Solitärchristen
Solitärchristentum: Eine kleine Ethnologie der christlichen Außenseiter
Solitärbienen leben nicht in einem Bienenstock. Sie haben jede für sich ihr Loch in irgendeinem morschen Baumstamm. Solitärchristen findet man nicht oder nur selten bei einer typisch kirchlichen Veranstaltung. Sie sind woanders. Aber nicht immer.Wir sollten versuchen, sie kennenzulernen.
Im Anschluss an meinen Beitrag über die Retro-Urchristen möchte ich deshalb einen Text über "Christen ohne Kirche" hierher kopieren.
Die Säulenheiligen
Sie kommen zu uns in den Sonntagsgottesdienst. Also bekommt man sie zu sehen, wenn man sich mal ungeniert nach hinten umdreht. Sie sitzten nämlich in der letzten Bank, ganz an der Seite. Oder sie stehen an die Säulen gelehnt oder hinter ihnen versteckt. Daher der Name. Manchmal sehen sie so aus, als würden sie nur auf den Schlusssegen warten, um ihre gebrechliche Omi wieder nach Hause zu fahren. Kann aber nicht sein, denn sie haben Omi garnicht hergebracht. Trotzdem sind sie da, sie wollen also was. Nur mal gucken. Was sich wohl so tut in der Kirche? Vielleicht wollen sie Kontakt zur Gemeinde, vielleicht in die Gemeinde integriert werden.
Das Hauptportal der Kirche haben sie gefunden, die war ja auch nicht zu übersehen. Der kleine Seiteneingang zu den Herzen der Gemeindeglieder ist ihnen verborgen geblieben. Oder er ist - viel schlimmer - abgeschlossen. Oder sie denken, das Türlein führe zu den Folterkammern des Inquisitionsgerichtes. Irgendetwas hält sie ab.
Vielleicht sind sie einfach nur neu und scheu, von anderswoher zugezogen und müssen sich in der neuen Umgebung erst mal orientieren. Diese Sorte erkennt man oft daran, dass sie nach (oder vor) dem Gottesdienst einen Rundgang durch die Kirche machen und sich irgendwelche Kunstwerke anschauen, die ihnen demzufolge unbekannt sein müssen. Oder sie stehen am Schriftenstand und blättern in Gemeindeblättchen und Veranstaltungsflyern.
Ähnlich verhalten sich diejenigen, die sich von ihrer ursprünglichen Konfession distanziert haben und nun mal woanders herumschnuppern, ohne dass sie da jemanden kennen.
Wer Biographien von "normalen" Christen kennt, weiß, dass auch eine zeitweilige Distanz von der eigenen Kirche häufig vor kommt. Oft ausgelöst durch pubertäre Aufsässigkeit gegen Traditionen und Autoritäten (das halte ich für normal!), durch destruktive Erziehung, erlittene Verletzungen durch Geistliche oder Gemeindeglieder, Missachtung... Die Gründe sind vielfältig. Aber viele dieser Jünger aus dem "Hause Jakob" wollen irgendwann zurück. Dann stehen sie aber erst mal mit dem Scherenfernrohr am Jabbok und gucken, was Bruder Esau auf der anderen Seite des Flusses so treibt. Sie fürchten den Kampf mit Esau (Kirche), vielleicht auch den Kampf mit Gott.
Wichtig, dass wir sie erkennen, diese Säulenheiligen. Und ansprechen. Zum Kirchenkaffee einladen (dann aber auch mitgehen und sie nicht sitzen lassen wie bestellt und nicht abgeholt.). Sie in ein Gespräch über das Altarbild verwickeln. Ihnen das Infoblättchen mit den wichtigsten Telefonnummern und Veranstaltungen in die Hand drücken. Aber auch ihre Reserviertheit respektieren, wenn sie nicht spontan zugreifen. Gut, wenn es speziell für die "Jakobsjünger" und andere Kirchenfremde spezielle Gesprächsangebote oder Kurse gibt. Flyer + Ankündigungen von der Kanzel + Schulterklopfmethode müssen da Hand in Hand gehen.
Die Igelfrommen
Ich könnte sie auch spirituelle Yetis nennen, aber Igel klingt netter. Sie sind die eigentlich typischen Vertreter des Solitärchristentums. Es gibt viele davon, aber man sieht sie kaum. Ich habe sie auf Internetforen kennen gelernt. Sie machen ihr eigenes Glaubensding. Ohne Gemeinde, ohne Kirche, ganz für sich. Meinem Spruch "Allein geht man ein" widersprechen sie heftig. Für sie gilt: Christus ja, Kirche nein!
Manche von ihnen sind einfach so introvertiert, dass man ihnen nicht zu sehr auf die Pelle rücken darf. Igel sind eben Einzelgänger und keine Kuscheltiere. Andere haben die oben genannten schlechten Erfahrungen gemacht und haben sich von daher ein Stachelkleid zugelegt.
Erstaunlich: Etliche von den Igeln sind sehr fromm, beten viel, haben einen guten Draht nach "oben" oder spüren Gott in sich. In der Kraft ihres Glaubens überstehen sie tiefe Krisen, Drogengeschichten und so weiter. Manche sind Mystiker (ich meine das jetzt ernst und nicht so eine Räucherstäbchenesoterik!) und haben vielleicht gerade wegen ihrer unverstandenen Erfahrungen keine Heimat in einer Gemeinde finden können.
Bei anderen scheint die fehlende Gemeinschaftsbindung dagegen schlichtweg an einer Grundtendenz zur Individualisierung in unserer Gesellschaft zu liegen. Strukturen und damit organisierte Gemeinschaften werden per se als Einengung empfunden und damit abgelehnt. Oder gar mit offener Feindseligkeit bekämpft. In der so errungenen Freiheit nimmt man sich dann auch das Recht, das eigene Glaubensgebäude aus Versatzstücken verschiedener Spiritualitäten und Theologien zusammenzusetzen.
Meine Haltung: Ernst nehmen! (Bei mir ein längerer Lernprozess, ich verdanke da einer kratzbürstigen Forumschreiberin eine Menge.) Da sein, sei es im Internet oder als "erkennbarer" Christ im Alltag. Denn auch Igel machen sich irgendwie bemerkbar und wollen sich mitteilen.
Die Eventpilger
Sie sind bereits in der religionssoziologischen Fachliteratur beschrieben worden. Vorwiegend junge Leute, die von Kirchentag zu Papstmesse, von Katholikentag zum Weltjugendtreffen tingeln, ohne sich um Konfessionen, inhaltliche Diskussionen oder Politik zu kümmern. Ihnen geht es um die Gemeinschaft mit den Vielen. Seid umschungen, Millionen! Allerdings ist es eine unverbindliche Gemeinschaft. Anbindung an Gemeinden oder feste Gruppen haben sie kaum. Dafür sind sie für feierliche Liturgie, Gesänge, für die besondere Stimmung zu haben.
Was ist mit ihnen, wenn gerade kein Kirchentag ist? Reicht die geistliche Tankfüllung bis zum nächsten Event? Oder können wir sie z. b. durch meditative Liturgien und Musik auch für die "klassische" Kirche gewinnen?
Ismael
Kommentare
Re Solitärchristen
:-)) unterschreib! (Hibbings Antwort)
lg kreuzpatsch
Wenn das Außenseiterformen
Wenn das Außenseiterformen sind, wie sind denn die Insider? Wie charakterisieren die sich?
So
kirchlich, kirchlicher, am kirchlichsten!
mega-kirchlich ?
mega-kirchlich ?
Insiderethnologie?
Hi Sashi,
du kannst ja mal 'nen Thread dazu aufmachen: über regelmäßige Kirchgänger, mäßige Kirchgänger, Gemeinde-Vereinsmeier, Aparatschiks, Fromme und Frömmler, Kirchenkaffeetanten (jeglichen Geschlechtes), Schrauber, Helfersyndromiten, Klookschieter...
Das wäre lustig! Besonders spannend wären die Reaktionen derer, die sich "gemeint" fühlen...
;-) Ismael
Du hast die Schauläufer
Du hast die Schauläufer vergessen:-)
Das Wort Klookschieter musst Du mal übersetzen, habe ich vorher noch nie gehört.
plattdeutsch: Klookschieter =
plattdeutsch: Klookschieter = Klugsch... äh... -redner. Ist in Plattdeutschland aber noch ein salonfähiger Begriff. ;-]
Dann nehmen wir doch die
Dann nehmen wir doch die Salonfähigen mit dazu.
...da gehör' ich dann wohl
...da gehör' ich dann wohl dazu...
;-)
Hallo Ismael, oder sie
Hallo Ismael,
oder sie denken, das Türlein im Hintergrund führe zu den Folterkammern des Inquisitionsgerichtes.
Sowas gibt es in den reformierten Kirchen? Na, gut dass ich das weiß!
Ich denke, alle genannten Formen sollte man zunächst akzeptieren. Es kann ja nicht um ein Leistungsprinzip gehen mach dem Motto "Wer viel leistet, bekommt auch vie Gnade ab!" Gott kommt allem menschlichem Handeln mit seiner Gnade zuvor. ... Ist das ökumenischer Konsens? Glaube schon, bin mir aber nicht 100% sicher.
Allein geht man ein: Da wird es spannend! Woran? Hällt meine Gottesbeziehung das (vielleicht doch) aus? Und der Fragen mehr. Und die Antworten findest Du eben genau nicht in einem vollbesetzten Fußballstadion!
Gerade die Igelformen haben lange Traditioin und der Kirche mit den Wüstenvätern (und durchaus auch Wüstenmüttern, Anmerkung am Rande) gegeben. Und Leute wie Franziskus habe zeitweilig in Gemeinschaft gelebt, und zu anderen Zeiten ihres Lebens die Einsamkeit gewählt.
Und die Event- Pilger haben ja immerhin irgendeinen Zugang gefunden - Besser wie nix!
Aquino
Zu den Event-Pilgern muss ich
Zu den Event-Pilgern muss ich noch mal was schreiben. Könnt Ihr Euch vorstellen was das für eine Atmosphäre ist wenn sehr viele Menschen zusammen stehen und singen? Wenn sie sich an den Händen halten und gemeinsam beten? Ich kann es nicht erklären, aber das ist ein tolles Gefühl. Das habe ich in einer Kirche noch nie erlebt.
Versucht es mal :-)
Ich hab's in einer Kirche
Ich hab's in einer Kirche erlebt! :-)
Ich auch - und ich möcht es
Ich auch - und ich möcht es noch einmal erleben, mindestens!
Nächste Woche gehe ich wieder in einen Gospelchor in meiner Nähe, dann ist Probe dort.
Was? Eine volle Kirche oder
Was? Eine volle Kirche oder das Beten und Händehalten?
pace e bene
Bernd
Schön wär's.
Schön wär's.
- Streite dich nicht mit einem Dummkopf. Er zieht dich auf sein Niveau herunter und schlägt dich dort mit seiner Erfahrung. (Quelle unbekannt)-
Captain_Kirk meinte (a
Captain_Kirk meinte (a bisserl frech wie immer
):
"Er meint wohl den Petersdom in Rom...
"
Und Bruder Bernd antwortet darauf:
Nein!
In unserer Pfarrei ist es an so ziemlich jedem Sonntag voll, zu den Hochfesten/Wallfahrten überfüllt! Wobei ich manchmal auch schade/traurig finde, weil dann so viele "von außerhalb" kommen und die Geschwister in anderen Kirchen dann mit wenigen feiern müssen.
Bei den Abendmessen nehmen i.d.R. etwa 40-50 Geschwister teil.
In so fern empfinde ich es beinahe schon als "Luxus", fast immer so viel Gemeinschaft erleben zu dürfen.
pace e bene
Bernd
Osternacht
Zum mindestens bei unserm letzten Osternachtgottesdienst, den unser Gesprächskreis vorbereitet und gestaltet hat, war die Kirche voll.
Wie es dieses Jahr sein wird, bleibt abzuwarten, da die neue Pfarrerin die Planung und Durchführung in unnachahmlich megakirchlicher Weise an sich gezogen hat.
Sie hat dann auch gleich angekündigt, was sie als Insiderin alles anders machen will als unser solitärer Gesprächskreis. Ich hoffe mal nicht, dass zu dem anders dazugehört, dass immer weniger kommen.
Anbetungsgottesdienste
Ja, beides! Das war bei Gottesdiensten der charismatischen Gemeindeerneuerung. Die Hauptkirche St. Petri in Hamburg war rappelvoll: 2000 bis 2500 Leute.
Menschen, die "Halleluja" meinten, wenn sie "Halleluja" sangen. Das hatte ich vorher auch noch nicht erlebt.
Ich bin ein Säulenheiliger
Hallo Ismael,
durch Zufall landete ich auf dieser Seite. Dein Beitrag hat mich "voll erwischt". Ja, ich bin so ein Säulenheiliger. Nach vielen Jahren aktiven Gemeindelebens - und zwar in der evangelischen und der katholischen Gemeinde - stehe ich (evangelisch) nun draußen. Wie so oft gibt es viele Gründe, die sollen hier nicht detailliert aufgezählt werden. Aktiv habe ich in der Ökumene vor Ort, am Dialog zwischen den Konfessionen gut zwanzig Jahre mitgewirkt. Der "Personalwechsel" in der katholischen Kirche und die damit verbundene Auskühlung des kirchlichen Raumes hat nicht nur mich vertrieben. Die katholischen Christen haben wenigstens noch die Möglichkeit, ihren Mund aufzutun (auch wenn ihre Meinung ignoriert wird). Ich kann das nicht, ein Satz genügt, mich zum Schweigen zu bringen: "Sie gehören nicht zu dieser Gemeinde!". Mehr als 20 Jahre habe ich dort Gastfreundschaft erlebt, mich eingebracht und wohlgefühlt. Dort fand ich die Freude am Christsein, die ich so oft in meiner eigenen Gemeinde vermisste. Nun habe ich ja noch die evangelische Gemeinde, der ich angehöre. Aber dort gibt es nun eben Erfahrungen, die mich daran hindern.
Heute bin ich "Sakraltourist". Besuche den Gottesdienst in auswärtigen Gemeinden. Aber ich gehöre nicht dazu, bin und bleibe Außenstehender. Hier am Ort ist die offizielle interkonfessionelle Beziehung auf dem Nullpunkt angelangt. Und das schlimme ist, es gibt wenig Hoffnung, dass sich das ändern könnte.
Es gäbe noch Vieles zu schreiben. Das wenige, unsortierte, soll reichen, musste das einfach mal loswerden. Bin ziemlich verzweifelt. Weht der Geist wirklich dort, wo er will? Oder hat er keine Chance gegen die amtliche Luftabwehr?
Merlijn