Hartz IV: Pillen und Kondome aus dem Stadtsäckel

Kondome

Die Stadt Flensburg hat allein im ersten Halbjahr 2010 rund 150 Anträge zur Kostenübernahme verordneter Verhütungsmittel bewilligt, sagt Simone Hartig, die Leiterin von pro familia Flensburg. Foto: epd-bild / Simon Belcher.

Verhütung - Kein selbstverständliches Engagement: Die Stadt Flensburg erstattet in einem gemeinsamen Projekt mit pro familia die Kosten für Verhütungsmittel für Hartz-IV-Empfänger.

Von Dirk Baas

Anna Mosch (Name geändert) aus Flensburg muss sich die nächsten Jahre keine großen Gedanken über die Verhütung machen. In ihrem Körper verhindert eine Hormonspirale zuverlässig, dass sie schwanger wird. Was für viele Frauen in Deutschland nicht der Rede wert ist, ist im Fall der 38-Jährigen eine eher seltene Ausnahme: Sie lebt von Arbeitslosengeld II und hat die Kosten der Spirale von der Kommune erstattet bekommen. Ein erfolgreiches Projekt von pro familia und der Stadt Flensburg macht das möglich.

 

"Ohne diese Hilfe hätte ich mir die Hormonspirale nie leisten können", sagt Anna Mosch erleichtert. Immerhin hat das Implantat 305 Euro gekostet. Mosch gehörte zu den ersten Frauen im Alter ab 20 Jahren, die das am 1. April 2009 gestartete Projekt zur Kostenübernahme verordneter Verhütungsmittel nutzte. Allein im ersten Halbjahr 2010 seien rund 150 Anträge bewilligt worden, sagt Simone Hartig, die Leiterin von  pro familia Flensburg. Der Bedarf sei groß, berichtet sie und lobt die örtlichen Parteien sowie die Stadtverwaltung "für die breite Unterstützung".

Selbstverständlich ist ein solches Engagement nicht, denn viele Kommunen bewegen sich am Rande der Pleite. 30.000 Euro investiert Flensburg in diesem Jahr in das freiwillige Projekt, das bis 2011 befristet ist. Hartig freut sich: "Auch die Landkreise Stormarn und Geesthacht sind unserem Beispiel gefolgt." Ähnliche Initiativen gibt es in Offenbach, Bonn, im Rhein-Sieg-Kreis, Paderborn, Bielefeld und Münster.

Pro familia: Individuelle Familienplanung unmöglich

Pro familia beklagt diesen "Flickenteppich an Regelungen" und hat in einer Umfrage in seinen rund 180 Beratungsstellen erfragt, wie es mit der freiwilligen Erstattung der Verhütungskosten aussieht. Ergebnis: Nur ein Drittel der Beratungsstellen berichteten, dass Städte und Gemeinden Zuschüsse zahlen oder die Kosten ganz übernehmen.

Im umstrittenen neuen Regelsatz von 364 sind monatlich 15,55 Euro für "Gesundheitspflege" vorgesehen. Zusätzliches Geld gibt es nicht. Eine individuelle Familienplanung sei somit unmöglich. Der Verband rechnet vor: Eine Monatspackung der Pille kostet bis zu 18 Euro, die Hormonspirale 350 Euro, eine Sterilisation bei Frauen 500 und bei Männern 450 Euro. Selbst für eine Zehner-Packung Kondome würden sechs bis elf Euro fällig.

"Wir hoffen, dass sich auf Bundesebene noch was tut", sagt Simone Hartig mit Blick auf die laufenden Beratungen über die Hartz-IV-Reform im Bundestag: "Das Recht auf selbstbestimmte Familienplanung muss allen Menschen offenstehen."

Ministerin: Gesundheitsvorsorge-Pauschale ausreichend

Das fordert auch Annegret Laakmann, Bundesvorstand des Vereins "Frauenwürde", der sechs Beratungsstellen unterhält. Um mittellosen Frauen die Verhütung zu ermöglichen, unterhält der Verein einen Härtefonds, aus dem auf Antrag Zuschüsse für Spirale, Pille oder Sterilisation finanziert werden.

Laakmann fordert, "die alte Regelung aus der Sozialhilfe wieder einzuführen". Danach gab es bis Ende 2003 über das Bundessozialhilfegesetz kostenlosen Zugang zu Verhütungsmitteln. Andernfalls unterstütze die Bundesregierung, "dass Schwangerschaftsabbrüche zum Verhütungsmittel gemacht werden".

Der Paritätische Wohlfahrtsverband plädiert ebenfalls "für eine Übernahme der Kosten als atypische Leistung". Denn, so Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider in einem Brief an Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU): "Aus unserer Arbeit wissen wir, dass es den betroffenen Frauen und Paaren aufgrund des zu eng bemessenen Regelsatzes regelmäßig nicht möglich ist, die notwendige Versorgung mit Verhütungsmitteln zu finanzieren."

Von der Leyen wollte dem nicht folgen. In ihrer Antwort, die dem epd vorliegt, schreibt sie: "Ihre allgemeine Bewertung, dass Bezieherinnen von Arbeitslosengeld II häufiger zu ungewollten Schwangerschaften tendieren würden, weil sie sich die Finanzierung von Verhütungsmitteln aus der Regelleistung nicht leisten können, kann ich nicht teilen." Die Ministerin hält die Gesundheitsvorsorge-Pauschale für hoch genug. Zudem sei es Betroffenen zuzumuten, "einen höheren Bedarf in einem Lebensbereich durch geringere Ausgaben in einem anderen auszugleichen."

epd

Kommentare

Verfasst von Gast am 14. November 2010 - 3:17.

Der Staat soll geben, was seinen Aufgaben entspricht

Soll der Staat finanzieren, was er für richtig hält und was die Steuerzahler...

Soll der Staat finanzieren, was er für richtig hält und was die Steuerzahler tolerieren. Weder Kondome noch die Pille sind ein Geschenk Gottes, sondern Erfindungen des Menschen. Wir sollen Gott nicht in die Schuhe schieben, was wir Menschen erfunden resp. verzapft haben. Christlich sind Pille und Kondome jedenfalls nicht, allenfalls ein Nebenprodukt der modernen und weitverbreiteten Verehrung des Mamon. Wer die Verantwortung für die Zeugung von Kindern nicht übernehmen kann, muß gegebenenfalls enthaltsam leben. Im übrigen sind die Männer nach christlichem Verständnis gerufen, ihre Frauen bis zur Hingabe ihres Lebens zu lieben, so nämlich wie Christus die Gemeinde geliebt hat, bis zur Hingabe seines Lebens am Kreuz.

Verfasst von Eine Nachdenkliche am 2. November 2011 - 18:06.

Kostenlose Verhütungsmittel für Arme

Sicherlich ist eheliche Treue erstrebenswert. Ob ein Mensch auf Dauer in der...

Sicherlich ist eheliche Treue erstrebenswert. Ob ein Mensch auf Dauer in der Lage ist, enthaltsam zu leben, mag ich jedoch bezweifeln.
Ich finde es schon richtig, dass Verhütungsmittel kostenlos in manchen Städten für Arme abgegeben werden. Verhütung ist definitiv für alle Seiten humaner als eine Abtreibung. Nur dass dies nicht aus reiner Selbstlosigkeit der betreffenden Kommunen geschieht ist auch klar... Ich erinnere mich nur dabei mit Grausen an eine Debatte, die ein gewisser Daniel Bahr (FDP) losgetreten hatte mit den Worten: "In Deutschland kriegen die Falschen die Kinder". Sinngemäß sagte er, dass er sich mehr Kinder von Akademikerinnen als von Sozialhilfeempfängerinnen wünsche. Das Ergebnis ist ein sozial unausgewogenes Elterngeld, das Wohlhabenden ungleich bevorzugt. Tja, wenn man die biblische Geschichte auf die heutige Zeit bezieht, ist natürlich fraglich, ob Jesus als Sohn einer Teenagermutter und eines erwerbslosen Zimmermanns jemals geboren worden wäre?!

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