Mordserie - Türkeistämmige Bürger in Deutschland sind nach der rechtsextremen Mordserie voller Angst und voller Wut. Sie ärgern sich über Ermittlungspannen der Behörden und auch über unwürdige Formulierungen. Es sei schwierig, unter solchen Umständen in Deutschland eine Heimat zu finden - immer noch.
Zahide Sarikas hat wieder Panikattacken. Die Nachrichten über die Hintergründe der so genannten "Dönermorde" haben wieder alles hochkommen lassen. Neun Monate ist es her, dass sie von einem Unbekannten überfallen wurde. Sarikas ist Sozialdemokratin und in Konstanz bekannt. Sie engagiert sich in der Integrationspolitik und kandidierte für den baden-württembergischen Landtag. Mitte März griff ein Unbekannter sie in ihrem Wahlkampfbüro an. Der Täter zwang sie unter anderem, sich selbst Hakenkreuze auf den nackten Oberkörper zu ritzen.
Die 46-Jährige war auf dem Weg der Heilung und dabei, ihre Angst zu überwinden. Nun ist sie wieder da, die Angst vor Rechtsradikalen. Die Nachrichten der vergangenen Tage lässt Zahide Sarikas "nur in wohldosierten Portionen" an sich heran. Bilder und Fernsehbeiträge rund um die so genannten Dönermorde schaut sie sich gar nicht an. "Wem kann man in diesem Land vertrauen?" Die Frage ist nicht nur eine rhetorische. Viele andere Einwanderer aus der Türkei stellen sie sich auch.
"Ich möchte mich hier zuhause fühlen", sagt Zahide Sarikas. Seit mehr als 30 Jahren lebt sie in Deutschland, immer wieder kommen ihr Zweifel auf, ob sie in diesem Land wirklich erwünscht und willkommen ist. Dass die Behörden bei den Morden an zehn Menschen, von denen acht aus der Türkei stammten und einer aus Griechenland, zunächst keine Anhaltspunkte für rechtsradikale Motive fanden, das kann Zahide Sarikas überhaupt nicht verstehen. In Zusammenhang mit dem Überall auf sie selbst hatten Ermittler zwar erklärt, dass von einem politisch motivierten Übergriff auszugehen sei. Dem Täter auf die Spur kamen sie aber nicht. Den Gedanken, dass auch in ihrem Fall nachlässig ermittelt wurde, deutet sie nur an.
Rechtsradikaler Hintergrund? - "Wir haben es von Anfang an vermutet"
Angst, Misstrauen, Wut: Mit diesen Gefühlen ist Zahide Sarikas nicht allein. Angst. Misstrauen. Wut. Diese Worte fallen immer wieder, wenn türkeistämmige Bürger zu den als "Dönermorde" titulierten Vorgängen befragt werden. Das Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat ist bei vielen Türkeistämmigen ohnehin schon angeknackst, jetzt hat es einen noch tieferen Riss bekommen. Anders als in der deutschen Öffentlichkeit ist unter ihnen aber niemand überrascht über die nun bekannt gewordenen rechtsradikalen Hindergründe. "Wir haben es von Anfang an vermutet", sagt beispielsweise der Journalist Kani Top aus Dreieich bei Frankfurt.
Karikatur des türkeistämmigen Kabarettisten Mussin Omurca zum Thema "Dönermorde".
Doch ernst genommen worden seien diese Mutmaßungen von den ermittelnden Behörden nicht. "Wenn wir den Verdacht äußern, dass fremdenfeindliche Gesinnung die Ursache ist, dann werden wir als überempfindlich abgestempelt", sagt der Mittvierziger. Einem aus der Türkei stammenden Menschen werde es nicht leicht gemacht, sich in Deutschland zuhause zu fühlen. "ich spreche aus Erfahrung", betont Kani Top. Die Blindheit der Behörden "auf dem rechten Auge" haben auch sein Misstrauen einmal mehr bestätigt, ja sogar gesteigert.
Der Ärger ist groß unter den türkeistämmigen Einwanderern. Und auch Wut ist immer wieder herauszuhören. Geradezu empörend findet es beispielsweise Adnan Dayankaç aus Rüsselsheim, dass "wir Migranten und Muslime unsere Rechtstreue beteuern und mit Unterschriften versichern sollen, es aber gerade die, die für den Rechtstaat stehen, sich daran nicht halten". Wie der Vorsitzende des Ausländerbeirats Rüsselsheim erwarten die Türkeistämmigen eine öffentliche Entschuldigung der Verantwortlichen.
"Mentale Verlegung an die Meerenge von Istanbul"
Anlass für Kritik ist aber nicht nur die Nachlässigkeit der ermittelnden Behörden, sondern auch ihre Wortwahl. Diese sei nicht nur Beweis der fehlenden Sensibilität, sondern Ausdruck der Vorurteile bei Behördenmitarbeitern gegenüber Migranten. Dass die Sonderkommission ausgerechnet "Soko Bosporus" genannt worden sei und die Ermordung von zehn Menschen unter "Dönermorde" subsumiert wurde, ärgert beispielsweise Hüseyin Ayvaz vom Deutsch-Türkischen Jugendwerk (DTJW).
Das DTJW ist eine Organisation, die seit vielen Jahren rechtsradikale Tendenzen anprangert. "Zehn Menschen fielen Neonazi-Serientätern zum Opfer. Jeder dieser Menschen war ein Individuum mit seiner eigenen ganz persönlichen Lebensgeschichte. Diese aufgrund ihrer oder der Herkunft ihrer Eltern auf ein Imbissgericht zu reduzieren, kommt einer Entwertung, ja sogar Entmenschlichung der Getöteten gleich", erklärt Ayvaz. Er könne "die mentale Verlegung an die Meerenge von Istanbul" nicht nachvollziehen, denn alle Tatorte lägen in der Bundesrepublik. "Wäre eine 'SoKo Franken' nicht realitätsorientierter gewesen?"
Die Mordserie habe doch nichts mit einem Drehspieß zu tun. "Der Anstand gebietet es, Begriffe, die die Brutalität der Taten abschwächen, nicht nur zu unterlassen, sondern auch andere aufzufordern, mit Opfern, gleich welcher Herkunft, respektvoll umzugehen", erklärt der Politologe. Seine Gefühle beschreibt Hüseyin Ayvaz so: "Mich begleiten Wut und Ärger. Von Resignation und Angst kann aber keine Rede sein. Dass nun endlich einige Behörden Ihre Blindheit auf rechtem Auge ein wenig behandeln lassen, stimmt mich eher zuversichtlich."
Das deutsche Gewissen heulend auf dem Beichtstuhl
So zuversichtlich wie Hüseyin Ayvaz sind nicht viele aus der türkeistämmigen Bevölkerung. Es bedürfe eines Umdenkens durch eine neue Debattenkultur, erklärte beispielsweise Zafer Senocak. Verhandelt werden müsse über Frage nach Heimat, nach deutscher Identität und über das Türkenbild. Von einem Verbot der NPD, das dieser Tage immer wieder gefordert wird, hält der aus der Türkei stammende Publizist nichts. Es gehe darum, rechtsradikalen Ansichten den Boden zu entziehen, erklärter er im Deutschlandradio, Verbote seien nicht das richtige Mittel.
Türkeistämmige Intellektuelle reagieren auf unterschiedliche Weise auf die Nachrichten über die Morde in den Imbissbuden. Der Kabarettist Mussin Omurca fragt sich, wie das Thema in den nächsten Tagen in Talksendungen des Deutschen Fernsehens aufgegriffen und wer als Gäste eingeladen werden. Thilo Sarrazin als der "gefragteste Vordenker" werde wohl vorerst nicht so schnell von Sendung zu Sendung, von Anne Will bis Beckmann, von Benjamin von Stuckrad-Barre bis Lanz gereicht. "Das deutsche Gewissen muss sich erstmal in diesen schweren düsteren Wintermonaten auf einen Beichtstuhl hocken und sich ausheulen. Mit dem Frühling erwacht die Gesellschaft", merkt Mussin Omurca ironisch an. Mit Ironie, muss man wissen, versuchen nämlich nicht wenige Deutsch-Türken, die tagtäglich bekannt werdenden Nachrichten über Verstrickungen des Verfassungsschutz und Pannen in den Ermittlungen zu verdauen.
Canan Topçu ist Journalistin und widmet sich seit vielen Jahren den Themen Migration, Integration und Islam. Sie lebt in Hanau und arbeitet für unterschiedliche Medien.
Kommentare
Einige völlig belanglosen
Einige völlig belanglosen Nebensächlichkeiten die sonst noch so in den letzten 10 Jahren geschahen.
Im Oktober 2008 waren in der Datei "Vermisste / Unbekannte Tote" über 8.300 Fälle gespeichert. Darunter waren ca. 5.400 in Deutschland als "Vermisst" gemeldete Personen. In dieser Zahl sind sowohl Fälle enthalten, die sich innerhalb weniger Tage aufklären, als auch Vermisste, die bis zu 30 Jahren verschwunden sind.
Täglich werden jeweils etwa 250 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gelöscht.
Beispielhaft galten im Jahr 2001 in Deutschland insgesamt 14.658 Kinder (bis 14 Jahre) als vermisst, davon konnten bis Mitte Juni 2003 14.519 Fälle aufgeklärt werden. Dies entspricht einer Quote von ca. 99 %. Die 139 noch nicht geklärten Fällen beinhalten 58 Fälle von Entziehung und 38 unbegleitete Flüchtlingskinder.
Im Jahr 2002 wurden 14.220 Kinder als vermisst registriert. Bis Mitte Juni 2003 wurden 14.081 Fälle aufgeklärt.
2006 gab es 2468 mal Mord und Totschlag und 8118 Vergewaltigungen/sexuelle Nötigungen.
Wenn aber bei einer Mordserie an 8 Personen innerhalb eines Jahrzehntes die Polizei mal nicht ganz so glücklich aussieht wie Sherlock Holmes beim Hund von Beskerville fängt sofort das geheule an. Weil es eben keine Deutschen waren die dort umgebracht wurden? Quark.
Natürlich finde ich Leute die so etwas machen ziemlich krank und daneben und für bei Rechtsextremisten hilft auch keine Rücksicht, die sollten alle weggesperrt und nie wieder heraus gelassen werden. Dennoch muss man die Sau die man nun durch Dorf treibt nicht überstrapazieren. Das wirkt doch gar nicht mehr glaubwürdig.
Ich persönlich bin schon lange für Rasterfahndungen bei Mord und Totschlag. Ob die Täter nun Deutsche oder Ausländer, Rechts- oder Linksextrem oder jung oder alt sind. So bald es eine Täterbeschreibung gibt geht es los mit Wohnungsdurchsunchungen, Speichelproben, Fingerabdrücken das volle Programm egal welcher Herkunft, Geschlecht oder sonst was.
Wer nichts zu verbergen hat dem macht das auch nichts. Allerdings würden die selben Leute die jetzt über unseren Staat jammern dann auch motzen.
Manchen kann man es nun mal nicht Recht machen.
Last but not least - wem Deutschland nicht gefällt....unsere Türen stehen für alle Auswanderer offen. Natürlich dfürften selbige auch genauso gerne wieder zurück kommen(also wenn es nmach mir gingen ich kenn die Gesetze nicht) wenn ihnen ein anderes Land dann doch nicht zusagt.
Nur werden sich nicht 75 Millionen Deutsche ändern weil eine halbe Millionen Migranten sich hier nicht willkommen fühlen.
Denn wenn die Türken froh sind beschweren sich die Griechen. Und sind die glücklich kommen die Spanier. Dann die Polen und nacher noch die Kroaten. ;)
“Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.” - Dietrich Bonhoeffer
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