9. November und der Mauerfall - ein neuer Sedantag?

von systemix

Aus dem Radio ertönt klassische Musik von Radio Nederland 4. Der einzige lokale UKW-Sender, der in diesen Tagen nicht ständig den Endsieg feiert. Im Deutschlandfunk tobt seit Monaten eine Propagandaschlacht. Der Sieg über den Kommunismus wird täglich neu gewonnen. Vielleicht ist das die Art der Erinnerung zu einem Sender, der unter Konrad Adenauer als Staatssender gegen den DDR-Rundfunk ins Leben gerufen wurde und über die Mittelwelle auch im fernsten Lausitzer Tal zu hören sein sollte.

Doch diese Feierlichkeiten erinnern eher an eine Neuauflage zum Sedantag, wo der Sieg über den Erbfeind im deutsch-französischen Krieg anno 1870/71 gefeiert wurde. Dabei hat es dieser 9. November in sich. Im Vergleich dazu verblasst der 7. Oktober. Neben der Gründung der DDR, wurden an diesem Tag vor 130 Jahren das Zweibundabkommen zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn geschlossen, der Pianist Shura Cherkassky und ein geschichtliches Ungeheuer, der Reichsführer SS, Heinrich Himmler geboren.

Am 9. November 1918 zerbrach eine über tausendjährige Tradition - die Monarchie in Deutschland. Das Kaiserreich war auf den umgepflügten Schlachtfeldern bei Verdun, an der Marne, bei Ieper verblutet, zerfetzt, verstümmelt und verröchelt. Aber dieses Denken vom braven Untertanen, der stur seine Pflicht tut, manchmal etwas keck der Obrigkeit ein Schnippchen schlägt, jedoch stets der hündische Untertan bleibt, hat sich bis heute erhalten. Fünf Jahre nach der Ausrufung der Weimarer Republik, im Jahre 1923, sollte bereits ein Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle zeigen, dass der Hass auf Freiheit und Verantwortung, die hingebungsvolle Suche nach Sündenböcken nicht in der Verbannung dem Kaiser Willi II Gesellschaft leisteten, sondern mitten im Volk stets noch verankert blieben. So wurde der 9. November ein Tag der Erinnerung an die Schmach'ch', welche mit Doppel- 'ch' auszusprechen ist. So lautet eine Empfehlung von Kurt Tucholsky.

Am 9. November 1938 gab es dagegen keinen Volkszorn, wie die NS-Propaganda glauben machen wollte. Sondern es war eine sorgfältig geplante Straftat, die mit Hilfe von SA und SS durchgeführt wurde. Die Vertreibung der Juden aus Deutschland stand bereits fest und es bedurfte eines Anlasses um dieses Programm, welches in der Endlösung gipfelte, in Bewegung zu versetzen. Dieser Tag des ersten staatlichen Pogroms im 20. Jahrhundert ist zugleich einer der Schandflecke in der deutschen Geschichte. Darum ist hier die Frage zu stellen: will man mit dem derzeitigen DDR-Untergangsrummel vielleicht den anderen Jahrestag von der Bühne in den Theaterfundus schicken? Oder, die Erinnerung lieber den Subjekten überlassen, die zu diesem Anlass Synagogen mit Nazisymbolen verschandeln, wie dieser Tage in Dresden?

Der Autor hat den 9. November 1989 am eigenen Leibe miterlebt, ferner auch den Bau der Berliner Mauer und deren Auswirkungen für Berlin ertragen müssen. Es bedarf keiner Gehirnwäsche, wie ein solches Datum zu sehen ist. Die Erinnerung weicht von der Berichterstattung völlig ab. An der Grenze wurden plötzlich mehr Übergänge geöffnet und es herrschte Erleichterung im Zonenrandgebiet, dass nun im kleinen Grenzverkehr keine großen Umwege mehr in Kauf genommen werden müssten. Es waren sehr praktische Überlegungen, die nichts vom Mantel der Geschichte hatten, sondern eher etwas von einer Winterjacke, die bei dem Wetter zur Wanderung ins Brockengebiet angezeigt war. Die größten Schreier über den Untergang der DDR haben sich noch Jahre später damit gebrüstet niemals in der 'Zone' gewesen zu sein. Das waren auch Jene, welche schnell die Mauer wieder und drei Meter höher aufgebaut haben wollten, so ähnlich wie jetzt in Israel. Merkwürdig, da will man die Ostbürger zur Demokratie führen aber will sie dort lieber festgesetzt wissen aus Angst die hohen Löhne könnten die 'Zonis' anziehen, wie weiland vor dem Mauerbau und damit Arbeitsplätze für Westbürger weggenommen werden. Das lässt doch wirklich an der Demokratiefähigkeit der westlichen Bevölkerung zweifeln. Aus diesem Paukenschlag auf die Propagandatrommel ist eher ein übelriechender Furz geworden, geht es doch heute bei dem Thema Ostdeutschland nur um zu hohe Transferzahlungen, den Soli und den schlechteren Straßenzustand in Westdeutschland. Das ist wahrlich ein heroischer Grund für solche Jubelfeiern.

Tatsächlich sollte das Datum systemisch betrachtet werden. Denn wie ein schwarzer Faden zieht sich eine Kontinuität besonderer Art durch den 9. November. Alle Veränderungen und Vorfälle sind nur durch wirtschaftliche Zwänge erfolgt. Bereits nach der verlorenen Offensive 1915 vor Verdun und Ieper wäre es Zeit gewesen dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Aber es wurde durchgehalten. Doch als die katastrophale Ernährungslage nicht mehr ignoriert werden konnte, die Arbeitsbedingungen unerträglich waren, kam die Wende. Um nichts anderes ging es am 9. November 1938, als das Deutsche Reich finanziell am Ende war und der Rückgriff auf jüdische Vermögenswerte ein wenig Luft zum Durchatmen ließ. Die DDR war nicht finanziell ausgeblutet, aber die Produktivität gestattete nicht mehr die Volkswirtschaft, trotz abgeschotteter Binnenwährung, am Laufen zu halten. Auch wenn heute in den Medien der Begriff 'friedliche Revolution' gleich einem Mantra wiederholt wird - unmittelbar danach erfolgte der friedliche Rückzug der Ostbürger in die private Idylle, die der Autor später in seinen Thüringer Jahren 'genießen' durfte. In dieser Idylle lebt diese Bevölkerung auch weiter, obwohl die Perspektiven für eine Zukunft als staatlich alimentierter Kunde für Discountläden in leer stehenden Gewerbegebieten, oder als volksmusikbedudelter MDR-Hörer, mit Sendungen wie "Unter uns", die das ostalgische 'Bliemchenkaffeegefühl' verstärken sollen, wenig anziehend sind. Abwechselung bietet vielleicht das Schreiben von Bewerbungen für die ARGE und mögliche Investoren, die vielleicht, eventuell, am Ort ein neues Callcenter einrichten wollen.

Das soll jetzt also mit großem Mediengetöse gefeiert werden? Gewissermaßen als 'happy end' für den sich stets durchsetzenden Freiheits- und Demokratiewillen? Das macht den Autor aber sehr nachdenklich, denn er erinnert sich noch sehr genau an eine hitzige Debatte zum 8. Mai 1985, als ein gewisser Alfred "Django" Dregger, Nachfolger von Helmut Kohl im Fraktionsvorsitz der CDU, anlässlich des 40. Jahrestages der Kapitulation dieses Datum als "Tag der Niederlage" und der "Unterwerfung" empfand. Keinesfalls seien die Deutschen damals befreit worden, so tönte die national-konservative Presse um 'FAZ' und 'Welt'. Keiner kam damals auf die Idee, den Beginn eines demokratischen Rechtsstaates zu feiern. Es blieb bei "würdigen" Gedenkfeiern nach dem Muster "Volkstrauertag".

Es kann auch nicht fröhlich stimmen, dass dieser "Sedantag" vorübergeht, denn nächstes Jahr wird man mit dem 20. Jubiläum der Wiedervereinigung beglückt, welches wie das Weihnachtsgeschäft drei Monate früher beginnen dürfte. In 2011 haben wir dann 50 Jahre Mauerbau und damit Anlass zum Aufbrühen aller Mauergeschichten - nur von denen in den Köpfen wird nicht die Rede sein.
Der Lateiner fragt: cui bono? Wem nützt das eigentlich, außer den Medien, die wieder ein tolles Geschäft wittern? Höchstens noch den gewählten Mandatsträgern, weil sie bei solchem Buhei von ihrer Unfähigkeit zu gesellschaftsgerechter Politik ablenken können.

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