Predigt zu 2. Kor 12,1-12
Liebe Gemeinde,
was Paulus beschreibt erschließt sich dem modernen Leser nur schwer. Zumindest dem, der den Glauben rein rational angeht und diejenigen, die religiöse Erfahrungen gemacht haben, für Spinner hält. Paulus schreibt über sich selbst, aber er schreibt über sich, als ob er über einen anderen redet, fast so, als ob er sich nicht traut, hier von sich selbst zu erzählen.
Ich weiß von einem Menschen in Christus....sagt er, und dieser Mensch hat eine ganz intensive Begegnung mit Gott gehabt. Es war, als ob er bis in den dritten Himmel entrückt worden wäre und von Gott unaussprechliche Worte gehört hat.
Ja, solche Erfahrungen gibt es, auch heute noch. Das ist keine Spinnerei, es gibt Menschen, die so etwas erlebt haben. Die Gott ganz nah und real erfahren haben. Die meisten trauen sich aber nicht, davon zu berichten, eben weil man sie sonst für Spinner hält. Das andere Extrem sind Leute, die so etwas erleben und sich daraufhin dessen rühmen und damit angeben. Die gab es damals in der Gemeinde von Korinth, an die dieser Brief gerichtet ist. Es gibt sie auch heute noch, allerdings eher in der Esoterik-Szene als in der Kirche.
Mit andren Worten: Es gibt solche intensiven geistlichen, spirituellen Erfahrungen. Leider hat die Kirche, zumindest die evangelische, die Fähigkeit verloren, solche Erfahrungen zu deuten und Menschen weiterzuhelfen, die davon erzählen. Und auch ich selber merke, dass ich mich scheue hier konkreter zu werden. Wer will, der kann mich ja einmal unter vier Augen danach fragen...
Paulus sagt: Es kommt darauf an, wie man mit solchen tiefen spirituellen Erlebnissen umgeht. Paulus weiß, dass die Gefahr besteht, dass er überheblich wird und die Bodenhaftung verlieren könnte. Daher ist er Gott dankbar, dass er ihm einen „Stachel ins Fleisch“ gegeben hat. Mit anderen Worten: Paulus war krank und fühlte sich oft schwach und er sagt: Das ist auch gut so, damit hält mich Gott auf dem Teppich.
Wahrscheinlich haben die meisten von uns nie solche intensiven spirituellen Erfahrungen gemacht wie Paulus. Trotzdem, abheben und überheblich werden kann man auch wegen anderer Dinge. Zum Beispiel wenn wir uns besser und klüger fühlen als andere und auf sie herab blicken. Oder dass wir kultivierter, ordentlicher, sauberer, fleißiger sind als andre. Dass unser Garten schöner ist als der des Nachbarn. Unser Schnee besser und vor allem früher am Morgen geräumt als der Schnee auf dem Bürgersteig gegenüber. Das ist alles an sich nicht schlecht, aber es ist auch kein Grund zum Rühmen. Denn wenn man nachhakt und nachfragt, treten doch bei jedem und jeder genügend Schwachpunkte ans Tageslicht, die den Vorsprung in einem Lebensbereich ganz schnell wieder relativieren. Der eine ist praktisch veranlagt, aber nicht sonderlich intelligent, wenn es um den Umgang mit Sprache geht. Der andere ist sprachbegabt und hat zwei linke Hände. Die eine ist eine wunderbare Hausfrau, bekommt aber panikartige Zustände wenn sie mal selber die Steuererklärung machen muss. Der andere kennt sich in Finanzen aus, kann aber keine Klöße kochen usw., usw. - Also alles kein Grund zum Angeben.
Dazu kommen noch die Lebensereignisse, die einen sehr schnell wieder auf den harten Boden der Tatsachen bringen. Zum Beispiel Krankheiten, Streit in der Familie, Arbeitslosigkeit und vieles andere mehr. Da wird dann sehr schnell klar, dass ich eben nicht alles selber in der Hand habe und selbst bestimmen kann. Das ist manchmal ernüchternd, aber oft auch heilsam.
Menschen gehen mit solchen Handicaps sehr unterschiedlich um. Paulus, um bei ihm zu bleiben, ist dankbar, dass Gott ihn durch seine Krankheit immer wieder auf den Teppich holt, dass er nicht überheblich wird.
Ich glaube, dass jeder und jede so einen „Stachel im Fleisch“ hat, wie Paulus es schreibt. Also einen wunden Punkt, einen unschönen Fleck im eigenen Leben, etwas, das nicht strahlt und glänzt. Das kann eine körperliche Beeinträchtigung sein, aber auch eine seelische. Manchmal sind es auch Umstände, mit denen ich mich einfach arrangieren muss und die ich nicht ändern kann. Es ist gut, dass es so ist, denn damit bleibe ich menschlich.
Dieser Stachel im Fleisch ist lästig, er bereitet mal mehr, mal weniger Schmerz und Probleme, manchmal ist es kaum auszuhalten, dann wieder geht es ganz gut – aber der Stachel ist da, er wird es vermutlich auch bleiben. Paulus dankt Gott dafür, dass es so ist. Wie sieht das bei uns aus? Können wir Gott für das danken, was in unserem Leben nicht glänzt und strahlt, was unangenehm und unschön ist? Anders gefragt: Können wir die eigenen Schwächen bejahen und Schwierigkeiten als Chancen annehmen?
Ich glaube, dass das ein Schlüssel zu einem zufriedenen Leben ist.
Paulus hat trotz seiner Krankheit Großes geleistet und bewegt. Ich denke dass man das durchaus auch verallgemeinern kann. Wir dürfen trotz unserer Schwächen und trotz widriger Umstände aufstehen und weitergehen, statt gelähmt darauf zu starren und zu denken: „Ich kann ja eh nichts. Das geht alles schief!“.
Paulus traut Gott zu, dass er gerade seine Schwäche gebrauchen kann, um umso stärker zu wirken.
Ein Beispiel für diese Lebenseinstellung ist das Video eines jungen Australiers, das ich neulich im Internet gefunden habe. Er wurde ohne Arme und Beine geboren. Was für ein jämmerliches Leben, könnte man meinen. Aber dieser junge Mann hat seine Stärke entdeckt. Er besitzt nämlich trotz oder grade wegen seiner extremen Behinderung die Gabe, anderen Menschen Mut und Trost zu spenden. Er strahlt einen echten inneren Optimismus und Heiterkeit aus. Er hält Vorträge in Schulen und ermutigt die jungen Leute, ihre Gaben zu entdecken und zu entfalten: „Schaut her! Wenn ICH das schaffe, ein erfülltes, schönes und sinnvolles Leben zu führen, dann schafft ihr das auch!“ - In dem Video sieht man die Reaktionen der Jugendlichen auf diesen Vortrag: „Mensch, der hätte eigentlich so viel Grund aufzugeben und tut es nicht! Und ich stelle mich wegen ein paar schlechten Noten so blöd an! Von jetzt an nehm ich mein Leben in die Hand!“ Gott gebraucht diesen jungen Mann gerade wegen seiner Behinderung, um etwas Gutes zu bewirken. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig, schreibt Paulus und dieser junge Mann ist dafür ein strahlendes Beispiel.
Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. So sagt Gott zu Paulus. In unserer Sprache: Gerade da wo du meinst, du kommst nicht weiter, fangen Gottes Möglichkeiten erst an. Jeder und jede hat eben Stärken UND Schwächen, Dinge die wunderbar laufen, und Nöte, bei denen wir auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Paulus würde sagen: Das ist gut so. Denn so werden wir zu einer Gemeinschaft, in der einer den anderen trägt und Schwächen und Stärken sich gegenseitig ergänzen können.
Heute nehmen wir Jessica durch die Taufe in unsere Gemeinschaft auf. Sie ist noch klein. Es wird sich erst mit den Jahren zeigen, was ihre Stärken und Schwächen sind, wo sie begabt und geschickt ist und wo sie an ihre Grenzen stößt. Doch eins kann man jetzt schon sehen: Dass es Gott nicht darauf ankommt, ob jemand groß und stark ist, oder noch so klein wie. Gott nimmt in der Heiligen Taufe jeden als sein Kind an und damit gehört er zu unserer Gemeinschaft. Wir hoffen, dass Jessica sich in unserer Gemeinschaft von Anfang an aufgenommen und willkommen fühlen kann und wir wollen das unsere dazu beitragen, das es so ist.
Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.