Kommentar - Nach dem Attentat von Norwegen suchen viele Menschen nach Deutungen, nach Erklärungen. Aber die einzelne Tat lässt sich nicht erklären. Der Kontext von Ideen, aus dem die Tat entstand, allerdings schon. Diesen Ideen dürfen wir das Feld nicht überlassen.
Wir Menschen suchen nach Deutungen. Etwas unerklärt stehen zu lassen, fällt uns gemeinhin schwer. Das Massaker von Utøya ist genau so ein Ereignis, bei dem alle – Journalisten, Politiker, Leser, Betroffene – nach einer Deutung suchen. Der Attentäter machte es uns leicht: Das 1.500-Seiten-Manifest, das er hinterließ, bietet eine Vielzahl von Ansatzpunkten für die Interpretation seiner Tat und seiner Motive. Anti-islamischer Hobbybauer (irgendwie musste er ja an den Dünger für die Bombe kommen), kreuzzugsbegeisterter Freimaurer, durchgeknallter Irrer – die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.
Der norwegische Geheimdienst ist vorerst zu dem Schluss gekommen, dass Anders B. ein Einzeltäter war, ein "lone wolf", ein klassischer hausgemachter Terrorist. Sicherheitsbehörden fürchten solche Täter wie der Teufel das Weihwasser. Denn diese einheimischen Terroristen sind kaum zu finden. Sie müssen nicht auf dem Weg ins Terrorcamp ausreisen und dann aus einem Schurkenstaat wieder einreisen. Sie haben keine Organisation und keine Komplizen, keine Kommunikation, die man überwachen könnte. Sie fallen durch jede Rasterfahndung, weil das Raster nicht auf sie passt.
Das macht die Deutung der Tat noch viel schwerer, eben weil es kein fertiges Muster gibt. Fakt ist, dass der Attentäter zu Bombe und Waffe gegriffen und über 70 Menschen umgebracht hat. Es gibt kein einfaches Erklärungsmuster, das herangezogen werden kann, um das "Warum" zu erklären. Es ist passiert, und das ist zuallererst eine Tragödie, die zutiefst traurig macht. Nicht nur die Menschen in Oslo, sondern auch uns hier in Deutschland.
Den Einzeltäter kann man nicht stoppen, aber seine Ideen
Während in Norwegen allerdings getrauert wird, beginnt in Deutschland eine politische Debatte über die Folgen des Anschlages. Rechtsextreme besser überwachen, am besten das ganze Internet, Vorratsdatenspeicherung, die üblichen Reflexe. Die einen sagen "Sicherheit", die anderen sagen "Freiheit". Ich sage "Freiheit": Denn wollte man Anschläge wie den in Norwegen mit den Mitteln der Staatsmacht wirklich verhindern, müsste man einen Überwachungs- und Denunzianten-Staat aufbauen, der mit einer Demokratie, die von Meinungsfreiheit lebt, nicht mehr viel zu tun hätte.
Das ist das Problem mit "hausgemachten Terroristen". Jeder einzelne von uns wird nicht anders können, als zu akzeptieren, dass durchgeknallte Einzeltäter immer schwer zu stoppen sind. Da lässt sich nicht viel dran deuten außer zu hoffen, dass diese Leute durch ihre Umgebung – Freunde, Bekannte – gestoppt werden.
Wir können aber versuchen, zu verstehen, wo Menschen wie Anders B. ihre Ideen hernehmen, und dafür ist sein Manifest dann doch hilfreich. Im Kern geht es um eine Ausgrenzung von Andersdenkenden, um die Ablehnung dessen, was sie "Multikulti" nennen, gegen die angebliche Islamisierung Europas und gegen den "politisch korrekten Mainstream", der das alles zulasse.
Eine Alternative zu Abgrenzung und Ablehnung zeigen
Diese Bewegung müssen wir ernst nehmen, denn sie ist ziemlich meinungsstark, möglicherweise sogar mehrheitsfähig (man schaue sich nur mal Geert Wilders in den Niederlanden an). Auf der Suche nach dem Manifest des Attentäters findet man zahlreiche Webseiten und Blogs im Netz, die sich dieser Ideologie angeschlossen haben. Es wäre falsch, vor dieser Ideologie die Augen zu verschließen und ihre Fragen tatsächlich mit dem Argument der "political correctness" einfach als abwegig zu betrachten.
Es wäre aber ebenso falsch, sich ihren Urteilen einfach anzuschließen. Berechtigte Kritik muss man von irrationaler Angst unterscheiden. Dieser Arbeit müssen wir uns stellen – damit die Menschen sehen, dass es eine Alternative zu Ablehnung und Abgrenzung gibt, gerade in der Tradition des Christentums, auf die sie sich so gern berufen. "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus", schrieb Paulus im Brief an die Galater (3,28). Daran können wir uns halten.
Dem Ideensalat, aus dem der Attentäter von Norwegen eine Berechtigung zu tödlicher Gewalt ableitete, darf man jedenfalls nicht das Feld überlassen.
Hanno Terbuyken ist Redakteur bei evangelisch.de und schreibt das Blog "Angezockt".
Kommentare
masaniello schrieb:Warum
Aus verschiedenen Gründen. Unter anderem, weil ich nicht bereit bin, in einer Welt voller Enklaven zu leben, denn das schränkt auch meine Freiheit ein. Weil ich auch nicht will, dass sich Menschen von mir abgrenzen, wenn ich anderswo lebe. Weil es zum christlichen Leben dazugehört, sich eben nicht abzugrenzen. Und weil ich ich nicht bereit bin, mich pauschal gegen eine Menschengruppe zu stellen.
Warum sagen Sie "denjenigen Gruppen" und nicht "denjenigen Menschen"? Das klingt mir viel zu sehr nach einem Pauschalurteil gegen eine diffuse und heterogene Gruppe. In meinem Nachbarhaus leben verschiedene Familien aus verschiedenen Ländern, die alle unterschiedlich leben und alle unterschiedlich ihren Alltag gestalten. Die will ich doch nicht pauschal verdammen, nur weil ich nicht damit einverstanden bin, dass der häusliche Streit einer dieser Familien neulich einen Polizeieinsatz provoziert hat.
Ich glaube durchaus, dass es ein Integrationsversagen in Deutschland gibt. Das liegt auch daran, dass sich Menschen der Integration verweigern, die hier zwar aufwachsen und leben, denen aber der Anschluss an Deutschland fehlt, auch an ein weltoffenes vielfältiges Deutschland. Dieses Integrationsproblem ist aber vor allem ein Bildungsproblem, nicht nur, aber auch was die Sprache angeht. Nur lässt sich das eben keineswegs auf alle Menschen mit Migrationshintergrund oder alle Muslime in Deutschland ausdehnen. Da muss man viel genauer hingucken. Und: Es liegt in unser aller Verantwortung, dieses Integrationsversagen zu verhindern.
Gehen Sie mal in Frankfurt durch die Innenstadt und sie sehen mehrheitlich Menschen, die einfach ihren Alltag gestalten, egal wo sie herkommen. Da ist wenig von gegenseitiger Abgrenzung zu spüren. Gehen sie mal in den Dönerladen an der Ecke und hören sie den Menschen zu, und sie werden merken: Deren Probleme sind die gleichen wie unsere. Da versammeln sich schließlich alle - Studenten, Fliesenleger, Arbeitslose. Egal woher. Die lächeln auch alle zurück oder grüßen freundlich, wenn man sie freundlich grüßt.
Abgrenzung heißt auch Ausgrenzung. Dass jemand, der ausgegrenzt wird, meistens keine eigenen Anstrengungen unternimmt, diese Ausgrenzung zu beenden, war schon immer so - also liegt es an den anderen, das zu verhindern. Ich jedenfalls bin so erzogen worden, dass Ausgrenzung unfreundlich und nicht erstrebenswert ist. Wenn Sie das anders sehen - dann kann ich Sie wenn überhaupt nicht mit Worten, sondern nur mit Beispielen überzeugen. Aber dann hieße das auch, dass Sie willens sind, zu sagen (oder zu denken): "Ja, ich grenze andere Menschen aus, weil ich sie pauschal zu Gruppe X zuordne." Wenn es soweit ist und man nicht einmal mehr bereit ist, sich mit solchen Menschen zu unterhalten oder im gleichen Restaurant aufzuhalten: Wo ist da die Grenze zu Rassismus?
Ach, und noch eines zum Thema Sarrazin: Zur Integration gehören immer zwei Seiten. Wenn die Eltern nicht für die Bildung ihrer Kinder sorgen, dann muss es eben jemand anders machen - in unserem Fall das Gemeinwesen, mithin der Staat. Dafür sollten wir Geld in die Hand nehmen, die Schulpflicht konsequent durchsetzen, vielleicht noch früher schon Sprache lehren, vielleicht sogar verpflichtend. Sich einfach mit verschränkten Armen hinzusetzen und zu blaffen: "Jetzt integrieren Sie sich endlich!" bringt überhaupt nichts.
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Hanno Terbuyken
evangelisch.de
Abgrenzung
M.E. bildet Herr Sarrazin, den Sie hier zitieren, gerade den Boden für Ausländerfurcht und -Hass. Unterscheidung der Lebensstile, der Kulturen, Religionen ist notwendig, die Achtung der Grundrechte aber auch. Doch die Geste: "Du bist anders, und mit Dir will ich nichts zu tun haben." Die geht eben nicht. Und dann stellt sich mir die Frage, wie wir unser Gemeinwesen so aufbauen und organisieren können, dass Begegnung möglich wird und Begleitung. Christlich gesprochen: Wenn ich meinen Nachbarn nicht kenne, dann kann ich ihn auch nicht lieben wie mich selbst.
Freiheit
Das bemerkenswerte ist doch, dass selbst die Norweger gerade "Freiheit" sagen.
Dass die erste Reaktion von Ministerpräsident Stoltenberg nicht ein Ruf nach Rache, sondern einer nach Frieden und Demokratie war. Dass dieses unglaublich offene und einladende Land weiter für "Multikulti" offen bleiben will - jetzt erst recht. Dass sie "die Straßen mit Liebe füllen" wie Kronprinz Haakon sagte und die Rosenzüge im ganzen Land zeigten.
An diesen Menschen, die jetzt aufstehen und sich entschlossen aber gewaltlos ihre Idylle und ihren Frieden zurückerobern, können wir uns ein Beispiel nehmen.
@Theresa
Ich meine, wir müssen aufpassen, dass wir das ganze nicht verklären.
Dass dieses unglaublich offene und einladende Land weiter für "Multikulti" offen bleiben will - jetzt erst recht.
Die Aussage stimmt so natürlich.
Dennoch sei darauf hingewiesen, dass es einen Unterschied zu "Multi-Kulti" nach deutscher Denkart und Rhetorik gegemüber der norwegischen gibt.
So ist nach deutscher Denkart, Multi-Kulti, z.B. so angelegt, dass der Neuankömmling in seinem Kulturkreis verbleibt.
In Norwegen wird der Neuankömmling aber auf norwegisch integriert (Sprachenunterricht, Brufsausbildung, Schulbildung) und unter die Leitlinie "offene, freie und pluralistische Gesellschaft" gestellt. Wer diese Leitlinien nicht akzeptiert, wer sich der Bildung verweigert, wird nicht als Bestandteil der norwegischen Gesellschaft angesehen und wieder ausgewiesen. Sehr wohl man aber darauf achtet, dass die norwegische Gesellschaft so pluralistisch ist, dass sie "Eigenarten" nach Kultur, Religion und politischer Meinung Platz bietet-aber eben nur solange diese nicht gegen das norwegische Bild einer Gesellschaft konträr verlaufen.
Da wir Deutschen, aus den unterschiedlichsten Gründen, keine solche Leitlinien definierten bzw. besitzen, funktoniert das bei uns nicht.
Norwegisches Multikulti hat mit Deutschem Multikulti soviel zu tun wie ein Bulle mit einem Ochsen, wenn Sie diesen Vergleich bitte gestatten.
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