Das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert
Im Brief an sein Patenkind schreibt Dietrich Bonhoeffer im Mai 1944: „Der Tag wird kommen, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden…“.
Der Text ist in dem Sammelband „Widerstand und Ergebung“ enthalten.
Die Zeilen begleiten mich seit Jahr und Tag. Sie sind Maßstab für jede Predigt, die ich höre. Und während einiger Jahre waren sie auch Maßstab für Andachten, die ich selbst gehalten habe.
Während der Tage zwischen dem letzten Christfest und Neujahr habe ich in den alten Manuskripten geblättert. Und mich gefragt: Was habe ich zur Sprache gebracht? Wie haben es die Zuhörer aufgenommen?
Zuallererst habe ich aufklären wollen. Über die Entstehung der biblischen Bücher und wie sie in den jeweiligen Zeitabschnitten gedeutet wurden. Als Zweites habe ich Theologen und Philosophen in exemplarischen Sätzen zu Wort kommen lassen. Und Drittens habe ich versucht wiederzugeben, was Menschen in dieser Zeit über Gott und die Welt denken und vor allem, welche Erwartungen sie an die Kirche haben.
Die Resonanz derer, die gekommen waren um zuzuhören, fiel unterschiedlich aus. Manche theologische Ausarbeitung, auf die ich stolz war, fand allenfalls freundliche Anerkennung.
Die Deutung von Claire Golls „Gebet eines Pferdes“, eine Umschreibung des Vaterunsers auf die Tierwelt, sprach sich über das Dienstgebäude hinaus herum und brachte mir die tiefe Verachtung evangelikaler Heilsprediger ein.
Die Beschäftigung mit Gottfried Kellers Märchen „Spiegel, das Kätzchen“ sorgte für eine wochenlange Diskussion. In dieser Erzählung geht es um das Verhältnis von materiellen Lebensbedingungen und dem so genannten Überbau durch Kultur und Religion. Der einmal so gebildete und gesittete Kater Spiegel wird zur verschlagenen Kreatur, als seine Besitzerin stirbt und die tägliche Nahrung erkämpft werden muss.
Herausgefordert habe ich meine Zuhörer (Männer und Frauen) mit Dialog-Andachten. Ich las Texte aus der Bibel vor und forderte unmittelbar zu Stellungnahmen auf. Einmal fragte jemand bei einem Abschnitt aus der Offenbarung: „Wird auch Hitler erlöst?“. Sehr konkrete Sachverhalte wurden im Kontext der Bergpredigt angesprochen: „Warum verhält sich die Kirche als Arbeitgeber in vielen Fällen so unsozial?“.
Zurückblickend wage ich das Urteil: Man muss als Prediger bei den Menschen sein und sich ihrer Fragen und Probleme annehmen. Auch wenn nicht jede Antwort gefällt, so trägt sie doch zur Glaubwürdigkeit bei. Denn ohne eine glaubwürdige Kirche mangelt es dem Glauben an Beweiskraft. Und daran führt in einer säkularisierten Welt kein Weg vorbei.


Kommentare
RE: Das Wort Gottes so auszusprechen.....
Ich habe gerade mit großer Hochachtung das Porträt von Frau Bea Spreng, der Pastorin von Joachimsthal,(http://www.evangelisch.de/themen/gesellschaft/gott-ist-scheisse-und-du-a...) gelesen.
Für mich ist das ein Beispiel für glaubwürdige Kirche. Allerdings frage ich mich, woher Frau Spreng die Kraft dafür nimmt, so einen "Alltag" in ihrer Gemeinde durchzustehen....
Es ist wohl eher ihr Handeln, mit dem Frau Spreng die Kirche glaubwürdig macht, nicht so sehr ihre Predigt. - Oder ist Ihr Handeln ihre Predigt?
lg kreuzpatsch
RE: RE: RE: Das Wort Gottes so auszusprechen.....
Lieber Fritz, Du schreibst:
!ch sehe das so, sie lebt und handelt wie sie predigt und deshalb ist beides echt und authentisch und glaubwürdig und wirksam,....
und fragst:
Warum nur fällt das soo auf?
Vielleicht, weil Frau Spreng eine grundsätzliche Entscheidung getroffen hat: nämlich nicht "um die Kreise zu kreisen" sondern sich denen zuzuwenden, die am Rand stehn... Hatten wir diese Diskussion nicht schon :-))
Es ist halt immer die Frage, wer diese Arbeit trägt! Von den "inner circles" sollte man das erwarten, aber leider gibt es manch andere Erfahrung...
..und wenn die PastorInnen das alleine schaffen sollen, oft eben gegen Widerstände aus den "inner circles", wenn ihnen dann Lauf der Jahre die Puste ausgeht, die Kraft abhanden kommt, sie einfach aufgerieben sind und sich in die innere Emigration oder auf Funktionsstellen verabschieden, kann ich das nur allzugut verstehen!
lg kreuzpatsch
RE: RE: RE: Das Wort Gottes so auszusprechen.....
Lieber Fritz,
Du schreibst, "Ja, ich weiß, dass ich sehr hart und für viele auch ungerecht und verletzend formuliere, dass sie alle auch irgendwann jugendliche Ideale hatten ... Es tut mir wirklich leid, aber es geht imho nicht anders, wenn sich was ändern soll."
Es steht mir nicht zu Dich zu kritisieren. Ich kenne solche Gefühle, die ich dann ganz gern als eine Art "Heiligen Zorn" für mich "aufwerte" auch. Aber wenn wir "denen" unsere Enttäuschung in solch zornigen Worten entgegenschleudern, drängen wir sie dann nicht auch zu weit von uns weg? So, daß sie uns gar nicht mehr hören können?
Ich habe, in der Zwischenzeit, erfahren können, dass durch die liebende Zuwendung manch einer, wenigstens ein bischen erreicht werden konnte, von dem ich das vorher nicht erwartet hätte. Wir alle können nur herumtrippeln, wo unser Bruder und Herr mit Sieben-Meilen-Stiefeln umherging.
pace e bene
Bernd
RE: RE: RE: RE: Das Wort Gottes so auszusprechen.....
Wir alle können nur herumtrippeln, wo unser Bruder und Herr mit Sieben-Meilen-Stiefeln umherging.
wie wahr! das gefällt mir!
lg kreuzpatsch
RE: RE: Das Wort Gottes verändert und erneuert
Lieber Ernstin, liebe Mitdiskutierer,
tatsächlich, ich verstehe jede Predigt als prophetisches Reden von der Zukunft des Menschen. Und als Aufforderung zur Überwindung all dessen, was den Menschen bedrängt.
Noch als Konfirmand war meine Welt heil und überschaubar. Ich war evangelisch, weil es der natürlichen Ordnung zu entsprechen schien.
Etwa ein Vierteljahr vor der Konfirmation besuchte uns der „Herr Pastor“, um mit meinen Eltern und mir Einzelheiten der Feier zu besprechen. Aus Höflichkeit fragte ich ihn, der den Amtstitel „Superintendent“ trug (was ich vordem ausschließlich für einen Dienstgrad bei Scotland Yard gehalten hatte), nach Höhen und Tiefen seines seelsorgerlichen Berufs. Und dann erzählte er, als habe er auf solch eine Frage schon lange gewartet.
Sein Bericht zerstörte mein schlichtes Weltbild. Ich hörte von „Deutschen Christen“ während der Nazizeit, von der Verbannung von Pfarrern aus ihren Gemeinden und von Pfarrern, die ins Gefängnis gekommen waren. Und ich schloss messerscharf: Diese damalige Regierung samt ihrer Geheimpolizei und Armee hatte Angst gehabt, Angst beispielsweise auch vor unserem Herrn Pastor, der gar nicht so gefährlich aussah. Evangelisch zu sein hatte anscheinend auch etwas mit Ungehorsam zu tun. Und mit dem ständigen Infragestellen des vermeintlich Selbstverständlichen. Eigentlich kein Wunder, Martin Luther hatte doch gedichtet „Ein‘ feste Burg ist unser Gott, ein‘ gute Wehr und Waffen…“.
So erwuchs aus einem Konfirmationsgespräch eine frühe Einsicht: Wenn Christen das Evangelium ernst nehmen, dann muss jede Predigt ein Manifest des Aufruhrs sein, eine verbindliche Aufforderung zur Umkehr, damit die Zuhörer aus ihrer Lethargie befreit und für die Teilnahme am Reich Gottes (auf Erden!!!) gewonnen werden. Der Gemeinde kommt dabei die Rolle eines Sammelbeckens aller Revolutionäre zu, die sich auf Jesus, den von Gott gesandten geistlichen und weltlichen Befreier, berufen.
Ich weiß oder besser, ich habe schmerzlich erkennen müssen: Bei so mancher Predigt würde man die Revolution verschlafen und es gibt Gemeinden, die sind so revolutionär und von solchem Elan erfüllt wie einst das Zentralkomitee der KPdSU. Aber das kann und darf nicht das letzte und endgültige Wort sein. Denn wozu bedarf es einer Bergpredigt, wenn man sie nicht umsetzen will? Wozu erinnern wir uns bei jedem Osterfest der Auferstehung Christi, wenn wir gar keinen Neubeginn wollen? Zu leicht vergessen wir: es war nicht der Osterhase, der am Kreuz hing.
Später hat mich die Lektüre der Bonhoefferschen Schriften in meiner Grundauffassung bestärkt. So wie beispielsweise: „Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist Freiheit“.
LG Ferdinand
Forum Gemeindenetzwerk
Ferdinand Mertens
RE: RE: RE: Das Wort Gottes verändert und erneuert
Lieber Ferdinand,
Deinen Satz, "ich verstehe jede Predigt als prophetisches Reden von der Zukunft des Menschen. Und als Aufforderung zur Überwindung all dessen, was den Menschen bedrängt.", kann ich, wenn ich nachschaue, was ich mir von einer Predigt wünsche, vollständig unterschreiben. Nur darf sie dabei nicht zu einem Vehikel für "fremde" Ideologien werden.
Ich habe, während meiner Beheimatungssuche im "Evangelischen Raum", in den frühen 80er Jahren Predigten erlebt, die kaum noch eine Verbindung zum Evangelium herstellten. Überfrachtet mit aktuellen "progressiven" politischen Thesen.
Bei mir hat das dazu geführt, dass ich mich, damals noch Evangelischer Christ, immer mehr "aus der Kirche" zurückgezogen habe.
Ich sehe in Teilen der Befreiungstheologie ähnliche Gefahren, dass die Verbindung zum Christentum unklar wird; gerade dann wenn eine bestimmte Gesellschaftsordnung, als Lösung, präferiert wird.
pace e bene
Bernd
RE: RE: RE: RE: Das Wort Gottes verändert und erneuert
Lieber Bernd,
wenn die Predigt sich an das hält, was wir, die Protestanten und die Katholiken, das Evangelium Jesu nennen, läuft sie nicht Gefahr, von politischen Ideologien überholt oder gar instrumentalisiert zu werden. Eine solche Gefahr besteht nur dann, wenn die frohe Botschaft in der Verkündigung verwässert wird, wenn sie ihren konkreten Bezug zur Situation der Menschen verliert.
Ich habe auch die politischen Predigten der 1970er und 1980er Jahre verfolgt, u.a. die so genannten politischen Nachtgebete. Als sehr junger Mensch hatte ich mehrfach Gelegenheit, den katholischen Pater Leppich zu hören, als er von der Ladefläche eines LKWs den normalen Menschen das Reich Gottes und dessen Ethik verkündigte, im gleichen Atemzug aber auf die existenzielle Bedeutung des täglichen Broterwerbs hinwies. Er wie auch viele der „politischen“ Prediger waren gedanklich bei den Menschen, haben deren Probleme verstanden und die Menschen haben ihnen das weithin abgenommen, sie erschienen ihnen glaubwürdig.
In meiner Nachbarschaft hier in Frankfurt-Sachsenhausen befindet sich die theologisch-philosophische Hochschule St. Georgen, ein geistiges Zentrum der Jesuiten und traditionell der Hort der katholischen Soziallehre. Ihr langjähriger Nestor Oswald von Nell-Breuning äußerte einmal sinngemäß: Auch wir stehen auf den Schultern von Karl Marx. Es bestand sicherlich nie Gefahr, dass der adelige Mönch in das Lager der Marxisten wechseln würde. Aber Nell-Breuning erkannte, dass bei der Auseinandersetzung mit der sozialen Wirklichkeit die sozialistischen Theoretiker ähnliche Fragen stellten wie viele christliche Theologen und dass selbst die jeweiligen Antworten sich ähnelten.
Die Gesellschaftsentwürfe konservativer und liberaler Theoretiker hingegen weisen kaum Gemeinsamkeiten mit der Ethik der Bergpredigt auf. Politische Schlagworte wie „Stärkung der Eigenverantwortung“ zeugen von einem Menschenbild, das nicht von sozialer Verantwortung und gegenseitiger Hilfsbereitschaft geprägt ist, sondern von Selbstsucht und Eigennutz. Bezeichnenderweise kamen und kommen die Vorbehalte gegenüber der politisch akzentuierten Predigt überwiegend aus diesem Lager.
Lieber Bernd, ich schätze die Gefahren, die durch Predigten entstehen, die friedlich, schiedlich und voller pluralistischer Rücksichtnahme den Blick auf die Welt verstellen, ungleich höher ein als die vermeintliche Einseitigkeit von Predigten, welche politische Bezüge herstellen.
Ferdinand
Forum Gemeindenetzwerk
Ferdinand Mertens
RE: ChristSein in einer nachchristlichen Welt!
Da ich nicht auf dem Land lebe, möchte ich das, was ich schreibe nur auf urbanes Leben begrenzen, ich kann nicht für Erfahrungen auf dem Land sprechen:
Ich muß widersprechen, ich kann folgende Worte gar nicht, gar nicht bezeugen:
„...diese verbreitete Kraft-, Saft- und Wirkungslosigkeit, diese Kanzelschauspielerei, innere Emigration, innere Frühpension, im Extremfall das Ausweichen auf Funktionsstellen von Theologen, die immer öfter Pastoren nur dem Namen nach zu sein scheinen. Das NT urteilt sehr grob über Mietlinge mit Hüteauftrag, vielleicht ist was dran auch für sprichwörtliche Mietlinge heute mit Beamtenstatus oder Ehrenamt?...“
Vielleicht lebe ich in einer moderneren Welt, in einer anderen, als Ihr, aber ich habe in der Mehrheit meiner Erfahrungen im Laufe meines Lebens viel, viel Besseres gehört, mitbekommen.
Ich fühle mich zunächst meiner Kirche verbunden: EKD, Oberste wie Unterste. Ich kann nur raten: Geht hin, möglichst jede Woche, sonntagmorgens. Sucht Euch den GD, den Ort, die Gemeinde, den/ die Geistliche/n in Ruhe aus, der Euch behagt.
Ich habe hier vor meiner Haustüre jeden Sonntag die Wahl zwischen mindestens fünf bis zehn guter Möglichkeiten, in die Kirche zu gehen und zu zuhören. Ich möchte auffordern: Stärkt die Dienste durch Mitmachen, durch Mitgestalten, durch an der Seite stehen, durch Gespräch, durch Zuhören, durch Gemeinschaft. Auch durch Ansprechen der Punkte, in denen man widerspricht. Das muß ja nicht sofort am Kirchenausgang in Beschlag nehmen heißen, aber wohl überlegen, bevor zuviel kritisiert wird.
Die von Fritz7 geforderte Bewegung kann für mich zunächst nur eine sein: raus aus den eigenen vier Wänden hinein in die Gemeinde, vor allem zunächst sonntagmorgens in die Kirche. Eine Gemeinschaft ist durch Zuwendung eher möglich als in Aggression. Ich weiß, es ist schwieriger, sich einzubringen, wenn offensichtlich wird, was einem nicht behagt. Die Veränderung kann nur erfolgen durch sich einbringen, beharrlich und kultiviert. So, daß andere gerne zuhören und verstehen.
Auch meiner Meinung nach gibt es viele Punkte, die nicht hinnehmbar sind, in der Struktur, in der Finanzierung, in der Integration der Kirche in die weltliche Gesellschaft. Wenn ich aber etwas verändern möchte, muß ich selbst dafür bereit sein.
Ich bin froh, daß oft dieses gilt: „... Man muss als Prediger bei den Menschen sein und sich ihrer Fragen und Probleme annehmen. „
Vielleicht ist mein Blick nicht geschärft genug, kann es auch gar nicht sein, da ich die Lebenswelt der Beteiligten Kreisvorsitzenden in den Kirchenräten uä. nicht im Einzelnen kenne. Ich finde aber schon, daß nicht nur bei den Hauptamtlichen, sondern bei den Mitarbeitenden gilt, daß sie versuchen, "glaubwürdige Antworten in einer säkularisierten Welt geben" möchten. Wenn ich jemanden als unglaubwürdig empfinde ist das schwierig, da dies sehr persönliche Punkte z.B. an der Lebensweise Einzelner wären. Da gebe ich zu, das steht außerhalb meiner "Macht". Dann kann ich nur sagen: so jemanden würde ich nicht mit einem Dienst beauftragen, wählen tue ich ihn oder sie auf keinen Fall.
REWort Gottes ansprechen
Das Beispiel ist die beste Predigt. (Teresa von Avila)
Könntest Du / Sie mir die letzten beiden Sätze des Artikels genauer erklären? Was ist hier mit Glaubwürdigkeit gemeint, empirische Beweisbarkeit, die Übereinstimmung von reden und handeln, oder noch was anderes? Ich weiß außersem nicht, ob wir Christen uns um Beweiskraft kümmen sollten sondern eher darum, dass unsere Mitwelt merkt: Die / Der lebt das Vertrauen auf einen in Christus Mensch gewordenen Gott.
Vielleicht bin ich zu doof, vielleicht zu katholisch, vielleicht beides. Aber ich würde den Schwerpunkt anders setzten als, um es sinngemäß mit Monty Python zu sagen:
Predigt die Vernunft ins Volk!
Aquino