Manche Leute posaunen Ihren Glauben heraus, als müssten sie die Mauern Jerichos zum Einsturz bringen. In den letzten Tagen gab es beispielsweise kaum eine Möglichkeit, dem »Spiegel«-Autoren Matthias Matussek und seinem Bekenntnis zur katholischen Kirche zu entkommen. Radio- und TV-Interviews, Videoblogs, Artikelserien auf »Spiegel Online« – auf allen Kanälen promotete der Journalist sein neues Buch »Das katholische Abenteuer – eine Provokation«. Darin erzählt er von seiner frühen religiösen Prägung, verteidigt den Zölibat und den Ausschluss der Frauen von der Priesterweihe, schwärmt von Marienandachten und Weihrauchkult und schimpft über die »bequemere der christlichen Religionen«, deren »Erbauungsliteratur« in »homöopathischen und jederzeit gut verträglichen Verdünnungen« ins »gesellschaftliche Gewebe« tropfe.
Das alles ist kurzweilig zu lesen, stellenweise auch rührend – etwa die Beschreibung, wie der Vater nach einer Anrufung des Heiligen Antonius seine Brille im Meer wiederfindet –, hinterlässt aber einen schalen Nachgeschmack, wenn die Pointen verebbt sind: Matussek erweckt den Eindruck, dass eine Religion umso kraftvoller ist, je mystischer, je geheimnisvoller sie sich den Gläubigen präsentiert. In seinem Verständnis soll Religion Streit provozieren, nicht auf Einsicht setzen. Aber ist es nicht ein Rückfall in finsteres Mittelalter, wenn Glaube und Vernunft getrennt werden? Kann man rationale Argumente durch laute Provokationen ersetzen?
Mir liegt die Art und Weise eines anderen Katholiken näher, der in diesen Tagen die Schlagzeilen beherrscht: Philipp Rösler. Da wird doch tatsächlich ein Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zum Vorsitzenden einer Partei gewählt, die sich bislang eher durch agnostische Positionen und Kirchenkritik ausgezeichnet hat (vgl. dazu diesen Artikel aus »The European« vom Dezember 2010).
Aber der Neue im Amt nimmt weder ein Megaphon noch ein Blatt vor den Mund, wenn er über seinen Glauben spricht. In einem Interview mit der »Welt« lässt er seine Überzeugungen unaufdringlich, aber bestimmt anklingen und sagt so kluge Sätze wie: »Die Verfassung schützt die Minderheit vor der Mehrheit, der Gottesbezug den Menschen vor sich selbst.« Oder auf die Frage, inwieweit sein Glaube politische Entscheidungen beeinflusse: »In der Bibel finden Sie viele Hinweise, zum Beispiel zum Thema Solidarität. Nicht nur das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Alles, was menschlich ist, wird in der Bibel reflektiert. Und deshalb ist die Bibel für mich persönlich auch in der Politik eine wichtige Wertebasis.« Das Buch von Matussek hat er offenbar nicht gelesen, denn Rösler sagt auch: »Glaube schützt vor Größenwahn.« Offenbar nicht jeden …
In der biblischen Geschichte hat sich Gott übrigens immer auf zurückhaltende Weise gezeigt. »Es ist das Geheimnis Gottes, dass er leise handelt«, schreibt Joseph Ratzinger, der Papst, in seinem neuesten Buch. Am schönsten, finde ich, ist das in der Geschichte vom Propheten Elia erzählt, der am Berg Horeb auf eine Gottesbegegnung wartet:
»Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm« (1 Kön 19,11-13).