Der Runde Tisch ist für Heimkinder eine "einmalige Chance"

Sonja Djurovic

Sonja Djurovic (61) lebte als Jugendliche in den 1960er Jahren in dem "Mädchenheim Ruth" im fränkischen Neuenmarkt-Wirsberg, das von den Hensoltshöher Diakonissen betrieben wurde. Sie vertritt beim Runden Tisch Heimerziehung, mit zwei weiteren ehemaligen Heimkindern die Opfer. Foto: epd-bild/ Norbert Neetz

Heimkinder - 500 Kilometer sind es nach Berlin, rund 250 bis ins fränkische Neuenmarkt-Wirsberg, wo die Hensoltshöher Diakonissen in den 60er Jahren das "Mädchenheim Ruth" betrieben. Sonja Djurovic wohnt bei Frankfurt am Main, weit weg von beiden Orten. Doch beide bestimmen ihr Leben: Djurovic ist eine der Opfer-Vertreterinnen am Runden Tisch Heimerziehung.

Von Bettina Markmeyer

In Berlin tagt seit Februar 2009 der Runde Tisch Heimerziehung, der die gewalttätigen Erziehungspraktiken in den Heimen der 50er und 60er Jahre aufklären soll. Zu Wochenbeginn ist die vorletzte Sitzung angesetzt. Sonja Djurovic vertritt in der Runde mit zwei weiteren ehemaligen Heimkindern und ihren Stellvertretern die Opfer.

Das "Mädchenheim Ruth" gibt es nicht mehr. Aber in Neuenmarkt-Wirsberg stehen noch die Gebäude, in denen die lebenshungrige und verträumte Sonja dreieinhalb Jahre verbringen musste. Diese Jahre haben ihr das Brandzeichen in die Seele geprägt, das sie nie wieder losgeworden ist und das sie die längste Zeit ihres Lebens zu verbergen bemüht war: Heimkind.

Mit ihrer Arbeit am Runden Tisch ist die 61-Jährige aus der Anonymität herausgetreten. In ihrem rot gestrichenem Arbeitszimmer sammeln sich Papiere und Bücher, in der sonnigen Küche liegt die Akte auf dem alten Küchenschrank - ihre Akte, "ein Glücksfall, dass sie nicht vernichtet ist", sagt sie.

"Das war Unrecht im Rechtsstaat"

Im Juli hatten Sonja Djurovic und zwei weitere Heimkinder-Vertreter die Forderung nach einer Opfer-Rente von 300 Euro monatlich ins Gespräch gebracht. Sie waren die Ersten am Runden Tisch, die eine Summe nannten. Inzwischen fordern die Opfer-Vertreter übereinstimmend eine Rente oder Einmalzahlungen als Entschädigung für die traumatisierenden Folgen der Heimerziehung. Milliardenforderungen, wie sie der Verein ehemaliger Heimkinder erhoben hat, aus dem Djurovic ausgetreten ist, erhebt sie nicht. Sie muss sich dafür am Telefon und im Internet als Verräterin beschimpfen lassen.

Sonja Djurovic ist ungeduldig. Was vielen der insgesamt rund 800.000 Kinder und Jugendlichen in den kirchlichen und staatlichen Heimen der frühen Bundesrepublik widerfahren sei, die Demütigungen, Prügel, sexueller Missbrauch, Isolation und die vorenthaltene Ausbildung, müsse aus ihrer Sicht als Menschenrechtsverletzung anerkannt werden, sagt sie: "Das war Unrecht im Rechtsstaat", sagt sie. Sie will außerdem Entschädigungszahlungen für die Arbeitspflicht in den Heimen. "Für uns war es Zwangsarbeit", sagt sie. Als Schneiderlehrling hat sie sechs Tage in der Woche für ein paar Mark im Monat nähen müssen, es kamen Aufträge aus der Industrie oder von Krankenhäusern.

Kein Vergleich mit NS-Opfern gewollt

Die Moderatorin des Runden Tisches, die Grünen-Politikerin und vormalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, hat unterdessen deutlich gemacht, dass über symbolische Entschädigungen geredet werde, und die Summen in Erinnerung gerufen, die die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" an ehemalige NS-Zwangsarbeiter gezahlt hat. Sie liegen zwischen 2.500 und 7.500 Euro pro Person.

Für Menschen, die seit ihrer Kindheit das Brandmal "Heimkind" tragen, ist das schwer zu verkraften. Niemals würde sich Sonja Djurovic mit NS-Opfern vergleichen. Ihr Vater, ein Ukrainer, war Zwangsarbeiter. Doch hat die Zeit im Heim sie ihrer Lebenschancen beraubt. "Das macht mich unglücklich", sagt sie. "Ich hatte ganz andere Vorstellungen von meinem Leben." Sie wollte aufs Gymnasium, schreiben, studieren. Sie wollte tanzen, ins Theater gehen.

Der Runde Tisch ist eine "einmalige Chance"

Stattdessen saß sie an der Nähmaschine, Musik war verboten, Radiohören, selbst Reden war untersagt. Unvorbereitet auf das Leben wurde sie 1968 entlassen. Schneiderin wollte sie nie werden. Sie hat in Kneipen gearbeitet, gejobbt, war schließlich bei einer Bank angestellt. Was sie dafür brauchte, hat sie sich selbst beigebracht. Viele der ehemaligen Heimkinder, von denen noch rund 500.000 leben, "sind ganz unten", sagt sie. "Sie hatten nie gute Jobs. Viele leben von Hartz-IV-Leistungen." Sie selbst bezieht eine Rente, mit der sie gerade so auskommt.

Manchmal meint Sonja Djurovic, die seit einem Autounfall eine Krücke benutzen muss, den Anstrengungen kaum standhalten zu können, aber sie hält durch: "Das ist ein wichtiger Abschnitt in meinem Leben", glaubt sie. Ihre Erwartungen sind hoch, zu hoch, fürchtet sie. Ihre Angst vor einer Enttäuschung ist groß. Dennoch sieht sie den Runden Tisch als "einmalige Chance, etwas zu erreichen". Es gehe nicht mehr nur um Einzelschicksale, sagt sie: "Es geht jetzt um die Sache."

epd

Kommentare

Verfasst von Gast am 21. September 2010 - 22:34.

Der Runde Tisch ist ein einmalige Chance

An Alle, die es lesen möchten! Ich habe diesen Artikel soeben zum ersten Mal...

An Alle, die es lesen möchten!

Ich habe diesen Artikel soeben zum ersten Mal veröffentlicht gelesen.

Dazu muss ich etwas berichtigen.

Ich habe nicht gesagt, dass noch 500 000 ehemalige Heimkinder leben. Das ist ja Quatsch, worher soll ich das wissen, wieviele noch am leben sind? Dabei hoffe, dass es noch viel mehr sind!

Ich persönlich gehen von ganz anderen Zahlen aus.

Ein vom R.T. unabhängiger Experte meint, dass sich möglicherweise 25 000 Betroffene melden werden, im Falle einer Entschädigsungszahlung.
Ich persönlich denke, dass es vielleicht maximal bis zu 40 000 bis 50 000 Betroffene sein werden.

Leider ist da der Autorin des Textes ein Fehler unterlaufen.

Herr Witti hatte natürlich nicht recht. Er sprach von 500 000 Betroffenen, die eine Entschädigung erwarten, das ist natürlich eine völlig unrealistische Zahl. Das sagte ich damals und sage es auch heute wieder.

Es werden ganz sicher keine 25 Milliarden Euro (wie Witti in den Raum stellte)für eine materielle sowie auch immaterielle Entschädigungen jemals in einen Fond eingezahlt werden.

Ich kann nur sagen, dass es mir leid tut, dass der Artikel in diesem Punkt nicht das aussagt, was ich berichtet habe.
Er wurde etwas abgeändert, das ist die Freiheit der Presse.
Was zählt sind Fakten, hier ist der Journalistin ein "kleiner" Fehler unterlaufen.

Leider melden sich immer noch viel zu wenig ehemalige Heimkinder am Runden Tisch, bei der Anlaufstelle.
Ich kann hiermit nur an ALLE appelieren, sich doch dorthin zu wenden.

Ich hoffe, dies hiermit geklärt zu haben.

Sonja Djurovic

Verfasst von Gast am 20. September 2010 - 23:05.

Entschädigung

Frau Djurovic und die anderen "Betroffenenvertreter" haben mit Sicherheit einen...

Frau Djurovic und die anderen "Betroffenenvertreter" haben mit Sicherheit einen harten Job am Runden Tisch. Ohne Rückendeckung, fast ohne finanzielle Mittel, ohne juristisches Vorwissen... Und sie hat meine ganze Hochachtung!
Trotzdem scheint mir, dass ihr (oder ihrer Redakteurin) da ein kleiner Rechenfehler unterlaufen ist:

Wenn in der frühen Bundesrepublik ca. 800.000 - 1.000.000 Kinder und Jugendliche in Heimen lebten (die Zahlen scheinen relativ unbestritten)und man mal von 500.000 ausgeht, die heute noch leben und ein Anrecht auf eine Entschädigung haben, sind wir, bei 300 Euro im Monat und geschätzter durchschnittlicher Restlebensdauer bei der Summe von 27 Milliarden Euro. Und selbst wenn nur 10% der Überlebenden die angesprochenen Summen einfordern, macht das immer noch eine Gesamtsumme von 2,7 Milliarden Euro! Und das beinhaltet noch nicht die unumstritten notwendigen Therapien für die ehemaligen Heimkinder!

Der VEH e.V. lag also mit seiner Summe von 25 Milliarden (ausgehend von 500.000 Menschen und einer Entschädigungssumme von 50.000 Euro pro Person) nich gar so falsch!

Aber - ich bin natürlich sehr froh, dass letzten Endes auch die direkten Vertreterinnen am RTH die Notwendigkeit einer Entschädigung einsehen, die für die Betroffenen nicht eine weitere Demütigung bedeuten würde. Mit Sicherheit ist das bei Summen, wie sie Frau Vollmer ins Spiel gebracht hat - oder wie sie von den Jesuiten genannt wurden, der Fall!

Heidi Dettinger

Verfasst von Gast am 22. September 2010 - 19:25.
Kommentar auf: Entschädigung

Entschädigung

Entschädigung Die Notwendigkeit einer Entschädigung ist von unseren Vertreter...

Entschädigung
Die Notwendigkeit einer Entschädigung ist von unseren Vertreter am Runden Tisch nie in Frage gestellt worden und auch über die Höhe ist man sich insgesamt einig, gar keine Frage.
Es ist sicherlich für die Entscheidungsträger ein Problem nicht zu wissen, wie viele ehemaligen Heimkinder einen Anspruch auf Entschädigung geltend machen werden, aber trotzdem darf das keine Rolle bei der Höhe der geforderten Entschädigung spielen. Eine Entschädigung steht für begangenes Unrecht an ehemalige Heimkinder und trägt auch einer Rehabilitation Rechnung. Da wäre ein Herunterhandeln schlicht weg unanständig und impliziert auch wieder neues Unrecht. Im juristischen Sinne sind die Taten verjährt, aber seit wann ist das für die Kirchen maßgeblich? Sind sie doch die Hüter der Moral und nun müssen sie konsequent ihrer eigenen Ideologie folgen, denn sonst werden sie eines Tages über ihre eigene Ideologie stolpern und es mag bezweifelt werden, dass die gläubigen Menschen das so hinnehmen werden. Es muss aber auch deutlich betont werden, dass der Staat also Bund und Länder ebenso in die Pflicht genommen werden müssen.
Auf jeden Fall sind die von Frau Vollmer schon vor längerer Zeit geäußerten Vorstellungen der Entschädigung in der Höhe der damaligen NS-Zwangsarbeiter nicht einmal im Ansatz überlegenswert und es ist nicht nachvollziehbar, dass Frau Vollmer diese Summen die zwischen 2000 – 50000 DM lagen ins Spiel gebracht hat. Die NS-Zwangsarbeiter sind damals nicht einmal im Ansatz ausreichend entschädigt worden und ich hoffe nicht, dass man nun meint Unrecht weiter fortsetzen zu wollen. Einmal muss Schluss damit sein, denn das Unrecht und Leid das man uns angetan hat ist nicht finanziell verhandelbar, wir sind hier schließlich nicht auf einen Basar!

Erika Tkocz

Verfasst von hans-joachim wolff am 25. September 2010 - 5:07.
Kommentar auf: Entschädigung

entschädigung

ich kann nur sagen das ich als ich mich gegen missbrauch gewehrt habe eine...

ich kann nur sagen das ich als ich mich gegen missbrauch gewehrt habe eine heimunterbringung bekam weil ich verwahrlost war ich wurde weckgesperrt ins feste haus wie das so genannt wurde !
bekam eine sogenannte arbeitstherapie mit bis zu 15 stunden arbeit am tag ich sollte eigendlich schneider werden aber ich bekam keine ausbildung,sondern kam nach wiederholten missbrauchs versuch in den jugendknast durch falschaussage durch einen diakon weil er seinen mitbruder beschützen wollte und ich als lügner hingestellt wurde ,weil ja wiedermal alles vertuscht wurde.ich habe ingesamt rund sechs jahre in heimen zwangsarbeit verrichtet deshalb will ich entschädigt werden und zwar angemessen. da ich von 104€ rente und grundsicherung leben muss :da ich einfach mein leben nicht in den griff bekam nach diesen erfahrungen

Verfasst von hans-joachim wolff am 28. September 2010 - 13:38.
Kommentar auf: entschädigung

entschädigung

ich glaube es gibt eine sehr einfache lösung wie man ,die heimsklaven...

ich glaube es gibt eine sehr einfache lösung wie man ,die heimsklaven entschädigen kann.
man trenne die kirchen vom staat zahle keine gehälter mehr fûr kirchenfürsten und solche die es werden wollen aus dem staatshaushalt und sorge dafür das die kirchen aus ihrem vermögen das tun,dann dürfte schon genug geld für renten usw. vorhanden sein !denn aus den kirchensteuern werden die nicht bezahlt was auch eine sauerei ist. deshalb kann man die steuer auch gleich abschaffen da sie ja nur den kirchen zugute kommt und sonst niemand ,seit wann ist denn glaube steuerpflichtig?
in diesem sinne :
mit freundlichem gruss

hans-joachim wolff

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd><p><embed><param><object>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Du kannst andere Kommentare mit [quote]-Tags zitieren.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen