„Nichts ist gut in Afghanistan“
In der Diskussion um Frau Käßmanns Neujahrspredigt, in der sie akzentuiert auf den Afghanistankrieg einging und mehr Phantasie für einen Frieden einforderte, werden zunehmen die logischen Ebenen durcheinander geworfen.
So bemerkt der ehemalige Generalinspekteur Klaus Naumann, dass die Bischöfin sich fragen lassen müsse, wie Angehörige von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan Trost finden könnten, wenn die Bischöfin deren Tun pauschal als verfehlt und deren Opfer als vergeblich bezeichnen würde.
Da scheint der General a.D. die Entwicklung der Dinge offensichtlich nicht mitbekommen zu haben. Die Bundeswehreinheiten wurden von Regierung und Bundestagsmehrheit nach Afghanistan geschickt, obwohl auch damals über die Hälfte der Bevölkerung aus sehr guten Gründen dagegen war. Vom Soldaten eines demokratischen Staates darf verlangt werden, dass er neben der Beherrschung des Waffenhandwerks auch mit der politischen Meinung vertraut ist. Darf er denn tatsächlich erwarten, dass ein Kriegseinsatz, der von so vielen Deutschen abgelehnt wird, trotzdem zur Solidarisierung mit den Soldaten führt? Allenfalls darf er Anteilnahme am Schicksal der Toten und Verletzten erwarten.
Allerdings ist mir auch schleierhaft, warum Frau Käßmann die Ergebnisse der Londoner Konferenz positiv bewertet. Die angekündigte Verdoppelung der Entwicklungshilfe und das Aussteigerprogramm für Taliban-Mitläufer sind doch sehr zweifelhafte Instrumente in einem Konflikt, der seit drei Jahrzehnten aus dem Ruder läuft und in dem die westlichen Akteure ihre Rückschläge und Niederlagen dadurch herbeiführen, indem sie sie mit den falschen Mitteln abzuwenden trachten.
Noch bis vor wenigen Monaten wurde offiziell propagiert, dass die Freiheit der Bundesrepublik auch am Hindukusch verteidigt würde. Jetzt wird über eine Beteiligung so genannter gemäßigter Taliban an der afghanischen Regierung laut nachgedacht. Tut es jetzt auch ein bisschen weniger Demokratie?
Vor diesem Hintergrund offensichtlicher politischer Lügen sollte Frau Käßmann einen Ratschlag Dietrich Bonhoeffers aus dem Jahr 1934 (!) beherzigen: „Es muss endlich mit der theologisch begründeten Zurückhaltung gegenüber dem Tun des Staates gebrochen werden – es ist ja doch alles nur Angst“.

