Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Wie können evangelische Gottesdienste attraktiver gestaltet werden? Eine neue EKD-Orientierungshilfe gibt Hinweise, wie die Zahl der sonntäglichen Kirchgänger erhöht werden kann. In diesem Kreis möchten wir das Thema gerne mit euch weiterdiskutieren. Als Grundlage dienen die beiden Artikel von Bernd Buchner im Ressort Religion:
"Alle, die kommen, sollen sich angesprochen fühlen"
Kirche will Gottesdienste attraktiver gestalten
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Kommentare
RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Für mich ganz wichtig ist, dass die Grundbausteine des liturgisch geordeten Gottesdienstablaufs, wie er sich über Jahrtausende bewährt hat, beibehalten werden.
ABER: Die Ausgestaltung sollte modern an die heutige Zeit angepasst werden. Ich war sehr überrascht, wie bewegend die erste Chatandacht hier auf evangelisch.de für mich war. Hier wurde die liturgische Grundstruktur beibehalten und dennoch in moderner Ausgestaltung Gottesdienst gefeiert.
Ein großer Stolperstein für den heutigen Normalo ist der Musikstil und alles, was damit zusammen hängt.. Erstens muss es nicht (immer) die Orgel sein, die den Gesang begleitet. Keyboard, Gitarre, Klavier oder Band sind mehr als brauchbare Alternativen.
Zweitens dazu noch folgende Bemerkung: Ich bin selber Kantor, habe somit eine gute musikalische Ausbildung und Gesangsschulung und -technik. Aber in den wenigsten evangelischen Gottesdiensten sehe ich mich in der Lage, mit Herzblut zu singen. Es dürfte kein Organist den C- B- oder A-Schein bekommen, der nicht nachgewiesen hat, dass die Gottesdienstbesucher zu seinem Gespiele optimal im richtigen Rhythmus singen können.
Hier sind die Maßstäbe für das, was ein guter Organist ist, völlig verdreht. Der Gottesdienst ist schließlich keine Bühne und die Gottesdienstteilnehmer keine Konzertbesucher. Liedbegleitung muss gelernt sein, ein Konzertpianist ist z.B. noch lange kein guter Repetitor oder gar Liedbegleiter. Die Keyboarder und Klavierspieler in den Freikirchen sind bestimmt nicht solche Virtuosen wie die Kirchenmusiker, aber im Begleiten von Liedern zur Schande der studierten Kirchenmusiker 10 mal besser.
Nachtrag: Ich war 2 Jahre auf einer Kirchenmusikschule und hatte Unterricht bei einem der besten Orgelprofessoren. In der Zeit habe ich keine einzige Minute Gesang an der Orgel begleitet. Auch in der Abschlussprüfung wird nur abgefragt, wie virtuos das Spiel ist; ob jemand dazu singen kann, interessiert nicht.
RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Eigentlich hat Aaron schon das Meiste gesagt.
Dennoch gibt es für mich ein ganz wichtiges Anliegen: von der Predigt muss ich was für mich mit nach Hause nehmen. Da muss ein Bezug zur Realität des normalen Lebens vorhanden sein, es kann mich erheitern oder auch mal nachdenklich machen. Und eine gute Predigt ist für mich prägnant kurz und dabei lebendig vorgetragen.
Die persönliche Verabschiedung gefällt mir auch - obwohl ich manchmal den Blick auf die Höhe der Kollekte am Ausgang nicht so ganz nachvollziehen kann.
RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Für mich gehört zu einem guten Gottesdienst eine lebende Verbindung zu unserem himmlischen Vater und zu Jesus Christus zu spüren. Meine Seele soll in dem Gottesdienst gestärkt werden. Ich möche den Ballast der letzten Woche abwerfen und neue Energie für die Herausforderungen der neuen Woche erhalten. Ich erlebe manche Gottesdienste einfach nur als grausam. Der Liturg wirkt gestresst, leiert die Gebete herunter, die viele Worte haben, zu viele, dass ich mich am Ende des Gebets noch an den Anfang erinnern könnte. Die Predigt ist vielleicht auch noch historisch-kritisch, theologisch wertvoll und ich frage mich: "Was hat das mit meiner heutigen Lebenssituation zu tun?" Meine Kinder gehen meistens nicht in die Kirche mit. Die Liturgie erfasst nicht ihre Herzen.
Anders, wenn wir in einen Gottesdienst einer FEG oder zum 10:30 der Stadtmission in Darmstadt gehen. Dort wird Gott gefeiert. Theologisch sehe ich manche Elemente der Liturgie und der Inhalte der Predigten anders. Allerdings erfahre ich im Gottesdienst Gemeinde. Der Kindergottesdienst läuft parallel zum Erwachsenengottesdienst und anschließend gibt es Kaffee, einen Snack oder sogar ein gemeinsames Mittagessen.
Ich habe viel über einen guten Gottesdienst in dem Buch "und dann wird meine Seele heil" gelesen. Ich selbst versuche in meinen eigenen Gottesdiensten jetzt Raum für jeden Gottesdienstbesucher zu schaffen, indem er oder sie mit Gott in ein Gespräch einsteigen kann. Meine Gebete wurden kürzer und es gibt mehr Zeiten der Stille. Auch versuche ich die Predigen anders zu gestalten. Ich habe eine Bibliologausbildung gemacht und leite in einigen Gemeinden einen Bibliolog als Predigt. Einige Gemeindemitglieder sind dann manchmal stark verwirrt, dass sie in der Kirche sprechen dürfen; andere sind total begeistert.
Mein Fazit ist, dass wir lernen müssen, die Gemeinde mehr in den Gottesdienstablauf aktiv zu integrieren und ihr auch Verantwortung für die Feier Gottes zu geben. Das wird allerdings ein umdenken für uns, die die Gottesdienste leiten, bedeuten. Der Liturg steht dann nicht mehr im Mittelpunkt, sondern Gott und die Gemeinde. Viele tragen zur Feier bei und ein Team bereitet den Gottesdienst vor und führt ihn gemeinsam durch. Ich habe soetwas auch schon in Niedernhausen (Fischbachtal/Odenwald) erlebt. Das Team trifft sich, bespricht das Thema, bereitet den Kirchenraum gemeinsam vor, sorgt für Snacks und hat viel Freude bei der Gestaltung des Gottesdienstes. Für alle, die diesen Gottesdienst gerne einmal erleben möchten, können gerne am Samstag, den 24.10. um 18:00 nach Niedernhausen kommen. Das Thema des Gottesdienstes "Mission... um Gottes Willen".
Gesegnete Grüße,
Ralf
RE: RE: RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Hallo Eule,
anbei der Amazon-fähige LInk:
http://www.amazon.de/dann-wird-meine-Seele-gesund/dp/3579080253/ref=sr_1...
Gesegnete Grüße,
Ralf
RE: RE: RE: RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Lieber Ralf,
herzlichen Dank für den Link. Schon von der neuen Toolbox der VELKD zum Samstag gehört? Umständehalber einfach den Link zu unserem Forum:
http://www.forum-verkuendigung.de/index.php?option=com_content&view=arti...
Sind imhho *sehr schöne* Vorschläge drin
Herzliche Grüße, Die Eule
RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Hallo Eule,
ich habe mir das Heftchen runtergeladen.
Danke für den Tipp.
Liebe Grüße,
Ralf
Sinnlos
Was uns Jugendliche davon abhält, die Gottesdienste zu besuchen oder sich allgemein mit Kirche und Gott zu befassen? Nichts anderes als UNGLAUBE. Ich kenne wirklich wenige Leute in meinem Alter, die noch an Gott oder etwas Vergleichbares glauben. Und wenn ich mich nicht mit diesem kalten Steinbau und den - für mich - sinnlosen Reden des Pfarrers identifizieren kann, werden mich die Anbringung der Psalme an der Wand mit PowerPoint, "poppigere" Kirchenmusik oder sonstige "Modernisierungsversuche" auch nicht dazu bringen, in die Kirche zu gehen, da kann der Pfarrer da vorne von mir aus einen Kopfstand machen oder Mario Barth spielen, das juckt mich alles nicht.
RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Johann Sebastian Bach schreibt in seinem Vorwort zum "Orgelbüchlein": "Dem höchsten dreieinigen Gott zu Ehren, dem nächsten draus sich zu belehren."
Kirchenmusik hat auch eine pädagoische Aufgabe und erschöpft sich nicht in Choralbegleitung. Außerdem ist die Art und Weise der Choralbegleitung dem Zeitgeist unterworfen. Zu altpreußischen Zeiten wurden die Dorfschullehrer gezwungen den Gemeindegesang auf der Orgel zu begleiten. Ob jene nun Talent hatten oder nicht, spielte keine Rolle. So wurden die Choräle im Tempo überdehnt, damit der Organist zwischendurch seine Finger sortieren konnte und unten misstrauisch die Pedaltasten beäugen konnte. Übrigens waren es diese Jammereulen, die den Gemeindegesang über Jahrzehnte verkorkst haben. Von einem Kirchenmusiker, der dies als Beruf ausübt, muss ich erwarten, dass er den Gemeindegesang begleiten kann. Dafür muss kein extra Prüfungsfach geschaffen werden.
Vielleicht könnte es aber auch so verstanden werden: etwas weniger Selbstdarstellung im Gottesdienst bitte sehr. Da wird musiziert und gefidelt bis zum Steinerweichen. Zum Advent die asthmatischen Blockflöten, die bei "Macht hoch die Tür", den Halbton nie sauber treffen. Da ist der Chor, wo die Männerstimmen irgendwann ausstarben und Sopran und Alt versprödeten, dass man eher eine Straßenbahn in der Kurve bei strengem Frost zu hören glaubt. Nichts gegen solche Aktivitäten, aber sie werden während des Gottesdienstes mit donnerndem Applaus bedacht. Wer feiert hier wen?
Kirchenmusik hat dazu auch eine liturgische Aufgabe und kann an den passenden Stellen im Gottesdienst das Wort durch die Musik unterstreichen, ja auch ausdrücken. Doch dazu braucht es ausgebildete Fachleute, die mehr als nur den Gemeindegesang begleiten können. Die Werke der freien Orgelliteratur sind nicht als Konzertstücke allein gedacht. Bereits das Präludium und die dazugehörende Fuge haben ihren festen Platz im Gottesdienst. Das Präludium als Vorspiel und die Fuge zum Ausgang. Leider hat es sich allgemein eingebürgert, dass Pastores, Kirchenvorsteher und Gottesdienstbesucher den lateinischen Imperativ von "fugere" nämlich "fuge!" (auf deutsch: flieh!) wörtlich nehmen. So zerbröseln kompositorische Meisterwerke und werden obendrein noch durch die ausgestreckte Hand des Pastors mit den Worten: "Schönen Dank und einen gesegneten Sonntag noch..." an der Orgelbank abgewürgt.
Aber das ist nur ein schmaler Ausschnitt aus der Gottesdienstgestaltung, eher so das alltägliche. Es gibt vielfältige musikalische und andere gestalterische Möglichkeiten. Eines sollte aber allen gemeinsam sein: den Gedanken, der sich durch den Gottesdienst zieht zu veranschaulichen und nicht auf den Event, das fröhliche Kuschelprogramm nach dem Motto: "Seid nett zueinander" hinarbeiten.
RE: RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Damit ich nicht missverstanden werde: Ich bin ein großer Freund der guten alten Gesangbuchtradition. Dass ein guter Organist automatisch den Gesang gut begleiten kann, halte ich dagegen für ein Märchen. Die kongenialen Liedbegleiter von Fischer-Dieskau oder Hermann Prey hätten sich verbeten, wenn ihnen gesagt worden wäre: das kann man ohnehin. Die wenigsten Konzertpianisten sind in der Lage, einfühlsam einen Sänger zu begleiten, genausowenig die Organisten.
Diese Überheblichkeit, Gesangbegleitung wäre etwas, was nicht in einer Prüfung nachzuweisen ist, hat maßgeblich zu diesem furchtbaren Verfall der Gesangskultur in den Ortsgemeinden geführt. Ich musste in der Kantorenprüfung auch nachweisen, dass ich ein Lied mit der Gemeinde einüben kann. Ist es dann zuviel verlangt, wenn die Organisten in der Prüfung nachweisen, dass Gottesdientbesucher zu ihrer Begleitung rhythmisch korrekt singen können? Oder ist der Gemeindegesang etwa die Hintergrundmusik für das Rauschen der Orgel!
Umgekehrt muss in den Freikirchen der Klavierbegleiter nichts anderes können, als so zu spielen, wie es die Gemeinde braucht, um von Herzen zu Gott hin singen zu können. Ob er zusätzlich noch irgendwelche Solostückchen kann, interessiert niemand. Der akademische Standesdünkel vieler Organisten und das Geringschätzen des Gemeindegesangs ist maßgeblich mit schuld daran, dass Gottesdienst und speziell der Gesang dort zum Gespött der Leute geworden ist.
Das allsonntägliche Trauerspiel im Zusammenwirken von Orgelkunst einerseits und Gemeindegenuschel andererseits ist zum schlimmsten Hemmschuh für einen menschengewinnenden, zeitgemäßen Gottesdienst geworden. Das war bei Bach trotz aller personellen Einschränkung anders. Nicht umsonst bilden die Choralvertonungen das Herzstück seiner Kantaten, Oratorien und Passionen.
RE: RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Ich bleibe dabei, dass es der fürchterliche Gesang im normalen Gottesdienst ist, der zum großen Teil die Menschen abhält, in den Gottesdienst zu gehen.
Musik ist ein hoch emotionales Ding und für das Gemeinschaftsgefühl und das Wohlgefühl der Menschen allgemein so etwas von wichtig.
Jugendkulturen definieren sich fast ausschließlich über den Musikgeschmack. In der Nachkriegszeit etwa die Avantgarde mit Modern Jazz (John Coltrane, Miles Davis) dann die Rock`n Roll Zeit (mit Elvis Presley), Beatmusik (Beatles), Psychodelische Musik (Pink Floyd), Punk und für unsere heutige Zeit der Hip Hop.
Wenn dann aber das, worüber sich der evangelische Gottesdienst musikalisch definiert (Choräle zur Orgelbegleitung) -zur Unehre Gottes entgegen der Forderung von Bach- so jämmerlich klingt, wie können da die Menschen angezogen werden.
Sie müssen, wenn sie einen einigermaßen ausgebildeten Musikgeschmack haben, abgestoßen, ferngehalten werden. Es sei denn sie sind nicht freiwillig da z.B. bei einer Beerdigung oder weil sie Konfirmanden sind. Da hilft dann auch ein noch so moderner Konfirmationsgottesdienst nicht, wenn die Konfirmanden vom Gesang für den Rest ihres Lebens geschockt, ja teilweise traumatisiert sind. Schau nur mal in ihre Gesichter, wenn die Gemeinde singt.
Entschuldigt, aber es muss einmal so krass gesagt werden. Hallo Wach!
RE: RE: RE: RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Das eine ist so wichtig wie das andere. Eine gute Predigt und fürchterlicher Gesang ist abschreckend. Dann lieber den Gesang ganz weglassen.
Schöner Gesang und eine schlechte Predigt ist dagegen nichtsagend und bedeutungslos. Da geb ich dir recht.
Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Vielleicht ist es gut vor dem Gottesdienst mit der Gemeinde die Lieder einzuüben. Ich denke schon, das man da etwas dran tun kann.
Bei uns hat es jedenfalls funktioniert.
RE: RE: RE: RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Ich finde die Predigt sehr wichtig. Das ist etwas was man mit nach Hause nehmen kann, etwas zum nachdenken oder sogar etwas um sich weiter zu entwickeln.
Wie in der Kirche gesungen wird ist mir egal. Hauptsache die Menschen singen. Ich singe auch nie richtig, dafür aber laut.
Die Instrumente sind nicht so wichtig. Es ist eine Abwechslung wenn mal eine Band auftritt, aber ich möchte im Gottesdienst keine Discoatmosphäre spüren. Und klatschen finde ich als störend.
Ich wünsche mir mehr Zeit, Musik im Hintergrund und Zeit über die Predigt oder irgendwas nachzudenken.
RE: RE: RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Zitat: und einem guten, musikalischen Liturgen, der Wechselgrüße und Segen singen kann, die Leute sehr anspricht und die Gottesdientbesucherzahlen steigen.
Das kann ich nachvollziehen. Ist eine gute Ergänzung zu meiner oben geäußerten Kritik an miserablem Gesang mit künstlerischer aber nicht liedgemäßer Orgelbegleitung.
RE: RE: RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Lieber Augustin,
dein Wort in Gottes Ohr (und ich meine dies überhaupt nicht blasphemisch). Und wenn du dann dermaleinst recht behalten haben wirst, dann verleihe ich dir den Titel "Sankt". Lass uns fröhlich all den IKEA-Kinderparadies-Gottesdiensten zum Trotz weiter machen.
Konservatius
RE: RE: Was gehört für dich zu einem guten Gottesdienst?
Bei unsren Sonntagsgottesdiensten werden alle Zielgruppen angesprochen. Die Liturgie ist sehr feierlich (Vortragekreuz, Stola, viele Mitwirkende). Díe Liturgischen Gesänge sind nicht jeden Sonntag die gleichen. Es gibt auch neues Liedgut zb. vom Kirchentag. Die Predigten sind sehr Lebensnah und herzerfrischend. Es gibt sehr hochkirchliche Elemente z.b Weihrauch aber auch Lobpreislieder. Und ich würde uns trotzdem als liberale Lutheraner bezeichnen. Unsere Gottesdienste werden jeden Sonntag von 200 Menschen besucht von Alten und Jungen, also Menschen aller Zielgruppen.
"...authentische Menschen und
"...authentische Menschen und Impulse..."
Ich weiß gar nicht ob die Userin noch mitliest. Der Thread ist doch schon eine Weile her...-
Ich hätte aber dazu eine Frage: Hast du auch an die Einladung an die Sünder gedacht? Nicht zum Abendmahl, nein zum Gottesdienst? Ich fände es furchtbar, wenn man unter nur pseudo-erfolgreichen und quasi-richtigen Christen säße. Was ist denn eindeutig christlich? So einen Quatsch habe ich evtl. schon lange nicht mehr gelesen, aber vielleicht meinst du es ja ernst.
gislis
@gislis, nu ma nich gleich
@gislis,
nu ma nich gleich mit "Quatsch" und so! "Schwankende" hat von "authentischen Menschen", nicht von "perfekten Christen" geschrieben.
Für mich sind auch die depressive Witwe, der alkoholkranke gescheiterte Künstler, die modisch-schrill-ausgeflippte Rentnerin, der zappelige ABC-Schütze und die um ihre Kinder überbesorgte Migrantenmama in ihrer Weise authentisch. Ich bin froh, dass sie im Gottesdienst da sind. Dass sie so da sind, wie sie eben sind. Dass sie sich nicht verstellen, ihre Defizite - und ihre Begabungen! - nicht verbergen.
Ihnen zu begegnen, gehört für mich zu einem "guten" Gottesdienst. Mit vielen bin ich per du, oft sitzen wir nach dem Gottesdienst noch beim Kirchenkaffee zusammen oder wir treffen uns auch so. Das finde ich schön!
Gruß, Ismael
mit Soße
Wieso sprichst du von "ihnen"? Zählst du dich etwa nicht dazu? Muss man "ihnen" begegnen oder ist da ein wir-Gefühl. In dieser merkwürdigen Begegnung würde ich es dann doch lieber beim Siezen belassen.
Ausgehend von deinem Satz
Ausgehend von deinem Satz "Ich fände es furchtbar, wenn man unter nur pseudo-erfolgreichen und quasi-richtigen Christen säße" war ich erst mal von meinem Blick auf die Anderen ausgegangen.
Was umgekehrt die Anderen von mir denken? ;-D Hahaha, das wollen wir hier lieber nicht ausbreiten... ;-]
Aber ich denke, sie können mich komischen Vogel ganz gut leiden. :-)
Also, um es auf den Punkt zu bringen: Auch innerhalb einer Gemeinschaft (Gemeinde, mit wir -Gefühl) "begegne" ich "anderen" Individuen. Das ist völlig normal. Da würde ich keine Haarspalterei drum treiben. (Schon deshalb nicht, weil man dann versehentlich mal einen Schädel mit spalten könnte ;-))
Man kann sich natürlich auch
Man kann sich natürlich auch selbst begegnen. Ich sehe in unseren Gottesdiensten Junge und Alte, Bekannte und Unbekannte, quirlige Konfirmanden und ernsthafte ABC-Schützen, den Dr. SoundSo und seine Frau, die ich vom Chor kenne, den geistig behinderten Mann mit seinem Spielzeugauto, der nach dem Abendmahl vernehmlich "Danke!" sagt, und der so schrecklich gern Kaffee trinkt, quasselnde alte Damen; unsere Freundin, die Altenpflegerin; den Mann mit den Krücken, den dann jemand nach Hause fährt; die Frau, die gerade ihren Mann verloren hat; den Vater zweier Konfirmanden; und ich begegne ihnen. Klar doch. Wir zusammen sind die Gemeinde, also die Anderen und ich. Ein Wir-Gefühl entsteht nicht dadurch, dass ich aufhöre, "Ich" zu sagen, sondern dadurch, dass ich den den Anderen begegne. Ich kenne einen Pfarrer, der pflegt im Gottesdienst zu sagen: "Ich möchte mit uns beten." Da zieht's einem doch die Schuhe aus.
Und zum Siezen: Aber selbstverständlich. Es gibt da ein Ehepaar, die lieben wir heiß und innig, und wir kämen beiderseits nicht auf die Idee, uns deswegen zu duzen. Wenn ich jemanden, den ich nicht kenne, anschließend untern Arm klemme und zum Kirchenkaffee mitnehme, werde ich zu ihm oder zu ihr auch nicht gleich "Du" sagen. "Du, wir duzen uns hier alle ..."
Im Gottesdienst sollte ein Pfarrer sagen: Ich begrüße Sie zum Gottesdienst (wenn denn dieses Begrüßen unbedingt sein muss) - seine Duz-Freunde werden einmal Siezen verkraften. Konfirmanden können sich schon mal dran gewöhnen. "Sie und Euch" zieht eine Grenze zwischen denen, die er duzt, und denen, die er siezt.
Und dann sagt er hoffentlich: Der Herr sei mit Euch. Nicht: "Mit Euch und mit Ihnen."
Coriander
- Streite dich nicht mit einem Dummkopf. Er zieht dich auf sein Niveau herunter und schlägt dich dort mit seiner Erfahrung. (Quelle unbekannt)-
eindeutig christlich
Eindeutig christliches Profil
kann man von einem Gottesdienst unbedingt verlangen. Natürlich sind alle eingeladen; aber wozu sind sie eingeladen? Eben nicht zum wissenschaftlichen Vortrag, zur Wahlveranstaltung, zum Karneval, zur Verlosung eines Fresskorbs, zur Casting-Show, zum Opernball, zum Sport-Event, zur Kinderbelustigung, zum (Ba)Rock- oder Popkonzert. Wir laden ein zu etwas, das es woanders nicht gibt. Zu einer Stunde, wo (egal was nun die Ausdrucksformen sind) eindeutig Gott im Mittelpunkt steht und wir den ganzen Kram, den wir sonst so um uns haben, mal an die Seite legen können. Gott im Mittelpunkt: Wo wir in seinem Namen versammelt sind und er mitten unter uns ist. Warum sollten Gerechte oder Sünder gerade bei uns auflaufen, wenn sie das, was wir bieten, auch woanders kriegen können? So hatte ich den Beitrag verstanden.
Für mich gehört dazu
- der besondere Raum (also die Kirche) - oder der besonders gestaltete Raum, wenn anderswo gefeiert wird. Wir sind eben mal nicht bei uns zuhause im Wohnzimmer, und das darf man ruhig merken. Geheizt darf aber sein, solange das Geld dafür da ist
- die reservierte Zeit
- die bekannte, die wiedererkennbare, die eingeübte Liturgie: weil es wunderbar ist, in Gemeinschaft mit geprägten Worten Gott zu loben, wo jeder ganz einfach mitmachen kann, ohne großes Nachdenken, Entziffern, Blättern, musikalisches Rumlavieren und Lernen. Warst du zwei- oder dreimal da, dann kannst du das. Wir haben da einen geistig behinderten Gottesdienstbesucher, der braucht kein Gesangbuch, weil er nicht lesen kann; aber er spricht vernehmlich Vaterunser, Psalmen und Credo mit und fühlt sich offensichtlich in diesem Sprechchor gut aufgehoben. - Wenn jeder weiß, an welcher Stelle das Kyrie kommt, kann man gut auch mal ein anderes nehmen und die Nummer vorher anschlagen. Oder ein anderes Gloria, das der Kirchenmusiker vor dem Gottesdienst mit den Anwesenden einübt.
- Gut singbare Lieder, mit gehaltvollem Text. Meine Favoriten sind zum größten Teil traditionelle Choräle. Es gibt auch schicke moderne Sachen, aber die sind oftmals rhythmisch so verzwickt, dass es die Gemeinde aus der Kurve schmeißt, oder textlich sehr langweilig und musikalisch platt - wenn der Refrain länger ist als die Strophen und in den Strophen mal eben ein Wort ausgetauscht wird. Da fühle ich mich grausam unterfordert. Ein fetziges neues Lied, wo wirklich was dran ist, das muss man dann mal vor dem Gottesdienst üben, und man muss es ein paar Wochen lang immer wieder singen. Es macht mehr Spaß, wenn mehr Leute es können.
- Ein Pfarrer oder eine Pfarrerin, die Gottesdienst feiert, ohne sich dauernd bei den Leuten anzubiedern und mit ihnen zu plaudern.
- Eine Predigt, die sich vorzugsweise mit dem vorgegebenen Predigttext befasst, die klar strukturiert ist, etwas zum Nach-Denken mitgibt, die Gottes Wort für unseren Alltag aufschließt. Aber nicht jeder Pfarrer kriegt jeden Sonntag ein Glanzlicht von Predigt hin, mit dem dann auch noch alle glücklich sind, die es zu hören bekommen. Darum muss der Gottesdienst Nahrung für die Seele bieten, auch wenn die Predigt daneben war oder einfach nix für mich. Also Lesungen, Lieder, Psalmen.
- Idealerweise eine Abendmahlsfeier. Aber das ist nochmal ein Kapitel für sich.
- Ein kräftiger Segen. Der Segen ist kräftig, wenn der Pfarrer in diesem Moment nichts anderes tut als Segen zusprechen (wenn er sich nicht über sein Mikrophon sorgt, nicht ans Mittagessen denkt oder dass er gleich noch in die andere Kirche muss oder dass er die Konfirmanden sich nochmal zur Brust nehmen muss.) Der Segen ist kräftig, wenn er sich auf geprägte Worte verlässt (am besten den Aaronitischen Segen). Ein Segen, der mit irischem Wohlfühlgeplauder beginnt: ich wünsche dir, dass die Sonne ... der Mond .. .und ich weiß nicht was ... der lässt mich zusammensacken statt mich aufzurichten.
Es ist vorgekommen, dass alles in die Hose ging, und dass die Organistin ein Orgelnachspiel machte über genau das Lied, das im Gottesdienst an diesem Tage fehlte. Sowas kann auch eine Predigt ersetzen.
Händeschütteln muss nicht sein. Vor allem nicht am Eingang.
Das ist das, was mir so einfällt.
Coriander
- Streite dich nicht mit einem Dummkopf. Er zieht dich auf sein Niveau herunter und schlägt dich dort mit seiner Erfahrung. (Quelle unbekannt)-
am besten den Aaronitischen
@Coriander Eine nahezu vollständige Agenda des guten Gottesdienstes. Am meisten hat mich natürlich dies gefreut: am besten den Aaronitischen Segen
Lieben Gruß Aaron
Und noch etwas. Mein früherer Lehrer und Direktor an der Kirchenmusikschule hat immer gesagt: "und wenn alles nix ist, dann habe ich immer noch das Vater unser, das ich mit anderen gemeinsam beten darf".
Vortrag mit Musik? Was wollen wir eigentlich?
Ich lebe in einer katholischen Diasporagemeinde und rede dort viel mit Mitchristen, die von der evangelischen in die katholische Kirche konvertiert sind. Fast ausschließlich (eine Ausnahme) sind es nicht theologische bzw. dogmatische Gründe, die sie zu diesem Schritt bewogen haben. Es geht ihnen um die spirituelle Atmosphäre, die ja besonders im Gottesdienst ihren Ausdruck findet.
Sie beklagen, der evangelische Gottesdienst, so, wie sie ihn erlebt haben, sei wortlastig, spreche nur den Verstand an. Die Atmosphäre sei kühl und nüchtern. Ihnen fehle die Vielfalt liturgischer Zeichen und Gesten. Man sitzt nur passiv da, singt ab und zu ein Lied und hört die Predigt. Und, um ehrlich zu sein: mir selbst geht es auch oft so, wenn ich in einem evangelischen Gottesdienst bin.
Nun, das ist sicher nicht überall so. Aber wir sollten uns diese Eindrücke zu Herzen nehmen. Ich denke, viele wandern, weil ihnen was fehlt, nicht in die katholische Kirche aus, sondern in die Garnichtkirche. Obwohl sie sich doch irgendwie als Christ fühlen und, vielleicht unbewusst, Sehnsucht nach Spiritualität haben.
Was wäre also zu tun?
Zunächst mal: nichts machen ! Das Machen ist erst der zweite Schritt.
Erst einmal sollten wir überlegen, was wir mit und in einem Gottesdienst überhaupt wollen.
Für mich ist Kirche der Anders-Ort. Auch im Gottesdienst. Dort möchte ich das erleben, was mir im Alltag so oft verloren geht. Dort, im Gottesdienst, möchte ich die Gegenwart Gottes, die im Alltag kaum sprübar ist, wenigstens erahnen. Mich von ihm berühren lassen. Ganzheitlich! Durch Schweigen und Hören. Durch Singen und Sprechen. Durch Musik und Stille. Durch Bewegung und Ruhe. Durch Kontemplation.
Die vielfältigen liturgischen Ausdrucksformen, wie ich sie in der katholischen Kirche kennengelernt habe, sind mir dabei eine Hilfe. Trotzdem bin ich nicht dafür, nun einfach was von dort abzukupfern. Erst einmal sollte ein Blick in die eigene Agende geworfen werden. Welche Tore eröffnen sich hier? Wie sieht es mit dem Gloria aus, und mit dem Sanctus? Immer die gleiche Melodie? Routinemäßig heruntergeschnurrte Texte? Oder Anbetung?!
Werden einfach liturgische Teile weggelassen, "weil sie ja doch keiner mehr versteht" oder bemühen wir uns, alte Schätze zu heben?
So, nun habe ich, statt eine Antwort auf Toms Frage zu geben, selbst viele Anfragen gestellt...
RE: Vortrag mit Musik? Was wollen wir eigentlich?
Hallo Ismael
Zitat: Dort, im Gottesdienst, möchte ich die Gegenwart Gottes, die im Alltag kaum sprübar ist, wenigstens erahnen.
Bei uns im Gesprächskreis der Gemeinde kam das Thema auf Gott erleben. Darauf einer der Kirchenvorsteher im Gesprächskreis: "Wenn jemand Gott erleben will, würde ich ihn bestimmt nicht in unsere Gemeinde einladen. So jemanden würde ich ins Christliche Zentrum schicken."
Leider unterstützt diese lebensnahe Aussage deinen Kommentar.
Lieben Gruß Aaron