Die neue Mieterin führt ihre Nachbarin durch die frisch renovierte Wohnung. Vom Flur aus schauen sie gemeinsam durch die Küchentür. Da kauert gleich neben der Spüle ein Mann im Schneidersitz an der Wand. Mit beiden Armen umfasst er eine ganze Ladung von Gemüse, Milchtüten, Marmeladengläsern usw.: „Und das ist mein Mann. Wegen seiner emotionalen Kälte haben wir ihn gegen den Kühlschrank eingetauscht. So sparen wir viel Strom.”
Bei diesem Cartoon - vor einiger Zeit in einer deutschen Publikumszeitschrift erschienen - weiß man erst einmal nicht, ob man lachen oder weinen soll. Am naheliegendsten wäre wahrscheinlich beides.
„Die Leute müssen sich darin üben, so wenig Emotionen wie möglich zu haben, denn Gefühle kosten Geld“, schrieb Erich Fromm vor 35 Jahren in seinem Klassiker „Haben oder Sein“. Wobei er das Interesse an dieser Form von „sich üben“ ganz eindeutig zuordnete: dem Kapitalinteresse.
Kann es sein, dass wir Bürgerinnen und Bürger dieses Landes da in den vergangenen Jahrzehnten eine Runde verloren haben? Es sieht fast so aus.
„Nix fühlen, gar nixen …“ eine Schwingung, die sich klammheimlich in stiller gegenseitiger Übereinkunft übers Land gelegt hat?
Wenn das Kölner Rheingold-Institut in einer Studie von einer „überdrehten Erstarrung” spricht, die heute für weite Bevölkerungskreise in Deutschland aus psycho-sozialer Sicht kennzeichnend ist, dann hat das meiner Ansicht nach sehr viel mit dieser Weigerungshaltung zu tun, nicht fühlen zu wollen. Genauer gesagt: mit der Weigerung, auch Unangenehmes, Schmerzhaftes zu fühlen.
Das Leben ist Freude und Schmerz zugleich. Kein Kalenderspruch, sondern die Summe eines jeden sauber bilanzierten Tages. Wenn ich es mir aber einmal zur Gewohnheit gemacht habe, potentiell Unangenehmes, Schmerzhaftes zu vermeiden, bedeutet das eine ebenso unmerkliche wie unglaubliche Verflachung im Gefühlsbereich.
Mit dem künstlich reduzierten Tiefenausschlag reduziert sich bald auch der Höhenausschlag. Alles nivelliert sich, wird mehr und mehr gleich gültig. Mit diesem selbst eingebauten Filter verspricht das Leben vielleicht ein wenig „handlebarer“ zu werden. Aber um welchen Preis?
Dabei besitzen wir geradezu eine natürliche Fähigkeit zu fühlen. Und das - auf typisch deutsche Art - manchmal richtig gründlich. „Gott fühlen, nicht Gott denken“, so brachte es Friedrich Schiller auf den Punkt. Und Schiller war nicht der Letzte, der davon sprach.
Wäre das nicht etwas bizzar, wenn wir neben dem Brunnen verdursten, den unsere Altvorderen so großzügig zu den Tiefen der Seele angelegt haben? Aus dem vergangenen Jahrhundert nenne ich nur C.G. Jung, Viktor Frankl und Erich Fromm.
Schätze der eigenen kulturellen Identität – wir dürfen sie ruhig nutzen. Manchmal können sie sogar Auftrag sein. Der Amerikaner Jeremy Rifkin spricht davon, dass es zuallererst uns zufällt - in diesem Falle meint er allgemein uns Europäer – daran zu arbeiten: menschliche Empathie auszuweiten statt Territorien, Transformation voran zu treiben statt materielle Akkumulation. Dies mit der ganzen Kraft unseres kulturellen Erbes im Rücken.
Transformation: dazu, zu diesem Schritt gehört auch die Herausforderung, den Schmerz zu fühlen. Der Filmemacher Clemens Kuby, der selbst einmal mit gravierendsten körperlichen Beeinträchtigungen konfrontiert war, spricht aus eigener Erfahrung, wenn er sagt: „Wir müssen den Schmerz annehmen lernen … Schmerz – oder auch schon das Unwohlsein – wird so zum Schlüssel der eigenen Entwicklung.“
Und Sri Aurobindo schreibt in einem seiner Aphorismen: „Schmerz ist der Schlüssel, der die Tore der Stärke öffnet; er ist die Heerstrasse in die Stadt der Glückseligkeit.“
Beschäftigt man sich mit den Abläufen von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, fällt auf: ziemlich genau 50 Jahre vor dem Start einer neuen grundlegenden Innovation wie z.B. der Eisenbahn, dem Auto oder dem Computer gibt es sehr präzise und eindeutige Hinweise, Erfindungen, Aussagen usw. zu diesen Entwicklungen.
Genau vor 50 Jahren schrieb Erich Fromm: „Zum ersten mal in der Geschichte hängt das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen seelischen Veränderung des Menschen ab.“
Wenn es um den ersehnten Kontakt zu uns selbst geht, um einen wahrhaftigen und authentischen Umgang mit uns selbst und anderen: fühlen wird uns – geleitet von diesem himmlischen Navi mit Sonderfunktionen, den wir serienmäßig in uns tragen - dahin bringen.
Also: nehmen wir unsere ganze Aufmerksamkeit, unseren ganzen Mut und unser ganzes Engagement für uns zusammen: fühlen wir einfach hin!
Kommentare
Gott fühlen
Sich dem uneingeschrönkten Fühlen hat viel mit Vertrauen, Ur-Vertrrauen zu tun. Oft überlegt man, kann ich dem/der jenigen wirklich vertrauen. Aber wenn man vertraut , bekommt man immer etwas geschenkt, das Gefühl, Mitgefühl des Adneren ! Das geföllt mit, ich lasse mich gerne darauf ein !
Zilli
Was man nicht aufgibt, hat man nie verloren !
"Mit dem künstlich
"Mit dem künstlich reduzierten Tiefenausschlag reduziert sich bald auch der Höhenausschlag. Alles nivelliert sich, wird mehr und mehr gleich gültig. Mit diesem selbst eingebauten Filter verspricht das Leben vielleicht ein wenig „handlebarer“ zu werden. Aber um welchen Preis?"
Um welchen Preis? Man "funktioniert". Läuft in der Spur. Ist "alltagstauglich". Aber das Leben verliert langsam seine Farbe, verblasst wie eine zu oft gewaschene Jeans...
Da halte ich es doch lieber mit Konstantin Wecker - und "möchte weiterhin verwundbar sein..."
Farblos
Aber um welchen Preis? Man "funktioniert". Läuft in der Spur. Ist "alltagstauglich". Aber das Leben verliert langsam seine Farbe, verblasst wie eine zu oft gewaschene Jeans...
Mit dieser Plattform geht es ganz genauso. Sie funktioniert, aber das die kräftigen Farbtupfer so schnell verblassen und im Mainstream eines x-beliebigen Forums untergehen hätte ich nicht gedacht.
Aber das ist leider von der Forenleitung so gewollt - die Tiefschläge ausmerzen. Das dabei auch die Höhepunkte verlorengehen ist ja unwichtig. Hauptsache das Übel ist weg, und es wird mit Sicherheit nicht wieder in diesem Forum zugelassen...