Das Reich Gottes ist am Anfangen zu kommen am Dransein

Wo ist der beste Platz beim Abschlussgottesdienst? Gestern Abend haben wir kurz überlegt, ihn gemütlich auf unseren Betten im Hotel im Fernsehen anzuschauen, aber das wäre dann doch zu dekadent gewesen. Also: Gehen wir ans Ufer gegenüber der Bühne? Auf die Brücke? Auf die Wiese? Unsere Anforderung ist: Sitzen, Schatten und Blick auf die Leinwand. Ein ziemlich hoher Anspruch. Aber nach ein bisschen Suchen finden wir tatsächlich Traumplätze in der viertletzten Reihe unter Bäumen. Allerdings fühlt es sich hier hinten direkt neben einem Biergarten und bei geschätzten 28 Grad eher wie bei einem Sommerfestival an als wie bei einem Gottesdienst.

Thema ist das Vater Unser, Pfarrerin Ulrike Trautwein predigt über die Stelle "Dein Reich komme". Uns wird nicht ganz deutlich, ob es ihrer Meinung nach schon da ist, das Reich Gottes, oder ob es noch kommen wird. Naja, bei Jesus im Neuen Testament war das auch nicht so ganz klar. Es ist wohl seit 2000 Jahren gerade "am Anfangen zu kommen am Dransein", wie die Menschen im Sauerland sagen würden. Ulrike Trautwein empfiehlt, die Augen offen zu halten.

Am Ende sollen alle Gottesdienstbesucher "Das Reich Gottes ist mitten unter uns" zu ihren Nachbarn sagen, Hanno sagt es zu mir auf sächsisch. Irgendwie fehlt uns die Andächtigkeit hier hinten in der viertletzten Reihe. Es ist ziemlich kurios: Vorn auf der Bühne der streng durchgeplante Fernsehgottesdienst, in dem kein einziges Wort frei gesprochen wird und Jochen Bohl sein goldenes Bischofskreuz trägt, und hier hinten laufen während des Vater Unsers junge Frauen mit Bierflaschen und Schoko-Eis an uns vorbei.

Erst als drei Pfadfinder mit Abendmahlskelchen und Hostien bei uns eintreffen und Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt das "Wort des Kirchentages" spricht, werde ich ein bisschen andächtig. Sie dankt allen möglichen Menschen. Am nettesten finde ich: "Dem freundlichen Straßenbahnfahrer, der die Nerven behielt." Am Ende knallt uns dann doch die Sonne aufs ausgepowerte Gehirn, und wir pilgern ein letztes Mal zurück durch die grandiose Altstadt ins Kirchentagsredaktionsbüro. Eine Zeitung hat geschrieben: "Dresden kann Kirchentag" - Katrin Göring-Eckardt findet, dass das stimmt, und ich finde es auch.

Fotos: Hanno Terbuyken/evangelisch.de

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