Gestern waren wir noch in Warschau. Heute früh in den Flieger zurück nach Deutschland. Auf der Rückfahrt vom Flughafen im Autoradio als erste Nachricht: Der Tod des polnischen Präsidenten Kaczynski auf dem Wege nach Katyn. Das darf doch nicht wahr sein!
Polen - ein Land mit großer Geschichte - aber immer bedrängt von seinen Nachbarländern: Österreich, Preußen und Rußland bzw. im letzten Jahrhundert Deutschland und die Sowjetunion.
Im polnischen Bewusstsein sind die drei Teilungen gegenwärtig - wärend ich mühsam mein Wissen aus dem Gescichtsunterricht zusammenkratze. Am Zweiten Weltkrieg und am Holocaust kommt niemand vorbei, der durch die Altstadt Warschaus schlendert. Ein mittelalterliches Haus mit der Jahreszahl 1954 am Giebel: das alte Warschau wurde von den Nazis dem Erdboden gleich gemacht und nach dem Krieg von Polen liebevoll rekonstruiert. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass fast alles, was alt aussieht, in Wirklichkeit neu ist. Was die Deutschen vernichten wollten, wurde von den Polen neu errichtet. Beim Bummel durch Berlin entdeckt man auf dem Bürgersteig Markierungen auf dem Bürgersteig, wo die Mauer stand. In Warschau kam man auch Markierungen einer Mauer auf dem Bürgesteig sehen: Dort, wo das Ghetto während des zweiten Weltkrieges die Stadt zerteilte und die jüdische Bevölkerung zusammenpferchte, ehe sie zur Vernichtung deportiert wurde.
Bei all diesen Wunden der Vergangenheit kann man sich nur wundern (und dankbar sein), wie freundlich die meisten Polen einem als Deutschen begegnen. Zeit kann auch zur Versöhnung führen, wenn die Vergangenheit aufgearbeitet wird.
Ohne Historiker zu sein: soweit ich es überblicke, sind im deutsch-polnischen Verhältnis die historischen Tatsachen im Wesentlichen geklärt und die Bewertung der Ereignisse weitestgehend unstrittig (auch der tumbe Streit über die Zusammensetzung bei der Vertriebenen-Stiftung kann daran nicht rütteln) - während das Verhältnis Polens zur Sowjetunion bzw. Russland noch belastet ist durch "Katyn".
1940 ermordeten Einheiten des sowjetischen Innenministeriums mehrere tausend polnische Offiziere und führende polnische Intellektuelle - so die allgemein akzeptierte Darstellung. Eines dieser Massaker fand am 7. April 1940 im Wald bei Katyn statt. Bisher weigert sich die russische Regierung jedoch, die Opfer des Massakers von Katyn als Opfer des stalinistischen Terrors anzuerkennen. Langjährige Ermittlungen der obersten russischen Militärstaatsanwaltschaft wurden 2004 eingestellt, weil die Taten verjährt seien und entsprechende Dokemente geheim seien. Das oberste Gericht Russlands bestätigte diese Entscheidung im Januar 2009. Im März 2010 schlug der russische Premierminister Wladimir Putin überraschend eine gemeinsame Gedenkveranstaltung von Polen und Russen im Wald von Katyn vor, welche vor drei Tagen am 70. Jahrestag nach dem Massaker stattfand. Der polnische Präsident Lech Kaczyński folg heute zu einer weiteren Gedenkveranstaltung nach Katyn. Beim Landeanflug auf den nahegelegenen Flughafen Smolensk stürzte die Präsidentenmaschine ab, mit dem Präsidenten starben seine Frau und viele führende Politiker und Militärs, die ihn begleiteten. Eine grausame Ironie der Geschichte ist es, dass nun wieder führende Mitglieder der polnischen Gesellschaft bei Katyn ums Leben kamen.
Wie präsent das Massaker von Katyn ist, sahen wir gestern bei unserem Besuch in Warschau. Auf dem Königsweg, der Prachtstraße in Warschau, stehen neben der St.-Annen-Kirche große Stellwände, die an das Massaker von Katyn erinnern. Leider verstehe ich kein Polnisch, um die Erklärungen der Ausstellungstafeln zu verstehen. Ich sehe nur, wie Passanten stehenbleiben und sich die Ausstellung interessiert ansehen.
Hätte ich gestern in Warschau gewusst, wie aktuell Katyn heute ist, hätte ich die Ausstellung fotografiert. Katyn ist keine Vergangenheit, sondern Gegenwart.