Transplantation - Die beiden großen christlichen Kirchen sprechen sich für Organspenden aus. Wer durch seinen Körper einem anderen neues Leben schenkt, übt Nächstenliebe. Das war nicht immer so. Eine Organspende wurde als Selbstverstümmelung abgelehnt - und war verboten. Erst mit dem erfolgreichen Verlauf von Transplantationen änderte sich die theologische Einschätzung.
Heute sprechen sich die beiden großen christlichen Kirchen für Organspenden aus. Die theologische Diskussion dreht sich um Detailfragen, zum Beispiel darum, wie eine Zustimmung zur Organentnahme vorliegen muss, aber es geht nicht darum, ob für Christen Organspenden möglich sind. Evangelische und katholische Kirche haben 1990 in einer gemeinsamen Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD ihre grundsätzlichen Positionen zur Organspende dargelegt: „Zugleich kann in der Organspende noch über den Tod hinaus etwas spürbar werden von der "größeren Liebe", zu der Jesus seine Jünger auffordert.“
Diese Sicht auf die Organspende ist auch Grundlage des heutigen theologischen Verständnisses, denn „nach christlichem Verständnis ist das Leben und damit der Leib ein Geschenk des Schöpfers, über das der Mensch nicht nach Belieben verfügen kann, das er aber nach sorgfältiger Gewissensprüfung aus Liebe zum Nächsten einsetzen darf.“ – so die Erklärung. Dies gilt zum Beispiel für Lebendspenden innerhalb der Familie oder Verwandtschaft oder des Freundeskreises.
Wenn ein Mensch gestorben ist, dürfen Organe dem Toten entnommen werden, um das Leben anderer Menschen zu retten, dabei berufen sich die beiden Kirchen auch auf den Hirntod als medizinisches Kriterium zur Feststellung des Todes: „Vom christlichen Verständnis des Todes und vom Glauben an die Auferstehung der Toten kann auch die Organspende von Toten gewürdigt werden. Dass das irdische Leben eines Menschen unumkehrbar zu Ende ist, wird mit der Feststellung des Hirntodes zweifelsfrei erwiesen. Eine Rückkehr zum Leben ist dann auch durch ärztliche Kunst nicht mehr möglich. Wenn die unaufhebbare Trennung vom irdischen Leben eingetreten ist, können funktionsfähige Organe dem Leib entnommen und anderen schwerkranken Menschen eingepflanzt werden, um deren Leben zu retten und ihnen zur Gesundung oder Verbesserung der Lebensqualität zu helfen.“
Organspende ist eine Folge christlicher Nächstenliebe und Solidarität
Infos rund um die Organspende
- Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufkärung über interreligiöse Erfahrungen
- Ruhr-Universität Bochum: Forschungsverbund Kulturübergreifende Bioethik
- Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Organspende
- Deutsche Stiftung Organspende
- Informationen von und über Eurotransplant
- Der Organspendeausweis zum Download
- Informationen gibt es auch per Telefon Montag bis Freitag von 9 bis 18 unter 0800/90 40 400
Wenn also die Organspende eine Folge christlicher Nächstenliebe und Solidarität ist, was ergibt sich daraus, wenn jemand eine Organspende ablehnt? Verweigert er sich dann der Nächstenliebe? Während heute Christen die Ablehnung einer Organspende begründen müssen, waren früher Organspenden für Christen verboten. Eine Organspende wurde sogar als Selbstverstümmelung abgelehnt. Wie kam christliche Theologie zu dieser Einschätzung? Und was bewog die Kirchen dazu, heute sich für Organspenden auszusprechen?
Grundlage für die kirchliche Lehre ist die Auferweckung Christi, die als eine leibliche Auferstehung gedeutet wird und als Vorbild für die Auferstehung aller Menschen verstanden wird. Der Mensch als Ganzer wird nach seinem Tode von Gott auferweckt, er hat – wenn auch in veränderter Form – weiterhin eine körperliche Existenz. Diese biblische Sicht drückt sich beispielsweise auch in einer Veränderung der Bestattungsform aus. Die Feuerbestattung als in Europa übliche Bestattungsform bei Römern, Kelten und Germanen wird durch die Grablegung ersetzt. Der Leib von Verstorbenen wartet quasi auf die Auferstehung. Damit Gott ihn neu schaffen kann, bleibt er am besten unversehrt und darf nicht durch Feuer vernichtet werden.
In der christlichen Tradition gebührt daher auch dem Leichnam Respekt, über ihn kann nicht wie über eine Sache verfügt werden. Auch die Entstehung des Reliquienkultes in der Alten Kirche und die Verehrung der Gebeine von Heiligen lassen sich vor diesem Hintergrund verstehen.
Kritische Stimmen kamen vor allem aus der katholischen Kirche
Auch der Körper eines Toten soll unversehrt bleiben. Allerdings gibt es eine Heiligenlegende, die von einer erfolgreichen Beintransplantation berichtet. Die Zwillingsbrüder Cosmas und Damian lebten gegen Ende des dritten Jahrhunderts. Sie waren Ärzte und behandelten Kranke unentgeltlich und bekehrten so viele von diesen zum Christentum. Ihr spektakulärstes Wunder war eine Beintransplantation. Das mit Geschwüren vereiterte Bein eines Patienten ersetzten sie durch das gesunde Bein eines kürzlich Verstorbenen.
Die Frage, ob dem Körper eines Menschen Organe entnommen werden dürfen, stellte sich natürlich erst durch den medizinischen Fortschritt. Grundlegend für die theologische Beurteilung von Organspenden zu Beginn des 20. Jahrhunderts war aber nicht diese fromme Legende, sondern das christliche Menschenbild und der dadurch bedingte Umgang mit dem Körper. Die anfängliche Zurückhaltung gegenüber Organentnahmen an Toten dürfte in dieser christlichen Tradition begründet liegen.
Wenn man von der ersten erfolgreichen Hornhauttransplantation 1905 absieht, blieb die Verpflanzung anderer Organe in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolglos. Dass der medizinische Nutzen nicht sichtbar war, machte eine negative theologische Beurteilung einfacher. Kritische Stimmen kamen vor allem aus der katholischen Kirche. Papst Pius XI betonte 1930 in der Enzyklika Casti Connubii die Unversehrheit des menschlichen Körpers. Er berief sich dabei auf das Naturrecht, Ausnahmen seien nur möglich, wenn die Gesundheit des gesamten Körpers bedroht sei.
Es geht auch bei der Organtransplantation um Güterabwägung
„Der einzelne aber hat über die Glieder seines Leibes kein anderes Verfügungsrecht, als dass er sie ihrem natürlichen Zweck entsprechend gebrauchen kann. Er darf sie daher weder vernichten noch verstümmeln, noch auf irgend eine andere Weise sich zu ihren natürlichen Funktionen untauglich machen, außer wenn sonst für das Wohl des ganzen Körpers nicht gesorgt werden kann. So sagt es die christliche Sittenlehre und das gleiche steht schon aus der Vernunft fest.“
Demnach sind zum Beispiel Amputationen aus medizinischen Gründen statthaft, jegliche andere Formen der Organentnahme oder –abtrennung verstoßen aber gegen das Naturrecht. Die Enzyklika lehnt jeglichen Eingriff in die Unversehrtheit des menschlichen Körpers ab und betont, dass der Mensch nicht über seinen eigenen Körper verfügen dürfe. Ihre Hauptstoßrichtung ist aber die Ablehnung von Abtreibung und Sterilisation.
Wie bei vielen ethischen Entscheidungen geht es auch bei der Organtransplantation um eine Güterabwägung. Erst mit dem erfolgreichen Verlauf von Transplantationen änderte sich auch die theologische Einschätzung. Zwar werden die Unversehrtheit und die Unverfügbarkeit über den eigenen Körper verletzt, dies dient aber zum Schutze des Lebens. Als erfolgreiche Therapien zur Lebensrettung steht die Kirche Organspenden nun positiv gegenüber. Wer durch seinen Körper einem anderen neues Leben schenkt – übt Nächstenliebe. Wer dies mit seinem Körper verweigert, muss dies nun begründen.
Ralf Peter Reimann ist rheinischer Pfarrer und arbeitet bei evangelisch.de.
Kommentare
Sorgfalt
Es ist noetig,
ueber das Thema sehr guendlich nachzudenken
und die Zusammenhaenge zu erkennen,
die im Hintergrund eine Rolle spielen.
Meiner festen Ueberzeugung nach muss vor allem der Hinweis
auf die Wuerde eines jeden Menschen in Betracht genommen werden,
die nicht zuletzt darin ausgesprochen ist,
dass der Mensch in seinem Geschaffensein als Mann und Frau
Bild Gottes ist und zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde.
Deshalb darf der Mensch aus christlicher Sicht
niemals zum Handelsobjekt gemacht werden
und auch nicht seine inneren Organe.
Auch die inneren Organe sind Teil der Persoenlichkeit des Menschen.
Ich halte es deshalb fuer zutiefst unchristlich,
dass dem Menschen Organspenden entnommen werden sollen,
und dass man Stellungnahmen von jedem dazu erwartet,
um den Druck, tatsaechlich zu spenden, zu steigern.
Ich halte das schlicht fuer ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die intimsten Persoenlichkeitsrechte eines jeden.
Kurz und knackig
Bisher konnte mir auch niemand nachvollziehbar erklären, warum er/sie gegen Organspende ist.
Warum sollte ich?
Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.
(Mat. 5, 37)
Ein klares "Ja" oder ein klares "Nein" sollte genügen, da es mein freies Recht ist, mich so oder so zu entscheiden und ich hierüber niemandem, außer unserem Heiligen Vater eine Rechenschaft schuldig bin.
Nachtfalter
Sagen die christlichen Kirchen wirklich "ja"?
Zwei Beiträge jedenfalls auf "kath.net" in jüngster Zeit richteten sich gegen die Transplantation, argumentativ begründet durch den Rekurs auf die Hirntotdiskussion! Offenkundig greift das Ganze einen deutschen Bischof an, der sich ausdrücklich für die Organspende ausspricht. Also, so einheitlich ist die christliche Nächstenliebe in diesem Punkt keinesfall, wie hier suggeriert wird.
Christliche Kirchen sagen Ja
Christliche Kirchen sagen Ja zur Organspende, schei.. egal.
Ich sage nein!!
Darf man auch NEIN sagen?
da rollt gerade eine Welle von Artikeln durch Ev.de, die augenscheinlich Werbung für Organspende machen soll. Unterschwellig vernehme ich den Vorwurf, dass man sich als Christ, dieser als "Nächstenliebe" getarnten Besitzergreifung nicht schuldlos entziehen kann. Auffallend auch, dass ein Artikel mit kritischen Kommentaren sang und klanglos von der Themenseite verschwunden ist.
Nachtfalter
"Darf man auch Nein sagen?"
Lieber Nachtfalter,
natürlich darf man nein sagen und diskutieren. Wir haben diese Woche einen Themenschwerpunkt gesetzt (keine Werbung und keine Besitzergreifung) und laden zur Diskussion ein. Alle Artikel sind noch über die Linkbox abrufbar und bald auch in einem "Spezial".
Anne Kampf, Redaktion
den Blick weiten
Liebe Anne Kampf,
hab hier nur meine eigene subjektive Empfindung gepostet, zugegeben etwas negativ dargestellt. Und die ist nun mal, dass hier (wenn auch sicher nicht vorsätzlich) die Organspende als Christenpflicht verkauft wird, und der Hirntod wird m. E. als das ultimative Kriterium überhöht dargestellt. Kritische Töne habe ich zu diesem Thema in keinem Artikel gelesen. Einzig "Organspende: Das Ding mit der Angst" ging etwas nachdenklicher damit um und war nach kurzer Zeit von der Titelseite verschwunden.
Es wird viel Aufhebens gemacht über die fehlenden Organe und die dadurch sterbenden Menschen. Was aber viel zu kurz kommt, ist die Frage nach den Ursachen. Dass Niere & Co ihren Dienst versagen fällt ja nicht einfach so vom Himmel. Es werden die Nahrungsmittel verpanscht und die Industrie versucht diese Untaten als Betriebsgeheimnisse vor den Verbrauchern zu verbergen. Der Wunsch nach einer saubereren Umwelt wird als Standortnachteil gegeißelt. Arbeitsverhältnisse gleichen immer mehr einer modernen Sklavenhaltung. Nur lässt sich mit der Forderung nach gesünderen Lebensbedingungen halt nicht so leicht und medienwirksam die Öffentlichkeit beglücken.
Nachtfalter
Ja, lieber Nachtfalter, Sie dürfen!
Natürlich dürfen Sie sich verweigern, und sie sollten es auch tun!
Den größten Respekt hätte ich vor Ihrer Einstellung, wenn Sie im eigenen Bedarfsfall konsequent auf ein Organ verzichten würden.
Liebe Grüße,
A. R.
PS.: Gerade kommt mein Taxi, um mich zu meiner Nachdialyse zu fahren. Habe heute wieder streng auf meine Kaliumwerte beim Essen geachtet und versucht, keinen Liter zu trinken. Aber, man gewöhnt sich dran. Bis jemand mir eine Niere im Tode schenkt, dann kann ich wieder unbedenklich mit Ihnen anstoßen.
Nicht mit mir
da darf ich entwarnen. Es wäre mir ein Gräuel, wenn ich fremdes Gewebe in meinem Körper beherbergen würde. Weiß ich doch nicht, wieviel Persönlichkeit vom ehemaligen Eigentümer darin enthalten ist. Dies wäre immer ein Fremdkörper, eine belastende Protese, und wird nie zu mir gehören können.
Ungeachtet dessen würde ich es anderen Menschen nie verwehren wollen, sich auf solche Prozeduren einzulassen.
Nachtfalter
Ja, lieber Nachtfalter, Sie
Ja, lieber Nachtfalter, Sie haben auch da Recht. Es ist keineswegs einfach, ein Organ zu spenden, und gleichfalls kein "Zuckerschlecken", es anzunehmen!
Ansonsten, mit Verlaub, erscheint mir Ihre Argumentation doch recht von magischem Denken geleitet. Und was Ihre obigen Ausführungen zur Ursache von Organversagen betrifft, verstärkt mir dies den Eindruck.
Trotzdem voller Respekt vor Ihrer Entscheidung, nicht zu spenden.
MfG
A. R.
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