Deutsche Entwicklungshilfe: Gefangen im Widerspruch

Kakaobauer Ruben Torres

Die Gemeinde El Castillo, eine der ärmsten in Nicaragua, ist Schauplatz eines typischen Agrarkonflikts in einem Entwicklungsland: Kleinbauern gegen Großunternehmer. Betroffen ist auch Kakaobauer Ruben Torres. Foto: epd-bild/Matthias Knecht

Entwicklungshilfe - Kleinbauern wehren sich gegen Großplantagen - das ist ein typischer Konflikt in einem Entwicklungsland wie Nicaragua. Doch in der Gemeinde El Castillo ist das Besondere, dass die deutsche Entwicklungshilfe beide Seiten unterstützt. Das Entwicklungsministerium hält den Palmölanbau in der Region für eine "sinnvolle Landnutzungsform".

Von Matthias Knecht

Die Konfliktlinie deutscher Entwicklungshilfe verläuft 200 Meter vor der Haustür von Felicito Palacio im Südosten Nicaraguas. Diesseits liegt die Farm des 45-jährigen Kleinbauern, der neben Mais und Früchten für die Selbstversorgung Bio-Kakao für die Schokoladenfirma "Ritter Sport" anbaut. "Das schafft uns ein gutes Zusatzeinkommen", sagt er. Doch jenseits seiner Finca erstrecken sich auf endlosen 4.000 Hektar Ölpalmen. Und damit beginnen die Probleme.

Die Plantage gehört der Aktiengesellschaft Palcasa, die dem Vernehmen nach von Ramiro Ortiz, dem zweitreichsten Mann Nicaraguas, kontrolliert wird. Der Konflikt bleibt nicht aus: Kleinbauer Palacio klagt über verseuchtes Wasser und über Pestizide. "Die Agrochemikalien der Monokulturen vergiften unseren Bio-Kakao."

Die Gemeinde El Castillo ist Schauplatz eines typischen Agrarkonflikts in einem Entwicklungsland: Kleinbauern gegen Großunternehmer. Die staatliche deutsche Entwicklungshilfe ist auf beiden Seiten präsent. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) fördert über eine Genossenschaft Kleinbauern wie Palacio. Sie sollen dank hochwertigem Kakao eine sichere Existenz aufbauen können, erläutert Christoph Klinnert, GIZ-Leiter in Nicaragua. Dadurch werde nicht nur die Armut reduziert, sondern auch der angrenzende Urwald geschützt. "Man muss den Menschen die Perspektive geben, von ihrer Produktion leben zu können, ohne weiter Land zu roden."

"Der Schaden für die Gemeinschaft ist größer als der Nutzen"

Die Plantagengesellschaft Palcasa hingegen wird von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) gefördert, einer Tochter der staatlichen KfW-Bankengruppe. Sie hat die Ausweitung der Palmölplantagen in El Castillo mit einem Darlehen von sieben Millionen US-Dollar finanziert, nach heutigem Wechselkurs 5,4 Millionen Euro. DEG-Sprecherin Christiane Rudolph sieht darin eine "intelligente Landnutzung", die zu "nachhaltigem Wachstum und besseren Lebensbedingungen" beitragen könne.

Arbeiter, Kakaobauern und Anwohner widersprechen dem. "Die Ölpalmen schaffen schon Einkommen", räumt der Gemeindefunktionär Julian Hernández (45) ein, aber kritisiert zugleich: "Der Schaden für die Gemeinschaft ist größer als der Nutzen." Er organisiert im Ortsteil Las Colinas die Wasserversorgung. Vor sechs Jahren holzte Palcasa dort den Urwald auf einem ganzen Berg ab. Nun wird das Trinkwasser knapp. Doch bei Palcasa läuft Hernández gegen eine Wand: "Sie nehmen uns nicht ernst."

Kakaupflanze und Frucht in Nicaragua. Foto: epd-bild/Matthias Knecht

Im Jahr 2010 gab die DEG beim deutschen Beratungsunternehmen Unique Forests Consultants GmbH eine Studie zu Palcasa in Auftrag. Darin sind Dutzende von Vorwürfen von Umweltschützern, Plantagenarbeitern und Kakaobauern aufgelistet, wie Wasserverschmutzung, illegale Abholzung und Unterdrückung der Gewerkschaften. DEG-Sprecherin Rudolph räumt ein: Es gebe "Verbesserungspotenzial" bei den Umwelt- und Sozialstandards. "Palcasa hat bereits erste Verbesserungen eingeleitet", versichert sie. So habe die Firma Workshops mit Kritikern abgehalten.

"Sie bringen Arbeit, sorgen sich aber nicht um die sozialen Aspekte"

Bei den Workshops und leeren Versprechungen sei es dann geblieben, kritisiert Francisco Díaz, Bürgermeister von El Castillo. Obwohl er Mitglied der oppositionellen liberalen Partei ist, die das freie Unternehmertum hochhält, fällt sein Fazit zu den Plantagen kritisch aus: "Die Rechnung geht für uns nicht auf. Sie bringen Arbeit, sorgen sich aber nicht um die sozialen Aspekte." Díaz will aber keine Fundamentalkritik an den Ölpalmen üben: "Wir sagen nicht, sie sollen gehen. Wir wollen vielmehr, dass sie ihre unternehmerische Verantwortung übernehmen." Nicht einmal die Steuern zahle die Firma in voller Höhe.

Auch aus Sicht von Kakaobauer Ruben Torres geht die Rechnung mit den Ölpalmen nicht auf. Er ist mit 56 Jahren zu alt, um in den Plantagen angestellt zu werden. Darum ist er froh, sein Land nicht verkauft zu haben, wie so viele seiner Nachbarn. Torres' Fazit: "Palcasa hat unseren Nachbarn das Land billig abgekauft und sie billig eingestellt." Doch wer für die schwere Arbeit nicht mehr tauge, werde gefeuert. "Jetzt haben sie aber kein Land mehr, um Bananen und Mais anzubauen. Also gehen sie stehlen, bei mir und bei anderen."

Die Parlamentarischen Staatssekretärin im Entwicklungsministerium, Gudrun Kopp (FDP), verteidigt die Förderung einer umstrittenen Ölpalmenplantage in Nicaragua. Eine Studie der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) von 2010 "kommt zu dem Ergebnis, dass der Palmölanbau in der Region eine sinnvolle Landnutzungsform darstellt und nachhaltige Beiträge zur Entwicklung der Region leisten kann", erklärte Kopp.

epd 

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