profitiert. Mein Vater wollte gestern raus aus dem Heim, heute hat er wieder einen neuen Anlauf gemacht. Gern hätte ich diesen Termin noch etwas hinaus gezögert. Aber da ich niemand bei ihm wohnen lassen kann (weil kein Geld und kein Wohnraum vorhanden ist für eine polnische Pflegehilfe mit Herz), wohnt er nun in einer Kurzzeitpflege. Es ist menschlich und gut dort, aber eben eine Gruppenatmosphäre. Dennoch saß er heute allein auf einer Bank. Nicht für jeden ist eine WG das Richtige.
Es sind die Bilder...
... die meine Nacht füllten. Träume, die aber keine Wunschträume - eher Alpträume - waren. Heute habe ich mir frei genommen. Überstunden abgebaut, obwohl ich mit 150 Vorgängen etwa das 5fache dessen im Büro liegen habe, als man schaffen kann. Es geht um 150 Opfer von Straftaten - und jeder davon hat noch mitbetroffene Angehörige. Das muss man sich klar machen. Und ich müsste ca. 250-350 Beteiligte anhören, um meinem Anspruch auf eine menschliche staatliche Arbeitserfüllung gerecht zu werden. Ich kann es nicht. Die anderen auch nicht. Und um wirklich erfolgreich zu sein, müsste ich viel Zeit investieren. - Habe ich nicht, hätte ich auch nicht wenn ich heute meine Überstunden nicht abgebaut hätte.
Ausschlafen. Normalerweise hätte meine Frau heute frei. Aber ausnahmsweise muss s i e nun. Nun bin ich doch allein hier. Fahre gleich zum Vater ins Heim, wenn ich gefrühstückt und mich mit dem Unheil der Welt befasst habe. Ein Schulfreund beklagt den Tod eines Kollegen in Afghanistan. So traurig das sein mag - schlimm - , er wird niemals in ein Pflegeheim müssen und niemals einen Angehörigen versorgen können. - Und für was das Ganze? Damit verbohrte Idioten mit dem Koran unterm Arm den "heiligen Krieg" sterben - sagen sie. Und die breite islamische Welt kämpft nicht gegen die Taliban, lässt uns die Sch... machen. - So ist das eben. So sind sie, die Menschen unserer Zeit und die auch anderer. Immer wieder neu. Immer wieder anders. Letztlich egoistisch.
Im Traum fragte ich mich auch, warum eigentlich eher die katholische Kirche die Geschwister Scholl ehrt und die evangelisch "nur" Bonhoeffer und Pfarrer Fritze. Sonst auf weiter Flur kaum etwas an Heiligen. Aber auch kaum etwas, was ich als stützende Gemeinschaft empfinden könnte. Alles Individualisten.
Es lebe die Freiheit!
Eben nach Ende meines Dienstes gerade rechtzeitig zu ARTE: "Die letzten Tage", die Weiße Rose, Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Hans Scholl, ich habe sie lange gelesen - ihre Briefe, ihre Gedanken. Bis zum Moment, wenn eilfertige Bürokraten meinen, sie müssten der Diktatur einen Dienst erweisen - und wenn junge Menschen dem die Würde, den Mut, die Gedanken- und Meinungsfreiheit - vor allem auch Verantwortung über die eigenen Vorteile hinaus entgegen setzen. - Ein paar Tränen.
Es ist die Generation meines Vaters, meiner verstorbenen Mutter. Wie kam es, dass ich immer mit großem Respekt meine damals Gleichaltrigen - in meine Lebenszeit übertrug, während überall noch in den 50er, 60er Jahren der Muff von gestern wehte und ich selbst in den 70ern noch in meinem Beruf mit Leuten zu tun hatte,.... aber das gehört hier nicht hin im Augenblick.
Mein Vater musste heute in das vorübergehende Heim der Stadt. Ich sollte ihn abholen, alles war abgesprochen, damit er nicht allein dahin kommt. Aber die - pardon - unzuverlässigen Mitarbeiterinnen des Krankenhauses, welches immer noch den Namen des heiligen Geistes vorne groß und breit als seinen eigenen Namen nennt, wo ... ach ich bekomme die Wut. - Mein Vater war längst weg, als ich - viel früher als vereinbart - schon im Krankenhaus war. Sie hatten ihn einfach in das Heim gekarrt. Nicht gewartet. - Frau Dr. Blassgesicht, die mich neulich 45 Minuten doof rumstehen ließ, stand auf dem Flur und tat unschuldig. Auch die junge "Schwester"... die nennt man ja alle so obwohl sie nicht alle geschwisterlich sind - schüttelte den Kopf, der farbige Pfleger meinte, der Transportwagen sei eben schon da gewesen. - Ich werde laut. Ich kann solche Unzuverlässigkeiten einfach nicht still ertragen - nein, ich will es nicht.
So fahre ich also wütend wieder weg, suche im 15 Minuten entfernt liegenden großen Senioren-Einsperr-Stadtteil das Gebäude, in welchem man meinen Vater nun einsperrt. So sah jedenfalls alles aus, als ich mit meinem Wagen endlich irgendwo halten konnte, obwohl überall Haltverbot ist. Kein Hinweis für Angehörige wie ich, die suchend den Eingang nicht finden. - Eine rauchende Dame an einem Hingtereingang zum Keller lässt mich rein, der kürzteste Weg in den zuständigen Stock. Dort kann ich fragen, wo ich offiziell hineinkommen kann. Also wieder runter, Wagen weg... nochmal durch den Haupteingang hinein. Auch mein Bruder findet ihn später nicht sofort.
Drinnen sieht es sehr schön aus - der Frühstücksraum. Die Küche hinter der Glaswand. Man kommt auf mich zu, man bietet einen Kaffee an.. Da sitzt mein Vater. Ich begrüße ihn, nass geschwitzt von dem Versuch, möglichst bald dort zu sein.
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Der Bruder folgt, die Formalitäten, die Frau vom Sozialen Dienst mit den Verträgen, die Besichtigung des "Zimmers", das doch eher einem normalen Krankenzimmer ähnelt. Hier soll mein Vater mind. 20-25 Tage bleiben. Nach den freundlichen Aufnahmegesprächen muss der Bruder weg, schnell noch das Zimmer angeguckt, ein einiger Blick, dass wir das für uns nicht haben wollen.. aber mein Vater muss. Ich bin hilflos. Bleibe noch ein wenig. - Dann fahre ich zu meinem Dienst. Eine Frau und ein junger Mann haben sich mit einem Polizisten geprügelt. Angeblich wollten sie stehlen... ich höre sie an, Fingerabdrücke, Bilder, die Wohnung aufsuchen, schreiben, den langsamen Computer ertragen... Stunden Arbeit. Stunden. Damit sie schnell entlassen werden können. Für die Haft reicht es nicht.
Ich schaue auf die Uhr. Es ist 18.20 Uhr. Mein Handy habe ich nicht beachtet all die Stunden. Mein Bruder hat eine SMS geschickt, aber schon um 14.50. Ob ich mal in das Pflegeheim fahren könnte, der Vater hätte hinaus gehen wollen. Nach Hause. Er wollte nicht im Krankenhaus bleiben.... Ich dachte es mir. Da ich mich nicht meldete, er nicht hinfuhr... und man bis um 20.oo Uhr - mein Feierabend - nicht zurück gerufen hat, meint er, sei wohl alles in Ordnung.
Ich habe mir für morgen frei nehmen können, fahre da hin, statt endlich mal in das Schwimmbad oder die Sauna, und werde morgen meinen freien Tag wieder mit Ärger verbringen. - Mein Bruder hat morgen wohl keine Zeit. Mal sehen. -
So sitze ich eben noch - nach der Rückkehr zu Hause und ohne Mittagessen und nur mit ein paar Datteln und dem alten Brötchen von heute morgen - im Sessel, sehe Sophie Scholl - die letzten Tage. Von jungen Menschen mit Mut, Hoffnung, Freiheitssinn, Verantwortungsbewusstsein - nicht das schnöde "Freiheit des Kapitals", sondern die Freiheit in Christus. Mir kommen die Tränen. Ich bewundere diese jungen Leute noch immer. Und mein Vater? Er hat immer mal erzählt von den Nazi-Bonzen, die er bei Remagen an der Brücke gesehen hat, wie die Amerikaner... und wie er fliehen konnte - von diesen und von jenen. Er war damals 18 Jahre, als der Krieg zu Ende ging. Sophie, Hans... sie waren da schon lange tot. Am 22.Februar wurden sie geköpft. Aber die Gedanken bleiben bei dieser Generation - den Verfolgten, den Tätern, den Mitläufern, den Möglichmachern - und bei denen, die nichts anderes ersehnten als ein wenig Frieden, Herz, Liebe. 58 Jahre waren sie verheiratet. - Ihre Geschichten sind vergessen, sie selbst vergessen bald auch ihre eigenen Kinder. Werden und vergehen, lachen und weinen, kämpfen und ruhen. Alles hat seine Zeit. Und alles ist Windhauch. (Frei nach Kohelet)
Das ist ja unmöglich, dass
Das ist ja unmöglich, dass Dein Vater ohne Dich in das Heim gebracht wurde. Warum sollte das überhaupt sein, dass er mit einem Transportwagen gefahren wurde, hätte er nicht mit Dir mitfahren können?
Was mich beschäftigt: Wie ist konkret die Verantwortung zwischen Deinem Bruder und Dir geklärt? Dass Du nicht einfach nachmittags in das Heim fahren kannst, wenn Du im Dienst bist, steht fest. Ich glaube, da braucht es einen klaren Zeitplan, wer wann ereichbar ist, der auch dem Heim gegeben wird und natürlich Deinem Vater, damit die Mitarbeiter wissen, woran sie sind.
Unmöglich...
...ja, ist auch so. Allen war bekannt, dass ich gestern und auch kommenden Montag - und überhaupt sehr oft - sogenannte Spätdienste habe (die oft bis spät in die Nacht gehen können oder am Wochenende stattfinden müssen) und damit örtlich gebunden und am Schreibtisch oder ggf. dort sein muss, wo meine Arbeit als Staatsdiener gebraucht wird. Gesetzlich - wohlgemerkt. Da gehts nicht um Verdienst oder Umsatz. - Die Absprachen sind eindeutig. Erstzuständigkeit beim notariellen Betreuer. Ich unterstütze, wenn ich kann. - Die Realität: Ich war heute morgen zur Beruhigung wieder ins Pflegeheim gefahren. Habe ziemlich lange mit dem Vater auf dem kühlen Balkon gesessen, er konnte da rauchen. Eine alte Dame gesellte sich dazu; sie hat Humor und pommersche Problemerfahrung, wie sich zeigt. Akzeptanz der Notwendigkeiten mit ständig neuem "Zuhause". - Das Pflegeheim, die Kurzzeit-Pflegestation, ist personell und qualitativ gut aufgestellt, konnte ich beobachten. Und man hat das gestern wohl professionell - vor allem mit Zeiteinsatz und Gespräch auf Augenhöhe geschafft. Ohne Medikament. Ohne Fesseln. Ohne Zwang. - Ich bin beruhigt nach Haus gefahren und kümmere mich gleich um das, was ich eigentlich noch wollte. Ein wenig Ruhe auch. Etwas Literatur. Etwas Musik. Etwas für mich.
Die Kapitulation steht bevor
Mein Kämpfen an der Pflegefront hatte klare Ziele: Ein alter Mensch, mein Vater, sollte nach den bitteren Erfahrungen mit der Pflege meiner Mutter in der ambulanten Pflege im Rhein-Sieg-Kreis und der anschließenden stationären Pflege im Kreis Mettmann und dann in Köln (in christlichen Pflegeheimen!) sowie in Krankenhäusern mit ihren Effizienz-Methoden - ein alter Mensch sollte möglichst lange in seinen eigenen vier Wänden leben können. Versorgt von gut ausgebildeten Pflegekräften mit Kenntnissen in klassischen gerontologischen Krankheitsbildern wie Demenz, Zucker, u.a. sollte gem. Art 1 Grundgesetz und ohne jegliche tatsächliche Diskriminierung die Freiheit gem. Art. 2 Grundgesetz gesichert werden, indem die Gleichheitsrechte gem. Art. 3 Grundgesetz durch die Bindung des Staates an Recht und Gesetz gem. Art. 20 Grundgesetz sich "in der Verantwortung vor Gott und den Menschen" (Präambel des Grundgesetzes) ausdrückt und die Gesundheit so geschützt wird, dass dieser alte Mensch in Würde sterben kann.
Tja. Andere können das auch nicht, mag man sagen. Nicht gut, aber Realität kann auch gestaltet und verbessert werden.
Nun wird mein Vater aus dem Krankenhaus, das den heiligen Geist zu seinem Namen macht, lückenlos und ohne jeden Schritt in die eigenen vier Wände direkt in eine Einrichtung der Stadt, ein Sozialbetrieb der Stadt (tolles Wort) gehen. Kurzzeitpflege. In völlig fremde vier Wände. Gegen den Willen des Betroffenen ("ich will nach Hause") wird man also (wie schon bei der Fesselung und Zu-Dröhnung im Krankenhaus) die freie Selbstbestimmung (und sei es im engeren Rahmen der aktuellen Zustandsmöglichkeiten eines Alzheimer-Patienten, zumindest Demenz-Patienten) einschränken. Man wird die Unfähigkeit, selber alleine gehen zu können (weil die Drogendröhnung und die Bettpflicht ihn schlapp machte) nutzen, ihn dahin zu bringen, wo er am wenigsten den notariellen Betreuer und den tatsächlichen Betreuer belastet - und wo die Pflegedienste möglichst praktische Bedingungen haben.
Am Donnerstag hole ich ihn selber sogar ab, er fährt mit dem Krankenwagen, ich hinterher. Der notarielle Betreuer wird "mal kurz da sein". Hat "keine Zeit". Und ich nehme sie mir, fahre später zum Dienst, arbeite dafür bis spät in die Nacht.
Ich stehe also vor der Kapitulation.
Kehrt um! Kehrt um!
Gestern konnte ich nicht ins Krankenhaus, aber die Putzfrau - das russische Herz - war dort. Gurken und Salat, Weintrauben - sie brachte mehr mit als dies.- Ich war mit der Familie bei einer Tagesfahrt. Die Besichtigung des mehrere Milliarden teuren und mit mehreren Millionen zerstörten Bunkers der Bundesregierung, der 1997 aufgegeben wurde. Auch der Fernmeldebunker wurde besichtigt. Eine Busfahrt durch die Ahr-Gegend bei herbstlicher Sonne war dabei. Welcher Unfug bezahlt wurde, um einige Tausende der Spitze der Gesellschaft (ohne ihre Angehörigen) vor einem Atomschlag zu schützen, der letztlich doch alles zerstört hätte.
Zugleich die Prügelszenen in Stuttgart21, die mich beschäftigen. Milliarden für ein Prestige-Objekt in Zeiten knapper Kassen, in denen man für die Ärmsten der Armen kein Geld, sehr wohl aber für militärische und für Immobilien-Ziele.
Dazwischen meine pflegebedürftigen Angehörigen. Mein Vater war heute nicht "lala". Die Angst, dass er bald sterben wird, die man mir am Freitag auslöste, ist gedämpft. Meine nette Ärztin hat mir nach langem Blickkontakt zugesichert, dass sie sich kümmern werde. Mein Bruder ist braungebrannt aus dem Urlaub - ich erzählte - und auch er war erschüttert, dass man meinen VAter wohl nach dem Sturz, als er auf das Klo wollte und man nicht kam, gefesselt hat und unter massiven Neuro-Drogen setzte, weshalb er halbtot mir am Freitag da lag. Heute Morgen war er auch noch etwas "lala". Der trockene Mund führte dazu, dass er die Lippen nicht zu bekam. Ich holte Wasser, gab es ihm, er trank viel. Dann gingen die Lippen wieder zu, der Mund war nicht mehr trocken. - Warum das alles.
Ich war heute Mittag nur kurz da, mitten während der Arbeit. Heute Nachmittag erneut. Da ging es ihm auch besser. Er setzte sich sogar hin, war nicht mehr "lala" und konnte die Aussicht auf das Bergische Land bei klarer Sicht genießen, erkannte das Leverkusener Bayer-Kreuz der Pharma-Industrie, die ihn ans Bett fesselt und doch Sinnbild für eine Region ist. Er sah das Bensberger Schloss in der Ferne, wo ein Promi teuer Hochzeit feiern konnte. Und er - allein - im Krankenhausbett. Die verordneten Krankengymnastik-Anwendungen kamen in den letzten Tagen trotz Verordnung nicht, beschwert habe ich mich nicht. Woher ich das weiß? Der Bettnachbar hätte sie auch bekommen sollen, aber er sagt, er habe resigniert. Auch bei ihm sei niemand gekommen. Er kämpfe sich alleine durch. "Die muss man hier einfach in den A... treten, aber das will ich nicht", sagt er. Da seien gute Pflegekräfte, aber die lernen heute nur noch, die Statistiken und Monitore zu bedienen, nicht wie man Menschen hilft. - Ich schaue durch die Tür in die jungen Gesichter, die sicher alle mit Elan diesen Beruf angestrebt haben oder es noch tun, und denen man das alles so vermiest, weil man es nicht anders zeigt oder zeitlich einfach nicht "schafft". "Keine Zeit" ist eben das Zeichen unserer Zeit.
Ich unterhalte mich mit meinem Vater, er muss aufs Klo. Er steht auf, geht mit mir an beiden Händen gestützt dorthin. Eine Windel hat man ihm angezogen, obwohl er alleine weiß wann und obwohl er, wenn man ihn rechtzeitig zum Klo bringt, alles alleine schafft. Zurück geht er wackelig, das Knie schmerzt ihm, worauf er gestürzt ist. Blau angelaufen ist es. Dazu die Gesamtschwäche durch das Liegen.
Mein Bruder erfährt, dass erst am 25.10. ein Platz in dem Pflegeheim für Kurzzeitpflege ist, in welchem er die Tagespflege schon länger mit Freude nutzt. Man muss erst renovieren, ich verstehe das und finde es gut. Aber wohin inzwischen. Alleine zu Hause wäre gut, hätte man ihn nicht gefesselt und unter Drogen ans Bett gewöhnt, woraus man ihn auch nicht holt, um ihn zum Klo zu führen. Scheiß Gesellschaft, die sowas zulässt. Pardon, aber ich muss auch laut brüllen dürfen, wenn es mir danach ist. Hört doch von den Verantwortlichen keiner sonst, wenn man nicht auf den Putz klopft. Leise Töne sind nur etwas für Ärztinnen, die das Herz klopfen hören, wenn man nur mal 2 Minuten "Zeit hat".
Ich versuche äußerlich ruhig zu bleiben, freundlich frage ich nach frischem Wasser für meine Vater. Die Flasche hat er in meinem Beisein geleert. Mit der Schnabeltasse. Mit klaren Augen kann er mich wieder anschauen. Hätten wir nun eine Wohnung mit Einliegerwohnung oder würde mein Vater nicht auf 33 qm wohnen sondern reich sein, dann könnte eine polnische Pflegefrau (die deutschen wollen es ja nicht, sondern lieber Hartzen....) dort 24 Stunden wohnen und pflegen. Gerne würde ich das bezahlten - könnte ich es. Kann ich nicht.
Mein Bruder kennt einen, der einen kennt, und der schläge die Städtischen Sozialbetriebe vor. Okay, geht ja nicht anders. Besser als nichts. Wir müssen von heute 20 Tage überbrücken. Danach kann er dann in das gewohnte Pflegeheim. Also die Kurzzeitpflege geht nicht in dem Heim der Wahl.... So isses eben. Was sagt der Experte für Demenz und Alzheimer? Lassen Sie ihrem Vater den gewohnten Raum. Sonst verwirrt er zusehends. Klar, weiß ich. Aber wen schert es von denen, die lieber Stuttgart 21 durchprügeln und Wafffen und Drogen in Afghanistan schützen. pardon, aber ich bringe das eben in meinen Gedanken zusammen. Menschen werden still gelegt, niedergeschlagen, klein gemacht. Hauptsache, der Betrieb und die Statistik klappt. Das kenne ich auch woanders her. - Ich werfe das nicht den Heimen vor sondern denen, die ich bereits vor einem Jahr um Hilfe bei der Konzeption einer zukunftsweisenden Lösung für meinen Vater anflehte. Sie halfen nicht.
Soviel von der Pflegefront.
Ich versuche, die sonnigen Herbststrahlen über den leuchtend gelben und roten Blättern als Zeichen zu deuten, dass jenseits allen Nebels doch irgendwo die Sonne ist - man muss sich nur nach ihr sehnen.
Sabbat - Samstag - Kein Tag der Ruhe für mich
Es ist Vormittag. Wir haben den Wecker erst auf 8 Uhr gestellt. Den Tag mit dem Frühstück gemeinsam beginnen. Meine Frau und ich. Das TeDeum heute nicht, der Tag wird die Lesung werden. - Ich fahre ins Krankenhaus, drinnen erwartet mich nicht nur mein Vater in etwas besserem Zustand als gestern - und doch liegend mit einer Pampers. (Er hat das nicht nötig, aber ich erfuhr, dass man ihn nicht zum Klo brachte, lange warten ließ, da musste er so dringend, dass er ins Bett machen musste. Das kenne ich von meiner Mutter, die längst tot ist und schier verzweifelte, weil man sie nicht zum Klo brachte. "Keine Zeit". Die Lieblingsausrede einer Organisation, die zuwenig Leute einstellt, lieber Psychopharmaka in teurer Dosis verabreicht. Man bekommt so schöne Reisen als Arzt bezahlt... pardon). Wo ist meine nette Ärztin? Sie hat frei. Das Hammer-Medikament, eines von drei Psychopharmaka, die man meinem Vater verabreicht, damit er nicht das Pflegepersonal stört, hat seine Nebenwirkungen. Deshalb, nur deshalb ist er nun im Bett als Liegepatient, das Seitengitter sperrt ihn ein - das sagt er auch, aber man lässt es nicht weg. - Ich beschwere mich nicht mehr, ich baue es einfach ab. Die Fesseln der Nacht liegen noch dort. Ist eigentlich der Art. 1 und 2 Grundgesetz für Alzheimer-Patienten nicht gültig? Mein Vater freut sich über meinen Besuch, aber auch die Putzfrau ist da. Das Pflegepersonal meint, er lebe mit ihr zusammen. Falsch. Diese russische Seele ist einfach nur ein Herz von Mensch. Sie hat einen eigenen Lebenspartner und soll eigentlich nur Putzfrau sein. Aber sie kann es nicht mit ansehen. Sie zieht meinem Vater die Windel aus, wir stellen ihn und lassen ihn einige Bewegungen machen. Er ist zu schwach. Er lallt - immer noch von den Medikamenten von Freitagmorgen oder -abend.
Ich muss die Altwäsche mitnehmen, fahre nach Hause. Meine Frau will alles waschen. Dann wollen wir noch einkaufen. Danach fahr ich wieder ins Krankenhaus. Es ist 13.30 Uhr. Der Tag ist schon zur Hälfte mit Pflege befasst. Kein Schwimmbad, keine Radtour, kein Walking - alles sollte ich tun für mich, und meine Frau für sich. Als ich ins Krankenhaus komme, schiebt man meinen Vater in die Notaufnahme. Warum das denn? Vermutlich habe ich sie erwischt. Man gibt an, er sei "gestern gestürzt". WArum man denn jetzt erst röntgen will?? Keine Ahnung. Merkwürdig.
Ich gehe mit. Unten treffe ich den Freund eines meiner Berufskollegen. Er sieht mich, erkennt mich, ich versuche mich selbst zu erinnern. Ihm hatte ich einmal gesagt, dass meine Schwiegermutter 6 Stunden im Zimmer der Notaufnahme saß, ohne dass jemand die MS-Patientin dort rausgeholt hätte. Ohne Essen. Ohne Getränk. Hilflos.
Nun erinnerte er sich daran und kümerte sich.
Der Arzt bemerkt richtig, dass es das linke Knie nicht sein kann, dass man angeblich röntgen müsse. Das rechte Knie wies einen großen blauen Fleck auf und ist schmerzhaft. Da man meinen Vater immer angezogen im Zimmer sitzen hatte, hatte auch ich das nicht gesehen. Deshalb also kann er so schlecht gehen. Bzw. dieses Knie war am 30.9. bereits geröntgt worden. Wegen des Sturzes am 24.9. - Heute also erneut, wegen des Sturzes am gestrigen Tag. Irgendwie komisch. Ich versteh es nicht.
So vergehen Stunden, bis ich ihn nach oben wieder schieben kann. Die Röntgenfrau bringt mich mit ihm hoch, den Rest bis zum Zimmer mach ich alleine, weil die Stationsschwester zwar längst informiert war - aber "keine Zeit" hatte, früher entgegen zu kommen.
"Keine Zeit" . Ich hab auch keine. Da kommt der Pfarrer, aber er will später nochmal kommen, denn zugleich kommt mein braun gebrannter Bruder mit seiner Freundin aus dem Urlaub. Er übernimmt als Betreuer seine Aufgabe.
Geklärt wird vor allem, warum diese Hammer-Medikamente meinen Vater ausser Gefecht setzen sollen. Ich werde innerlich zornig und traurig. Hatte ich doch gestern schon befürchtet, dass er stirbt. Man nötigt meine Seele, das Pflegeheim zu akzeptieren.
Ich bleibe noch eine Weile. Dann fahre ich zu meiner Tochter und meinem Enkel. Der Schwiegersohn muss heute lange arbeiten und ist nicht zu Haus. Ich bringe von einem Lebensmittelgeschäft zwei schöne Kinderpullover meinem Enkel. Wir schauen den selbstgemachten Videoclip von seiner Burg, den er mir zeigen will und den er mit seiner Mama gemacht hat. Wir trinken Ingwer-Tee mit Zitrone, ein paar leckere Kekse. Ein wenig Ausklingen in der Zukunft, der Hoffnung auf eine bessere Zeit durch meine Kinder und meinen Enkel.
Sie alle haben Herz und Verstand, sind fleißig und wir alle mögen uns. Hoffnung trotz der Verbitterung.
Und ich atme etwas durch.
Auf dem Rückweg begegne ich zwei Menschen aus meiner evangelischen Kirchengemeinde. Sie sind zu Fuß, ich im Auto. Und ich lächle und sage, ich wäre extra durch diese Straße gefahren, um sie zu sehen. Erinnerung an Gemeindezeiten. Wir tauschen uns ein wenig aus. Ich bin doch nicht so ganz allein.
Verbitterung trotzdem
Heute kam ich ins Krankenhaus, wollte meinen Vater abholen, wie vorgestern vereinbart. Gestern konnte ich nicht. Überhaupt sind die letzten Tage für mich so voll beladen gewesen. So war gestern eine Wissenschaftlerin im Auftrag eines Forschungsauftrag unterwegs zu mir, fast zwei Stunden Interview zur Frage der Belastungen durch Arbeitsplatz UND Pflegemanagementaufgaben UND Familie. Passend zu diesem Thread also. Ich habe ausführlich Auskunft gegeben. Ich bin nicht mehr zu meinem Vater gefahren, es war einfach zu spät geworden. Hat man ihn ruhig gestellt? Meine Ansprechpartnerin im Krankenhaus, die Ärztin mit Herz, ging mit mir ins Krankenzimmer. Soviel Engagement von einer Ärztin habe ich lange nicht erlebt - außer beim Hausarzt meines Vaters. Und als auch sie die Tränen nicht mehr halten konnte, da merkte ich, wie gerne sie diesen Beruf ausübt und wie sehr sie sicher an einen Angehörigen denkt. Kann ich nur vermuten.
Mein Vater fuhr nicht mit. Er konnte nicht mal einige Meter gehen. Wollte, aber konnte nicht. Wäre beinahe gefallen. Man hat ihn wohl im Bett diese Nacht gefesselt (die Fesselgurte lagen noch auf dem Tisch). Sie hatten Gitterstäbe am Bettrand hoch gezogen. Sie hatten ihm eine Windel angezogen. - Dabei hat mein Vater immer seine Toilette bis vor kurzem selber gemacht. Er war halt nur orientierungslos wenn es um seine Frau geht. Ihren Tod hat er vergessen. Aber sonst konnte er alleine zum Balkon, in die Ferne schauen, mit mir zum Einkaufen gehen, manchmal , ja meist, alleine ins Bett gehen. Soll ich mit der freundlichen Ärztin nun schon wieder auch einen Konflikt austragen - wie so oft im Krankenhaus? Oder verlasse ich mich auf Gott und seine Gerechtigkeit?
Wie traurig er heute war. Er wollte dass ich gehe. Er hätte niemand sonst als seinen jüngeren Sohn (derzeit im Erdbebengebiet um Kreta) und mich, den Ältesten, der nicht mehr weiß, was man machen soll. (Wie mich doch trotz allem die prügelnden Polizisten, die Baumabhacker, die Immobilienhaie in Stuttgart 21 ankotzen, aber ich kann nicht gegen diesen Wahnsinn demonstrieren, nicht gegen Atomkraft, gegen die Arroganz der Besitzenden, die nirgends sind, wo man sie braucht, aber sehr wohl gnadenlos mit Macht umgehen.).
Was hat das mit meinem Vater zu tun? Mir ist jegliches Lachen vergangen, jegliche Kraft für den Widerstand gegen die soziale Ungerechtigkeit im Land, jegliche Energie gegen den 20-Milliarden-Betrug, der mit Polizeigewalt in STuttgart durchgeboxt wird, gegen die vielen Ungerechtigkeiten - und dabei bin ich doch FÜR so viele Ziele, die kaum einen noch bewegen. -
"Meine" Ärztin wird sich einsetzen, dass man meinen Vater übers Wochenende weiter dort lässt. Denn ich habe keine Idee, außer ihn allein zu Haus in diesem Zustand zu lassen. Er wird stürzen, sich verletzen. Vermutlich sind es die Medikamente. Aber der diagnostizierte Alzheimer ist nun mal nichts, was jemals wieder besser werden wird.
So fahre ich zum Hospiz, einem christlichen Hospiz direkt neben der Kirche, in der meine Kinder einmal getauft wurden; nicht weit vom Krankenhaus; direkt am Pfarrhaus, wo ich so oft meinen Kindern vom lieben Gott erzählt habe. - Aber man wies mich ab. Nur Krebspatienten nehme man. Im Flur wies man mich ab. So wie damals, bevor meine Mutter starb und mit Dekubitus im Krankenhaus litt. - Ich habe dort gesagt, ich stünde nur wenige Augenblicke vor dem Austritt aus der Kirche - Verbitterung. Trotz all der guten Zeichen, die mir Gott sendet, wenn er mir in Menschen Liebe zeigt, oder indem er mich bei Anderen das Gefühl der Geborgenheit oder des Vertrauens erwecken lässt. Aber wann hat mich diese Christenheit in Organisationsform jemals angenommen, mir aktiv geholfen. Immer muss man denen hinterher laufen. Sie kassieren Erbpacht und verdoppelten sie damals, sie kassieren Kirchensteuer, sie verbieten dies und das was Menschen befreien kann, aber sie helfen nicht. Das ist die bittere Botschaft, die ich heute - mal wieder - für mich erfahre.
Nicht "die Christen" meine ich, ich meine die bezahlten Berufskirchenleute. Schafft sie ab. Schafft sie ab. Gott ist nur in den schwachen mächtig. Der Tod wird meines Vaters Erlösung werden. So wie bei meiner Mutter. Aber für mich wird es noch einige Jahre ein Kreuz sein, den Untergang des christlichen Abendlandes miterleben zu müssen. Womöglich wird danach etwas Neues kommen. Und wieder wird es doch dasselbe sein: Bitter.
Zum Schluss - bevor ich ging: Mein Vater wollte ein paar Worte beten. Ich fügte das Vaterunser an, das wir gemeinsam sprachen. Dann rief ich Schwester I. über die Info-Dame unten am Eingang. Sie war innerhalb weniger Minuten bei meinem Vater. Und er wird morgen die Kommunion und die Krankensalbung bekommen. Als ich meinen Vater fragte, ob ich den evangelischen oder katholischen Pastor holen soll - musste er doch ein wenig lächeln. Er wollte den katholischen. Dass ich evangelisch geworden bin, hat er nie verstanden. - Ich letztlich jetzt auch nicht mehr, denn wenn überhaupt: Es kam die katholische Nonne sofort, als ich sie rief. Als ich den Pfarrer vor längerer Zeit um Hilfe bat, wusste er auch nicht, wie er mir helfen kann. Wie auch. Den letzten Weg geht sowieso jeder allein. Das ist wahr. Aber dass ich den auch schon gehen muss, obwohl ich noch einige Jahrzehnte leben möchte, dass ich allein stehe mit dem ganzen Kram... ich fürchte, wenn ich mal eines Tages in dieser Lage bin, werde ich ganz allein sein. Hoffentlich wird die junge Ärztin, die es mir so angetan hat, dann noch geben. Hoffentlich erinnert sich die dann sicher 55jährige oder 60jährige daran, dass ich als 85jähriger gerne gute Menschen um mich hätte.
Alzheimer wird nicht besser
Baksb, wir teilen über die Entfernung Deine Traurigkeit mit Dir wegen des Zustands Deines Vaters. Wie schön, dass er mit Dir beten wollte und Du diese Krankenhausseelsorgerin holen konntest. Auch diese junge Ärztin ist ein Segen.
Dass Du dann ins Hospiz gegangen bist und dort bei der Abweisung schlimme Erinnerungen in Dich hochkamen - ein Hospiz kann eben nicht alle aufnehmen. Aber so etwas sollte man besser im Sitzen klären, nicht auf dem Flur.
Wenn der notarielle Betreuer Urlaub hat
Tja, nun steh ich doch allein da. Der notarielle Betreuer hat noch Urlaub in der Sonne, ich bin am Arbeitsplatz doppelt gefordert, weil von etlichen Kollegen viele krank sind und andere sich haben versetzen lassen, weil sie den Stress nicht mehr aushielten im Brennpunktgebiet dieser Stadt und angesichts zu knapper Personalressourcen.
Mein Vater ist immer noch im Krankenhaus. Heute lag da auf dem Tisch ein Infoblatt für ein MRT - Kernspintomographie. Ich habs meinem Vater erläutert. Und die Eintragungen gemacht, die wohl mal ein Arzt machen soll.
Dann fragte ich im christlichen Krankenhaus mit heiligem Geist im Namen, ob man nun doch mal einen Arzt für ein Vier-Augen-Gespräch haben kann. Die Ärztin vom Sonntag, die mich 40 Minuten doof stehen ließ, kam vorbei, vertröstete mich auf gleich, kam dann irgendwann zurück und meinte, ich sollte einen der diensthabenden Ärzte ansprechen, sie hätte eigentlich Nachtdienst. Aber warum weiß ich nicht, wer diensthabend ist? Warum guckt mich keiner an hier am Tresen, wenn ich wie doof da stehe?
Man lässt eine Ärztin kommen. Sie ist jung, hübsch, ich fürchte schon wieder... Aber sie lässt sich von mir bitten, doch mal erst einen Stuhl zu suchen, damit ich nicht in der Tür zwischen der türkischen Familie und dem gehbehinderten alten Mann private Fragen und Antworten austauschen muss. Da war doch irgendwas von ärztlicher Schweigepflicht.... aber was ist das?
So sitzen wir zwischen anderen Patienten, weil es keinen ärztlichen Besprechungsraum gibt. Arme Zeit. Arme Zeit.
Die Ärztin ist aber kompetent, vor allem hält sie Blickkontakt und ist herzlich. Das spüre ich. Sie möchte auch mit mir reden, sagt aber auch irgendwie, dass das nicht im Plan ist. Gleichwohl hört sie zu, fragt, gibt Antwort, spiegelt was sie verstanden hat und sagt, sie werde sich kümmern. Vor allem, weil der Vater heute immer wackeliger, schwächer, lallender ist. Was hat man mit ihm gemacht? Ich sehe in die offene Akte am Tresen, ist ja keiner da und man braucht nur über den Tresen zu schielen... da steht ein Hammer-Medikament, sehr sehr teuer und für Parkinson im Spätstadium gedacht - oder bei anderen schweren Nervenleiden.... Mein Vater aber ist nur vergesslich, dementes Syndrom, hat Herzprobleme und wird gegen Abend schwächer und vergesslicher als morgens. Aber er ist ruhig, benötigt Menschen die mit ihm reden wenn er Fragen hat. Und er erzählt von seiner Kindheit, seiner Jugend, seiner Mutter. Was soll daran ein Problem sein? Ich verstehe ihn, kann mit ihm reden. Die Leute von der Demenzbegleitung konnten es. Die Pflegekräfte ... nun ich soll ja hier schweigen.
Die nette iranische Ärztin hätte ich umarmen mögen. Sie hat Herz, ist kompetent und will mit dem Hausarzt telefonieren. Sie möchte gute Diagnostik und Therapie. Aber sie hat wohl selber wenig Raum, fürchte ich. Aber das sagt sie nicht. Sie strahlt etwas aus, was eine gute Ärztin ausmacht. Ein paar Jahre Erfahrung noch und hoffentlich immer guten Mut. Sie ist eine jener Menschen, die wohl Muslimin, Christin, Bahai oder was weiß ich sein mögen - nein, sie ist gute Ärztin. Ich hoffe auf sie und habe Tränen in meinen Augen, als ich ihr die Hand gebe und sie die andere mal kurz an meinen Oberarm gleiten lässt. Wie lange hat ein Arzt das nicht gemacht.
Mein Vater geht noch "eine rauchen", ich kaufe das Giftzeug - er hat sonst nichts - inzwischen ist meine Tochter mit meinem Enkel da. Und wir setzen uns kurz draußen in den Regen. Ein kleiner Moment für vier Generationen. Ein kleiner Augenblick menschlicher Nähe. Wie selten. Wie oft können wir das noch erleben? Wenn das Heim kommt, wird es bald vorbei sein. Da bin ich sicher.
Bald kommt mein notarieller Bruder zurück. Und dann wird es wohl so laufen, wie er es will. Möglichst wenig Arbeitsaufwand, kein Privatpflegebereich, möglichst ständig Gruppen und Heimbewachung. Gott hat eben seine Wege, meine sind - verdammt nochmal - wirklich anders als es immer kommt. Wenn das weiter so geht, und wenn kein Pfarrer oder Priester oder sonst ein Verkünder bei mir mal endlich über Praxis im Alltag redet, trete ich aus der Kirche aus. ABer das juckt ja nicht wirklich. So ein Meckerfritze wie ich wird gern weit weg gesehen. Mein Bruder meint: 'Weil Du dich beschwerst, sind die so. Nee. Sag ich nichts, dann vergiften diese Pharma-Unterstützer und Heim-Lobbyisten unsere Gesellschaft noch mehr als die Lehman-Brothers und die Real-Estate-Ganoven, ... Ich fordere endlich wieder CARITAS: Herzenswärme.
Wie gut Du das beschreibst.
Wie gut Du das beschreibst.
Ist es nicht so, dass die notarielle Betreuung nun einmal gilt und das, was daraus folgt, von Deinem Vater so in Kauf genommen wurde? Ich bin ja auch schon wütend darüber und gebe Dir Recht, aber wenn eine Entscheidung getroffen wurde, dann gilt sie auch. Oder sehe ich das falsch, weil ich das noch nicht erlebt habe?
Denn sie wissen nicht....
.... was sie tun.
Schade, hatte einen Text eingegeben, der wohl nicht gespeichert wurde.
Darum nur das: Die nette Ärztin hat sich heute nochmal richtig Zeit genommen. Sie wartete sogar auf mein KOmmen, um mich abzupassen.
Sie ist persönlich zum Sozialen Dienst, der wartete auf mich ohne Terminabsprache. Mein Vater wird am Freitag von mir nach Hause gebracht. Das Thema Kurzzeitpflege steht auch auf dem Programm. Aber nicht überstürzt.
Die Demenz ist von ihr erstmal auch medizin-technisch angepackt worden, aber die Lumbal-Punktion ging nicht, weil der Vater sich nicht still verhielt. - Das MRT kommt morgen. - Vor allem: Die Ärztin sprach mit mir auf Augenhöhe und doch professionell. Ihre Meinung war und ist mir wichtig. Das habe ich auch gesagt. Ich hätte sie umarmen mögen. Hoffentlich bleibt sie uns lange erhalten. Das ist nicht selbstverständlich. Denn gute Leute sind oft schnell weg in gute Kliniken mit meist privaten Patienten. Hoffen wir, dass sie bleibt.
Sie wissen nicht was sie tun....
... ist wohl das Ganze, was da zu sagen gilt. Sie vergaßen gestern, rechtzeitig den Kontakt zu Enkel intensiv zu pflegen, Konflikte mit den und unter den Kindern gemeinsam konkret anzupacken. Ich klagte nicht früh genug, kämpfte nicht früh genug, wusste nicht was ich hätte besser machen sollen. Tja, und nun tue ich was ich kann, erkenne durchaus die Grenzen. Aber es ist so schön gesagt: "Du musste auch an Dich denken". Klar. Mach ich ja, vielleicht zu oft. Leider fällt es mir nun mal schwer, jetzt den Urlaub für mich zu buchen, zu machen was mir selber mal gut täte, den Vater allein zu lassen und das im Wissen, dass schon ein Tag für ihn eine Welt ist, die er vergisst. -
Heut habe ich ihn natürlich wieder besucht. Der notarielle Betreuer wurde vom Sozialdienst angerufen. Das hat dem Krankenhaus richtig Geld gekostet, irgendwo aufs Meer zu telefonieren. Und der Sozialdienst wartete sogar auf mich heute nach der Arbeit. Man ahnte, dass ich kommen würde.- Vor allem: Es wartete die gute Ärztin, über die ich nichts weiter sagen möchte außer: Sie gibt Hoffnung und war heut mal wieder wie der Engel in der Finsternis. Wie lange wird sie noch dort arbeiten? Solche Menschen, die erkennen und handeln, gibt es zu selten - und meist mögen Andere sie nicht. Ich weiß das, weil ich auch selber solche Erfahrungen machte, wenn ich es war, der für Andere da war, wo der Apparat sich für nicht zuständig hielt oder sich hinter der Anonymität verbarg. - Da saß eine Ärztin und einer wie ich, und damit saßen da zwei von sicher ganz vielen verborgenen, stillen, guten Seelen, die es gibt. Solche die nicht schreiben, ihr Licht unter dem Scheffel haben, wo doch nichts Wichtiger wäre heute, als es weithin leuchten zu lassen... - Mein Vater wird Freitag von mir abgeholt. Ich werde ihn - nach einem langen Gespräch mit dem Sozialen Dienst - nun erstmal doch nach Hause bringen. In seine sichere und ihm bekannte Umgebung. Und sollte er wirklich mit den bestehenden Versorgungsdiensten, die ihn begleiten, nicht mehr klar kommen - dann gibt's einen Monat Testlauf im Heim, wo er jetzt bereits die Tagespflege besucht. Und es wird dann der nächste Abschnitt kommen: Neues vom Pflegestrand????!
Ein Moment der Stille
Sonntag im Krankenhaus
Er liegt im Bett - der Flüssigkeits-Nahrungstropf ist leer, er ist nicht rasiert. Die Schwester klemmt ab, nachdem ich darum bitte. Auch dass er - jetzt ist 13 Uhr - im Laufe des Tages mal rasiert wird, wird man wohl erfüllen. Gleich kommt Ludmila, die Putzfrau aus St. Petersburg, die einen neuen Schock bekommen wird, weil sie das nicht ansehen kann - dieser alte Mann wird überall allein gelassen.
Ich erkläre der Schwester, dass es außer meinem Bruder, der derzeit in Urlaub ist, und mir, der ich selber an Grippe leide, niemand gibt für meinen Vater, der sich kümmern könnte. Die Hilfen können nun allein vom Krankenhaus gegeben werden, da der Pflegedienst im Krankenhaus "nicht zuständig", die Demenzbegleiter "nicht mehr zuständig" und sonst auch alle immer "nicht zuständig" sind.
Ich gehe mit meinem Vater ins Foyer, hole ihm einen Kaffee, er erzählt von der Zeit mit meiner Oma, seiner Mutter, von ihrem großen Garten mit den Apfel- und Pflaumenbäumen. Und als sie starb, nahm der jüngste Bruder von ihm alles an sich, danach gab es für meinen Vater nichts davon. Nicht mal mehr den Zugang zum Garten. Wir Kinder, er als unser Vater - so der Wunsch der Oma - sollten immer den Apfelbaum, die Pflaumenbäume nutzen können. Aber Onkel Heinz wollte das wohl nicht. "Ihr seid zu weich" sagt mein Vater heute. Ich sage: Ach, wer den Besitz will soll ihn haben, ich kämpfe nicht dafür. Er: "Ich habe mich auch immer um unsere Arbeit gekümmert, nie um das, was mir mal zusteht. Das soll doch Euch gehören.". Nein, sage ich. Das ist nun zu spät. Da erzählt er von dem kleinen flachen Anbau, wo mal Schweine, Schafe - waren. Wo die Oma Apfelkraut selber machte, wo sie uns Apfelmus machte zum Abholen in kleinen Eimerchen, und wo wir mit dem kleinen Roller als Kinder immer hin fuhren. Sie machte Apfelpfannkuchen, Pflaumenpfannkuchen, Kirschpfannkuchen. Sie machte Pflaumenmus. Er erzählt, ich erzähle. Diese Zeit ist ihm sehr präsent. Und er glaubt manchmal, dass seine Mutter noch lebt. Da ist er jung, da erzählt er von seinem Motorrad, das er - leider, sagt er - mal verkauft hat. Heute wäre es sehr viel wert. Gern hätte er es seinen Enkeln geschenkt. Nichts. Nicht mal die Wiese ist geblieben. Seiner Mutter Hab und Gut hat sich der Onkel unter den Nagel gerissen, gepflegt hat die alte Frau damals ein anderer Bruder. Auch er hatte davon wohl nichts. Und nun ist der jüngste Bruder mein Vater - er hat nicht mal das Geld, eine polnische Hilfe zu bezahlen, das müsste man auf krummen Touren irgendwie machen, wie das andere tun. Nicht aber wir, denn das wüsste ich nicht mal zu organisieren. Und wo sollte sie wohnen. In dem kleinen Apartment ist kein Platz für eine zweite Person. So wird also das Pflegeheim bald folgen. -
Und wir, unsere Kinder, unsere Enkel. Fangen alle von vorne an. Eben im Radio der Bericht von 103 Milliarden, die die Regierung einer verbrecherischen Bank in den Hals schiebt, damit die Spekulanten nicht leer ausgehen. Und zahlen werden wir es - auf jeden Fall wird es die Effizienz-Denker der Politik, der Banken, die ABzocker und Erbschleicher geben, die unseren Vater alleine lassen, die aber auf den Balearen und in Italien wohlfeil Urlaub machen. Ich muss aufhören, laut zu denken. Sonst pack ich bald meine Sachen und wandere aus, aber wohin?
Krankenhaus statt Begleitung - Wenn man desorientiert ist
38 Anrufe hatte ich am letzten Freitag, also vorgestern, auf dem Anrufbeantworter. 14 Anrufe meines Vaters, ich möchte doch bitte zurück rufen. 10 Anrufe dazu, bei denen vor Beginn des Anrufbeantworters wieder aufgelegt wurde. Und weitere Anrufe des Pflegeheimes neben der Wohnung meines Vaters - die, welche nicht zuständig sind!
Ich war nicht zu Hause, weil ich in einer Benefizi-Veranstaltung im Ruhrgebiet war. Eine Stiftung las unter anderem meine kleine Geschichte über meinen Alltag - von professionellen Sprecher vorgetragen. Wir haben uns erlaubt, etwas Schönes mit Musik von Schumann und Chopin zu genießen, eine kleine Anerkennung für ein nicht so einfaches Berufsleben und zusätzliche Belastungen. Ich kam um 23.30 Uhr zurück, hörte die Anrufe an - und rief im Pflegeheim - dem nicht zuständigen - an. Aber der Anruf wurde geblockt. Am Morgen versuchte ich es erneut. Man erklärte, dass das TElefon nachts im Ladegerät stehe. Daher seien Anrufe geblockt. Gut. Nun also die Frage, wie es meinem Vater ergehe. Ich hätte die Anrufe angehört. Antwort: Wir sind für Ihren Vater im Nebenhaus nicht zuständig. Ja, weiß ich, Firma Lazarus. Darum habe ich wieder aufgelegt.
Dann in seine Wohnung. Die liebevolle russische Putzfrau ist ganz außer sich. Sie hatte Kuchen mitgebracht und wollte dem Vater während des Waschmaschineneinsatzes ein wenig Freude machen. Er war doch vorige Woche schon mal im Krankenhaus - dehydriert. Und nun schon wieder?! Ja.
Ich fahre zum Krankenhaus. 15 Minuten Fahrtweg. Zufällig begegnet mir die Ärztin und will etwas wissen. Ich gebe Auskunft, soweit ich kann, wo ich doch eigentlich selber wissen will, was geschehen ist. Sie sagt: Warten Sie mal eben, ich komme gleich wieder. Ich warte, warte, 40 Minuten am Tresen, zwischendurch mal zum Vater, wo ich eigentlich hin will. Ich sage ruhig zum Pfleger, ich warte nun so lange (vor zwei Jahren habe ich auf diesem Flur mich laut beschwert, dass ich bei meiner sterbenskranken Mutter ebenso hängen gelassen wurde. Nun versuche ich es mit Geduld... nutzlos).
Die Ärztin kommt: Sie wollten mich sprechen? Ich sage, dass Sie mich dochz gebeten habe, zu warten, weil sie "gleich wieder kommt". Der Rest des Gesprächs war nutzlos.. Man werde sich kümmern. Gut, und nun?
Ich geh zum Vater wieder rein. Er sitzt immer noch in der Anzughose da. Man wollte vor einer Stunde eigenttlich den Schlafanzug anziehen und ihn waschen und so weiter. Die Schwester meint, das werde sie gleich tun. Ist ja nicht so eilig.
Ich fahre nach Hause. Habe immer noch diese Grippe, und muss erstmal Ruhe haben.
Bleibt nachzutragen, warum er im Krankenhaus sitzt: Mein Vater hat seine Frau gesucht - meine Mutter, die im Jahr 2009 bereits gestorben war. Keiner habe ihm gesagt wo sie sei. Darum soll er auch eine Anzeige bei der Polizei gemacht haben - Vermisstenanzeige. Im Lazarus-Haus war aber dann eine sehr nette und hilfsbereite Pflegerin oder Krankenschwester, die sich um den Vater gekümmert hat. Sie erreichte dann über Umwege eine unserer "Kinder". Die wiederum ist selber gerade grippekrank und bat, doch lieber einen Arzt zu fragen. Und weil keiner die Zeit und das Personal aufbringen konnte, eine Stunde mit dem Vater zu Hause zu verbringen in seiner Wohnung, um ihn zu Bett zu bringen - und weil ich nicht da war (der notarielle Betreuer macht gerade Urlaub in Kreta) - wurde er ins Krankenhaus geschickt. Dort prüft man nun, ob er Demenz hat. Ich krieg die Krätze. Das ist wohl zwar mal ansatzweise diagnostiziert worden. Aber das Krankenhaus wird in der Fachabteilung nun ein aktuelles MRT machen. (Das hätte man bei den letzten 4 Aufenthalten längst machen müssen). Die Ärztin telefonierte in meiner Anwesenheit und verschwand dann. Mit rot kariertem Hals. Nun - ich hoffe, es wird nun richtig behandelt. Und mein Bruder ist in Kreta - und ich hab die Grippe. Aber ich fahr gleich wieder ins Krankenhaus. Mit Mundschutz.
Jetzt habe ich das gelesen.
Jetzt habe ich das gelesen. Es ist so übel, wenn jemand nicht mehr für sich sorgen kann und niemanden bestimmt hat, der es übrnehmen will. Und auch tut.
Dehydriert - ich muss mir noch einen Tee machen. Und meiner Schwiegermutter auch einen anbieten.
Ende des Blogs
Ich bin gebeten worden, keine weiteren Einträge mehr zu machen.
Die Pflege wird künftig eine Tagespflege sein. Eine stationäre Pflege wird dann bald folgen.
Mein Ziel, dies zu verhindern, ist damit nicht mehr erreichbar. Zudem werden mir die Erlebnis- und Empfindungsberichte in diesem Blog vorgeworfen. Die stationäre Einrichtung eines mit einem christlichen Namen versehenen Pflegeheimes hat sich beim notariellen Betreuer beklagt, weil man hier Erwähnung fand. Das zeigt, dass dieser Blog wohl gelesen wird. Leider weiß ich nicht, ob es Freunde der mobilen Pflegeunterstützung im eigenen Haushalt sind oder Interessenten der Förderung stationärer Pflege.
So werde ich wohl jetzt hier schweigen.
Das Netzwerk der Hilfe für den dementer werdenden Vater, was ich mühsam mit Hilfe auch dieses Blogs, aber auch mit Hilfe eines vorübergehenden individuellen Beratungsprojektes der Barmer GEK zustande brachte, wird bald aufgelöst. Bei 5 Tagen Tagespflege ist der Samstag und Sonntag noch zu gestalten. Für den Samstag springt die hilfsbereite Putzfrau ein, die auch dafür sorgt, dass mittags sichergestellt ist, dass der alte Mann zum Mittagessen nach nebenan geht.
Und ich höre, man wird ihn um 8 Uhr auch im Eingang warten lassen, wenn es jetzt kälter wird, bis das Taxi ihn abholt. Sonntags wird eine Ehrenamtliche den Vater zur Kirche abholen und anschließend an den Esstisch im benachbarten christlich benannten Pflegeheim bringen, sodass er an das Essen erinnert wird.
Wie es dann weitergeht, wird von mir nicht mehr gestaltet. Ich wollte seit drei Jahren Hilfe in der Pflegesache und bekam sie nur zögerlich und nur unter Druck an manchen Stellen. - Nun habe ich den amtlichen Betreuer mit der Notwendigkeit seines Einsatzes betraut, er macht es strukturiert und - nach seinen Vorstellungen - treffsicher und gut.
(Und wir - die Angehörigen?? Tun die dann gar nichts mehr? Doch. Besuche, ab und zu Essen gemeinsam einkaufen, einladen nach Hause, telefonieren. - Pardon. Hauptsächlich werde ich das machen. )
Ich bedanke mich hier für die Aufmerksamkeit. - .
Neues von der Pflegefront / Das Ende der Selbstbestimmung
Nun ist es wohl so gekommen, wie es mal meine Eltern befürchtet hatten und wie ich es möglichst lange vermeiden wollte: Die ganze Woche Pflege im Heim.
Mein Vater lebte bisher in seiner eigenen Wohnung. An drei Tagen besuchte er die Tagespflege.
Der notarielle Betreuer half mir nicht bei der tatsächlichen Betreuung ("keine Zeit, bin gerade in Spanien", "keine Zeit, bin gerade in MÜnchen"...) und wollte lieber Umsatz machen. Gut, das braucht ein Staatsdiener nicht, dafür aber reißen wir uns den ... auf, pardon, weil diese Gesellschaft immer anonymer und Kinder, Jugendliche und alte Menschen immer mehr abgeschoben werden in GAnztagsangebote. Kein gemeinsames Essen, kein familiäres Zusammenleben - Betreuung durch Institutionen ist die große Masche aller im Parlament vertretenen Parteien. Und das zu Billiglöhnen, am besten durch Mitarbeiter aus Drittweltländern, Osteuropa, mit viel Herz und wenig Ansprüchen.
So wird es jetzt auch meinem Vater gehen. Der Betreuer möchte bald wieder Ruhe haben und Geld verdienen, da muss dieser komplizierte Versorgungsablauf mit diversen Helfern und Ehrenamtlichen oder Dienstleistern aufhören. Nun wird er umgehend nach dem Krankenhaus 5 Tage in die Tagespflege gehen und nur am Wochenende zu Hause sein - und mich dann wiederholt anrufen, weil er abgeholt werden möchte, da er sein Heim und seine Wohnung nicht mehr als solche ansieht. Die nette Frau L. wird nicht mehr kommen, die so herzlich mit ihm gespielt und ihn gefördert hat. Herr G. wird nicht mehr mit ihm in das Gartencenter fahren mittwochs. Ludmila wird putzen, wenn der Vater nicht da ist (sie wird sicher bald kündigen), denn ihr war wichtig, ihm Kaffee und Kuchen mitzubringen und ihm etwas Herz zu schenken. Er wird aber nicht da sein. Da wird Ludmila auch nicht mehr da sein.
Der Pflegedienst muss sich nicht mehr mit meinen Fragen herum schlagen. Niemand wird meinen VAter ans Taxi bringen morgens. Und im Lazarus-Haus wird man höchsten am Wochenende mit ihm beim Essen rechnen, aber wenn er nicht kommt, ist es ihnen ja sowieso egal.
Wie toll. Die Stadtverwaltung hat sogar Herrn Betreuer begleitet zum Krankenhaus, lese ich in der Mail. Persönlich redet man ja nicht mit mir. Kostet zuviel Zeit dem Herrn Manager. Warum hat man mir in den letzten 3 Jahren nicht geholfen und hüpft nun für den Betreuer, der sich jahrelang wirklich um nichts gekümmert hat, die persönlichen Gegenstände beim letzten Umzug einfach wegwarf, das Werkzeug in den Müll, die kleinen Dinge in Kartons ins Altpapier packte, den Nähkasten den die Mutter gerne behalten hätte inclusive.
Ich soll nicht an gestern denken, sagt der Betreuer. Und ich?
Ich hatte mir gewünscht, meinem VAter soviel Freiraum und eigenes Heim zu ermöglichen, wie nur möglich und solange wie möglich. Aber dazu hätten die Dienste, die teuer bezahlt werden, gut arbeiten müssen. Nun schießt die Stadt, die angeblich kein Geld hat, TAusende in das Heim und die Heimpflege mit den geringen Einkünften. Und der Wunsch, eine wohnungsnahe und familiennahe Betreuung zu organisieren - es interessierte nicht die Caritas, die ich hier hatte. Es interessiert nicht die Behörden, nicht die Kasse, nicht mal die Presse.
Ich bin entrüstet, enttäuscht, traurig, wütend. Aber was nützt es?
Die STadt meldet: "Die Bearbeitung Ihrer Beschwerde wird eine Weile dauern". - Lasst es, Oberbürgermeister, schon längst sind alle Bedingungen anders geworden, nun gehts nur noch um das Pflegeheim. Und da werde ich nichts mehr sagen, denn mein Vater war an den drei Tagen gerne dort, aber ebenso gerne in seiner eigenen Wohnung. Und abends, wenn man ihn da absetzen wird, soll ich für den Herrn Betreuer den Ersatztelefonisten spielen. Denn dann hat er ja zu tun und ist unerreichbar. Ich auch. Mein Vater wird allein sein. Denn mir hat niemand geholfen. Warum sollte ich es tun?
Und die Kirche? Sie verkündet die frohe Botschaft, aber wenn man einen Ansprechpartner braucht, dann hat auch der "keine Zeit", denn die Sprechstunde findet während meiner ARbeitszeit statt.
Wie geht es ihm?
Ich weiß es nicht. Der Betreuer meldet sich nicht. Und ich soll es nicht. Na - dann jetzt zur Arbeit.
Neues von der Pflegefront: Krankenhaus-Realität
Gestern wurde der alte Vater ins Krankenhaus gebracht. Er hatte wohl zu wenig getrunken, so sah es gestern aus, als ich ihn in der Notaufnahme sah, wohin ich zeitgleich mit dem Krankenwagen - allerdings vom Arbeitsplatz aus - gefahren war.
Heute morgen lag er - immer noch in seiner gestrigen Alltagskleidung auf dem Bett. Daneben die Tasche, in der vom Schlafanzug über Pantoffeln bis zu Waschzeug und Zahnputzartikeln alles bereit steht. Er habe sich nicht ausziehen wollen, hieß es, als ich mich beschwerte. - Wie oft habe ich das jetzt schon in diesem Haus erlebt. Er stand am hintersten Ende des Flures hinter einem Paravent. - Heute morgen um 6. Er lag wach dort. Freute sich dass ich kam. Aber ich ging nach dem Beschwerdegespräch. - Angeblich habe er sich gestern Abend geweigert, sich ins Bett zu legen. - Merkwürdig, dass die 2-Minuten-Pfleger das manchmal auch sagen. Denen würde ich auch sagen, lassen sie mich in Ruhe. Und die Leute von der Demenzbegleitung, die immer mehr Zeit mitbrachten, kommen nicht mehr. - Warum weiß ich nicht. - Was ist in dieser Pflegewelt nur los? Früher waren da Nonnen, sie strahlten Herzlichkeit aus in diesem Krankenhaus der Cellitinnen. Aber ich sehe keine mehr. Allenfalls in der Privatstation? Da kommen wir ja nicht rein. Kassenpatienten sind eben Kostenfaktor. Hauptsache die Finanzen stimmen. Da sind sich der Betreuer und die mangelhaften Pflegefirmen einig. Und die Politik auch. Und demnächst oder jetzt die Kirchen auch? - Ich bin für das Ende des Kapitalismus und die Wiedereinführung einer demokratischen sozialen (Markt)wirtschaft. Aber dazu benötigt man Menschen mit Glauben. Aber den haben ja schon 40 Prozent der Christen nicht mehr, sagt die Schell-Studie.
Der Rest des Tages war - ich war nur noch still und machte meine Arbeit in meinem überlasteten Büro.
Wie es ihm geht? Ich weiß es nicht. Der Betreuer meinte, ich sollte mich nicht drum kümmern, entweder er oder ich. Dann jetzt mal er. Beides geht wohl nicht.
Offener Brief an Oberbürgermeister der Stadt Köln
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren der zuständigen Dezernate,
im Juni 2009 starb meine Mutter, xxx, im Pflegeheim Lazarus-Haus des Lazarus-Hilfswerkes e.V., Hürth (im Vorstand: MdL Horst Engel, FDP u.a.).
Sie war 83 Jahre alt, zuletzt bekam sie im Heilig-Geist-Krankenhaus einen Dekubitus, u.a. weil mangels Pflegekräften in Verbindung mit der zunehmenden Symptomverstärkung der multiplen altersbedingten Erkrankung meiner Mutter und der mangelhaften Personalausstattung, insbesondere an Wochenende, eine gute Pflege nicht mehr möglich schien. Zugleich aber war das Heilig-Geist-Krankenhaus nicht in der Lage, die Pflege zu ersetzen, da man dort mehr auf Krankheitsbehandlung als auf Pflege personell ausgerichtet ist. Wir wurden damals - ich als stellv. Betreuer - gebeten, doch ein Pflegeheim zu nutzen. ABer genau das hatte uns ja in das Krankenhaus genötigt, da meine Mutter von dort mit einem RTW dorthin gebracht worden war und zu lange lag. Dadurch entstand der Dekubitus. Sie litt sehr darunter, gab sich auf, verhungerte. Und im Pflegeheim, in das sie dann so zusätzlich krank zurück kam, war man nicht in der Lage, ihr eine pürierte Ernährung und menschliche Nähe in ausreichender Zeit anzubieten. Mein Vater, xxx, saß täglich von morgens um 7 bis abends um 9 bei ihr, und ging dann in das Nebengebäude, in das er Anfang 2008 eingezogen war, um dort alleine sein zu müssen.
Aber auch er war da schon mit Pflegestufe I anerkannt, bekam aber keine Pflege. Warum, ist mir ein Rätsel, denn das Lazarus-Haus wusste darum, denn Vermieter ist das Lazarus-Hilfswerk. Als meine Mutter starb setzte die Pflege durch Lazarus-Hilfswerk dann aber nicht innerhalb des Hauses durch Betreutes Wohnen ein, wie wir gedacht haben. Sondern es kam der mobile, z.T. unzuverlässige Dienst, aus Hürth. Vieles Notwendige fehlte, vor allem eine an Demenzbedarf orientierte individuelle Unterstützung; ja selbst eine Beratung fehlte.
Auch die Seniorenberatung und -betreuung der Stadt Köln, welche von der Caritas personell besetzt ist, vermochte es nicht, auch nur ein einziges persönliches Gespräch mit dem Betreuer oder mir zu führen, um die Lage zu bessern.
Ich wechselte für ihn den Dienst zu einer Firma W.-G.-. Aber die Versorgung war schlecht. Nun sind wir seit März bei der Firma abc
Zusätzlich versorgt ihn der TANDEM-Verein für Demenzbegleitung mit zwei Personen und mein Vater ist dreimal wöchentlich in der Tagespflege. An vier Tagen ist er also zu Hause.
Darum muss er im LAZARUS-Haus - ein Haus neben seiner Wohnung - essen gehen, da sonst niemand für ihn sorgt.
Je dementer er nach dem Tod seiner Frau, unserer Mutter, wurde, desto mehr vergaß er, sich zu versorgen. Der notarielle Betreuer, xxx in Odenthal, vereinbarte nun nach mehreren Beschwerden meinerseits im Lazarus-Haus vor einigen Tagen, dass man meinen Vater anruft, wenn er nicht zum Essen kommt. Er muss erinnert und motiviert werden, da er keinen Hunger mehr zu verspüren scheint, aber er hat viel Appetit, wenn man ihm gutes Essen vorsetzt. Frühstück und Abend macht er sich selber (sofern nicht in der TAgespflege etwas angeboten wird. Dort bekommt er jedenfalls gut zu essen). Dafür kaufen wir gemeinsam ein, was auch Bewegungsförderung bedeutet.
Wenige Tage nach der Vereinbarung mit dem Lazarus-Haus, ihn anzurufen - sonst den Betreuer - machte ich am gestrigen Sonntag die Beobachtung bei einer Stichprobe. Er bekam um ca. 12 Uhr die Information, er "steht nicht auf der Liste der Essenden" und werde die Reste bekommen. Man bot ihm eine Hühnersuppe oder einen "Strammen Max" (Schinkenbrot mit Ei, Kartoffelsalat) an. Immerhin. Ich protestierte, dass man - entgegen der Vereinbarung - meinen Vater aus der Versorgungsliste "gestrichen" hat. Man begründete das damit, dass er nicht immer komme. Dabei weiß man ganz genau, dass er Dienstag, Donnerstag und Freitag in der Tagespflege ist und nur an Samstag, Sonntag, Montag und Mittwoch essen benötigt.
Er war gestern nach einer Woche sehr abgemagert, sehr schwach auf den Beinen. Offenbar hat er nicht genug gegessen und getrunken.
Daher ist noch einmal Druck auf den normalen mobilen Pflegedienst gemacht worden, ihm die Getränke morgens und abends zu reichen. (Man müsste auch in der Sauberkeitsversorgung mehr tun, abgesehen vom hauswirtschaftlichen Anteil, den ich als mangelhaft empfinde und daher mit einer privat bezahlten Reinigungskraft ergänze, die vierzehntägig zusätzlich kommt und mehr Engagement hat als der Pflegedienst).
Ferner müsste Lazarus e.V. auf die Verpflichtung hingewiesen werden, die sich aus der Monopol-Stellung in der xxxstraße ergibt. Ein christliches Pflegeheim, das keine christlichen Verhaltensprinzipien anerkennt und Hungernde nicht gerne speist und sie dazu nicht motiviert oder ggf. abholt, ist es nicht wert, gefördert zu werden. Wenigstens wäre vor der "Streichung von der Liste" der Betreuer umgehend zu unterrichten.
Vielmehr sollte man einen Kodex haben, der die normale Nachbarschaftshilfe zum Prinzip macht. Um einen Hungernden zu speisen, benötigt man bei 3500-3800 Euro monatlichem Geldeingang pro Pflegeheimbewohner (das meiste zahlte - wenn man diese Summe nicht hat - die Kommune) keine großen materiellen Verluste befürchten.
Im übrigen ist die Bemerkung des Kochs: "Sie können ja Ihren Vater beim Pflegeheim anmelden" unverschämt. Heime sollten für Notfälle da sein, keine Regel darstellen.
Hochachtungsvoll
P.S. Zu Gesprächen bin ich jederzeit bereit. Ich halte sie für erforderlich. Die letzten Jahre habe jedenfalls gegen Wände geschrieben und geredet. Das muss ein Ende haben.
Die Stadtverwaltung reagierte prompt
Dies bleibt nachzutragen. Mein offener Brief vom 12.9., wurde bereits am 16.9. beantwortet, am 17.9. wurde der notarielle Betreuer eingeschaltet, ein neues Konzept und neue Mittel und Bedarfe beraten. Die Inhalte kenne ich nicht. Mich wird man damit nicht mehr befassen, ich werde nichts mehr erfahren.
Meine Vollmacht, für meinen Vater mit Ämtern und anderen reden zu dürfen, ist offenbar wertlos. Und mit dem notariellen Betreuer will und kann ich mir keinen weiteren Zwist leisten. Bin froh, dass er, kurz vor seinem Urlaub, noch einige Stunden aktiv war und den wegen Dehydrierung im Krankenhaus behandelten Vater abgeholt, ihn mit Lebensmitteln versorgt und nach Hause gebracht hat. Seit heut geht er jeden Werktag in die Tagespflege.
Für mich bleibt nun nichts mehr zu tun. Wollte ich jahrelang Hilfe und bekam sie nicht, so ist es jetzt andersherum. Es hat sich innerhalb weniger Tage viel getan, aber man klinkt mich jetzt völlig aus. So ist das eben.
Und heute, am 22.9., wo alles erledigt ist, bekam ich den Postbrief des zuständigen Amtes, dass man sich am 17.9. kümmern werde. Na, Hauptsache es geht meinem Vater gut. Wie es mir damit geht, nicht mehr gefragt zu werden, jetzt wo ich fast alles organisiert hatte - inklusive Mobilisierung der Stadt - das sieht nur der liebe Gott.
Falls ich nicht auch da seit Lebensbeginn systematisch veräppelt worden bin. - Pardon, liebe christliche Geschwister. Ich werde weiter glauben. Aber man wird doch nach diesen Erfahrungen nochmal laut fragen dürfen.
Adé. Mehr als Besuche werde ich wohl nicht mehr tun können.
Was ich jetzt denke, schreibe ich nicht mehr.
Ehrenamtliche kümmert sich um Besuch der Heiligen Messe
Hurra! Hurra! Über einen Umweg wurde mir ein Engel geschickt. Theres L. wird ab morgen meinen Vater abholen und ihn mitnehmen in den katholischen Gottesdienst, die Heilige Messe. Mein Vater freut sich. Sie wohnt gleich gegenüber und sieht es als ihre "Christenpflicht" an, den Gottesdienstbesuch zu ermöglichen. Sie lebt von HartzIV, wurde mit 1 Euro pro Stunde bereits - trotz ihrer schweren körperlichen Beeinträchtigung im Rücken - bei einer Arbeitszeitfirma in der Pflege als Sklavin eingesetzt (so empfand sie das). Die ARGE wollte ihr damit beibringen, dass man morgens früh aufstehen und regelmäßig arbeiten muss. Unerträglich, wie Clement, Schröder und Steinbrück solche Dinge einführen konnten - mit den Grünen zusammen - mit der CDU und der FDP als Motor. Sie wäre eine gute Pflegekraft, spüre ich. Sie hat sich viel Zeit genommen heute, obwohl sie doch nur für den Kirchbesuch "Zuständig" wird. Aber sie sagt, sie werde ihn auch sonst zwischendurch besuchen. Freiwillig. Als Nachbarin. Ein Frau mit russischem Einwanderungshintergrund, eine Deutsche, eine Frau mit Herz. - So wie die Putzfrau aus St. Petersburg.
Wer schreibt mal ein Buch über diese Frauen mit Herz?
(Pardon, wenn 'Rechtschreibfehler. Ich korrigiere nicht)
Neues von der Pflegefront: "Ihr Vater bekommt nur die Reste"
"Ihr Vater kommt nicht immer zum Mittagessen. Wir sind nicht zuständig, wenn er nicht kommt. Er steht nicht auf der Liste, also bekommt er die Reste". Das sagte mir im Lazarus-Haus, einer christlichen Pflegeeinrichtung in Köln-Blumenberg-Nord der Chef der Gastronomie heute. Der notarielle Betreuer hatte dafür vor wenigen Tagen gesorgt, dass man meinen Vater anruft, wenn er - wegen der Demenz - vergessen hat, dass er essen kommen kann. Aber wenn er dann nicht kommt, ist es ihnen auch egal, teilte man mir mit. Ich war sauer, er bekam einen "strammen Max" als Mittagessen. Immerhin. Und ein Glas Dunkelbier.
In der nahegelegenen Apotheke ließ ich den Blutdruck messen, weil er so schwach war, dünner noch als Anfang der Woche. Konnte kaum gehen, hatte offenbar zu wenig getrunken. Der morgendliche Pflegedienst erinnert ihn - so mein Ansprechpartner heute bei der Pflegefirma - zwar ans Trinken. Man erwägt aber, ihm ein Glas hinzustellen und dabe zu bleiben, damit er wenigstens dies trinkt. Soviel nach so langer Zeit der Pflegeleistung.
Ich habe meinen Vater mit nach Hause genommen. Gleich bin ich bei den Äthiopiern eingeladen, möchte gerne hin. Meine Frau wird ihn nach Hause fahren, obwohl sie eigentlich was anderes tun musste. Auch ist am Grab ihres Vaters immer noch nicht das Moos vom Stein weg, sie wollte das eigentlich erledigen, weil am Wochenende Hochzeit in der Familie ist und man auch mal ans Grab gehen will, wenn die alte Schwester des SChwiegervaters zu Besuch kommt. Nun denn. Mit schlechtem Gewissen und ohne Ruhe werde ich bei den herzlichen Äthiopiern sein. Aber entspannt werde ich nicht bei der Einladung sein, die man mir persönlich überbrachte. Wann endlich darf ich mal einifach nur leben, ohne Sorgen haben zu müssen. Der notarielle Betreuer, mein Bruder, wird morgen endlich mal vorbei kommen. Nach wievielen Jahren? Und dann werden wir hoffentlich mal die Aufregungen aufteilen.
6 Monate nach der unterlassenen Hilfeleistung - ...
Erinnern Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser? Im März berichtete ich, dass mein Vater sehr lange auf das Taxi zur Abholung zur Tagespflege warten musste. Er war draußen in der Kälte zusammen gebrochen, lag wohl eine Weile auf der Straße vor dem Pflegeheim, das sich für nicht zuständig erachtete.
Wie geht es weiter? - Betreuer und Angehörige
Wie geht es nun weiter?
Was nun?
Im Westen nichts Neues
Für die Zeit nach dem 16. August hatte ich eine KOnferenz erbeten, damit der Pflegedienst ...GmbH, die Tandem-Ehrenamtlichen, die Haushaltshilfe (die alle 14 Tage mal kommt), die Tagespflege, der notarielle Betreuer und der tatsächliche Betreuer sich an einen Tisch setzen können und über Zusammenarbeiten nachdenken.
Der Pflegedienst machte nichts.
Der notarielle Betreuer machte nichts.
Und ich? Ich mache auch nichts (mehr). Ich rufe meinen Vater an oder besuche ihn ab und zu, der Betreuer telefoniert angeblich täglich mit ihm - vieles wäre zu regeln.
Ein Begleiter zum Sonntagsgottesdienst ist auch noch nicht gefunden, die zuständige Gemeinde meldete sich nicht bisher. Vielleicht ist es ja auch inzwischen egal. Die Gehbehinderten können nicht kommen, die mittlere Generation will nicht kommen und die Jüngeren gibts gar nicht mehr?? Oder nur noch in sektiererischen Kleingruppen, die nur um sich kreisen?
So hoffen wir, dass alles so läuft und nichts weiter Schlimmes geschieht. Urlaub hatte ich ja nicht wirklich, denn der Versuch, ein wenig Abstand zu bekommen, kann nicht gelingen, wenn man weiß, dass "nichts wirklich gut ist", was nicht geregelt ist.
Wo die Kirche willkommen wäre
Mal zwischendurch: Ich fand auf Facebook einen interessanten Beitrag zu "Kommunionhelfer@Kommunionhelferinnen".
Mein Vater wäre froh, wenn mal die Gemeinde nachfragen würde, warum er sonntags schon länger nicht mehr in der Kirche zu sehen ist. Er kann und darf nicht alleine vor die Tür, die Pflegedienste (wir haben insgesamt 4-5, damit der dementer werdende Mann noch in seiner eignen Wohnung bleiben darf, und der ökumenische Gottesdienst ist eben kein katholischer. Evangelische sehen das ja offenbar nicht so eng mit dem Abendmahl für alleinstehende kranke Alte. Aber für Katholiken ist der Verzicht am Sonntag auf die Eucharistie schon eine schwerwiegende Sache, denn es ist so gut wie das Nichterleben der Gemeinschaft mit Jesus. Das verstehen (wir) Evangelischen wohl nicht. Ich selber schon noch. Denn trotz meiner Konvertierung bin ich meinen alten Grundsätzen nicht untreu geworden, wenngleich die alten Ängste der evangelischen Befreiung folgten - und umso einsamer machten.
Wenn sich also ein Kommunionhelfer oder eine -helferin aus Köln-Blumenberg Nord hier verirren sollte, dann meldet Euch mal. Von mir aus hier im Blog, ich rufe zurück. Und sollte ein Evangelischer, ein Pfarrer mit Leidenschaft, sich hierhin verirren, so wünschte ich mir ebenso einen Kommentar dazu, was so einer wie ich da tun kann.
http://www.facebook.com/pages/Kommunionhelferinnen-Kommunionhelfer/109703645714504?ref=ts&v=wall#!/pages/Kommunionhelferinnen-Kommunionhelfer/109703645714504?ref=mf
Es ändert sich etwas
Es geht auch anders. Ich habe mich in den Urlaub abgemeldet, wir waren eine Woche mit der rollstuhlgebundenen Schwiegermutter in einer Art Urlaub in der Region unserer Vorfahren in Hildesheim und Umgebung. Währenddessen war mein Vater auf sich bzw. auf die logistisch eingespielten Pflegepersonen und -firmen angewiesen. Ich kam ja nicht. Mein Bruder, der notarielle Betreuer, musste nun ran. Oh wunder, da gibts ja viel zu tun. Für mich klar. Ich sollte doch noch dies und das... nein, ich bin in Urlaub, geht nicht. Zwar nicht in Madeira oder auf den Shetlands, in Irland oder Scotland, in Frankreich oder Portugal - nein, nur 2 Stunden von zu Hause entfernt. Aber in Urlaub. Und dazu gehört, dass man im Schwimmbad kein Mobiltelefon dabei hat und auch mal einen ganzen Tag einfach mit seiner Frau zu Hause bleibt und gammelt.
Es klappt aber. Hin und wieder telefoniere ich mit meinem Vater und habe versprochen, ihn in den nächsten Tagen zu besuchen oder zum Kaffee zu uns zu holen. Aber diese tägliche Stresslage wird es hoffentlich bald nicht mehr geben. Ich werde versuchen, den notariellen Betreuer mit seinen Pflichten vertraut zu machen und dann mich auf das Dasein als Sohn des Pflegebedürftigen einzustellen - Telefon, Besuch, Einladung, Herz.
Verhinderungspflege
Ich hab einige Tage Urlaub, habe mit meiner Frau eine Reise nach Hildesheim mit der gehbehinderten Schwiegermutter gemeinsam unternommen. Rollstuhl auf dem Fahrradanhänger (statt der Fahrräder, die im Urlaub ein wenig das Bauchgewicht reduzieren helfen sollten). Aber es war eine schöne Reise mit vielen schönen Bildern, welche meine engeren Familienmitglieder und Freunde über Facebook sehen können.
Mit dem Rollstuhl einen Menschen zu schieben, der an sich noch ein wenig gehen kann, aber eben nicht lange, ist schon ein neues Ereignis gewesen für uns. Einmal fuhr ich in dem Eingang eines Haushaltswarengeschäftes am Eingang die drappierten Kerzenständer aus Versehen um, weil die Fußrasten des Rollstuhles nicht beim Scheiben genau gesehen werden konnten. Nach der muffeligen Reaktion, die ich auf meine Entschuldigung (hab das ja nicht absichtlich gemacht) erhielt, kaufte meine Schwiegermutter die Teetassen, die wir suchten. Was für ein Glück, dass die in diesem Geschäft auch ihr gefielen...
Die mitleidigen Gesichter kommentierte meine Schwiegermutter mit: "Die sollten nicht mich mitleidig ansehen sondern Dich, weil Du mich die Berge und Schotterstrecken hier rauf und runter kutschieren musst". Es war eine schöne Woche. Wir hatten ein behindertenfreundliches Hotel, das ich jedem empfehlen kann wegen der preisgünstigen Unterbringung, die wenigen ebenerdigen Schritte zum Zimmer direkt am ruhigen Seitenparkplatz des Hotels mit Blick auf Grün und eine alte Marienburger Domäne in Hildesheim und mit wunderbarer Küche und hilfreichem Junior-Chef beim Frühstück, der - gerade frisch Vater geworden - eine sehr professionelle und doch familiäre Atmosphäre ermöglichte.
Mein alter Vater musste derweil mit den Pflegediensten allein zurecht kommen. Und die eine Dame der beiden Demenzbegleitdienste meinte nach einer Woche aufgrund meines Anrufes, der Krankenpflegedienst habe wohl das Rasieren und Waschen nicht gemacht. Mein Anruf dort wurde mit einer eher schroffen Reaktion des Geschäftsführers oder Pflegedienstleiters beantwortet. "Wenn ihr Vater nicht will, zwingen wir ihn nicht". Meine Antwort, dass die Demenzbegleiterin, die mehr Zeit investiere, aber es geschafft habe, und die Frage doch erlaubt sei, warum die "mach-schnell-schnell-Pflegedienstperson" (so drückte ich das aber nicht aus!) das nicht geschafft habe, meinte er, "die soll aufhören so arrogant zu sein, sie hätte eine bessere Ausbildung". Da merkt man, wie nah man am Abgrund steht, wenn man Kritik übt. Er drohte gar an, die Pflege einzustellen, dann könnte ich mir einen anderen suchen. Ich beschwichtigte und suche dennoch. Aber wen?
Bin mal gespannt, ob die städtische Seniorenberaterin mir weiterhilft. Eine Reaktion habe ich nach über einer Woche noch nicht. Und die Caritas? Der Verantwortliche war doch bei mir, ich habe doch um Hilfe gebeten, ein Angebot erbeten... Da meldet sich niemand mehr. Erstmal hab ich noch Urlaub, das TElefon auf meinen Bruder umgestellt, der die notarielle Betreuungsaufgabe hat - und bete inständig, dass alles gut geht und nicht bald in der Zeitung steht: "Sohn in Urlaub - Vater vernachlässigt. Staatsanwaltschaft prüft...."
Konkurrenz
Wie schön, dass so ein Urlaub auch für die Helfer-Generation Erholung bietet! Ich war ja skeptisch, gestehe ich im Nachinhein, ob das nicht zu viel der Aufopferung ist - so gut ich das an sich finde.
Diese Konkurrenz zwischen Pflegedienst und der Demenzbetreuerin ist leider normal. Die Pfleger sind bei dementen Menschen in der Zwickmühle, wenn er sich weigert, die bezahlten Sachen machen zu lassen. Noch länger probieren? Aber das bezahlt einem niemand, und die anderen Patienten warten.
Es soll ja auch gesetzlich ein neuer Pflegebedüftigkeitsbegriff eingeführt werden, der so etwas berücksichtigt, aber wann?
Neues von der Pflegefront: Jugendliche fahren alten Mann um
Es ist Donnerstag. Mein erster Urlaubstag, aber viele Erledigungen müssen nachgeholt werden. Ich bringe in die Wohnung das Geld für die Frau von der Demenzbegleitung - lüfte - rufe sie an - erfahre, dass alles gut sei. Nebenher: Ihr Vater hat sicher erzählt, dass er am Sonntag von Kindern bzw. Jugendlichen mit dem Fahrrad umgeworfen worden ist?! - Was??? Nein, hat er nicht. Er habe geblutet, jemand habe ihm wohl aufgeholfen, sie habe die aufgeschürfte Stelle am Arm später am Dienstag gesehen, als sie ihn ankleidete, weil der Pflegedienst um 20 nach 7 noch nicht da war. Um zwanzig vor acht wird er ja abgeholt vom Taxi zur Tagespflege - an diesem Tag. Der Pflegedienst muss es dann auch gesehen haben. Er sagt: Ja, er habe auf dem Boden gelegen, aber das sei normal, sagt mir die Frau von der Demenzbegleitung. Wie gesagt - es ist Donnerstag, ich bin Kriminalbeamter und - ein Anruf - und ich hätte die gesamt Behörde in Bewegung gesetzt, um die Flüchtenden zu finden. Ist das vielleicht der Grund, warum er immer so wenig Geld in der Tasche hat? Raub? Da mein Vater ja nicht weiß, was geschehen ist - er erinnert sich nur schwach, dass da was war, weswegen sein linker Arm weh tut... Oh, ich krieg die Krätze. Warum sagt mir das niemand. Ich rufe den Pflegedienst an. Der oberste Chef von ihm ist gerade am Telefon. Er wird die Mitarbeiter fragen - Antwort: keiner weiß was davon, aber die Pflegekraft von Beginn der Woche muss noch gefragt werden. Nun - ich bin gespannt, warum nicht sofort die Polizei gerufen und ich selber informiert worden bin. - Jetzt noch eine Anzeige zu erstatten - ohne Angabe des genauen Ortes, der Zeit, der Beschreibung der flüchtigen Täter, ohne Hinweise auf Zeugen.... was soll das? Man nennt das eine "Lusche". Sie wird bald der Staatsanwaltschaft vorgelegt und das Verfahren mangels Ermittlungsansatz eingestellt. Alltag. - Warum nur sagt mir keiner Bescheid? Warum rufen die Zeugen nicht die Polizei? Warum rufen die Dienste nicht wenigstens MICH an, verdammt nochmal. Alles Schimpfen nützt nichts. Ein Gefühl von Geborgenheit bei meiner Aufgabe, ein Gefühl von Sicherheit für meinen Vater, ein Gefühl von Gemeinschaft - ich habe es längst verloren; allen schwarz-rot-goldenen Fußball-Solidaritäten und scheinbaren Loveparade-Gewissheiten zum Trotz: Verantwortungsbewusstsein und Solidarität sind im Nirwana der täglichen Belastungen untergegangen. Pardon. Aber ich schreibe, was ich fühle. Ich habe heut den zweiten Urlaubstag. Nichts von Urlaub. Während andere feiern - und ich gönne es allen von Herzen - müsste ich meine Verantwortung an den Nagel hängen, aber da ich niemand kenne, der sie übernimmt, bleibe ich "Oberbürgermeister" meiner Situation. Auch wenn die Claqueure des "Du musst auch mal Spaß haben" mir zureden - es gibt viele Gründe, warum der nicht eintritt. Achja: Das Geld für die Betreuung habe ich bar vorgestreckt, werde es vom Konto des Vaters abbuchen lassen und dann einige Wochen warten, bis ich den Betrag der Pflegekasse und der Krankenkasse einreichen kann. Die prüft das dann erneut - und überweist zurück. Einen Teil zumindest. Immerhin. Bis dahin ist das Konto überzogen. Egal. Ist ja nur Geld. Wahrer Reichtum ist nur, wenn man Zeit hat und gibt.
REcherchen: Ohne Erfolg
Bitn heute mal mit dem Vater die gesamte Strecke abgegangen, die er gegangen sein kann - oder wo es passiert sein könnte. Habe Jugendliche mit dem Fahrrad vom Gehweg gescheucht, aber vorher gefragt, ob sie etwas von dem Ereignis von Anfang der Woche wissen. Habe ältere Leute, die da immer her gehen gefragt. Habe die russischen Nicht-Guten-Tag-Sager angesprochen, guten Tag gesagt und gefragt, ob ihnen etwas aufgefallen ist. Habe versucht, den türkischen rot-weiß-tragenden Muskelmann zu fragen versucht - der ging mit seinem Muskelpaket weiter und antwortete nicht. Habe die alten Leutchen gefragt, die in der Nähe des dortigen Pflegeheimes immer sitzen, stehen, gucken - keiner weiß was. Habe die Pflegerin vom benachbarten Pflegeheim gefragt, die noch am Mittwoch mit meinem Vater gesprochen haben will - und nichts erfahren hat. - Pech gehabt. Dann habe ich den nichtssagenden Bericht pflichtgemäß der Polizei mitgeteilt und gleichzeitig erklärt, dass ich mehr recherchiert habe, als sie es hätte tun können. Das Foto inklusive mit dem 50 cm großen und ebenso breiten Hämathom am Gesäß, das niemand gesehen hat vom Pflegedienst - der doch auch waschen und anziehen soll. Wieso erfahre ich nichts? Eine merkwürdige Kommunikationswelt - alle haben Handy, alle haben iPod, alle haben EMail und alle ein Telefon, alle können mit mir in entlisch, französich, deutsch, latein, spanisch und ein wenig italienisch reden - leider nicht in russisch und türkisch, aber das müsste doch irgendwie klappen. Warum ruft mich der Pflegedienst nicht an? Warum auch nicht einer der beiden Demenzbegleiter? Fragen, die ich vor Abreise in den Urlaub mit der anderen pflegebedürftigen Familienangehörigen nicht mehr klären kann. Aber Frragen an eine Gesellschaft, die nirgends für irgendwas verantwortlich ist. oder sein will.
Sommer
Für wen ist Kirche da`?
Die Sache mit dem Sechs-Wochen-Amt in der Nachbarstadt ist geregelt. Der Enkel lässt sich überreden, seinen Opa da hin zu fahren. Auch wenn der katholische Gottesdienst ihm fremd geworden ist.
Nun telefonierte ich eben mit dem Regional-Pfarramt der katholischen Gemeinde des Stadtgebietes, in dem mein Vater lebt. Ob man nicht eine ehrenamtliche Gruppe hat, die in der Nähe wohnt und den alten Mann sonntags zur Messe abholen kann. Zwar findet an jedem 1. Dienstag, wie ich erfahre, ein Gottesdienst im benachbarten Pflegeheim statt, aber da gehört er ja nicht hin - man hat ihn auch schon mal da raus komplimentiert, weil man im Betreuten Wohnen kein betreutes Wohnen mehr macht. (Kein Wunder, wenn keine behindertengerechten Einrichtungen da sind, der Müll um das ganze Haus herum getragen werden muss und kein Ansprechpartner da ist). - Der ökumenische Gottesdienst des evangelischen Pfarrers nimmt er nicht an - da gebe es ja keine Kommunion. (Martin Luther hat das zwar noch gemeinschaftlich gedacht, aber die Deutschen waren ja immer schon supergenau, wenn es um Besserwisserei geht - nun gibt es jahrhundertelang keine gleichgeglaubte Gemeinschaft in Brot und Wein. ...). -
Ich finde also niemand. Medienwirksam beim Weltjugendtag wurde zwar auch "op jöck" angeboten, die ehrenamtlich den Messbesuch sichern wollten, aber die stehen nur noch als Telefonnummer im Gemeindebrief - aber es gibt sie wohl nicht mehr wirklich. Geht jedenfalls keiner ans Telefon....
Für wen ist Kirche eigentlich da? Für die schönen Zeremonien, die sich Wohlsituierte auch noch leisten, weil es ja so schöne Fotos gibt? Oder für Beerdigungen, weil es ja die Familie so will? Oder für die Sterbesakramente, weil es in der katholischen Kirche ein Sakrament ist? - Ich weiß es nicht. Ich bin evangelisch seit der Übernahme der Glaubenskongregation durch die, welche mir ökumenisch und kirchenpolitisch auf den Wecker fielen. - Im Exil bin ich. Gehöre nirgends wirklich dazu. Interessiert nicht wirklich was man so erlebt im Beruf, im Alltag. Gerade darum hab ich ja meine ehrenamtliche Arbeit mal gelernt und mich einbinden lassen - in weiter Ferne von der Stadt, in der ich beruflich aktive Arbeit mache, welche für den Staat ist und von ihm bezahlt ist. - Aber das geht nun nicht mehr, weil ich zuviel Eigenes zu tun habe. Aber so jemand wie mich finde ich für mich selber und meinen Vater nicht. Muss ich wirklich alles selber machen? Oder nur gegen Bezahlung - sozusagen soziale Prostitution unterstützen? Du bekommst Hilfe, aber erstmal die Krankenversicherungskarte zeigen und eine Einzugsermächtigung???
Nein, ich verschenke meinen Rat und meine Handauflegungen. Nur - wenn man keinen Raum mehr für sich hat, weil man mit der Demenz des Vaters und dem Alleinsein nicht klar kommt, wenn es um das Thema Pflege geht, dann hat Kirche keinen Sinn für mich. Beten kann ich selber - mit denen, die es wollen. Und wenn ich mein Brot breche und meinen Wein trinke, dann ist er bei uns, wenn wir zu Zweit oder Dritt sind. - Schade eigentlich. Denn ich verstehe mich als Teil von Kirche. Aber wenn ich sie brauche, ist sie überfordert oder nicht da. Schade.
Heute am Urnenbeerdigungstag des Vaters einer guten Freundin von uns wurde überhaupt kein Kreuzzeichen gemacht, von Jesus und Gott war keine Rede, stattdessen von der Endlichkeit des Jetzt und von einem irgendwie vermuteten "auf der anderen Seite des Lebens sein". Gute Rede eines ehemaligen Pfarrers, höre ich. Warum nur?
Ich habe als Einziger nicht nur die Blumen auf die Urne geworfen, in diesem Urnenwald. Ich habe das Segens-Kreuzzeichen gegeben. Einer muss als Christ nun mal diesen Toten Gott auch durch ein Zeichen des Glaubens übergeben - allein für die Lebenden, die ein wenig noch an das denken, was sie mal bei Kommunion oder Konfirmation gelernt haben mögen. Das war ich. So wie ich damals den verstorbenen und zum Abtransport in die Türkei in einer leeren Halle aufgestellten Toten in seinem Sarg mit der üblichen Trauerzeremonie und der Lesung aus dem 1. und 2. Testament und einem Segen verabschiedete. Ein Pfarrer war dafür nicht zu bekommen, für diesen toten kurdischen Aleviten, der in Deutschland eine neue Heimat gesucht aber nicht gefunden hatte und daran verzweifelt war. - Möge der liebe Gott diesen Segen als seinen ansehen - ich war nur eine Hand.
Ich fürchte, ich werde mal allein damit sein, weil in meiner Welt kaum noch einer an diesen schönen Ritualen teilnimmt oder weiß, warum und wie sie sind. Weil Kirche in dem Gebäude sonntags sitzt und wartet, dass man kommt. Aber - es geht nicht! Weil Sonntag der letzte Tag ist oder der erste Tag der Woche, an dem manche Menschen in dieser Arbeitswelt überhaupt noch zusammen kommen können. Die Christen und die Atheisten, die Fernen und die Verlaufenen.
Meine Gedanken nach diesem Tag, bei dem ich zwischen hektischem Arbeitsauftrag "mal eben für 2 Stunden" an einer Beerdigung teilnahm. Außer mir war keiner als Kirche erkennbar. Gibts Euch noch?
Kreuz
Großartig, wie Du das machst als Christ in 'feindlicher' Umgebung. Doch, die Kirche gibt's noch. Mögen Dein Sohn und sein Opa was Gutes in dem Sechs-Wochen-Amt erleben. Und Ihr in den Urlaubstagen. Gott segne Dich.
6-Wochenamt: Eine kleine Nachlese
"Der hat nur oberflächliche Sätze abgesondert. In die Tiefe ist er nie gegangen. Hätte ich nicht mit Opa gehen sollen, ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir sowas nochmal anzuhören. Kein theologischer Anspruch, einfach ein allgemeines..." So ähnlich der Kommentar, den ich ertrragen musste. Ich habe schon sehr gute Predigten gehört. Vielleicht zuletzt zu oft in der evangelischen Kirche, weniger bei der katholischen. Immer noch höre ich hier mit einer Art Liebe zu meiner alten Kirche zu, aber so oft enttäuscht sie mich in meinem Ringen um Ökumene im Alltag. Hat man die Klugen alle heraus gedrängt? - Ich bleibe zwischen den Stühlen - die Kirchen sind wie Dörfer, die man vom Hügel her sieht. Gewohnt, auch behütend - aber ich erlebe sie oft als verschlossen und eingeigelt. Jesus aber ging mit ihnen hinaus in die Felder, nahm ein Weizenkorn... (und da schimpften sie, weil er am Sabbat...). Damals wie heute.
Niemand für das Sechs-Wochen-Amt
Nächster Samstag - Sechs-Wochen-Amt für den verstorbenen Bruder meines Vaters. Er möchte dahin. Jeden Tag ruft er mehrmals an, und er wirft mir vor, nicht bei der Beerdigung gewesen zu sein. War er, aber hat er vergessen. Was sagt man da...?
Also ich sage, dass ich dafür sorge, dass er dahin kommt. Schreibe alle an, frage telefonisch, wenn erreichbar und keine Mailbox. Schließlich ruft mein Bruder an, während ich gerade aus der Wohnung des Vaters will. Ich zeige ihm auf einem Zettel, was er fragen möge: Kannst Du mich am Samstag, dem... zum Sechs-Wochen-Amt abholen. Keine Debatte am Telefon - anders als ich, der ich versuche, ihm das ruhig zu erläutern - sagt er: Nimm ein Taxi. Fahr Taxi. Ich höre es, obwohl das Telefon an seinem Ohr ist. Ich verabschiede mich, will mich nicht schon wieder streiten über diese Themen. - Ich werde wohl am Samstag nicht mit meiner Frau zur Einladung bei den Nachbarn gehen sondern alleine mit meinem Vater in die Nachbarstadt fahren, katholische Kirche, Sechs-Wochen-Amt, zur katholischen Kommunion gehen (obwohl die Evangelischen da eigentlich ausgeschlossen werden) und später dann zu meiner Frau fahren, um dann zu den Nachbarn zu gehen. -
So isses eben. Und dann fahre ich mit Schwiegermutter und Frau eine Woche in einen behindertengerechten Urlaub in die Stadt, aus der mein Namenspatron kommt. Urlaub? Wie machen das die Anderen eigentlich? Und - was ist eigentlich entspannter Urlaub? Gibts sowas? Am Strand liegen, niemand versorgen müssen, romantische Minuten und Stunden mit der Geliebten im Arm - Was ist das? Die Kinder sind aus dem Haus, nun versorge ich die Eltern. Ist das so mein Kreuz, das ich tragen soll? Und - wer lacht sich eigentlich dabei kaputt, dass ich es tue?
Wenn ich im Kollegenkreis einen Gottesdienst ankündige, wenn ich nur erwähne, dass ich gerne an schönen Tagen - also nicht bei Beerdigungen oder Trauerfeiern - auch Kirche gut fände, dann ernte ich oft nur Lachen. Dass ich immer noch an dieser "menschenverachtenden Religion festhalte", schrieb mir ein pensionierter Mitstreiter aus seinem Saunahaus in Schweden oder Dänemark. Das muss ich dann auch noch lesen.
Ist der Weg, Vater und Mutter zu ehren und sich um sie zu kümmern, etwa falsch? Muss ich mich um mich selber mehr kümmern? - Und wer kümmert sich dann?
Ich stehe kurz vor der Auswanderung
Ich bin mal wieder soweit, dass ich am liebsten mit Ablauf des kommenden Monats
- mit einem kleinen Rucksack
- ohne Telefon
- ohne Kündigung beim Arbeitgeber
- ohne Aufenthaltsnachweis und
- ohne jeglichen Cent in der Tasche
und allerhöchstens mit meinem Fahrrad auswandere. Wohin ist noch nicht klar - aber weit weg von der nördlichen Erdhalbkugel mit ihrem Effizienz- und Geldglauben, mit ihrem reinen "ich-will-Spaß"-Vergötterungs-Hedonismus hin zu einem Platz, an dem man auf bunten Wiesen den Schmetterlingen zuschauen und den Sternen beim Tanz um die Sonnen folgen kann.
Warum?
Heute schon zum wievielten Male musste ich - nach meiner Arbeit, die bis 18 Uhr ging - Telefonate meines armen Vaters annehmen, der traurig wiederholt nachfragte, warum man ihm dies und jenes vorenthalte (was er vergessen und wiederholt erklärt bekommen hatte).
Ich bat meinen Geschäftsmann-Bruder, doch mal mit seinem / unserem Vater zu telefonieren, möglichst mal hinzufahren und ihn zu beruhigen. Eigentlich hätte ich es gewollt, aber ich konnte nicht.
Als ich endlich mein Brot essen konnte, ging das Telefon wieder. Er habe ihn beruhigt, müsse aber nun los, da noch dieser und jener Geschäftskontakt.... Du verstehst... ja, ich verstehe natürlich alles... l.m.a.A.
Dann der zweite Biss, das warme Getränk nun schon wieder lau... egal ... der Vater möchte eine Bestellung aufgeben, die ich vorbeibringen soll.... Oh, ich kaufe am Wochenende ein, wenn ich frei habe und lasse mir viele Sachen liefern, sonst käme ich nicht dazu. Nun also.... was soll es sein.... - ja, ich mach das. ja, ich mach das. nein, jetzt nicht... ich esse gerade.... ja, morgen ist schwierig, da kommt doch meine S.. aus dem Krankenhaus... - wie im Krankenhaus... eben dreimal erklärt.... nochmal erklärt..... ja, morgen, wenn ich es schaffe... sonst Donnerstag... ich frag mal meinen Sohn... rufe..... hat gerade zu tun im Zimmer und hört mich nicht.... ich räume den Tisch ab.... die Katze miaut.... Katzenklo sauber machen.... Anruf .... ob ich die Sachen bringen kann.... nein.... morgen aber... ja... -----
Du, kannst Du das machen.... ? Nein, ich hab doch morgen den Vorstellungstermin..., dann hole ich doch... ab... achja..
Ich würde jetzt gern den Rucksack nehmen und gehen. Wem soll ich den ganzen Mist erzählen.. ist ja keiner da.
Also... ich sehe zu morgen. Und das 6-Wochen-Amt... da finden wir auch einen für der fährt, weil ich doch mit der Schwiegermutter an dem Tag und ... -----
Huhu.. ich bin auch noch da! Hallo Welt. Bin ich der Einzige, der sich beklagt? Oder haben die anderen resigniert? Derweil gehen Millionen auf "Events" und meine 16jährige Nicht meint, das hätte ich doch früher auch.. Nein, meine liebe, hab ich nicht. Da hab ich den Eltern beim Vorbereiten des Verkaufsautos geholfen, mit dem Lebensmittel verkauft wurden, damit ich zur Schule gehen konnte... und die hat sich einen Scheiß gekümmert, dass ich kaum Zeit hatte, mal für mich zu sein und in Ruhe Schulaufgaben machen zu können. Die Spießerkinder... tja, die sind heute Anwalt und Politiker. -Ich will zufrieden sein, aber jetzt ist mal Schluss mit immer für andere da sein.
"Nehmt das Kreuz auf Euch und folgt mir nach". Danke Chef. Ich erinnere mich und will auch braves Schaf sein.
Handy klingeln lassen?
Ja, es ist sehr ungerecht, wie die Lasten verteilt sind. Ich wünsche Deinem Bruder und Deiner Nicht auch um ihretwillen, dass sie aufwachen und sehen, wo sie sich einbringen müssen.
Was Deinen Vater betrifft: Kannst Du nicht auch mal das Handy klingeln lassen, wenn er anruft? Und ihm nur einmal die Woche Sachen einkaufen? Ich bin vielleicht herzlos, aber 1. geht eben nicht alles, Du kannst auch nicht dauernd einkaufen, wie Du schreibst, und wenn er die Telefonate sowieso wieder vergisst, ändert es vielleicht nichts, wenn Du nur jedes 5. Mal rangehst.
RE: Telefon klingen lassen
@Kathie: Hab ich auch schon drüber nachgedacht. Mein persönliches Problem ist aber, dass ich weiß, dass dann spätestens einige Stunden später oder am anderen Morgen wieder der Pflegedienst anruft und mir lapidar mitteilt, dass es "ihrem Vater nicht gut geht, er ist so traurig und hat die Nacht über nicht geschlafen". Wenn ich dann frage, ob die Pflegerin noch da ist und mir ihn mal ans Telefon geben kann oder etwas ausrichten oder aufschreiben kann, dann ist sie längst woanders und ich hab die innere Pflicht für mich und mein Empfinden, ihn dann anrufen zu müssen, schon allein um zu wissen, wie es ihm geht und um mit meinen kommunikativen Mitteln ihn zu beruhigen und ihm Vertrauen zurück zu geben.
Heut hat er - wie gestern auch - bestimmt schon 5mal angerufen und immer gefragt, wann die Beerdigung seines Bruders ist. Da war er dabei vor 5 Wochen und am 7. August ist das Sechs-Wochenamt, eine schöne Trauertradition der Katholiken, entsprechend der Verlaufszeit von Traumataphasen. Da will er hin. Aber er weiß nicht mehr dass er bei der Beerdigung war. Wenn ich dann nicht ans Telefon gehe, weint er sich alleine die Seele aus dem Leib, das weiß ich. Und ich bin nun mal der Einzige, der dauerhaft mit ihm kommuniziert und zuverlässige Phasen beschert. - Heut hab ich ihn dreimal gebeten, meinen Bruder anzurufen, um ihn zu bitten, ihn zum Sechs-Wochenamt zu fahren - ein Samstagabend, das muss doch drin sein. Ich bin auf einer Hochzeitsfeier eingeladen und fahre danach mit der Schwiegermutter....in die Stadt ihrer Vorfahren... mein Urlaub eben...
Ach, ich habe die Rolle übernommen, die sonst Frauen im Haushalt oder Nonnen in Krankenstationen ausgeübt haben. "Ich bin da". Immerhin ein Gottesname. Schade nur, dass es so zu sein scheint, als hinge das von mir ab, ob einer da ist. Das ist schon ziemlich großer Mist. - Wüsste ich nicht, dass das, was man einem Menschen antut - selbst einem Geringsten unter den Brüdern - IHM gegeben wird. Das tröstet mich, obwohl Rationalist und immer weiter weg von dem, was ich als Kirche erleben muss. - Aber so ist es wohl. Am Ende ist man doch allein. Wohl überall. - Und meine Freundinnen und Freunde - sie sehe ich wohl so bald nicht mehr, weil sie möglicherweise selber ihre Lasten tragen oder vielleicht sich gerade an etwas erfreuen. Sei es so.