Das war eine Aufregung in der verschnarchten Nicht-Ganz-Großstadt, als die Tagebücher meiner verstorbenen Mathematiklehrerin auf dem Flohmarkt auftauchten. Wie sie dahin gelangten, blieb ungeklärt. Wer sie kaufte, weiß ich auch nicht. Ich erinnere mich an das Entsetzen über die posthume Verletzung der Intimsphäre. Private Aufzeichnungen gelangten in fremde Hände, in die Öffentlichkeit. Fremde Augen konnten lesen, was die Dame über Jahrzehnte im Kämmerlein für sich notiert hatte. Eine Dame, die ich sehr verehrt hatte; unsere Konflikte waren rein mathematischer Natur.
Nun existierte dieses Tagebuch nur in einem einzigen handgeschriebenen Exemplar. Äußerstenfalls hätten schlechte Menschen Teile daraus abschreiben und veröffentlichen können - aber wo? Die Brisanz lag weniger im Inhalt der Bücher als in der Person der Verfasserin. Gymnasiallehrer waren bekannte Personen des öffentlichen Lebens, "Respektspersonen" auch. Ich glaube, die Lokalzeitung hätte es nicht gedruckt. Rachsüchtige Mathematikfeinde hätten das Material vielleicht der Schülerzeitung zuspielen können, die in einer Auflage von 300 Exemplaren erschien und deren Leserschaft längst unter anderen Lehrpersonen stöhnte. Aber die jugendliche Redaktion hätte auch an das eigene Abitur gedacht und sich eine Veröffentlichung gut überlegt. Herumerzählen konnte man natürlich, aber das hätte sich auch nach einiger Zeit gelegt.
Ich selbst bekam ein Tagebuch geschenkt, als ich zwölf war. Ich fing sofort an zu schreiben; es war ein wunderbares Geschenk. Tagebücher spielten eine bedeutende Rolle; viele führten eins, den Inhalt hielt man möglichst geheim. Ein fremdes Tagebuch zu lesen, galt zu Recht als Einbruch in die Privatsphäre. Man durfte voraussetzen, dass ein Tagebuch genau solche Dinge enthielt, die der Schreiber öffentlich nicht preisgeben wollte. Vor allem vor den Eltern verbarg man als Teenager seine wilden geheimen Gedanken, Wut und Weltschmerz.
Sehr erstaunt war ich, als ich entdeckte, dass Tagebücher berühmter Leute als Bücher gedruckt wurden und im Laden zu kaufen waren. Briefe und Tagebücher der Paula Modersohn-Becker waren die ersten, die ich las; ein Gefühl wie beim Blick durch ein Schlüsselloch. Ein Tagebuch zu führen und dabei von vornherein auf Veröffentlichung zu schielen, wie das manche Schriftsteller anscheinend machten, fand ich irgendwie unfair.
Ich habe meine Teenager-Tagebücher alle irgendwann verfeuert, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Flohmarktgeschichte. Der Welt ist damit nichts verloren gegangen. Das Schreiben damals war wichtig; lesen muss es später niemand mehr, auch ich nicht.
Ob wohl noch viele Menschen Tagebücher führen? Mit Tinte auf Papier? Ich staune, wenn ich lese, wie junge (und nicht nur junge) Leute ihre Gedanken und Gefühle nicht mehr einer Kladde oder einem quadratischen Büchlein im bunten Plastikeinband anvertrauen, sondern öffentlich ins Netz stellen. Einen einzelnen papiernen Gegenstand kann man halbwegs unter Kontrolle behalten und nötigenfalls irgendwann in den Ofen werfen. Was man elektronisch in die Welt pustet, bekommt man nicht mehr zurück. Warum gibt man sich so aus der Hand? Warum posaunt man seine Befindlichkeiten so aus? Das meiste davon wird kaum jemanden interessieren. Aber manchmal sind es durchaus heikle Geschichten, die die Beteiligten unerwartet (?) auch wieder einholen können. (Und vor allem: wenn es das Internet in zehn Jahren noch gibt, oh Mann, was wird das peinlich.)
Vor vierzig Jahren konnte ein abgefangener Zettel, ein Liebesbriefchen etwa, ein paar Wochen lang für Druck in der peer group, nächtliche Tränen und natürlich - ellenlange Tagebucheinträge sorgen. Das kommt mir heute fast gemütlich vor.
Kommentare
Tagebuch
Das ist eine Geschichte, die ich bestimmt nicht so schnell vergessen werde. Wenn das mit Tagebüchern von Lehrern in meinem Dorfgymnasium passiert wäre, hätte es auch Aufruhr gegeben. Ich habe jetzt erst angefangen, meine Tagebücher aufzuheben. Bisher hatte ich alles sofort weggeworfen, wenn ein Heft voll war. Aber ich werde die Menge nicht zu groß werden lassen. Wenn ich es ein paarmal durchgeschaut habe und keine Lust mehr habe, meine Schrift zu entziffern, dann weg damit.
Privat
Auch ich hatte ein Tagebuch, was leider durch Umzüge verloren gegangen ist. Es wäre mir nicht recht, wenn irgendjemand darin lesen würde. Ein weiteres Tagebuch ist meine Gedichtesammlung, die hüte wie einen Schatz, nur für mch wichtige Menschen dürfen darin lesen oder ich verschenke eines an einen lieben Menschen.
Die Jugendlichen heute wissen nicht wie nackt sie sich damit machen, aber alle werden lernen in ihrer Zeit zu leben, mit allen Erlebnissen und dessen Folgen, ob nun positiv oder negativ !
Liebe Grüße Zilli
Was man nicht aufgibt, hat man nie verloren !
Privat
Auch ich hatte ein Tagebuch, was leider durch Umzüge verloren gegangen ist. Es wäre mir nicht recht, wenn irgendjemand darin lesen würde. Ein weiteres Tagebuch ist meine Gedichtesammlung, die hüte wie einen Schatz, nur für mch wichtige Menschen dürfen darin lesen oder ich verschenke eines an einen lieben Menschen.
Die Jugendlichen heute wissen nicht wie nackt sie sich damit machen, aber alle werden lernen in ihrer Zeit zu leben, mit allen Erlebnissen und dessen Folgen, ob nun positiv oder negativ !
Liebe Grüße Zilli
Was man nicht aufgibt, hat man nie verloren !
Ich schreibe auch so etwa
Ich schreibe auch so etwa seit ich 15 oder 16 bin und habe sie alle noch. Ich weiß noch nicht, was mal draus werden soll. Verbrennen werde ich sie nicht, vielleicht vermache ich sie eines Tages dem deutschen Tagebucharchiv. Da hätten sie als zeitgeschichtliche Dokumente noch einen Nutzen und dürften auch erst nach 30 (?) Jahren veröffentlicht werden.
Verbum Dei manet in aeternum!