Hier in der sächsischen mittleren Großstadt ist es ein bisschen wie im Ruhrgebiet. Oder wie in manchen Stadtteilen von Hamburg oder anderswo, wo die Städte sich im Industriezeitalter des vorvergangenen Jahrhunderts modernisierten. Als man noch die Fabrikhallen ähnlich wie die großen Kirchen baute, denn das waren die einzigen Modelle für Großgebäude, die man kannte, entstanden aufwendige architektonische Blickfänge.
Daran wurde weitergebaut, mehr zweckmäßig, weniger repräsentativ. Aus der Villa nah bei der Firma zog die nächste Generation um in gediegene Wohnviertel - es gab schließlich Telefon und Auto, um als Chef präsent zu sein.
Dann - im Westen allmählich, hier im Osten mit einem großen Knall - wurden die Industrieanlagen nicht mehr gebraucht. Oder jedenfalls anders. Ein Computer, der die Maschine steuert, steht nicht gern im Kalten.
Was nun? Wohl dem, der "Kultur durch Wandel - Wandel durch Kultur" leicht umsetzen kann, weil durch alternative Erwerbszweige Geld da ist. Dann entstehen wie in Hamburg schicke Lofts und Büros, und jeder, der etwas auf sich hält als Künstler oder Medienmensch, zieht erst nach Ottensen und dann in die Speicherstadt. Vielleicht bald nach Wilhelmsburg, spätestens nach der Internationalen Bauausstellung.
Ähnlich ist es in Berlin. "Gentrifizierung" durch solvente Mieter ist ein böses Wort wie früher "Luftverpestung" durch die Industrie. Diese Probleme hätten wir gerne! Das sage ich aus meiner Perspektive im ehemaligen "sächsischen Manchester", wie es zur Gründerzeit stolz genannt wurde, und aus meinen Erfahrungen im Ruhrgebiet.
Bewundernswert, was da alles an Kultur geschaffen wurde, sowohl in meiner Geburtsstadt Oberhausen wie auch in Dorsten und anderen Städten, wo ich regelmäßig bin. Zum Beispiel erzählte mir ein Freund aus Dinslaken, das in der 2. Januarwoche als Kulturhauptstadt dran ist, von einem Projekt, das ich hier gerade schon beschrieben habe, aber dann fiel mir ein, dass es wohl noch geheim sein soll? Vielleicht habe ich deshalb nichts in seinem Blog gefunden.
Ich war erst erstaunt, als ich erfuhr, dass nicht nur Essen zur Kulturhauptstadt gewählt wurde, sondern die ganze Region. Aber jetzt hoffe ich, dass sich der Blick auf Kultur verändert und es auch den Künstlern in den bröseligen Schuppen in meiner direkten Nachbarschaft etwas bringt. Ich lade herzlich ein: "Kommt und gentrifiziert uns!"