Lydia

von Christiane Müller

Ich lerne sie kennen bei einem Trauergespäch. Lydia heißt sie. 85 Jahre ist sie alt. Ihr Mann ist gestorben. Soll morgen beerdigt werden. Lydia erzählt. Sohn und Tochter sitzen dabei und kommentieren nur ab und zu das, was ihre Mutter sagt. Russlanddeutsche sind sie. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Russland - einem deutschen Dorf in Russland. Fünf Geschwister, Vater, Mutter. Der Verstorbene war der Älteste. Seine Lydia hat er schon als kleiner Junge kennen gelernt. Eine recht glückliche Kindheit hatten sie. Unbehelligt von Diskriminierung oder Ausgrenzung, obwohl sie als kleine Minderheit im Land leben. Dann überzieht Nazi-Deutschland die Welt mit Krieg und aus war es mit der glücklichen Kindheit und Jugend auch für die Deutschen in Russland. Flucht. Aussiedlung nach Deutschland, in den Schutz des Deutschen Reiches, wie es damals hieß. Und dann? Nazi-Deutschland verliert den Krieg, die Sowjet-Armee marschiert in Deutschland ein, die Russlanddeutschen werden deportiert, die meisten nach Sibirien. Deportation heißt: Trennung von der Familie. Verschleppung nach Sibirien. Hunger, Kälte, Zwangsarbeit. Doch Lydia sagt: "Gott war immer bei uns. Denn wir hatten immer einen Teller Suppe oder ein Stück Brot..." - Und: "In jedem Volk gibt es gute Menschen." Denn als ein russischer Bauer wutentbrannt mit der Mistgabel auf die 20jährige Lydia losgeht, fest entschlossen, alles umzubringen, was deutsch ist, weil seine beiden Söhne im Krieg gefallen sind, stellt sich die Bäuerin vor sie mit dem Ruf: "Lass, Sergej! Sie war doch noch ein Kind!"  - Und sie steckt ihr eine Kartoffel zu. Lydia ist überzeugt: "Gibt vielmehr barmherzige, gute Menschen als schlechte. Aber Krieg ist Krieg. Ist kein Kindergarten."

Dass sie in all diesen Wirren nicht von ihrem Heinrich getrennt worden ist - grenzt an ein Wunder. In Sibirien heiraten sie. Unter schwierigsten Bedingungen ziehen sie vier Kinder groß. Die Bibel, gehütet wie ein Schatz, ist unter einem losen Dielenbrett versteckt. Denn Besitz einer Bibel war strafbar, darauf standen etliche Jahre Gefängnis und "Umerziehung".

Dann wieder Umsiedlung, diesmal Kasachstan. Sie stellen einen Antrag auf Ausreise nach Deutschland, und er wird abgelehnt. Das war Mitte der 50er Jahre. Insgesamt 24 Anträge haben sie gestellt, einen pro Jahr - und alle wurden abgelehnt.

Endlich, 1988: Ausreise bewilligt. Lydia, Heinrich und ihre vier Kinder mit Familien dürfen ausreisen. Lydia und Heinrich sprechen natürlich deutsch, da sie mit der Sprache aufgewachsen sind. Die vier Kinder und die Enkel aber nicht. Denn nach dem Krieg war die Sprache verboten. Was die meisten "gebürtigen Deutschen" aber nicht wissen. "Die sollen gefälligst deutsch lernen..." - "Das sind keine Deutsche, die können ja die Sprache nicht..." -- Herzlich willkommen in der Heimat.

In Russland wurden sie als Nazis beschimpft. Und hier nennt man sie "die Russen". Nach einigen Jahren in Deutschland sterben zwei von Lydias Kindern. Und nun nach einer langen Leidenszeit auch ihr Mann.

Lydia sagt: Er ist zu Jesus gegangen. Und, trotz allem: "Gott hat uns nie verlassen...aber ist bitter, sehr bitter, wenn Kinder vor ihren Eltern gehen müssen." Und dann: "Ich hoffe, ich bin als nächste dran..." - und es schwingt mit: Und nicht Olga oder Wladimir, die beiden verbleibenden Kinder.

Ein russlanddeutsches Schicksal, das mich berührt. Aber nur eins von vielen tausenden. In unseren evangelischen Kirchengemeinden in Bayern machen die Russlanddeutschen inzwischen einen hohen Prozentsatz der Gemeindeglieder aus. Und viele sind treue Mitarbeiter, packen mit an wo sie können.

Bevor ich Pfarrerin in Schweinfurt wurde, hatte ich da einen blinden Fleck. Sie waren mir nie aufgefallen, höchstens das ein oder andere mal als "ältere Menschen, die einen seltsamen Dialekt sprechen". Still, zurückhaltend, unaufdringlich. Erst hier fiel mir auf, wie viele das sind, und dass gut zwei Drittel meiner evangelischen Schülerinnen und Schüler einen russlanddeutschen Hintergrund haben.

Natürlich sind alle Namen in diesem Eintrag geändert. Aber das Schicksal von Lydia und Heinrich steht für viele Schicksale von Menschen mitten in oder meist doch eher am Rande unsrer Kirchengemeinden. Sie fordern nicht. Sie sind meist einfach sehr still da.

Und haben doch wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient.

 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (13 Bewertungen)