Posted on 17 Oktober 2009 by Pell für netzfeuilleton
Soll der Mensch von der Erfahrung mit dem Sterben erzählen, fragen sich die Medien. Ein Kommentar.
Der Mensch, der einem möglichen Ende nahe steht, mag viele Gründe haben, einen Text dieser Intimität zu verfassen. Er macht sich gläsern, lässt zu, vielleicht mit dem Wissen der tatsächlichen Mächtigkeit schon gegenüber gestanden zu sein. Wohlmöglich möchte er Anerkennung, wünscht sich Mitleid, gewiss aber Aufmerksamkeit; ein Wort, das so oft für etwas negatives steht, als seien nur die jenigen darauf aus, die es nicht dazu brächten. Jürgen Leinemann (“Das Leben ist der Ernstfall”, Auszug), wie auch Christoph Schlingensief (“So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!”)und Georg Diez (“Der Tod meiner Mutter”) schrieben jeweils ein Buch über eine – vielleicht die größte – Tragödie ihres Lebens und durften sich neben der Bewunderung auch den Kommentaren der Kritik stellen. Kalt hieß es in der Frankfurter Allgemeinen „Lasst uns mit eurem Krebs in Ruhe“ und im Freitag ist dieses Thema ein „gern gelesene[r] Exhibitionismus mit offenem Mantel und schmierigem Grinsen“. Man verdenkt dem Leidenden seine Öffentlichkeit, als sei sie ungebräuchlich, selbstherrlich, unästhetisch, ganz und gar Boulevard; das Schimpfwort des Feuilletons.
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Kommentare
Auch ich habe Krebs
Auch ich habe Krebs
Wenn die Hälfte aller Männer und ein Drittel aller Frauen mindestens einmal im Leben mit Krebs und seinen Auswirkungen zu tun haben (Tendenz steigend!), nicht mitgezählt die mitbetroffenen Partner(innen), Familienangehörigen, Freunde und Verwandten, dann wird einem klar: Natürlich muss darüber gesprochen werden.
Wie zum Leben der Tod, so gehört zur Gesundheit die Krankheit: Alle waren oder werden wir im Leben einmal krank: Krankheiten gehören somit zum Leben und verdeutlichen uns immer wieder, dass wir Menschen nicht perfekt und vollkommen sind. Gleichzeitig ist all unser Bemühen natürlich darauf ausgerichtet, Krankheiten zu heilen oder zumindest die Folgen für die betroffenen Menschen erträglich zu machen. Darüber hinaus begreifen wir oft erst durch Krankheit, wie wertvoll Gesundheit (bezüglich des Körpers wie auch der Psyche) im Leben ist.
Als im April 2006 über mich völlig unerwartet die Nachricht »Nur noch wenige Monate« mit der Diagnose »Metastasen einer sehr aggressiven, kleinzelligen Krebsart« hereinbricht, beginnt auch für mich ein schmerzhafter aber auch zugleich befreiender Lernprozess, zu begreifen, dass es immer noch ein »Jetzt« oder »Jetzt erst recht« gibt.
Schicksalsschläge können einen Menschen sehr verändern, zum Negativen, indem man verbittert und vereinsamt, oder aber zum Positiven. - Letzteres versuche ich.
Herzlich,
Stephan
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© 2011 Stephan Wolters , Autor von: »Gras in den Dünen«
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