An diesem Wochenende fand ja zum zweiten Mal das "Barcamp Kirche 2.0" in Bornheim, Frankfurt statt. Das wir dieses Jahr auch einen Twittergottesdienst hatten, zog es gerade auf Twitter weitere Kreise, als vllt. beim letzten Mal.
Die Twitter-Userin Schnattergans fragte nun mich in einem Tweet:"Ok! Was ist der Nutzen von Kirche 2.0 für Kirche 1.0 aus der Sicht eines 69jährigen Presbyters?" "Was ist euch am wichtigsten gewesen? Was sollte ich unbedingt wissen?"
Da ich das Barcamp gerade im kirchlichen Bereich für sehr wichtig, bereichernd, informativ und - eigentlich - nicht mehr wegzudenken halte, hier eine längere Antwort :)
Um erstmal die Begriffe zu definieren:
- Kirche 1.0 würde ich hier als das bezeichnen, was ohne Internet, ohne Vernetzung mit anderen passiert (Gemeindearbeit, Gemeindebrief)
- Kirche 2.0 ist für mich hier das, was über das Internet vernetzt zusammen mit anderen passiert und passieren kann (online-Gemeindebrief, Homepage, Forum, Social-Media, etc.)
Um mal zu schauen, wie Kirche 1.0 heutzutage funktioniert (überspitzt, beispielhaft, und bitte nicht 1:1 zu nehmen):
Wenn es gut läuft, trifft sich das Gemeindebrief-Team einmal im Monat und schustert Texte und anderes zusammen. Wenn es ganz gut läuft, wird der Gemeindebrief in Word gesetzt und dann an eine Druckerei übergeben. Wenn es schlecht läuft, wird der Gemeindebrief ausgedruckt, zusammen geschnipselt, kopiert und verteilt.
Kirche 2.0 kann hier Abhilfe schaffen: Durch Chats, Foren, Twitter und anderes kann ich mich austauschen, Themen finden, Bilder und Texte finden, gemeindebrief.de bietet kostenlose und kostenpflichtige Texte und Bilder. Durch Vernetzung kann ich aber auch Hilfe bei Design, Auswahl billiger Druckereien, etc. bekommen.
Wenn es gut läuft, habe ich eine funktionierende Jugendarbeit, Werbung in Lokalblättern, einen Gemeindebrief der auch verbreitet gelesen wird. Wenn es schlecht läuft, bekomme ich die Jugendlichen nicht mehr in die Kirche, habe keine gute Verbreitung meiner Termine und bin eigentlich kurz davor alles aufzugeben.
Kirche 2.0 hilft hier: Über Twitter, Facebook und andere Social-Media-Auftritte bekomme ich gerade Zugang zu jungen Leuten. Ich habe die Chance mich zu präsentieren, zu zeigen: "Auch wir haben gute Ideen, wir brauchen nur euch, um sie auszuführen". Der Austausch mit anderen PfarrerInnen, Presbytern, etc. hilft, Neues zu finden. Neue Wege, Formen, Medien. Der Austausch über Altbewährtes mit neuen Medien, über Erfahrungen auf den neuen Wegen.
Kirche 2.0 ist für mich vor allem eins: Vernetzung! Nicht alleine irgendwo in meinem Kämmerlein "rumwurschteln" sondern gemeinsam mit anderen neue Wege entdecken, meine Wege überdenken, verbessern, anpassen. Warum also das Barcamp: Wo sonst habe ich die Chance, Gleichgesinnte zu treffen, mich mit ihnen auszutauschen, Erfahrungen zu teilen und zu lernen.
Kirche möchte Menschen erreichen, möglichst viele. Wer da das Internet aussen vor lässt hat schon verloren. Gerade in der heutigen Zeit, gerade bei den Jugendlichen.
Um nun die Fragen noch mal zu beantworten:
# Was hat also der 69 jährige Presbyter davon?
Ganz einfach: Er muss nicht mehr sehr viel Zeit in neue Erfahrungen stecken, muss nicht neue Wege durch den Dschungel brechen. Er kann sich austauschen und von den Erfahrungen anderer profitieren. Er kann so die Hürden, die das Internet und anhängige Techniken, etc. bergen leichter überwinden.
Das Kennenlernen derjenigen, die ich bisher nur als Twitter-Nick kannte, das erneute Treffen mit denen, die ich letztes Jahr kennen lernen durfte, oder schon von anderen Gelegenheiten kenne. Der Austausch, das Lernen, das wissbegierige Nachfragen. Input, Input, Input. Aber auch Gemeinschaft, Zusammensein. Der Twitter-Gottesdienst: Einfach WOW .. was alles möglich ist! Die neuen Ideen: Twandacht, Geocaching und Kirche, etc. Ich bin überflutet, aber nicht übersättigt. Es gibt so vieles über das ich nachzudenken habe, das mir aber auch die Kraft gibt weiter zu machen … das Wissen: Du bist nicht allein, ob du nun in der Gemeinde bist oder an anderer Stelle für die Kirche arbeitest.
# Was sollte man unbedingt wissen?
Für das Barcamp muss man eigentlich nur eines sein: aufgeschlossen Neuem gegenüber!! Mehr braucht man nicht ;) Technikaffinität kann man entwickeln, den Umgang mit Web 2.0 Komponenten kann man lernen. Kontakt zu anderen findet man zwangsläufig. Man darf sich nur nie verschliessen :)
Kommentare
Hallo, leider bin ich
Hallo,
leider bin ich zeitlich und örtlich nicht in der Lage gewesen, zum Barcamp zu kommen.Eine Sache, die mich besonders interessiert, sind Gottesdienstformen übers Internet. Hat irgendwer nen Link zu ner Seite, die Beschreibt, wie so ein Twitter Gottesdienst oder ne Twandacht funktioniert? Ankündigungen dazu hab ich schon einige gesehen, irgendwie verpaß ich das aber immer (bin noch zu sehr auf sonntagmorgen 10 Uhr im Gebäude mit dem Turn geprägt).
Würd mich einfach mal interessieren, was diese Gottesdienstformen können, und was sie nicht können etc. Gemeindegesang über Twitter stell ich mir schwierig vor ;)
Mein Blog: Ein feste Burg ist unser Gott
Links zu Twitter-Gottesdiensten/-Andachten
Hallo :)
Einen oder mehrere Links kann ich leider nicht anbieten, es gibt und gab einfach noch nicht so viele Twitter-Gottesdienste und -Andachten.
# Twittagsgebet
Die Badische Landeskirche bietet ein Twittagsgebet. Allerdings findet da keine Interaktion statt.
# Twitter-Gottesdienst
Am Valentinstag hat Knut Dahl in Meckenheim einen Twitter-Gottesdienst durch geführt und war damit der erste landeskirchliche Anbieter eines solchen in Deutschland.
Wir haben dann am Sonntag unter dem Hashtag #twigo versucht Twitter in einen Gottesdienst einzubinden. Heiko Kuschel, der zusammen mit Alexander Ebel durch den Gottesdienst führte, hat in einem Blogpost das Ganze näher beleuchtet.
# Morgengebed
Es gibt aus den Niederlanden ein Morgengebet, das mit Live-Cam und Eingehen auf Tweets eine kleine Andacht gestaltet (ich finde nur gerade leider keine Links dazu, werde sie aber nachreichen)
# Twitter-Bibelarbeiten
Und dann wollen wir zusammen mit der ESG auf dem Kirchentag Online-Bibelarbeiten anbieten, wo Twitter auch einen großen Part darstellen wird. Nähere Infos dazu folgen noch :)
Ich denke aber wir können gut einen Diskussions-Thread in einem der Kreise auf evangelisch.de aufmachen, wo man sich austauschen kann, wie es war, was man besser/anders machen könnte, und welche Möglichkeiten es sonst noch gibt.
Ich halte es für ein sehr spannendes Thema und werde auf jeden Fall versuchen, #twigo nicht als ersten und einzigen Twitter-Gottesdienst im Rahmen von evangelisch.de sein zu lassen :)
Johannes