Christliche Fundamentalisten glauben, dass die Bibel in allen ihren Aussagen unfehlbar ist. Foto: bambiraptor / photocase
Definition -
Schnell wurde dem Attentäter von Norwegen das Etikett des christlichen Fundamentalisten aufgedrückt. Eine Auseinandersetzung mit den Begriffen zeigt jedoch: Die Vermutung ist falsch. Wahrscheinlich ist, dass die Taten politisch, nicht religiös motiviert waren.
Von Maike Freund
Seit den furchtbaren Anschlägen von Anders Behring Breivik in Norwegen versuchen die Menschen zu verstehen, wie jemand eine solche Tat begehen konnte und aus welchen Gründen. Schnell kam die Vermutung in den Medien auf, der Täter sei ein christlicher Fundamentalist. Was aber genau ist ein christlicher Fundamentalist? Und schließen sich die beiden Begriffe nicht von vornherein aus?
Renke Brahms über den Attentäter von Oslo
Renke Brahms, Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche, glaubt nicht, dass der Attentäter von Norwegen den guten Ruf der Kirche ruinieren kann, auch wenn er sich auf die christliche Tradition Europas beruft. (c) ekn
"Christlicher Fundamentalismus ist eine Strömung innerhalb des konservativen Christentums", erklärt Claudia Knepper von der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen. Er zeichnet sich durch Abgrenzung aus. "Christliche Fundamentalisten sind beispielsweise gegen Feminismus, gegen Homosexuelle, gegen Pluralismus", sagt sie. Fundamentalistisch bedeute auch – unabhängig von der Religion – dass der Glaube politisch durchgesetzt werden soll. Hinzu kommt die Annahme, dass die Bibel absolut unfehlbar in allen ihren Aussagen ist; "alle Überzeugungen werden deshalb mit Bibelstellen belegt", sagt Knepper. Gleichzeitig gilt, dass die Welt - und somit auch die Bibel - nur selektiv wahrgenommen wird. Was entsteht, ist eine schwarz-weiße Weltsicht, das Einteilen der Welt in gut und böse.
Können Fundamentalisten überhaupt christlich sein?
In dem Manifest, das im Internet aufgetaucht ist und Breivik zugeschrieben wird, ruft der Autor gegen Marxismus, gegen ein multikulturelles Europa, gegen den Islam auf. Er selektiert also, aber "er argumentiert nicht mit Hilfe von Bibelstellen, zitiert niemals aus der Bibel, hat keine persönliche Beziehung zu Gott", sagt Claudia Knepper. Genau das aber sei für einen christlichen Fundamentalisten die Grundlage: die Bibel. Breivik Argumente seien viel mehr politisch. Zwar schreibe er von der Rückbesinnung auf ein christliches Europa, meine aber eher die abendländische, vom Christentum geprägte Kultur, nicht den christlichen Glauben.
Eine erste Einordnung ist also nicht so einfach. Deutlich zeigt sich jedoch: Breivik ist kein christlicher Fundamentalist. Bleibt die Frage: Können Fundamentalisten überhaupt christlich sein? "Christliche Fundamentalisten sind ernsthaft glaubende Menschen", sagt Knepper. "Allerdings ist ihr Glaube durch Angst bestimmt." Angst vor den Freiheiten in unserer Zeit, Angst vor dem Leben ohne Autoritäten, die vorgeben, welcher Glaube richtig ist und welcher falsch und die sich deshalb an den Wörtern festhalten. Nur dass die Bibel in ihrer Widersprüchlichkeit nicht wahrgenommen wird, dass auch hierbei aussortiert wird.
Selektion ist jedoch nicht christlich. "Intoleranz gegenüber Andersgläubigen verträgt sich nicht mit den christlichen Glauben", sagt Knepper. "Jesus ist für alle Menschen am Kreuz gestorben. Alle Menschen wurden nach dem Bild Gottes erschaffen." Auch das Gebot "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" lasse keine Selektion zu. Immer dann, wenn der christliche Fundamentalismus durch Aggressionen und Gewalt zum Ausdruck gebracht wird, "steht das natürlich im krassen Widerspruch zum christlichen Glauben", sagt Knepper.
Maike Freund ist Redakteurin bei evangelisch.de
Kommentare
Nicht so voreilig
Na Gott sei Dank! Fundamentalist vielleicht, aber kein christlicher. Wir können uns beruhigt zurücklehnen. Leider gibt es genügend Spielarten des spezifisch christlichen Fundamentalismus, die zu solchen Taten in der Lage wären, und andere Spielarten des Christentums, die solche und schlimmere Taten begangen haben. Jeder weiß das - warum leugnet man es? Natürlich, die "wahren" Christen tun sowas nicht. Die "wahren" Kommunisten tun aber auch nicht das, was Stalin getan hat, und die "wahren" Moslems halten Bin Laden für keinen Moslem.
Ein Artikel mit nur einer Meinung?
Frage: sollte in einem journalistischen Artikel nicht zumindest eine Gegenstimme vorkommen? Die Autorin setzt sich in ihrem Definitionsversuch mit nur mit einer Stimme auseinander. Da wäre wohl das Interview das passendere Format!
Nicht zwangsläufig. Damit
Nicht zwangsläufig. Damit sich ein Leser eine Meinung bilden kann, reicht eine informierte, abwägende Stimme aus. Wir haben uns mit dem, was über den Attentäter zu erfahren ist, ja im Vorfeld beschäftigt, unter anderem mit seinem Manifest. Wir teilen die Meinung der EZW-Expertin. Aber wenn Sie der Meinung sind, Anders B. sei ein christlicher Fundamentalist, dann sind sie herzlich eingeladen, hier in den Kommentaren das argumentativ auseinanderzusetzen. Auch dafür ist die Kommentarfunktion ja da.
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Hanno Terbuyken
evangelisch.de
Weiterführender Lesestoff
Liebes evangelisch.de Team,
ein sehr interessanter Artikel, den wir gern verlinkt haben. Einer unserer Leser würde gern mehr zum Thema erfahren. Gibt es vielleicht einen Artikel von Frau Knepper, oder von anderen Weltanschauungsbeauftragten dazu?
Sicher wäre es auch interessant einen Artikel oder eine Publikation zu haben, die Begriffe wie Evangelikale, Charismatiker und Fundamentalisten genau definiert und von einander trennt.
Für Tipps in diese Richtung wären wir sehr dankbar.
Definitionen, die Rheuma verursachen
"Christliche Fundamentalisten sind ernsthaft glaubende Menschen" - Vereinfacht gesagt, es gibt gottesfürchtige Menschen und solche, die stattdessen ihr eigenes Urteil für die letzte Instanz halten. Und jene, die bereit wären, "Moses notfalls mit dem Knüppel zu lehren" (Zitat evangelischer Jugendpfleger) findet man wohl nur in der ersten Gruppe. Wobei ich denke, daß es bei allen Morden, Überfällen und Kriegen, an denen Christen teilgenommen haben in den letzent 1600 Jahren immer eine gute Ausrede war, sich als besonders radikaler Verfechter der christlichen Lehre darzustellen. Also ein willkommenes Konstrukt zur Rechtfertigung, nicht zuletzt vor dem eigenen Gewissen.
Auch ein noch so größenwahnsinniger Anders Breivik will vor sich selber nicht der unerbittliche und unbarmherzige lonesome wulf sein, sondern der führende, intelligent Kopf einer Bewegung. Wenn er nach längerer Haft eines Tage darauf kommen wird, daß er keine zwanzig Anhänger in Europa hatte, wird er sich sehr kläglich fühlen. Das wird ihm kein Seelsorger abnehmen können. Man sollte nun aufhören mit dieser Philosophisterei und die Sache wie jedes andere Schwerverbrechen betrachten. Diese politische Kulissenmalerei hilft nicht weiter.
Klar, man kann natürlich auch
Klar, man kann natürlich auch die Augen verschließen und ganz laut sagen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Ich halte es aber für extrem gefährlich, die Augen davor zu verschließen, dass es sehr wohl christlichen Fundamentalismus gibt, der extrem menschenverachtende Züge trägt!!!
Natürlich läßt sich behaupten, solcher Leute Haltung habe mit christlichem Glauben nichts zu tun - was ich auch glaube - aber das hat mit dem Selbstverständnis der Fundis nichts zu tun, die sich als die wahren Christen beschreiben und als solche gegen alles polemisieren, was nicht ihren verwegenen Vorstellungen entspricht!!
Mich erinnert dieses ganze
Mich erinnert dieses ganze Szenario trotz fehlender Bibelzitate irgendwie an diesen Wallander-Krimi, in dem eine Gruppe christliche Fundamentalisten Jagd auf Andersdenkende macht...ist vielleicht etwas weit her geholt, aber ich befürchte auch, dass es eine sich christlich gebende kranke Religiosität gibt, die zu so etwas durchaus in der Lage wäre. Dass das mit christlich nichts zu tun hat ist klar- aber wir haben es leider nicht in der Hand, was kranke Hirne aus unserem Glauben machen.
Verbum Dei manet in aeternum!
>>ich befürchte auch, dass es
>>ich befürchte auch, dass es eine sich christlich gebende kranke Religiosität gibt, die zu so etwas durchaus in der Lage wäre. Dass das mit christlich nichts zu tun hat ist klar- aber wir haben es leider nicht in der Hand, was kranke Hirne aus unserem Glauben machen.<<
Ganz so einfach ist das leider nicht. Diese kranke Religiositaet gibt es im Christentum ganz selbstverstaendlich. Sie ist tausendfach empirisch belegbar, und darueber brauchen wir nicht weiter zu diskutieren. Es waere ja auch ein Widerspruch in sich, einerseits den Umstand, dasz Gott Mensch wird, nicht nur als Alleinstellungsmerkmal, sondern geradezu als Vorzug des Christentums hinzustellen und andererseits in Abrede zu stellen, dasz Gott sich damit in die Haende der Menschen begibt, die hernach alles mit ihm und miteinander machen, was auch sonst menschenmoeglich und -typisch ist.
Gott selbst ist nicht religioes. Religioes sind immer nur Menschen, und deshalb sind Religionen bzw. Religioese auch zu allem faehig - einschlieszlich dessen, was uns erschreckt und/oder anwidert.
Und genau deshalb verfaengt auch die Gegenueberstellung gesunder und kranker Hirne nicht. I.d.R. sind es naemlich ganz gesunde Hirne, von denen die Ideen ausgebruetet werden, die dann nicht nur Exremisten wie Anders Breivik umtreiben, sondern ganz normale Leute mit ganz normalen Ressentiments gegenueber Frauen, Homosexuellen, Muslimen, liberal Religioesen oder wem auch immer.
Glaube ist in erster Linie eine Beziehung, und deshalb kann er immer auch krankhaft sein. Das ist eine sehr einfache Einsicht. Schwierig ist nur, zu bestimmen, wer ueber den Unterschied zwischen gesund und kank zu befinden hat.
Grusz
azad
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