Vorbilder - Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat sich für öffentliche Formen von Buße und Vergebung ausgesprochen. Er kritisierte, dass es in Deutschland viel öffentliche Anklage gegen Menschen mit Vorbildfunktion gebe, aber keine öffentliche Vergebung. Die hohen moralischen Ansprüche an Amtsträger seien außerdem unrealistisch.
In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Montagsausgabe) sagte Meister im Zusammenhang mit der Kreditaffäre um Bundespräsident Christian Wulff: "Wir haben eine Kultur der permanenten Beschuldigung und Anklage entwickelt, die teilweise auch von den Medien verfolgt wird."
Eine Gesellschaft könne aber nur zusammengehalten werden, wenn es neben der Anklage auch so etwas wie ein Bußsakrament gebe, das eine Form der öffentlichen Vergebung ermögliche. "So ein Instrument gibt es in unserer offenen, medialen Gesellschaft nicht mehr", sagte der evangelische Theologe: "Wir können öffentlich anklagen, aber nicht öffentlich vergeben."
Außerdem müsse die Frage gestellt werden, was in einer Gesellschaft passiere, die außerordentliche Erwartungen an Prominente formuliere. Wer Bundespräsident, Bundeskanzlerin, Ministerpräsident oder Bischof sei, müsse sich immer in einem hohen Erwartungsrahmen bewegen. "Das wirkt sich direkt auf das persönliche Leben aus", sagte Meister: "Viele wünschen sich Menschen, die sich vorbildlich verhalten; vorbildlicher als sie selbst." Gleichzeitig müsse aber überlegt werden, was man diesen Vorbildern zumute und was man realistischerweise erwarten könne.
Erwartungen, "die ich weder als Bischof noch als Mensch erfüllen kann"
Meister ist seit dem März 2011 Landesbischof und Nachfolger von Margot Käßmann, die im Februar 2010 nach einer Alkoholfahrt am Steuer ihres Dienstwagens zurückgetreten war. Meister sagte, auch er selbst empfinde die hohen Ansprüche an ihn manchmal als Last. In seinen Begegnungen mit vielen Menschen erlebe er zum Teil Erwartungen, "die ich weder als Bischof noch als Mensch, als Ralf Meister, erfüllen kann". Das empfinde er als schwer in seiner Aufgabe.
Kritisch äußerte sich der Bischof zu anonymer Kritik im Internet, wie sie auch an Wulff geübt wurde. "Dieser Stil ist definitiv nicht in Ordnung", sagte Meister. Früher seien solche Kommentare am Stammtisch oder im Freundeskreis geblieben. "Wir erleben eine Öffentlichkeit via Internet, in der Menschen überhaupt nicht mehr zu ihren Worten stehen, weil sie diese anonym produzieren und im Schutz des Verborgenen alles ausschütten können", erklärte der Theologe: "Die Verantwortung für das, was jemand sagt und schreibt, geht bei anonymer Kritik im Internet verloren. Das geht nicht und macht mich zornig."
Kommentare
Da kritisiert ein Bischof die
Da kritisiert ein Bischof die anonyme Kritik im Internet - und schon melden sich weitere anonyme Kritiker. genau darum geht es doch.
Eduard Kopp
Anonyme Kritiker
Niemand, der einen Hauch Ahnung hat, sollte seine Mitmenschen dazu drängen, im Internet mehr von sich Preis zu geben als wirklich unbedingt nötig.
Wozu soll es denn gut sein? Titel, Positionen und Namen dienen niemanden auch nicht der Sache. Im Gegenteil verleiten diese im ungünstigen Fall dazu, das Gewicht eines Beitrags vom Ansehen der Person abhängig zu machen und nicht von den Argumenten. Wer sich eine Namen mit der Kritik an anderen machen will, wird dies tun, wenn es nützt. Dies von jedem Nutzererwarten halte ich für unverantwortlich.
Kultur der Versöhnung
Die (An-)klage über mangelnde Rituale hilft niemand und stellt gerade den in Frage, der sie führt, gehört es doch genuin zum Auftrag von Kirche, solche Rituale (Formen der öffentlichen Buße und der öffentlichen Vergebung) aus den Mauern der Kirche heraus zu tragen, im öffentlichen Leben zu initiieren und zu etablieren. Wer eine Kultur der Versöhnung fordert, wird dies nicht abgekoppelt von einer Kultur der Bußfertigkeit tun können, wo dann allerdings ungeschminkt die eigenen Fehler und die getane Schuld ausgesprochen werden müssen und nicht durch die Rede von "unrealistischen moralischen Ansprüchen" verharmlost werden sollten.
Vielleicht muss Kirche hier in den eigenen Reihen und voran bei den Vorbildern und Würdeträgern beginnen, solche Rituale von öffentlicher Buße und Vergebung vorzuleben. Oder ist das schon wieder ein unrealistischer Anspruch?
öffentliche Vergebung
Wer so liberal 'rumeiert wie Herr Meister, kann das auch öffentlich tun! Ich bin übrigens auch für "öffentliche Vergebung". Ich denke, dass z. B. Margot Käßmann - Meisters profilierte Vorgängerin - von Vielen vergeben wurde. Sie hat aber auch zu Konsequenzen nicht geschubst werden müssen. Sie bat um Entschuldigung und hat sich nicht selbst begnadigt. Herr Wulff ist das genaue Gegenteil, deshalb stellt sich auch keine öffentliche Vergebung ein, da der Prozess des Beklagens seines Verhaltens noch nicht abgeschlossen werden konnte, es kommt nämlich immer noch Neues dazu. Warum müssen männliche Theologen immer so geschwollen Differenziertheit vorgaukeln, wo sie doch eigentlich Vermeidung meinen. Eure Rede sei ja, ja oder Nein, nein - von sowohl als auch war da nicht die Rede. Da hat Herr Meister wohl in Präses Schneider seinen Eier-Meister gefunden. Einziger Unterschied zwischen beiden:
Meister kann intellektuell schöner "Sowohl-als-Auchen" ;-)! Und noch was aus seinem "Sprengel": „Kirche ist für die Gesellschaft interessant, wenn sie sagt, was für eine Gesellschaft sie erwartet, anstatt zu fragen, wie sie sich selbst der Gesellschaft anpassen kann.“
( Dr. Stephan Schaede, Direktor der Evangelischen Akademie Loccum )
Norbert Sinofzik
In meinen Augen
In meinen Augen und nach der Meinung von Fachjuristen hat der Herr Bundespräsident in seiner Zeit als Ministerpräsident in Hannover die Grenze von der menschlichen Fehlbarkeit zur Strafbarkeit durchaus überschritten.
Dass nun wieder die gute Frau Käßmann mit ihrer Fahrt von vor fast zwei Jahren erwähnt wird, finde ich taktlos. Kann man die nicht mal damit in Frieden lassen? Sie leistet auf ihre Art eine gute und wichtige Arbeit in der evangelischen Kirche. Sie ermutigt die Menschen zum Glauben und zu einer christlichen Lebensführung. Sicher, das tun auch alle Pfarrer und Pfarrerinnen vor Ort, alle Gemeinde-Mitarbeiter. Aber vielleicht bewirkt ihre Arbeit auch, dass man denen besser zuhört? Und so hoffe ich auch, dass sie als Luther-Botschafterin die Arbeit in den Gemeinden weiter fruchtbar unterstützt.
Kritik von Ralf Meister
Eine Arbeitnehmerin hatte beim Abräumen eines Buffets zwei Maultaschen mitgenommen, die sonst im Mülleimer gelandet wären.
Die Folge war "die Kündigung".
Die "Ansprüche" die ein Arbeitgeber an seine Mitarbeiter stellt, diese Ansprüche müssen auch im umgekehrten Falle gelten.
Wer Lust hat auf Repressalien, der sollte unter seine öffentlichen Kritikpunkte am besten seinen Namen, Anschrift und Telefonnummer schreiben. Ralf Meister wird über jeden Kritiker seine schützende Hand halten.
Das man bestimmte moralische
Das man bestimmte moralische Standards auch mit größter Anstrengung nicht erfüllen kann ist die eine Sache, die andere ist, dass viele Personen die in der Öffentlichkeit stehen diese auch garnicht erfüllen wollen, sondern nur den entsprechenden Eindruck vermitteln möchten, um als moralische Instanz zu gelten. Komisch, dass ausgerechnet diejenigen, die meinen andere moralisch belehren zu müssen und beim bescheißen erwischt werden am schnellsten dabei sind Vergebung für sich in Anspruch zu nehmen... z.B. käufliche Bundespräsidenten und betrunkene Kirchenratsvorsitzende.
Vergleich
Der Vergleich simmt eben nicht. Im einen Fall hat jemand immer wieder gezeigt, dass er weiß, "wo der Bartl den Most holt". Das hanben Andere vor und neben ihm auch getan und tun das noch, aber die Menschen sind da angesichts von Banken- und Wirtschaftskrise, empfindlicher geworden. Im zweiten Fall hat jemand einen Fehler gemacht, hat dazu gestanden und sich nicht nur den strafrechtlichen Konsequenzen gestellt, sondern ist auch persönlich dafür gerade gestanden.
Er hat sich begnadigt und entschuldigt
Trotz vielschichtiger anonymer Kritik an Herrn Wulff, hatten seine diversen Ausrutscher keinerlei Folgen für ihn. Nicht mal die anonymen Kritiker konnten ihn vergraulen oder in irgendeiner Form schaden. Niemand hat ihm ein Kündigungsschreiben ausgehändigt. Trotz viel Kritik, darf er seinen Arbeitsplatz als Staatsoberhaupt behalten. Was will er mehr?
Die deutschen Bürger haben mehr Kultur, als Herr Meister glaubt zu wissen. Der Bundespräsident hat sich begnadigt und wir akzeptieren das. Für diese Kultur der Buße kann man nicht die Kritiker verantwortlich machen.
Jedes Kindergartenkind müsste mit Sanktionen rechnen, damit es zu einem vernünftigen und ehrlichen Bundesbürger erzogen wird, gemäss den Qualitätsstandards für Bildung und Erziehung.
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